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Leselupe.de > Kindergeschichten
78° 15´N (eine Sternchengeschichte)
Eingestellt am 26. 01. 2006 20:55


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Otto Lenk
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Registriert: Nov 2001

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Auf der Suche nach einem Pol fand ich den Schweif eines Kometen. Ich hatte den Anfang der Welt entdeckt, oder so.
Später traf ich einen Pinguin, fragte ihn nach dem Weg. Er begann sich wie verrückt im Kreis zu drehen, wobei seine Flügel in alle Himmelsrichtungen wiesen. Als ich ihn um eine Erklärung bat, flog er davon.
Östlich von Longyearbyen, 78° 15´N, begegnete mir ein einsamer Schäfer. Er war schon seit Jahren auf der Suche nach seiner Herde.
„Zu viel Schnee“, sagte er.
„Ja, dies unbestimmte Weiß.“
Sich selbst zum Trost sang er ständig diese eine Strophe vor sich hin: The blues are still blue.
Hätte er, ein Suchender, eine Antwort auf meine Frage gewusst? Wer weiß.
Es konnte doch nicht so schwierig sein; einen Pol zu finden. Alle haben einen gefunden, sagen sie.
In meiner Not folgte ich den Spuren eines großen Tieres, bis es mich fand. Es war von mächtiger Statur, sein Fell aus Schnee.
„Du bist mutig, Fremder“, sagte es. Dafür, dass du keine Angst hattest, meinen Spuren zu folgen, werde ich dir einen Wunsch erfüllen, bevor ich dich fresse.“
„Gut! Beantworte mir eine Frage. Sag mir, wo ich einen Pol finden kann.“
Das Tier öffnete sein Maul; und ein aus tiefsten Tiefen grollendes Lachen erschütterte seinen Körper und das Land um uns herum.
„So, so. Ein Polsucher bist du. Nein! Dich will ich nicht fressen. Ihr seid alle höchst unschmackhaft. Da ist zu viel Unbewusstes in euch. Es ist, als würde man Löcher fressen. Hier, nimm das und verschwinde.“
Er reichte mir einen Kompass und blies seine Backen auf. Als sie die Größe eines Zirkuszeltes erreicht hatten, öffnete er sein Maul; und ich flog davon, hoch in den Himmel, weit über die Wolken. Es flog sich angenehm hier oben.
Dieser Kompass. Er besaß keine Nadel. Was um alles in der Welt sollte ich mit einem Kompass ohne Nadel. Während ich so in Gedanken dahin trieb, hörte ich eine piepsende Stimme rufen:
„Du schon wieder! Gibst wohl nie auf, was?“
Es war der kleine Pinguin, den ich vor Zeiten nach dem Weg gefragt hatte. Er flog neben mir. Es sah absolut lächerlich aus, wie er da mit seinen viel zu klein geratenen Flügeln umher schlug, immer im Begriff, seinen dicken Körper nicht mehr unter Kontrolle halten zu können und abzustürzen.
„Lächerlich, deine Fliegerei“, sagte ich und zappelte wie zum Beweis mit meinem Armen, um ihm diesen Anblick zu veranschaulichen.
„Du hast es nötig, Kumpel. Hat dir schon mal jemand gesagt, das Menschen nicht fliegen können?“
Das saß.
„AAAHHHHHH!“
Ich fiel wie ein Stein. Neben mir ein dümmlich grinsender Pinguin.
„Du fragst dich gewiss, was du mit einem Kompass ohne Nadel anfangen sollst. Nun! Wenn du magst, will ich die Nadel für deinen Kompass sein. Du musst nur den Stöpsel ziehen und die Luft aus mir herausdrücken. Immer weiter, bis ich nur noch eine Nadel bin. Mein Schnabel ist dir deine Kompassnadel. Folge ihm.“
„Im Augenblick, lieber Pinguin, mache ich mir ehrlich gesagt ein wenig mehr Sorgen um meine Landung, wenn du verstehst!“
„Landung? Wie meinst du das? Wir sind doch schon längst gelandet.“
Und tatsächlich. Wir standen auf festem Boden. Ich schaute den befrackten Kerl neben mir an, der nervös von einem Fuß zum andern sprang.
„Nun mach schon! Lass endlich die Luft raus…bevor ich es mir anders überlege.
Nun ja. Es schien den Pinguin nicht sonderlich zu belasten. Also ließ ich die Luft aus ihm heraus.
„Au! He! Ein wenig vorsichtiger, wenn ich bitten darf. Gleichmäßig. Ja…so ist es besser. Und achte auf meine Weichteile. Oh, entschuldige! Da ist wohl ein wenig Luft entwichen. Hi, hi.!“
Als nur noch der Schnabel vom Pinguin übrig war, befestigte ich ihn im Kompass und schaute mich erst einmal um. Wir waren mitten in einer weißen Wüste gelandet. Keinerlei Erhebungen. Eine ewig weiße Ebene. „Und nun“, fragte ich mich, worauf der Schnabel im Kompass antwortete:
