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Leselupe.de > Kurzgeschichten
60 Sekunden oder mehr...
Eingestellt am 29. 07. 2001 17:38


Autor
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Anna-Ljubow
Hobbydichter
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 10
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60 sekunden oder mehr

Sie trat auf den steg, welcher ein kleines st├╝ck in den see f├╝hrte. Es war still, kein mensch zu sehen, es fuhr auch kein auto auf der seenahen strasse. Nat├╝rlich, es war ja gerade f├╝nf uhr fr├╝h. Eine zeit, zu der sie fr├╝her auch nie aufgestanden w├Ąre. Jetzt sch├Ątzte sie die einsamkeit, die stimmung, die sie hier umgab. Barfuss ging sie den feuchten steg bis ans ende hinaus, das holz rutschig unter ihren f├╝ssen obwohl es in der nacht nicht geregnet hatte; es hatte ├╝berhaupt seit wochen schon nicht mehr geregnet. Vorsichtig setzte sie ihre f├╝sse voreinander, h├Ątte sie nicht den boden gesp├╝rt, sie h├Ątte geglaubt zu schweben. Sie f├╝hlte ein leichtes kribbeln im nacken. Ihre bewegungen waren bewusst, fordernd. Sie zog langsam ihre kleider aus, bis sie nackt dort am ende des steges stand. Der see lag dunkel aber v├Âllig klar vor ihr, jeden stein konnte sie klar erkennen, auch die fische, die ruhig umherschwammen. Dicht ├╝ber dem see lag ein leichter dunstschleier, der den moment, wie jeden morgen, verzauberte. Er machte den see unscharf, sie konnte nicht erkennen, ob der see ├╝berhaupt endete. F├╝r sie war der see jeden morgen endlos, unwirklich. G├Ąnsehaut ├╝berzog ihren k├Ârper. sie freute sich auf das warme wasser, stellte sich vor, wie es ihren k├Ârper umfangen w├╝rde. Jetzt, im sp├Ątsommer hatte der see eine wunderbar angenehme temperatur, viel w├Ąrmer als die k├╝hle luft. Sie streckte sich ein wenig und sprang dann kopf├╝ber in das wasser. F├╝r einen kurzen moment w├╝nschte sie sich zu sterben. Auch das war jeden morgen so. beim eintauchen in das wasser, bei der ber├╝hrung des warmen, seidigen wassers einfach nicht mehr auftauchen zu m├╝ssen. So stellte sie sich ihren tod vor. Aber nat├╝rlich dr├Ąngte ihr k├Ârper wieder an die oberfl├Ąche, ein reflex, dem sie sich nicht entziehen konnte. Sie tauchte auf und begann zu schwimmen. Jeden morgen, immer bis zu der orangefarbenen boje. Sie konnte entfernungen nicht sch├Ątzen. Die boje war nicht sonderlich weit vom ufer entfernt und doch musste sie sich ein paar minuten an ihr festhalten und ausruhen, bevor sie zur├╝ckschwamm. Die boje war kalt und glatt und sie hatte sich angew├Âhnt solange an der boje zu bleiben, sie hinunter ins wasser zu dr├╝cken, bis auch sie die w├Ąrme des wassers gespeichert hatte. Dann liess sie sie los und schwamm entspannt zur├╝ck. Kurz bevor sie den steg erreichen w├╝rde holte sie tief luft. Sie wusste, sie w├╝rde mindestens 60 sekunden unter wasser bleiben m├╝ssen. Sonst w├╝rde es nicht klappen. Sie hatte das sekundenz├Ąhlen perfektioniert. Seit drei jahren, jeden morgen - nat├╝rlich nur im sommer. Allerdings fing der sommer immer fr├╝her an und h├Ârte jedes jahr sp├Ąter auf. Mittlerweile ging sie schon in den see sobald er eine temperatur von 13┬░ hatte. Und ebenso lange kostete sie den morgen in den herbst hinein aus. Irgendwann w├Ąre das ganze jahr sommer. Auch das w├╝rde sie schaffen. Manchmal, wenn sie den mut fand, tauchte sie nach 57 oder sogar nach 59 sekunden wieder auf. Aber der zauber funktionierte nur bei genau 60 oder eben mehr sekunden. Nachdem sie das herausgefunden hatte, hatte sie es nur ungef├Ąhr 5 mal an all den morgen zu beeinflussen versucht, indem sie eben ein paar sekunden weniger unter wasser blieb. ├ľfter hatte sie es sich nicht getraut. Zu wertvoll war das, was sie sonst entbehren m├╝sste. Zu einzigartig. Als sie genug atem beisammen hatte tauchte sie unter. Sie schwamm ein paar z├╝ge und liess sich dann langsam, bewegungslos zum steg treiben. Die steine glitten immer langsamer unter ihr, sie konnte die maserungen klar erkennen. Muscheln hingen an ein paar von ihnen, grosse, wundervoll aussehende. Sie hatte nie geglaubt, dass es solche muscheln in einem see geben konnte. 