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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
75% Parzival
Eingestellt am 04. 08. 2006 13:20


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sohalt
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Warum klingt etwas das auf dem Papier so unheimlich weise aussieht, in der Realität oft so unheimlich bescheuert?

"Mein Ziel im Leben ist es, möglichst viele Menschen zum Lachen zu bringen", zum Beispiel.

Der, der das sagt, hat es aber sowieso nicht aus so einem Buch. Der hat sich das ganz allein ausgedacht. Hat sich daf√ľr auch extra ein Jahr mehr oder weniger Uni-frei genommen, ein Jahr, in dem er keine einzige Pr√ľfung ablegt hat. Vorlesungen besucht hat er schon, sporadisch. Um mal in ein paar Studienrichtungen reinzuschnuppern, zur Orientierung, um sich selbst zu finden, sagt er.

Der, der das sagt, ist Mischa ‚Äď ein Mensch, der mich jedes Mal besch√§mt, wenn ich ihm in der Stockwerksk√ľche √ľber den Weg laufe. Ein Mensch, so v√∂llig unber√ľhrt von jeglichen marktwirtschaftlich zweckrationalen Nutzenoptimierungserw√§gungen, so v√∂llig frei von verbissener Hamsterrad-affiner, Scheuklappen-bedingter Leistungsorientierung, dass ich mir daneben jedes Mal vorkomme wie der durch neoliberale Gehirnw√§sche geistig verst√ľmmelte, auf die Bed√ľrfnisse der Wirtschaft zurechtgestutzte zuk√ľnftige Lohnsklave par exellence. Ohne Menschen wie Mischa f√§llt einem das gar nicht so auf.

Mischa ist 23. Er hat ein paar Semester Slowenisch studiert, dann zwei Semester Musik. Damit hat er aufgehört, weil es ihm zu schwierig war, Noten lesen zu lernen. "Jimi Hendrix konnte auch keine Noten lesen", immerhin.

Mischa hat uns mal was auf seiner Gitarre vorgespielt. Jimi Hendrix ist er nicht.

Vor allem ist Mischa nicht witzig. Ein Meister der Komik ‚Äď das ja. Der unfreiwilligen allerdings. Anl√§sslich der Fu√üball-WM wollte Mischa an jedem Spieltag zu Ehren seiner jeweils favorisierten Mannschaften nur typische Landesgerichte zubereiten. Das hielt er dann auch tats√§chlich ein paar Tage durch. Bis Argentinien an der Reihe war. Mischa konnte kein argentinisches Gericht und schickt sich an, deswegen auf Nudeln mit Sugo auszuweichen. Was Nicki, die zu seinem Pech auch gerade in der K√ľche zu tun hatte, veranlasste, ihn dar√ľber aufzukl√§ren, dass "Argentinier traditionellerweise vor gro√üen Ereignissen sowieso einen Fasttag einlegen, wusstest du das nicht?". Sagte Nicki. Todernst. Nicki kann das. Worauf Mischa tats√§chlich sein Vorhaben aufgab und vermutlich hungrig ins Bett ging.

Hm, könnte man einwenden, vielleicht wollte er auch einfach nicht in Gesellschaft von Leuten essen, die ihn dermaßen plump verarschen wollen? Nein, sage ich. Mischa nicht. Mischa denkt nicht so was Böses.

Hat sich denn Mischa niemals Gedanken gemacht √ľber die ambivalente Natur des Gel√§chters? "Wir lachen nicht √ľber dich, sondern mit dir" hielt ich immer schon f√ľr ein wenig heuchlerisch. Klar lacht man manchmal mit jemanden. √úber jemand anderen.

"Mischa zum Beispiel. Armer Kerl. Solche hab ich als Kind gern zum Weinen gebracht." erzählt uns Nicki dann bei einer Zigarette. Oh, gut kann ich mir das vorstellen! Kleine Nicki, schwarzlockig, haselnuss-braun, Wildfang mit Schorf auf den Knien, wie sie arme kleine Buben zum Weinen bringt. Tatsächlich, ein beängstigendes Bild.

