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Leselupe.de > Kurzgeschichten
27 Minuten
Eingestellt am 19. 02. 2004 16:24


Autor
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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2003

Werke: 10
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Ihr Haus steht noch an seinem Platz, als sie ankommt. Jedes Mal hat sie Angst, es k├Ânne w├Ąhrend Ihrer Abwesenheit verschwunden sein. Passanten w├╝rden behaupten, hier habe nie ein Haus gestanden. Sie w├╝rde ihre Schl├╝ssel hochhalten und schreien: „Da, der Beweis! Meine Schl├╝ssel!“ „Was beweisen schon Schl├╝ssel“, w├╝rde die Antwort lauten.

Doch auch heute, wie schon so oft, steht das Haus an seinem Platz. Nur w├Ąre es ihr heute fast lieber gewesen, ihr Haus w├Ąre tats├Ąchlich verschwunden.
Mit zittrigen Knien steigt sie die Treppe hinauf. Das Telefon h├Ârt auf zu klingeln, als es ihr endlich gelingt, die T├╝re zu ├Âffnen. Auf dem Tisch liegt ein Messer. Ein Messer mit einem rauen, rissigen Griff. Sie sieht es zum ersten Mal.

„Paul?“ Ihrer Stimme fehlt die gewohnte Festigkeit. Sie streicht mit den Fingern ├╝ber den Messergriff. Und ist mit drei Schritten bei der alten Kommode. Das Seil liegt an seinem Platz. Was f├╝r ein grotesker Gedanke! Dieses Seil ist viel zu schwach und zu kurz.
Aus dem Badezimmer h├Ârt sie ein Ger├Ąusch. Ger├Ąusche bedeuten: Leben. Das Messer, das Seil: Es gibt so viele M├Âglichkeiten. Sie zu entfernen w├╝rde nichts l├Âsen. „Antworte mir, Paul!“

In der alten Kommode liegen auch wei├če Handschuhe, ihre Brauthandschuhe. Sie hatte sie ganz vergessen. Bestimmt haben sie schon immer dort gelegen, all die Jahre.
Sie streift sie ├╝ber und sieht sich erneut in diesem Kleid einer K├Ânigin, dessen Saum bei jedem Schritt tanzte. Erneut liegt die Zukunft vor ihnen.

Sie st├Â├čt die T├╝r zum Badezimmer auf. Paul steht da, er lebt und dreht ihr den R├╝cken zu. Der Badezimmerspiegel wirft ihr sein merkw├╝rdiges L├Ącheln entgegen. Sie will ihm sagen: „Du irrst dich, Paul“, doch da sieht sie die Dose. Es ist nur eine einfache Teedose, genau so alt wie die Brauthandschuhe und genau so beladen mit Erinnerungen. Es sind nicht dieselben Erinnerungen. Paul h├Ątte sie niemals finden d├╝rfen.
„Gib mir diese Dose zur├╝ck“, sagt sie, endlich mit fester Stimme. “Du hast also in meinen Sachen gekramt? Wolltest du die Wahrheit wissen? Die wirst du jetzt erfahren!“
Mit einem Mal ├╝berkommt sie die Wut. Nicht mehr Angst, sondern Wut.

„So k├Ânnen wir nicht weitermachen“, antwortet er einfach.
„Zieh diese alberne Brille ab“, sagt er mit unerwarteter Z├Ąrtlichkeit in der Stimme.
„Nein, mir brennt das Licht in den Augen.“
Doch er nimmt sie ihr ab, ohne auf ihren Protest zu achten.
„Er schl├Ągt dich also?“
„Niemand schl├Ągt mich. Du bist verr├╝ckt, Paul.“

Sie setzt die schwarze Brille wieder auf, als ob diese das Bild abwehren k├Ânne, das sie in all den Jahren nicht vertreiben konnte: Das Kind, das ausgestreckt auf der Strasse liegt, mit abgewinkelten Gliedern, wie eine Stoffpuppe. Genauso leblos. Kein Puppenspieler w├╝rde es je wieder zum Leben erwecken k├Ânnen.
Und alles andere? Was z├Ąhlt schon alles andere?

Das Telefon klingelt wieder. Paul hebt ab. „Davon rate ich Ihnen ab“, sagt er nur, in trockenem Tonfall. „Jedem seine Trauerarbeit“, sagt er zu ihr, als er aufgelegt hat.

„Gib mir diese Dose“, wiederholt sie.
„Es ist auch mein Sohn, nicht nur deiner.“
Sie rei├čt ihm die Dose weg.
Und sagt dann, ruhiger geworden: „Komm, wir sehen uns zusammen diese Fotos an, wir versuchen zusammen, etwas zu verstehen.“

Blumen, so viele Blumen.
Merkw├╝rdig, dass es immer Blumen sind. Zur Geburt, den wenigen Geburtstagen. Und schlie├člich zur Beerdigung.


P.S. Der Titel bezieht sich diesmal nicht auf den Inhalt sondern auf die Machart: der Text ist bei einer Schreib├╝bung entstanden, bei der ich alle drei Minuten einen neuen, mir vorher unbekannten Gegenstand vor die Nase gesetzt bekam. Diese insgesamt neun Gegenst├Ąnde sollte ich dann nach und nach in die Geschichte integrieren. Sie ist also in 27 Minuten und ohne vorige Planung entstanden. Eine interessante und am├╝sante ├ťbung, die ich jedem nur empfehlen kann!





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Nina Trebesi

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katia
???
Registriert: Jan 2004

Werke: 4
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spannend

einerseits finde ich das p.s. interessant. andererseits h├Ątte mich interessiert, welche kommentare hier gekommen w├Ąren, wenn du es weg gelassen h├Ąttest. diese ├╝bung werde ich auch mal machen. danke f├╝r den impuls!
lg
katias
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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2003

Werke: 10
Kommentare: 12
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P.P.S.

Tja, da muss ich Dir zustimmen! Das h├Ątte mich jetzt auch interessiert: welcher Kommentar von Dir gekommen w├Ąre, wenn ich das P.S. weggelassen h├Ątte!!
Danke jedenfalls f├╝r Deine Reaktion und viel Spass bei der Schreib├╝bung!
Nina
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Nina Trebesi

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