45. noch reichte es nicht. Sie blickte nach vorne, konnte aber die holzst├Ąmme des steges noch nicht erkennen. Zwei beinschl├Ąge w├╝rden gen├╝gen. Ein fisch schwamm an ihrem arm vorbei. Sie konnte ihn sp├╝ren, seine bewegungen an ihrem arm. 56. nein, sie w├╝rde noch 4 sekunden warten k├Ânnen. Die leiter des steges lag vor ihr. Sie w├╝rde bei genau 60 an der leiter auftauchen k├Ânnen. Sie nahm einen kleinen stein in die hand, einen roten mit einer weissen linie gerade mittig durch den stein. Dann tauchte sie auf. Ihre hand ber├╝hrte die leiter und ihre augen blickten hinauf auf den steg. Dort stand er, bereit, sie in seine arme zu schliessen. Langsam ging sie die stufen hinauf, sich selbst zwingend nicht zu rennen, nicht in seine arme zu fliegen. Sie wollte den zauber nicht durch hast oder eine unbedachte bewegung zerst├Âren. Als sie ihn erreichte umfing er sie mit seinen armen, presste seinen k├╝hlen k├Ârper an ihren warmen, nassen. Behutsam k├╝sste er sie, glitt mit seinen h├Ąnden sanft ├╝ber ihren k├Ârper bevor sein griff fordernder, seine bewegungen gezielter wurden. Er bestimmte den rhythmus, bestimmte die stellung, einzig mit klaren, sicheren griffen. Sie liess sich bestimmen, f├╝hlte sich sicher mit dem was er ungesagt forderte. Es war uneingeschr├Ąnktes vertrauen in das, was er tat. Er legte sie vorsichtig auf den steg, strich mit seiner zunge ├╝ber ihre br├╝ste, seine arme st├╝tzten seinen k├Ârper ├╝ber den ihren. Sie sah muskeln hervortreten, beneidete ihn um seinen perfekten k├Ârper. dann griff er mit seinen h├Ąnden ihre oberarme, presste sie fest auf den steg und sah ihr in die augen. Tief und voller verlangen und, wie sie meinte zu erkennen, voller liebe. diese pause, diese kurze, wundervolle ruhe vor dem wilden, heftigen sex, dieser einzigartige, tiefe blick in die seele des anderen war eine form des gl├╝ckes, der erf├╝llung, des wissens um die richtigkeit dieses zaubers. Dann, als ob ihre blicke, oder das was sie jeweils f├╝r sich daraus nahmen, sich einig seien, drang er heftig und tief in sie ein. Sie liebten sich leidenschaftlich, atemlos, wortlos. Einen besseren liebhaber hatte sie nie gehabt, nein, nicht einmal ann├Ąhrend so gut. Es war, als geh├Ârten ihre k├Ârper zueinander, als f├Ąnden sie sich in dieser vereinigung. Es war perfekt. Sie waren f├╝reinander bestimmt, ihre k├Ârper. sie w├╝rde nie wieder einen anderen mann an und in ihren k├Ârper lassen k├Ânnen, der gedanke daran erschreckte sie aber nicht, er machte sie gl├╝cklich. Diese leidenschaft, diesen sex, den sie jeden morgen, solange das wasser warm genug war, solange sie 60 sekunden tauchte, erlebte, war das einzige worauf sie hinlebte. Etwas besseres oder auch nur ann├Ąhrend so gutes w├╝rde sie nie wieder finden. Wollte sie auch nie wieder finden. Als sie ersch├Âpft nebeneinander lagen, befriedigt aber wie immer noch immer voller verlangen, war es an ihr, den zauber zu beenden. Auch das hatte sie ein paar mal aufs spiel gesetzt, auch das w├╝rde sie nicht wieder wagen. Sie durfte nicht mit ihm sprechen, sonst w├Ąre er am n├Ąchsten morgen nicht da; sie durfte nicht neben ihm liegen bleiben, sonst w├Ąre der warme sommerregen am n├Ąchsten morgen vergeblich. Die tropfen w├Ąren nur auf ihrer haut zu sp├╝ren, nicht aber auf ihrer beider k├Ârper, nicht in der vereinigung ihrer k├Ârper. er w├╝rde sich nicht mit dem schweiss vermischen, der von ihrer leidenschaft zeugte. Sie wollte das nicht riskieren. So stand sie vorsichtig auf, k├╝sste ihn sanft auf die lippen und sprang erneut in den see, der jetzt erfrischend ihren k├Ârper empfing. Sie blieb 60 sekunden unter wasser, in der n├Ąhe des steges, legte den roten stein zur├╝ck an die stelle, an der sie ihn vorhin aufgenommen hatte; er hatte ihre leidenschaft miterlebt, er hatte den sex gemeinsam mit ihr, in ihrer hand verschlossen miterleben d├╝rfen, er war ihr zeuge, dass es diesen, ihren zauber wirklich gab. Dann stieg sie erneut die stufen hinauf, zog ihre kleider ├╝ber ihren nassen k├Ârper, fl├╝sterte ein: bis morgen geliebter, und ging mit vorsichtigen schritten den steg zur├╝ck an land, zur├╝ck in die wirklichkeit.