„Na los! Folge meinem Schnabel!“
Ich folgte also diesem Schnabel mit seinem losen Mundwerk. Ständig hatte er was zu plappern, nie stand der Schnabel still.
„Hab ich dir eigentlich schon von meinem Freund dem Wal erzählt…meinen Fisch esse ich am liebsten „On the Rocks“…letzte Woche sah ich einen schwarzen Schneetiger…stell dir nur vor, einen vollkommen schwarzen Schneetiger…die Eisqualität lässt dieses Jahr arg zu wünschen übrig…so stumpf…schrecklich.“
„Nun halt aber mal deinen Schnabel still! Wie soll ich denn den Weg finden, wenn du ständig am erzählen bist. Ruhe jetzt!“
„Na gut.“
„Tagelang folgte ich dem schweigenden Schnabel. Mal zeigte er nach links, dann wieder nach rechts. Mal nach oben, dann wieder nach unten. Mit der Zeit war ich sicher, dass ich den Pinguin beleidigt hatte, und er mich nun zur Strafe in die Irre führte. Zudem brachte mich dieses endlose Weiß langsam um den Verstand. Kein Horizont, kein Gegensatz, nichts, woran sich die Seele satt sehen konnte. Immer nur dieses Weiß.
Endlich, nach ewigem auf und ab, hin und her, sah ich in einiger Entfernung eine Erhebung. Der Pinguinschnabel wies in ihre Richtung und ich spürte, dass ich dem Ende meiner Suche näher kam.
„Wir sind da! Du kannst mich nun wieder aufblasen. Das nächste Mal kannst du dir einen anderen Pinguin suchen, du langweiliger Mieserich.“
Wie standen vor einem Iglu, in den ein Fenster geschnitten war. Auf der Schneefensterbank lehnte ein gelangweilt blickender Seelöwenhund.
„Was haben wir denn da? Einen polsuchenden Mieserich. Und du, du unverbesserlicher Ping. Hast dich bestimmt wieder aufgespielt. Von wegen einmalige Kompassnadel und so. Glauben sie ihm kein Wort. Von seiner Sorte gibt es ganze Universen.“
„Pah! Dass ich nicht lache", sagte der Pinguin. Das habe ich ja nun wirklich nicht nötig…von so einem Waschlappen. Schau dir nur deine runzlige Haut an. Pah!“
Während er so vor sich hinplapperte, entfernte er sich watschelnden Ganges.
„Das hat meinereiner ja nun wirklich nicht nötig…da ist man hilfsbereit…völlig uneigennütz…eine…tag…wir…sehen…“
Bald war er nur noch ein Punkt im ewigen Weiß.
„Pole zu verkaufen, Pole zu verkaufen. Ganz frisch hereingekommene Pole. Wie wäre es mit diesem Pol? Er gehörte einem jungen Mann, den es leider viel zu früh erwischt hat. Ein ruhiger, ausgeglichener Pol. Selten aufbrausend, von liebenswerter Natur.“
In seiner Flosse hielt er ein leeres Rollmopsglas mit Deckel.
„Ich sehe schon. Sie fragen sich, wo denn der Pol nun ist. Er ist natürlich unsichtbar...ist ja mehr so eine verinnerlichte Angelegenheit. So mit Spürsinn halt.“
„Ja…ich verstehe. Aber da ist ein Problem…“
„Problem? Bei mir gibt es keine Probleme. Ich habe noch Unmengen von Polen anzubieten. Nehmen sie sich nur Zeit. Sie finden schon einen passenden.“
„Sie verstehen nicht. Ich suche keinen gebrauchten Pol. Ich dachte eigentlich mehr an einen ungebrauchten, ganz frisch.“
„Oh! Und dafür haben sie sich einen solchen Weg gemacht?" Er lachte und lachte. "Was für ein Unsinn." Sein Brust hob und senkte sich so heftig, dass erst die Schneefensterbank und anschließend das gesamte Iglu zusammenbrach.“
Ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, was an meinem Wunsch so lustig sein konnte. Alle hatten sie doch einen Pol. Sie sagten es, ich spürte es. Dieser Möchtegernpolverkäufer hatte nicht die Spur einer Ahnung.
„Mensch, schau her“, sagte der Seelöwenhund und rieb mit seiner Flosse schnell und kräftig auf der Schneeoberfläche, bis aus dem Schnee ein blitzender Eisspiegel wurde.
„ Schau hinein und finde, was du suchst.“

„Papa! Du siehst aus wie ein Schneemann. Wie lange willst du denn noch hier draußen stehen und Eiszapfen staunen. Komm endlich hinein. Es ist kalt.“
„Ich komme gleich, Sternchen. Sofort. Ich möchte mir nur noch etwas näher betrachten. Nur einen kleinen Augenblick noch.“
„In Ordnung, Papa.“



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