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Leselupe.de > Kurzgeschichten
29 Cent das Leben
Eingestellt am 27. 08. 2005 23:24


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Alpha
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29 Cent das Leben

Sie stie├č sich den klebenden Stoff vom Leib. Der Atem raste und eine Hitze wandte sich auf ihren Innenschenkeln. Ihr Blick zuckte durch das Zimmer, doch beharrlich hingen die Fetzen in ihrem Kopf. Sie musste sich ficken. Anders w├╝rde sie den Alptraum nicht los, das wusste sie und spreizte ihre Beine.
Der helle Puls holte sie in die Wachheit zur├╝ck. Sie wusste nicht, wie sp├Ąt es war. Fr├╝her Abend sagte das blasse Licht, das durch die Vorh├Ąnge sp├Ąhte. Sie drehte sich tr├Ąge zur Wand und zog die Beine an.
Aufstehen. Gehen. Es muss sich doch ein Sinn darin finden. Essen vielleicht. Aber nichts da. Trinken. Auch nichts da. Zigaretten, bestimmt bald leer. Fr├╝her Abend. Und die ganze Nacht noch. Ohne Essen, ja, m├Âglich. Aber ohne ... Oder liegen bleiben. Einfach immer liegen bleiben. Ja, f├╝hlt sich gut an. Aber wie lange noch. Und dann sp├Ąter, trinken m├╝ssen, rauchen m├╝ssen. Und nichts da und Supermarkt geschlossen. Reue, Schuld, ├ärger. Nein, nicht schon wieder bereuen m├╝ssen. Nein. Aber liegen, nur noch ein bisschen. Nur noch ein bisschen.

Gelegen wie lange? Ein paar Minuten wirre Gedanken, oder schon getr├Ąumt? Zu sp├Ąt? Der Supermarkt?
Sie setzte sich auf und suchte das ausdruckslose Gesicht des Weckers. Gut, kurz nach Sechs. Noch so fr├╝h. Aber noch Zeit. Sie stieg aus dem Bett und w├╝hlte mit dem Fu├č in den Haufen aus W├Ąsche, die den Boden bedeckten. Hose, ich brauch doch nur eine Hose. Und irgendwo m├╝sste Geld ...
Der Club war voll, ein Gedr├Ąnge von hei├čen Menschenleibern, die Musik schlecht. Aber sie ging ja nicht zum Tanzen weg. Fast nur H├Ąssliche unterwegs. Tussis. Auf dem Klo jammern sie ├╝ber ihr Make-up, das nicht h├Ąlt und sie nur noch mehr schwitzen l├Ąsst. Tanzende Clowns, die spastisch herumzucken und sich dabei toll finden. Wackelnde H├╝ften, fette Titten, wollen alle nur geknallt werden. Manchmal ein geiler Arsch dabei. Und die schlechte Anmache. Sprach nicht mal richtig deutsch, aber volle Hose. Egal, f├╝nf Bier waren’s wert. Immer nur l├Ącheln und beim Reden mal aus Versehen an ihn heran schubsen lassen. Dabei mit den Lippen das Ohr streifen.
Richtig getippt. In jener Hose fand sie einen zerkn├╝llten Schein. Sie zog sich an, kam am Spiegel vorbei, strich die zerw├╝hlten Haare glatt. Roch mechanisch an den Achseln. Ja, was willst du erwarten, vom pennen und fingern wird’s nicht besser. Duschen w├Ąre ja nett. Aber sp├Ąter vielleicht.
T├╝rknallend und eine Plastikt├╝te in die Tasche gestopft ging sie aus dem Haus und schwang sich aufs Rad. Noch immer hallte ein Wimmern in ihrem Becken nach. Sie fuhr los. H├Ątte die Strecke auch laufen k├Ânnen, aber das w├Ąren acht Minuten zu viel gewesen. Mild begegnete ihr der Abend. Wenn auch hinter den Wolken versteckt sp├╝rte sie die W├Ąrme der Sonne. Es war fast ein bisschen sch├Ân. Die Menschen schienen so besch├Ąftigt. Fuhren von der Arbeit nach Hause, oder ins Fitnessstudio. Mussten f├╝r ihre Familie einkaufen, oder f├╝r eine Feier mit Freunden, oder auch nur f├╝r sich selbst. Frisches Obst, stilles Wasser und fettreduzierte Produkte.
Ziellos streifte sie zwischen den Regalen umher. Welchen Wein wusste sie. Es war immer der gleiche. Ein Liter Lieblicher mit Schraubverschluss, dazu billig. Wenn Menschen nur auch so praktisch w├Ąren. Doch nun machte sich ein Hunger bemerkbar und r├╝ttelte unentwegt am Magen. Eine T├╝te Chips kam ihr in den Sinn. Auch billig. Und man musste nichts kochen, um satt zu werden. Gesund war es auch nicht. Chips. Das war f├╝r Menschen ohne Disziplin, ohne Regeln f├╝r ein gesundes Leben, f├╝r ma├člose Menschen. F├╝r Dicke mit fettigen Gesichtern, gammelige Penner, arbeitslose Alkoholiker ... dicke Arbeitslose, gammelige Penner ... Leute, die nicht geliebt werden.
Chips waren passend zu Wein und Zigaretten.
Diesmal eine andere Kasse. Ist nur eine Flasche, aber trotzdem. Irgendwann wird’s auff├Ąllig. K├Ânnte woanders einkaufen, nein, lohnt nicht. Alles weiter weg. Gibt ja viele Kassen hier, die Verk├Ąuferrinnen sitzen st├Ąndig woanders. Au├čerdem merken die sich doch nicht ihre Kunden. Sind so viele hier jeden Tag. Nein, bestimmt nicht. H├Ątten dann besser zwei Flaschen sein sollen. Schei├č Geld.
Auf dem Weg zur Kasse kam sie an einem Stapel blauer Kisten vorbei. Allzweckmesser, Haargummis, Buntstifte, W├Ąscheklammern ... und alles f├╝r nicht mal 30 Cent. Sie schlenderte ein paar mal mit musternden Blicken um die Artikel herum, obwohl sie es schon wusste. Sie zog die ├ärmel ihrer Jacke tiefer und ging zu Kasse.