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Marc Mx
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2000

Werke: 3
Kommentare: 66
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Sehr sch├Ân formuliert! Besonders der Anfang gef├Ąllt mir, obwohl ich auch diesmal die Kleinschreibung echt doof finde!!!
Hier ein paar Kommentare zu speziellen Textstellen:
1. "Er machte den see unscharf, sie konnte nicht erkennen, ob der see ├╝berhaupt endete"
--> Du meinst doch wohl: "WO der See endete" oder? Sonst f├Ąnde ich es nicht so gut formuliert!
2. "Ein fisch schwamm an ihrem arm vorbei. Sie konnte ihn sp├╝ren, seine bewegungen an ihrem arm."
--> Das m├╝├čte mMn auch noch mal ├╝berarbeitet werden!
3. "Dort stand er, bereit, sie in seine arme zu schliessen."
--> Sorry, aber das finde ich ganz furchtbar kitschig!
Mein Vorschlag; versuch doch, diese kommende Szene noch ein bi├čchen andeutungseise zu formulieren, so da├č der Leser es sich entsprechend zusammen reimen kann!
--> Die nachfolgende Liebesszene finde ich aber okay!
4. "Einen besseren liebhaber hatte sie nie gehabt, nein, nicht einmal ann├Ąhrend so gut."
--> Diese Aussage finde ich ├╝berfl├╝ssig!
5. "Diese leidenschaft, diesen sex"
--> finde ich ebenfalls unn├Âtig...

Ingesamt ist das ein Text, den ich sofort zu meinen Top10 der Leselupe einsortieren werde!
Gratuliere, und ich denke nicht, da├č ich zu denen geh├Âre, die hier nur herumschw├Ąrmen... und es kommt wirklich nur selten vor, da├č mir ein Text hier auf der LL so gut gef├Ąllt!

Trotzdem: Arbeite ruhig noch ein bi├čchen an den Formulierungen!
Viele Spa├č dabei
MarcPlanet.de

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Anna-Ljubow
Hobbydichter
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
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deine kritik...

...finde ich hilfreich...├╝ber zwei deiner punkte hatte ich schon nachgedacht. habe die geschichte ver├Âffentlicht ohne sie noch einmal durchzulesen, weil ich einfach total begeistert war...*eigenlob*
dein erster punkt allerdings: ich meinte schon: OB der see endet und nicht wo...ich stelle mir in der szene einfach vor dass sie die unendlichkeit, unerreichbarkeit vor augen hat. sie kennt den see und weiss wo er endet...aber in diesem moment verschwimmt eben alles...
danke f├╝r die kritik und vor allem f├╝r das lob!!!!
herzlichst
a.

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Fra-Diavolo
Guest
Registriert: Not Yet

Nat├╝rlich

Sie ist so wundervoll, sie ist wieder einmal klasse. Du wei├čt, wir gern ich Dich lese und sch├Ân wenn ich in den Geschichten vorkomme... *l├Ąchel* Die Erotik ist nicht platt, es ist einf├╝hlsam und prickelnd geschrieben - wunderbar.

Ku├č, Fra-Diavolo

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Anna-Ljubow
Hobbydichter
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 10
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nat├╝rlich...

...kommst du in all meinen geschichten vor - und in meinen gedanken sowieso *l├Ąchel*...wer sollte mich sonst inspirieren???
a.

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Fra-Diavolo
Guest
Registriert: Not Yet

Nat├╝rlich...

... h├Ątten diese Zeilen auch von mir sein k├Ânnen... *l├Ąchel* ... es beruht - nat├╝rlich - auf Gegenseitigkeit. Wer bewegt mich? Eben...

Kuss, Fra-Diavolo

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