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Leselupe.de > Erzählungen
99 tote Pferde
Eingestellt am 09. 06. 2012 00:14


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Hagen
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Am Bahnhof standen die Besatzungen der Taxen in der milden Nachtluft und erzählte sich Taxifahrerwitze als ich zum Schichtbeginn eintraf. Der `Proleten-Karl´ gab gerade einen zum Besten:
„Kommt einer zum Taxi und fragt den Fahrer: ‚Haben Sie denn noch Platz für ’n Kasten Bier und ‘ne Currywurst?‘ ‚Jau‘, sagt der Fahrer, nur immer herein!‘“ worauf der Witzeerzähler ein würgendes Geräusch von sich gab.
„Erzähl‘ doch auch mal einen!“ meinte der `Bleifuß-Bertram´.
„Äh, ja. Ihr wisst ja, dass ich aus Bremen komme, der bekannten Hafenstadt! Also, da ist ein Schiff in besagtem Hafen, mit hundert Mann Besatzung, und der Kapitän natürlich. Die Seeleute wollen auf jeden Fall alle mal an Land, einen trinken.
„Gut“, sagt der Kapitän, „aber Ihr müsst um Punkt zwölf wieder an Bord sein, damit wir auslaufen können!“
„Klar, Käpt’n, wir sind alle rechtzeitig an Bord!“ – „Natürlich Käpt’n!“ – „Aber sicher Käpt’n...“, Na ja, Ihr kennt ja diese Sprüche, und alle gehen sie an Land, sich amüsieren.
Na gut. Es wird zwölf, es wird halb eins, da kommt der erste angerannt:
„Kapitän, Kapitän, nicht böse sein! Ich saß da in einer Bar, und um halb zwölf – großes Ehrenwort – fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Ich also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Ich also rein und sag‘ dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste ich zu Fuß gehen.“
„Na ja“, sagt der Kapitän, aber da kommt auch schon der zweite:
„Kapitän, Kapitän, nicht böse sein!“
„Moment“, unterbrach der `Proleten-Karl´, „ich krieg‘ ‘ne Fahrt.“
Er stieg in sein Taxi und sah zu, wie sich ein älterer Herr mühsam in den Wagen quälte.
`Proleten-Karl´ fuhr weg, wir rückten vor, ich erzählte weiter:
„Also, da kommt auch schon der zweite:
„Kapitän, Kapitän, nicht böse sein! Ich saß da in einer Kneipe, und um halb zwölf – großes Ehrenwort – fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Ich also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Ich also rein und sag‘ dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste ich zu Fuß gehen.“
`Kreolen-Roswitha´ bekam eine Fahrt, wir rückten vor, ich erzählte weiter:
„Also, da musste ich zu Fuß gehen.“
“Na ja“, sagt der Kapitän, aber da kommt auch schon der dritte:
„Kapitän, Kapitän, nicht böse sein! Ich saß da in einem Nachtclub, und um halb zwölf – großes Ehrenwort – fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘“
`Proleten-Karl´ rollte wieder ein und stellte sich hinter mich.
„Erzähl‘ weiter“, meinte Bertram.
„Okay, wir waren beim Dritten. Der saß in einem Nachtclub, und um halb zwölf fällt ihm ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Er also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Er rein und sagt dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste der gute Mann zu Fuß gehen.