Mich f√ľrchten vor Nicki? Nein, genauso wenig wie vor gro√üen schwarzen Hunden. Das ist nicht Furcht, das nennt sich Respekt-Abstand. Ich stecke so ungern ein. Aber austeilen und einstecken, das muss man nun mal k√∂nnen, da wo Nicki herkommt. Austeilen und Einstecken! Rauhe Sitten auf dem Lande, pass auf mit den mehrsilbigen W√∂rtern, gleich bist du der Gro√ükopferte. Rauhe Sitten, ja, aber stolz darauf. Nein, sie ist kein h√∂heres T√∂chterlein, kein Protektionskind, sie nicht ‚Äď alles selbst erreicht. Und sie hat viel erreicht. Sie ist die Medizinstudentin, die die anderen Medizinstudenten in unserem Stock fragen, wenn sie eine Auskunft brauchen. Stockwerkssprecherin auch. Toughe, t√ľchtige Nicki. Hart, aber herzlich. Ihr umfangreicher Freundeskreis, den sie gelegentlich einl√§dt und mit riesigen Portionen von Kasnockerln bewirtet, k√∂nnte das bestimmt best√§tigen. Ich nicht so sehr, aus Mangel an Gelegenheit, das mit der Herzlichkeit zu √ľberpr√ľfen. Weil ich dazu bisher ja auch viel zu sehr damit besch√§ftigt war, ihr profilarktisch aus dem Weg zu gehen. Das mit der H√§rte glaub ich ihr n√§mlich unbesehen.

Wie gut, dass sie sich inzwischen andere Hobbies zugelegt hat. Jetzt muss sie keinen mehr zum Weinen bringen, jetzt kann sie sich anderweitig zerstreuen. Wie gut, dass Menschen erwachsen werden.

Und doch, manchmal frage ich mich, ob Menschen wie Mischa nicht lieber immer noch besch√ľtzt werden sollten vor Menschen wie Nicki. Seltsam, w√§re Mischa ein M√§dchen, ich k√§me nie auf die Idee.

Und w√§hrend ich noch √ľberlege, wie man Mischa vor Nicki besch√ľtzen k√∂nnte, wird mir klar: Das ist jetzt wom√∂glich meine pers√∂nliche Bestleistung in Scheinheiligkeit. Im Grunde sehe ich ihn wohl nicht recht viel anders als sie.

Und Tatsache ist nun mal: In voller Absicht hat Mischa mir noch nie mehr als nur einen m√ľden Grinser oder ein verlegenes R√§uspern entlockt. Und weil ich die M√∂glichkeit, dass ich in dieser Hinsicht vielleicht doch nicht das Ma√ü aller Dinge bin, nicht komplett ausschlie√üen m√∂chte, will ich hinzuf√ľgen: anderen auch nicht. Zumindest nicht in meiner Gegenwart. Und genau niemandes Humor zu treffen, das ist in einem Studentenheim, das einen derart farbenfrohen Querschnitt √ľber alle erdenklichen Auspr√§gungen von Humor bietet auch schon wieder eine Leistung f√ľr sich. Von geistvoll/geschliffen/subtil √ľber albern/abstrus/absurd √ľber bodenst√§ndig/herzhaft/derb ist alles vertreten, zumindest in Ans√§tzen. Aber an geistvoll ist nicht zu denken, abstrus hat er noch nicht probiert und seinen zaghaften Vorst√∂√üen ins Derbe mangelt es an Bodenst√§ndigkeit und Herzhaftigkeit.

Ja, denn es schmerzt mich, das zu sagen, aber: Mischa sch√§tzt die Zote. Da k√∂nnte einer fast niedlich sein (Mischa stottert ein bisschen, wenn er aufgeregt ist, und das ist doch lieb, wenn sie heute einer noch aufregt), und dann steht er in der K√ľche und rei√üt lahme Witzchen √ľber W√ľrstchen und Eier. Zum Beispiel. Ich erspare uns weitere. Und ich kr√ľmme mich dabei innerlich und denke mir, Mischa, lass es. Lass es einfach. Es steht dir nicht.

