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Leselupe.de > Kurzgeschichten
73er
Eingestellt am 09. 03. 2019 20:53


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georg
Hobbydichter
Registriert: Dec 2017

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73er

Liebe Leser, folgend eine weitere Kurzgeschichte von mir.


Das Spirituosenregal erstreckt sich über einige Meter, gleich neben der Zeitschriften- und Schreibwaren Abteilung. Jedes der einzelnen Ablagen sind üppig gefüllt, vom Boden bis Augenhöhe ist alles dabei, alles was das Herz begehrt, wenn es begehrt. Wodka in verschiedensten Sorten, Whiskey, Gin, Rum und viele andere bunte Flaschen drängen Schulter an Schulter zum Rand des Regals hin.
Zitternd fährt eine männliche Hand mit ausgestrecktem Zeige- finger einzelne Flaschenzeilen ab. Vom obersten Regal tastet sie sich durch jedes Etikett, verharrt hin und wieder, tippt auf das Kleingedruckte und setzt ihre Suche fort. Von Flasche zu Flasche.
An den Kassen schubsen sich ungeduldige Rentner mit vollbeladenen Einkaufswägen. Niemand scheint die Gestalt am Spirituosenregal zu bemerken. Ein in schwarz gekleideter Mann das Sortiment studierend.
Seinen Kopf säumt ein schwarzer Porkpie Hut mit rautenförmiger Krone, einer breiten Krempe und einem roten Schweißband drumherum. Zwischen dem aufgestellten Kragen seines eleganten Mantels, welcher ihm bis zu den Knien reicht, und der Krempe, lugen vereinzelt graue Haare hervor, durch die, die rosige Haut des Kopfes hindurchschimmert und das Alter des Mannes erahnen lässt. Schwarze Lederschuhe der einfachen Art, die in jedem Schuhgeschäft zu erwerben sind und perfekt zu dem Rest, der ebenfalls aus schwarzen Anzughosen besteht, passt. Während der eine Arm sich ernsthaft mit den Spirituosen beschäftigt, ruht der andere routiniert auf dem verlängerten Rücken.
„Sieben und dreisig Komma fünf“, murmelt der alte Mann und bewegt seinen Zeigefinger zur nächsten Flasche, greift diese aus dem Regal und führt sie sich näher vor sein Gesicht.
„Fünf und dreisig“, spricht er zum Etikett.
„Gibt es denn nichts stärkeres?“, nuschelt er wieder zu einer anderen Flasche.
Er spricht zum Regal als besprechen beide etwas wichtiges. Sein Blick wandert hastig vom obersten bis zum untersten Fach. Er analysiert jede einzelne Flasche und spricht mit ihnen, streichelt sie, dreht und wendet und stellt sie anschließend wieder auf ihren Platz. Das samstags Gemenge um ihn herum, nimmt er kaum war. Er wählt dieses Mal eine gelbe Ein-Liter-Flasche, aus dem Bereich der Höherpreisigen.
„O-l-d Pa-scas dreiundsibzieg“, liest er laut vor.
„Das müsste reichen“, sagt er zufrieden und lässt ungeduldig den Verschluss knacken, führt die Flasche an seinen Mund und hält inne, atmet tief ein, dann wieder aus, als bereite er sich auf den Sprung ins dunkle Wasser. Ein Gebet huscht über seine Lippen, die Old Pascas immer noch auf der Höhe seines Mundes schwebend. In der Haltung eines Betenden verharrt die schwarze Gestalt mit einer lodernden Kerze in seiner Hand. Die goldene Flüssigkeit schwappt hin und her, einige Tropfen flüchten durch den Flaschenhals, rinnen über seine Hand. Das Zittern scheint unbändig zu sein. Zur Verstärkung legt er die zweite Hand an, schließt die Augen und setzt die Öffnung an seinen Mund. Zentimeter für Zentimeter bahnt sich die goldene Flüssigkeit mühelos den Weg nach unten. Nach etwa der Hälfte setzt er die Flasche wieder ab, verzieht sein Gesicht, als hätte er gerade literweise Kurkumasaft in sich gekippt. Der Rum vermengt sich mit dem Speichel, gleitet an seinem Kinn herunter und tropft auf das weiße Hemd und den sauberen Mantel. Husten und Stocken seiner Atemwege drücken den adrett gekleideten Herr wider Willen in die Knie. Sabber und jamaikanischer Rum besudeln das Regal, den glänzenden Fliesenboden und alles andere in der Nähe des durstigen Gastes. Während Husten und Brechreize ihn schütteln, greift er mit der freien Hand nach etwas, um sein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Das üppiggefüllte Regal vibriert, Flaschen stürzen sich in den Tod und verfärben den Boden. Jetzt ist das Personal elektrisiert. Einige der Kassiererinnen befinden sich nicht weit von der Spirituosenabteilung entfernt. Es werden Signalknöpfe unter dem Tresen gedrückt, irgendwo im hinteren Bereich des Einkaufsladens ertönt ein Schrillen, der Ruf um Hilfe an vorderster Front, bei überfüllten Kassen, bei Stornoproblemen. Doch dieses Mal zittert die Glocke länger, der elektrische Hammer hämmert härter, das Schrillen ist dieses Mal penetranter. Spätestens in diesem Moment sollte jeder der zwischen den Regalen versunken in seine Rezeptlisten, getrieben von Hunger und Durst, das Gefühl bekommen haben, dass etwas nicht stimmt.
