Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92261
Momentan online:
417 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
2.15 Wetterleuchten
Eingestellt am 22. 10. 2004 12:33


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Alpha
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2004

Werke: 168
Kommentare: 73
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Alpha eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

2.15 Wetterleuchten

Eigentlich h├Ątte ich ja vorher wissen m├╝ssen, worauf ich mich einlasse. Eigentlich wusste ich ja ganz genau, auf was ich mich da einlie├č - ich wollte es so. Vorher denkt man sicher doch immer: Ach was, ich riskier’s. Was hat man schon zu verlieren, erneut verletzt zu werden? Vielleicht ist das besser, als vergessen zu sein. Sicher ist das besser.
Also bin ich einfach gegangen. Zu ihm. Und drau├čen war es so dunkel; kein Mond, keine Sterne, selbst die Stra├čenlaternen waren verstummt. Ich konnte nicht einmal mehr meinen Weg sehen; aber zu ihm, zu ihm fand ich. Wir haben uns lange einfach nur angeschwiegen. Im Grunde h├Ątte mir das gereicht. Ja, da habe ich sogar noch daran gedacht. Gehe, bevor es zu sp├Ąt ist! Dachte ich. Seine Anwesenheit gefiel mir. Diese Vertrautheit der Umgebung; diese Zuversicht, sich mit ihm einen Raum teilen zu d├╝rfen. Nun geh’ doch endlich! Morgen, wenn die Welt wieder den Sinn verloren hat, ist es zu sp├Ąt! Dachte ich. Ich warf einen kurzen Blick zu ihm hin├╝ber. So fl├╝chtig, dass ich ihn nur schemenhaft erkennen konnte. (Mehr habe ich mir nicht getraut) Und doch reichte es, ihn in seiner vollen Gr├Â├če zu erahnen, diese besorgte Erhabenheit, diese feierlich-traurige Tiefe, mit der er mir gegen├╝ber ruhte... wie h├Ątte ich da, trotz allem, einfach gehen k├Ânnen? Ja, irgendwann haben wir auch geredet. Es brachte uns nicht viel, zumindest mir nicht. W├Ąhrend ich mich bis auf die Fingerknochen an seiner Mauer wund kratzte, setzte er Backstein f├╝r Backstein obendrauf, einen jeden fein s├Ąuberlich argumentiert und fest gespachtelt.
Gehe! Blutige Finger reichen! Ich f├╝hlte mich wohl bei ihm. Selbst wenn ich dabei mein Finger fleischkahl schabte. Diese Nacht wird dich zeichnen! Aber ich liebe ihn! Wir redeten noch eine Weile, er mehr, ich weniger. Dann kehrte eine Pause ein, v├Âllig normal bei so schweren Backsteinen. Mir kamen schon die Tr├Ąnen, wegen der Finger nat├╝rlich. Ich hatte alles im Griff. Wir schwiegen uns wieder an. Dabei h├Ątte es von vornherein bleiben sollen, ich habs ja gleich gewusst. Tja, jetzt war’s zu sp├Ąt. Ich habe es so gewollt. Ich glaube (man h├Ątte meine Freude, bei ihm sein zu d├╝rfen, fast gl├╝cklich nennen k├Ânnen), in einigen Momenten schien sich die Stimmung aufzuhellen, und das lag nicht an dem gro├čen, f├╝nf-armigen Kerzenst├Ąnder. Und trotz seiner Augen, die mich nur voller Misstrauen und schuldig sprechender Distanz anschauten, sah ich ab und an ein L├Ącheln ├╝ber seine Lippen fliehen. Ich wusste, es war ohne Belange, doch zwang ich mich, dem L├Ącheln mehr zu glauben als den Augen.
Ich wei├č nicht mal mehr, wie das passierte, dass ich dann neben ihm lag. Er wollte es auch, das wei├č ich. Aber zu sp├Ąt wurde mir klar, dass es nur eine naive Hoffnung meinerseits war, er h├Ątte die gleichen Ziele vor Augen. Als ich meine geschundenen H├Ąnde ├╝ber seinen Bauch streichen lie├č, wusste ich, was mein Leben sinnvoll machte. Ich f├╝hlte nichts als diesen Augenblick, der sich mir so einbrannte, dass ich noch heute nicht wei├č, ob es schmerzliche Sinnlichkeit oder sinn├╝berf├╝llter Schmerz war. Und ich malte Bilder auf seiner Haut, dass mir die Tr├Ąnen kamen... Warum bin ich nur hier geblieben?! Aber ich liebe ihn doch. Ich h├Ątte gehen sollen. Doch da war es schon zu sp├Ąt. [...]
All die Schmelzpunkte dieser Begegnung - Nacht f├╝r Nacht sp├╝re ich sie voller Verlangen brennen, voller Sehnsucht mir Funken schlagen. Wie gern h├Ątte ich ihm gesagt, dass ich ihn liebe, doch da war keine Zeit mehr zwischen den Atemz├╝gen.

Am Ende schwiegen wir wieder. Ich wacher als er. Ich bereute es. Eigentlich nicht. Aber er sagte doch nichts (Du h├Ąttest doch gehen sollen!). Ich betrachtete ihn, ich h├Ątte ihn auch gerne noch die ganze Nacht einfach angeschaut... und den Schimmer Hoffnung genossen, den ich bis dahin noch hatte. Aber er wusste das. Er wusste das von Anfang an. Auch da noch, als er sanft meine Hand streichelte. Und ich sp├╝rte, dass sein Schweigen sich die letzten Waffen scharf machte, ich sp├╝rte die Klingen an meiner hei├čen Kehle, das Abschussrohr auf meiner Brust; und meine Hand lag noch immer in seiner. (Kein Augenblick, in dem ich geborgener war)
’Es bleibt trotzdem alles wie vorher’, habe ich die Klinge schneiden, die Kugel eindringen h├Âren... Millimeter um Millimeter dem Zentrum entgegen. Dann ging das Licht aus.
Ich h├Ątte fr├╝her schon gehen sollen. Ich h├Ątte gar nicht erst hin gehen sollen. Die Kugel zerfra├č mich wie einen fauligen Apfel, den ich langsam wieder einkleidete, langsam zum Zimmer hinaus bewegte. Er sagte wohl noch so etwas wie Schlaf gut, aber das konnte wohl kaum mir gelten. Ich ging. Und am Horizont, ├╝ber mir, tanzten Wetterleuchten.

__________________
"Widme dich dem Klang meiner Kehle, wenn sie bricht; Es soll das letzte sein, was ich zu sagen habe" aus Wolf

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!