„Na ja“, sagt der Kapitän, aber da kommt auch schon der vierte:
„Sag‘ mal“, meinte der `Proleten-Karl´, „ist das immer noch der gleiche Witz?“
„Ja, das Schiff hat, wie erwähnt, hundert Mann Besatzung, und wir sind erst beim vierten! – Also, der sagt:
„Kapitän, Kapitän, nicht böse sein! Ich saß da in einer Gaststätte, und um halb zwölf – großes Ehrenwort – fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Ich also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Ich also rein und sag‘ dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste ich zu Fuß gehen.“
„Na ja“, sagt der Kapitän, aber da kommt auch schon der fünfte:
„Son‘ Quatsch!“ Der `Proleten-Karl´ wedelte wieder mit der Hand vor seinen Augen herum, „Du erzählst ja immer das Gleiche. – Außerdem hast Du mir eine Fahrt geklaut!“
„Meinetwegen. Du bekommst meine nächste Fahrt.“
„Was war nun mit dem Fünften?“ unterbrach Bertram grinsend, „ich bin ja so gespannt.“
Der `Proleten-Karl´ vollführte wieder wedelnde Handbewegungen vor seinen Augen und setzte sich in sein Taxi. Mein Boss beorderte mich zur Pumpe, als ich weiter erzählen wollte. Dieses Vorhaben verschob ich und fuhr zur Pumpe. Drin saß Keule. Keule hatte sich soeben entschlossen, doch noch etwas zu bleiben und gab mir drei Euro für die Anfahrt.
Keule ist im Grunde ein netter Kerl und sehr kräftig. Er hat eine nette Frau und zwei Kinder. Er geht einem ordentlichen Beruf als Landschaftsgärtner nach und drei Mal die Woche ins Fitness-Studio. Manchmal überschätzt er sich allerdings, so einmal im Monat. Manche Frauen werden auch einmal im Monat extrem zickig, meine Ex zum Beispiel, aber ich habe noch nie über einen Zusammenhang nachgedacht.
Egal.
Ich meldete mich frei und erhielt gleich den nächsten Auftrag: Hubert nebst Gattin abholen. Die beiden waren ein Herz und eine Seele, geradezu rührend, wie die beiden hinten saßen und sich des gegenseitigen Verständnisses versicherten. Es sollte ein ‘Abschlussessen’ mit gleichzeitigem Neubeginn werden, und Hubert versprach, seine Wampe wegzutrainieren und sich nur noch einmal die Woche mit seinen Kumpels zu treffen. Seine Frau machte keine Konzessionen. Schien mir alles ein Quäntchen zu harmonisch, als sie Händchen haltend in einem Restaurant mit internationaler Küche verschwanden, gewissermaßen so, als sei das Fallbeil für das sich ankündigende Unheil bereits geschmiedet.
Egal.
Ich fuhr zum Taxenplatz zurück und erzählte den Witz weiter. Als ich an der Stelle war, an der das sechste Pferd tot umfiel, kam `Kreolen-Roswitha´ wieder und bemerkte beiläufig, dass heute ja wohl der Tag der kurzen Fahrten sei.
„Du hast den Anfang ja mitgekriegt“, sagte Bertram, „wir hatten gerade den sechsten. - Halt mal Dein Wort!“
Zwei hübsche junge Damen gingen bei Bertram an Bord. Wir rückten vor, ich auf die Pole-Position. `Proleten-Karl´ kurvte wieder ein.
„Was war den nun mit dem Sechsten?“ fragte `Kreolen-Roswitha´ als wir wieder neben den Taxen standen, warf einen schrägen Blick auf den `Proleten-Karl´ und dampfte sich eine Zigarette an.
„Tja, den hatten wir gerade. Ich mach mal beim Siebten weiter. Der sagte folgendes: „Kapitän, Kapitän, nicht böse sein! Ich saß da in einem Nachtclub, und um halb zwölf – großes Ehrenwort – fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Ich also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Ich also rein und sag‘ dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste ich zu Fuß gehen.“
„Das ist mir wirklich zu blöde!“ `Proleten-Karl´ machte eine wegwerfende Handbewegung und schickte sich an, wieder einzusteigen. Er blieb stehen, weil sich ein dezent angetrunkener Sympathieträger mit Bierflasche in der Hand anschickte, in mein Taxi zu setzen.
Ich zog die Oberlippe hoch und warf dem `Proleten-Karl´ unter halb gesenkten Augenlidern einen dumpfen Blick zu.
