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Leselupe.de > Kurzgeschichten
20 Stunden
Eingestellt am 02. 04. 2011 00:56


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Artsneurosia
Hobbydichter
Registriert: Mar 2011

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20 Stunden

Es lebt. Sie spürt seine Kraft. Ein Strom warmer Energie wandert durch sie hindurch und berührt sie von innen mit warmen, streichelnden, kleinen Patschefingern. Nächtliche Umwanderungen kindlicher Traumpfade durch ansehnliche Höhen und weiße Dünenlandschaften. Das Meer direkt vor ihr; der Wind und das Salz und das Kind unter ihrem Herzen. Und es lebt.
Es ist gesund. Eigentlich ein Glück. Ein Wunder der Natur, ein unbegreifliches, unbestellbares Ereignis, ein Wendepunkt, ein Meilenstein auf dem Weg zum erwachsenen Menschen. Und es lebt.

XXX

Die ALDI-Tüte voller Bierflaschen aus Kunststoff. Es ist ein Wunder der Natur, dass man bei ALDI für weniger als vier Euro einen Vollrausch kaufen kann. Heute Abend gibt`s doppelte Wärme von innen. Bei dem Gedanken, einen besoffenen Fötus in ihrem Bauch zu tragen, muss sie unweigerlich lachen. Sie schnippt die Marlboro auf den Gehweg, umrundet gerade noch fluchend einen Hundehaufen. „Scheiße!“

Der Aufzug ist wieder kaputt und die Tasche wird immer schwerer. Siebter Stock. Schnaufen, Keuchen, Wohnungstür auf, Tasche rein, Bierflaschen in den Kühlschrank, die erste an den Hals, Wohnungstür zu, rauf auf`s Sofa, Barbara und Zigarette an.
Druck auf den Knopf am Anrufbeantworter. Unwirkliche, männliche Stimme - wahrscheinlich Ende vierzig. Höchstwahrscheinlich auch Raucher.

„Frau Kardaloyski, ich rufe Sie nur an, um den Termin für morgen zu bestätigen. Elf Uhr. Und bitte kommen Sie nüchtern.“
Als wenn`s einen Unterschied macht, denkt sie und setzt neu an.

Nach der Saleschstunde macht sie sich ein Leberwurst-Brot und trinkt die dritte Rauschflasche. Noch nicht mal zwei Euro weg, und sie merkt schon was ... ein Wunder!

Und es lebt.
Richter Hold ist Scheiße heute, und irgendwann müsste die Tapete mal wieder gestrichen werden. Bewegungen kann sie noch nicht spüren. Gut so.
Sie findet nur einen Hausschuh und weiß noch immer nicht, was sie Dirk zum Abendessen kochen soll. Sie geht, rennt zum Klo, übergibt sich und uriniert dann in die braune, stinkende Schüssel. Die Hände wäscht sie am Waschbecken, streicht sich Haare aus der verschwitzten, verpickelten, fettigen Stirn, überlegt kurz, ob sie vielleicht die Zähne putzen sollte, entscheidet sich aber lieber sofort für die Marlboro. Füße hoch, endlich mal ausspannen. Licht im Badezimmer und Abspülen vergessen. Egal.

XXX

Sie nickt ein und Dirk macht sie wieder wach. Ihre Augen sind gerötet und verquollen, und sie hustet erst mal ab. Nein, es gab nichts Besonderes und zum Abendbrot auch nicht. Kann sich ja was von der Bude holen. Kein Geld mehr, ist für Lullen draufgegangen.
„Sonne Scheiße!“
Dann eben auch Leberwurst-Brot.
Sie trinken und sie hält sich ihren Bauch. Es ist irgendwie alles anders. Die Wärme durchflutet sie, sie kann es in ihrem Körper spüren, kann sich seine Bewegungen vorstellen, seine dünnen Ärmchen, seine knubbeligen Fingerchen, sein Köpfchen. Bloß keinen Namen geben, bloß kein Gesicht sehen.

Doch es lebt.

Sie steht auf, macht die verblichenen, verdreckten Vorhänge zu.
„0190, dreimal die 78, ohne Tabus, wilde Weiber, Ferkel über vierzig zeigen es dir. Ruf an und höre uns stöhnen!“
Dirk schaut wieder so komisch. Er steht auf, riecht nach Bier, greift ihr in den Schritt, schiebt seine Hände unter die alte Strickjacke, dreht sie herum, zieht ihr Jeans und Slip herunter und nimmt sie kurz von hinten, mit einem Auge auf die Weiber im Fernsehen, die permanent versprechen, es ihm tabulos zu besorgen. Sie mit den Händen auf dem Heizkörper, den Vorhang, den geschlossenen, direkt vor ihren Augen, manchmal mit dem Kopf gegen die Scheibe stoßend. Sein Keuchen ist meterweit entfernt und doch riechbar. Hätte sie den Vorhang offen gelassen, hätte sie sehen können, was auf der Straße los ist.
Als er raus ist und auf dem Klo verschwindet, zieht sie Jeans und Höschen wieder hoch, setzt sich auf die Couch, trinkt und raucht, schaut zur Decke und weint. Gut so, denkt sie und zieht den Rotz hoch, während er gerade aus ihr heraussabbert.

Und es lebt. Es hat alles mitbekommen.

XXX

In der Nacht träumt sie im Schlafzimmer mit den dunklen Wasserflecken unter der Decke, und Dirk schnarcht betrunken. Eine Weltreise würde sie gerne machen, mit dem Traumschiff aus dem Fernsehen und Sascha Hehn als Chefsteward. Und Dirk dann mit weißer Hose und offenem Hemd. Und ganz braun gebrannt. Und viel lachen würden sie und am Strand liegen und nichts tun. Sie wacht auf, zündet sich im dunklen Raum eine Marlboro an, findet den Ascher nicht, wirft die Kippe dann in den engen Schlund einer Bierflasche, die noch neben dem Bett liegt, und rollt sich wieder in die feuchte, klamme Decke. Dirk wird nicht wach. Gut so, besser is.

XXX

Am verregneten Morgen ist alles wie sonst auch. Knäckebrot mit Leberwurst, dünner Kaffee, abgezählte Zigaretten, und Dirk schläft.
Am Kiosk kauft sie zwei Schachteln Nikotinstäbchen und eine BILD. Dann klaut bei H&M eine saubere Unterhose, die alte lässt sie krank kichernd einfach auf Augenhöhe in der Umkleide am Haken hängen, geht noch ein bisschen an den Schaufenstern vorbei und nimmt dann ihren Termin wahr.

XXX

Irgendwie komisch, denkt sie, während sie bei ALDI an der Kasse steht und mit zitternden Händen Bierflaschen in eine Plastiktüte packt. Heute gibt es nur die einfache Wärme von innen.
Und diesmal lacht sie nicht.
Doch sie lebt.

Ende

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