Der mittlerweile schwergewordene Kopf des Unruhestifters gibt zuerst auf, sackt auf seine Brust und schaukelt von einer auf die andere Seite. Die Gäste drehen sich um, jetzt ist der Mann in Schwarz sichtbar, er ist präsent, die Bühne ist Seine. Eine ältere Frau unweit dem Spirituosenregal bleibt abrupt stehen und betrachtet die sich besudelte Gestalt. Sie tritt langsam näher, wie eine Katze schleicht sie sich ran. Langsamen Schrittes, den von grauen Haaren bedeckten Kopf leicht zu Seite gelehnt, Augen zusammengekniffen.
„Herr Ferdinand?“, mit dem Zeigefinger auf ihren Lippen geht sie auf ihn zu und legt ihre Arme um seine Schultern. „Frederik, alles in Ordnung?“, mühevoll hebt er seinen Kopf. Von Angst entstellt und Schweißperlen übersäte Gesicht von Frederik Ferdinand erblickt eine vertraute Person.
„Frau Wohlfinsky“ ertönt es melodisch aus seinem Mund.
Im selben Augenblick versagen seine Knie, sein Körper dreht sich um die eigene Achse, prallt mit dem Rücken an das Regal und sackt auf den von Glassplittern und Spiritus übersäten Boden zusammen. Wieder stößt das Regal einige Flaschen herunter. Frau Wohlfinsky streckt instinktiv ihre Arme aus, greift nach einer großen braunen Flasche. Diese gleitet ihr widerstandslos durch die Hand und zerschellt auf dem Boden. Eine milchig zähe Flüssigkeit verteilt sich auf ihren Schuhen. Mit der anderen Hand fasst sie nach einer anderen Flasche, die bis zuletzt gezögert hatte über den Rand zu springen. Sie ergreift diesmal den schmalen Hals. Während sie den Wodka zur Seite stellt, setzt Frederik zur zweiten Runde seine Old Pascas an und der Rest des Rumes verschwindet in seinem Körper.
„Ich wollte das nicht, Nicolina“, stammelt es aus ihm heraus, während er sich mit dem Ellbogen den Mund abwischt.
„Dreiundzwanzig Jahre habe ich gehalten“
„Was ist passiert Frederik?“, sie kniet zu ihm hinunter.
„Ich habe es gesehen“, spricht er ins Leere.
„Ein Anrufer sagte ich solle einen Mann abholen“, sein Blick fixiert die Sauerei unter seinen Beinen. Er realisiert, dass er auf dem Boden sitzt, beide Beine getränkt in ein Cocktailmix aus unterschiedlichsten Sorten. Er fährt sich mit einer Hand über seine nasse Anzughose.
„...so wie damals Ihren Mann ... ruhe in Frieden Wolfgang“ er bekreuzigt sich oder das, was danach aussieht.
„Was hat der Anrufer den gesagt, Frederik?“, sie nimmt ein Taschentuch aus Ihrer Handtasche und tupft seinen Mund ab. Der Speichel bahnt sich unkontrolliert auf seine Krawatte und weiter auf seine mit Paisley-Muster bestickte Weste.
„Er sagte ich soll in die Ringstrasse 9 fahren und dort einen Leichnahm abholen“, sein Kopf beginnt zu kreisen, der Drei-und Siebziger zeigt bereits seine bestialische Wirkung. Ein Menschenschar von Neugierigen hat sich bereits um die Pfütze und dem darin sitzenden Unruhestifter versammelt. Einige Handykameras ergötzen sich bereits am Leid des Mannes. Eine Frau in einem Arbeitskittel und einem Logo des Einkaufsladens darauf, tritt näher. Auf Ihrem Namensschild an der Brust prangt in großen Buchstaben Frau Kolinand, darunter Ihre Filialleiterin.
„Entschuldigung, kennen Sie diesen Mann?“, wendet sie sich an Frau Wolfinsky.
„Ja, ich kenne ihn, das ist mein Bestatter, ähm, ich meine das war der Bestatter meines Mannes gewesen, als er starb.“, antwortet sie abwesend, während die Hand von Frederik in Ihren ruht.
„Ich muss die Polizei rufen!“, stößt es aus der Filialleiterin heraus.
„Rufen Sie lieber einen Krankenwagen, Frau...“, sie kneift ihre Augen zusammen und tastet den Kittel nach dem Namen ab, „... Ko-li-nand!“.
Die verunsicherte junge Frau rauscht davon.
„Frederik?“, sie schüttel leicht an seiner Schulter.
„Jaaa?“
Irgendwo aus der Menge dringt ein „Das überlebt er nicht!“.