„Ihre Fahrt, Herr Kollege.“
`Proleten-Karl´ machte ein etwas grimmiges Gesicht, als ich den Herrn mit der Bierflasche bat, im Taxi meines Kollegen Platz zu nehmen.
„Kein Thema“, murmelte der Sympathieträger, taumelte zu `Kreolen-Roswithas´ Taxi, lehnte sich einen Moment ausruhend an dessen Kühler, setzte seinen Weg fort und gelangte schließlich zur hinteren Tür des Wagens, der normalerweise vom `Proleten-Karl´ gelenkt wird. Der Mann riss die Tür auf, kippte eine Lache Bier in den Wagen und ließ sich auf die Rücksitze fallen. „Tschuldigung. Kein Thema.“
„Tja, das ist ein schwerer Beruf“, sagte ich nachdenklich zu `Kreolen-Roswitha´ während sich der `Proleten-Karl´ verzweifelt bemühte, seinen Fahrgast derart hinzusetzen, dass sich die Tür schließen ließ, „ich denke, wir kommen nunmehr zu dem achten Seemann, der etwas verspätet an Bord zu gehen beabsichtigt.“
„Wo saß der?“ fragte `Kreolen-Roswitha´ ernsten Gesichts und fuhr sich ordnend durch ihre Locken.
„In einer Kneipe. Um halb zwölf...“
„Kneipe hatten wir schon!“
„Na, gut. In einer Kaschemme. Um halb zwölf fällt ihm ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Er also raus, aber es war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Er rein und sagt dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste der gute Mann zu Fuß gehen.
„Na ja“, sagt der Kapitän, aber da kommt auch schon der neunte und sagt: „Kapitän, Kapitän, nicht böse sein! Ich saß da in einem Nachtlokal, und um halb zwölf – großes Ehrenwort – fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!“
`Bleifuß-Bertram´ rollte wieder ein.
„Mist“, sagte er, nachdem er ordentlich eingeparkt hatte, „das ging nur bis zur Marktstraße. Will denn heute keiner mal nach Sievershausen oder so?“
„Fährst Du gerne nach Sievershausen?“ fragte ich. „Ich fahre eigentlich lieber nach Müllingen.“
„Wieso denn ausgerechnet Müllingen?“ fragte `Kreolen-Roswitha´.
„Ich hab‘ da mal eine wunderschöne Frau hingefahren, wir haben die vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi während der Fahrt gehört, leider nur Frühling und Sommer. Wenn ich wieder mal nach Müllingen komme, wollen wir den Herbst und den Winter hören, hat sie gesagt. – Aber wann kommt man schon mal nach Müllingen?“
„Ich war letzte Woche dort“, meinte `Bleifuß-Bertram´, „da ist nix los. – Aber was ist nun? Seit Ihr schon beim zehnten Seemann?“
„Nein. Erst beim achten“, sagte `Kreolen-Roswitha´, „aber meinetwegen können wir ein Paar überspringen.“
`Proleten-Karl´ kurvte wieder ein.
„Gute Idee“, sagte ich, „wollen wir beim dreiundfünfzigsten fortfahren?“
„Es wird ja sonst langweilig“, bemerkte `Bleifuß-Bertram´ grinsend und sah demonstrativ zu, wie sich der `Proleten-Karl´ aus dem Wagen quälte. Ich fuhr fort: „Kapitän, Kapitän, nicht böse sein!“ sprach der dreiundfünfzigste. „Ich saß da in einer Spelunke, und um halb zwölf – großes Ehrenwort – fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Ich also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Ich also rein und sag‘ dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste ich zu Fuß gehen.“
`Proleten-Karl´ wedelte mit seiner Hand vor den Augen herum und versuchte zu erzählen, wie ihm der letzte Fahrgast beinahe ins Taxi gekotzt hätte, wäre alles meine Schuld.