Du könntest Parzival sein, Mischa. Viel fehlt nicht. Parzival, verstehst du? Der reine Tor. Aber so....
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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sohalt
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Endlich eine Reaktion, immerhin.

Freut mich, dass doch noch wer was dazu schreibt.
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bonanza
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also, wenn du das allzu niedlich-weibliche aus dem text
filtern könntest - wer weiß.
ich finde nämlich deinen text ansatz- und streckenweise
ganz witzig.

bon.

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sohalt
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Jetzt wird's interessant:
Zu niedlich/weiblich? Wo genau?

lg
sohalt
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Melusine
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Hallo sohalt,
also niedlich-weiblich finde ich die Geschichte eigentlich nicht, eine recht nett erz√§hlte Alltagsstory. Als Essay oder Kolumne w√ľrde ich das eher nicht einstufen... wei√ü nicht genau als was. Ist wahrscheinlich auch nicht so wichtig.
K√∂nnte spritziger sein. Bisschen mehr -- ach, ich wei√ü auch nicht. Es liest sich nicht √ľbel, klingt aber noch wie ... na ja, halt einfach so dahin erz√§hlt. So, wie man Freunden eine Anekdote m√ľndlich erz√§hlen w√ľrde. Vielleicht m√ľsstest du einfach da und dort ein bisschen straffen.

(Oh, √ľbrigens: Falls du rausfindest, wo man trotz Studium einen Job als Sekret√§rin kriegt, sag's mir bitte. Ich bin grad auf der Suche und mein Studium ist da echt hinderlich. Vielleicht liegt es ja auch an den Schreibdepressionen. Ob ich wohl mal einen Veterin√§r aufsuchen soll?
)

LG Mel

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jon
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Ich liiiiebe solche Menschenbeobachtungen …

Ich glaub nicht, dass es "spritziger" besser w√§re. Eben weil es verdammt nah am Alltag ist, darf es auch m.E. auch so klingen. "Spritziger" w√ľrde wahrscheinlich den Verdacht erwecken, es sei ausgedacht ‚Ästselbst wenn es das ist, der Effekt "Ach das gibt es doch in Wirklichkeit gar nicht" w√§re hier kontraproduktiv.

Der Anfang k√∂nnte vielleicht etwas mehr Straffheit vertragen. Dieser "Schlenker" "Warum sieht es auf Papier weise aus?" f√ľhrt m.E. auch erstmal reichlich in in die Irre. Denn: Dass es auf dem Papier weise aussieht, in der Realit√§t aber albern wirkt, ist nicht Mischas Problem ‚Ästsein Problem ist eine Mischung aus falscher Selbstwahrnehmung und damit verbundener v√∂llig falscher Selbst-Zielsetzung. Ich wei√ü nicht, ob ich das jetzt verst√§ndlich machen konnte (, ich bin im Moment nicht ganz auf der H√∂he) ‚Ästich meine: Es ist nicht die Diskrepanz zwischen Papier und Realit√§t sondern zwischen Anspruch und Realit√§. Da reicht auch ein Anfang wie:
"Mein Ziel im Leben ist es, m√∂glichst viele Menschen zum Lachen zu bringen", sagt Mischa. Er sagt das nicht leichtfertig, er hat lange daran √ľberlegt. Hat sich extra un-frei genommen ‚Ķ
Naja, vielleicht nicht ganz so abrupt …



Sagt ich schon, dass ich solche Menschenbobachtungen liebe?
Es ist verdammt schwer "sowas" in Worte zu fassen, dass es nachvollziehbar wird. Hut ab! dass dir das gelingt.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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sohalt
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Danke! Ich wei√ü, das ist vielleicht nicht meine H√∂chstform, aber ich habe jetzt ziemlich lange nix geschrieben und freu mich, √ľberhaupt mal wieder was halbwegs Brauchbares zusammen gebracht zu haben. Nach der erste Meldung hatte ich ja fast Angst, ich h√§tt's g√§nzlich verlernt. (Obwohl mich die versprochene Karriere als Sekret√§rin schon auch sehr reizen w√ľrde...Wer kriegt heutzutage schon noch eine Job-Garantie?)
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