Das Abdriften ist nicht mehr weit. Die Dunkelheit wird sich bald um ihn legen und für immer verhüllen. Die Alkoholmenge und Konzentration des Inhalts kann ein Körper in diesem Alter nicht verarbeiten. Es scheint so, als wüsste es jeder, der um ihn herum steht. Die Flasche immer noch in seinem Schoss liegend, das Etikett sichtbar nach oben.
„Frederik wieso sind sie hier?“, flüsternd fragt sie ihn erneut.
„Das Spiegelbild, in meinem Wagen, auf dem Weg, das Spiegeldbild.“, stotternd spuckt es die einzelnen Silben.
„Was ist mit dem Spiegelbild, Frederik?“, jetzt hält sie ihn lediglich wach. Das Risiko ihn in den Schlaf gehen zu lassen ist sehr hoch, dass er das nicht mehr überlebt. Frau Wolfinsky weiß das genau. Sie erlebte ihren Wolfgang oft in diesem Zustand, bis sein Herz irgendwann aufhörte zu schlagen. Irgendwo im Innersten ahnte sie, dass Frederik sie bald verlassen wird.
„In meinem Wagen, hinten, war ein Toter“, seine Augen werden feucht.
„Nicolina...du weisst, dass ich nichts getrunken habe“, jetzt weinte er ungeniert. Jetzt hat er den sozialen Umhang abgelegt und war das Kind, das in ihm wohnte. Jetzt sprach sein kleines Ego, sein Ich.
„Er ist aufgestanden und hat mich angesehen...und, und, er sah aus wie ich“.
„Ich war in dem Sarg, ich, Nicolina, ich“, er brach in Tränen aus, schluchzte. Sein Atem begann zu stocken, Schluckauf setzte ein.
„Es ist okay Frederik.“, sie legte seinen Kopf auf ihre Brust und ließ sich auf die nassen Fliesen niedergleiten. Sie war sich sicher, dass der Rausch seine Gedanken vernebelt hatte und er die Kontrolle darüber verlor. Das Einzige was sie noch tun konnte, war ihn zu trösten.
„Er war da, starrte, mich, an“, das Sprechen fiel ihm inzwischen schwer, seine Augäpfel quollen hervor, er griff sich an die Brust. Irgendwo aus der Menge ertönte „Wo bleibt der verdamte Arzt?!“
Einige der Gäste blieben unbeeindruckt und begleiteten das sich hin und wieder in Bewegung setzende Fließband. Der Krankenwagen parkte direkt am Eingang. Die Sirene drang dumpf durch den Windfang. Der Raum flimmerte blau auf. Zwei Sanitäter eilten hinein, umhüllten mit Ihren Uniformen den Körper am Boden und taten ihre Arbeit. Frau Wohlfinsky ließ Frederiks Hand zu Boden gleiten, erhob sich und schlenderte betäubt Richtung Ausgang. Ihre Handtasche schleifte auf dem Boden hinterher. Draußen tastete sie den Parkplatz nach dem Fahrzeug des Bestatters ab, sie suchte nach Frederiks Firmenwagen, als suche sie nach Bestätigung seiner Worte. In der hintersten Reihe entdeckte Sie den über zwei Parkflächen parkenden schwarzen Koloss, mit der Aufschrift des Bestattungsinstituts darauf, darunter Frederik Ferdinand, gefolgt von der Anschrift. Der eine Vorderreifen stand auf dem Bordstein und bockte den Wagen in eine Schräglage. Die Fahrertür stand offen. Frau Wohlfinsky umkreiste diesen einmal und öffnete die hinteren Türen. Die klaffende Leere des Sargs und die glänzende Seide des bestickten Innenraumes starrten sie an. Sie schloss behutsam die Türen, hob ihre Tasche vom Asphalt und verließ den Parkplatz der Ringstrasse 9.

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