„Ja, ja, das Leben ist hart aber ungerecht“, sagte ich und erzählte gnadenlos weiter, während Roswitha und Bertram taten, als lauschten sie andächtig. Als ich an der Stelle war, an der das vierundfünfzigste Pferd tot umfiel, schickte sich ein junger Mann an, in mein Taxi zu steigen.
„Moment, ich erzähl‘ nachher weiter“, sagte ich und ließ die Kofferraumklappe meines Taxis aufschnappen.
„Wo soll’s denn hingehen?“ fragte ich während ich das Gepäck des Mannes in den Kofferraum legte.
„Nach Luso bei Zerbst.“
„Ups. Da bin ich ein ganz klein wenig irritiert, aber das kriegen wir hin!“
„Wollen sie nicht zu mir kommen?“ rief der `Proleten-Karl´ herüber, „der Idiot weiß ja nicht mal wo Zerbst liegt.“
„Bis hierher war Spaß!“ sagte ich und hielt dem Herrn die Tür auf, „aber sie nennen mich nicht ‘Idiot‘.“ Fast hätte ich ihm den erhobenen Mittelfinger gezeigt. Fast.
„So“, ich stieg auch ein, nachdem mein Fahrgast Platz genommen und ich meinen Blutdruck etwas herunter gefahren hatte, „da muss ich mich erst mal für den Kollegen entschuldigen...“
„Das brauchen Sie nicht. Ich kann ja nicht verlangen, dass sie sich in den neuen Bundesländern auskennen. Ich zeige ihnen das. Fahren sie bitte zuerst nach Magdeburg-Rothensee.“
„Das kenn‘ ich. Wohlan!“
Ich startete den Motor, rollte an, aktivierte das Taxameter und sagte der Zentrale Bescheid, dass ich mal eben kurz nach Luso bei Zerbst fahren würde. Die Chefin wünschte mir eine gute Fahrt, ich sollte mich nur hin und wieder mal melden.
Das versprach ich, gab dem Herrn an der Auffahrt Lehrte-Ost einen Schokoriegel und legte die »EROICA« von Beethoven ein.
„Oder möchten sie etwas anderes?“
„Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Ich kann gut dabei nachdenken.“
Bis Marienborn dachte er nach, lauschte der »EROICA«, verzehrte noch zwei Schokoriegel und begann mir bei Irxleben von seiner Frau zu erzählen:
„Die ist so was von eifersüchtig, das können sie sich gar nicht vorstellen!“
„Ich bin Taxifahrer, ich kann mir allerhand vorstellen.“
„Hm, ja. - Wissen sie, neulich hat sie in unserer Sauna einen schwarzen Damenschlüpfer gefunden, und mir natürlich gleich eine Szene gemacht. Dabei kann ich mir nicht vorstellen, wie der Slip dahin gekommen ist.“
„Ein getragener?“
„Wie, ein getragener?“
„Schwarzer Slip!“
„Das weiß ich doch nicht! Ich bin mit niemandem außer meiner Frau in der Sauna gewesen. Aber sie unterstellt mir natürlich sofort ein Verhältnis.“
„Das ist in der Tat sehr ärgerlich. - Sollten wir die Autobahn hier bei Magdeburg-Rothensee verlassen?“
„Nein, erst bei Burg. Und dann rechts auf die B 1. - Wissen sie, meine Frau kontrolliert sogar den Aschenbecher im Auto auf Kippen mit Lippenstift...“
„...und wenn sie nichts findet, unterstellt sie ihnen, Beweismittel vernichtet zu haben.“
„Stimmt! Woher wissen sie das?“
In mir regte sich ein schrecklicher Verdacht.