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"Widme dich dem Klang meiner Kehle, wenn sie bricht; Es soll das letzte sein, was ich zu sagen habe" aus Wolf

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jimmydean
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hallo alpha

ich mag deine geschichten grunds├Ątzlich, vom Stil und inhaltlichem. Auch diese finde ich wieder sehr gelungen. Du zeichnest die zerst├Ârerischen Momente eines Lebens und die Gedanken, die diese Momente begleiten. Ganz besonders die Gedanken, die solchen Momenten voran oder nachgehen. Ich mag deine Charakt├Ąre. sie sind so zerbrechlich und trotzdem sehr stark, eben weil sie sich mit dem Krebs der Seele auseinandersetzen.Bin ganz angetan. Und du weisst scheinbar wovon du sprichst, klingt alles sehr autentisch. Der Ekel nach ber├╝hrungen, den man wegzuwichsen versucht,und die traurige Geilheit, die zur├╝ckbleibt, wenn nur der K├Ârper befriedigt ist und die Seele weiter hungert. Aber diesen Hunger kann man nicht wegwichsen, blo├č was sonst tun. Und auch die Gedanken immer liegen bleiben zu wollen, der Trotz gegen die Gleichheit der Masse, und seine entgegnung, bewusst ungesunde dinge zu essen, um sich mit gescheiterten auf eine Stufe zu stellen. Der beginnende Alkoholiker, der angst hat an der kasse erkannt zu werden. Der n├Ąchste schritt ist, verschiedene Superm├Ąrkte aufzusuchen.
Nun, gef├Ąllt mir sehr gut, du weisst Bescheid und hast schneid.
gru├č
jimmydean

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Alpha
One-Hit-Wonder-Autor
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Freut mich echt sehr, dass es (dir) gef├Ąllt. Muss aber hinzuf├╝gen, dass es erst eine der ersten wirklichen Kurzgeschichten ist, zu der ich mich durchgerungen habe. Alles andere war meist Kurzprosa, ziemlich lyrisch und/oder nahe an reinen Gedankenfrequenzen, aber f├╝r mich eben keine Kurzgeschichte. Wie gesagt, freut mich ...

gr├╝├čend, A
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