„Nur so eine Vermutung. Ich war auch mal verheiratet. - Burg-Zentrum sagten Sie? Dann biegen wir doch mal rechts ab und fahren Richtung Dessau.“
„Genauso. - Was vermuten sie?“
„Lassen sie mich bitte noch ein Wenig sondieren. Ist ihre Gattin jeden Tag eifersüchtig, oder zeigt sie sich nur hin und wieder von ihrer missgünstigen Seite. – Wir durchqueren zur Zeit den Ort ‘Gerwisch‘. Sind wir noch richtig?“
„Goldrichtig.“ Der Mann schwieg, ich auch. Wenn die Frau meines Fahrgastes ihrerseits einen Liebhaber hatte, brauchte sie nur hin und wieder mal die Eifersüchtige zu geben, ihren Mann damit für eine Weile aus dem Haus treiben, um sich dann in aller Ruhe ihrem Liebhaber zu widmen.
„Ich habe auch schon vermutet, dass das mit dem weiblichen Zyklus zusammen hängt, aber das ist nicht so“, fuhr der Mann neben mir fort. „Fahren sie bitte gleich auf die B 184 Richtung Menz. - Zwei, drei Mal im Monat, etwa alle vierzehn Tage kommt sie mit sowas an.“
„Sehr gerne. – Wie reagieren sie eigentlich, wenn solch eine, sagen wir mal, ‘Eifersuchtsattacke‘ auf sie niederprasselt?“
„Was soll ich schon machen? Anstatt mich stundenlang zu rechtfertigen, gehe ich in die Kneipe. Was bleibt mir anderes Übrig? - Hier bitte auf die B 184.“
„Selbstverständlich. Man soll der Eifersucht einer Frau nicht allzu viel Bedeutung beimessen, das blockiert uns Männer nur“, sagte ich nachdenklich.
„Das stimmt!“ pflichtete er mir bei, „ich pflege dann einen trinken zu gehen. Eine normale männliche Reaktion. Hier ist ja sonst nichts los.“
„Wie reagiert Ihre Frau Gemahlin, wenn Sie des Morgens etwas bezecht heimkehren?“
„Sie schläft dann.“
„Ist sie dann während des folgenden, gemeinschaftlichen Frühstücks etwas ungehalten oder zumindest ein wenig missgestimmt? - Wir fahren im Augenblick durch Klein Gommern. Empfiehlt es sich, die B 184 weiterhin zu benutzen?“
„Ja. - Wenn ich heim komme, ist alles wieder in Ordnung. Sie entschuldigt sich dann sogar für ihre übertriebene Eifersucht. Sie ist dann sehr ausgeglichen.“
„Irgendwie abstrus, nicht wahr?“
„Wie? Abstrus?“
„Normalerweise bohrt eine Frau herum, wenn sie irgendeinen Verdacht hegt, bis sie diesen bestätigt sieht.“
Wir schwiegen eine Weile, nahmen noch jeder einen Schokoriegel zu uns, und ich setzte den Scheibenwischer im Intervallbetrieb in Gang, weil sich dezenter Nieselregen auf der Frontscheibe auszubreiten begann.
„Wie heißt noch gleich der Ort, durch den wir soeben fahren?“ nahm ich den Gesprächsfaden wieder auf, „ich habe es nicht so genau gesehen, wegen des Regens.“
„Hohenlochau. Wir sind richtig. Wenn sie weiter auf dieser Straße fahren, sind wir gleich in Zerbst, von da ist es nur ein kleines Stück nach Luso.“
„Gibt es in Luso auch eine Kneipe, in die sie gehen können, wenn ihre Frau Gemahlin sie der Untreue bezichtigt?“
„Nein. Ich nehme mir dann ein Taxi nach Zerbst. Das örtliche Taxi ist Nachts das einzige Verkehrsmittel. Ist ein netter Kerl, der hiesige Taxifahrer. Er schaut immer noch mal in der Gaststätte rein, bevor er Feierabend macht und bringt mich vorher nach Hause.“
„In der Tat ein feiner Zug!“ Ich lehnte mich etwas zurück und schaltete den Scheibenwischer auf Dauerbetrieb. „Sauwetter! - Ist eine recht einsame Gegend hier, nicht wahr?“
„Das kann man wohl sagen. Wer hier nachts liegen bleibt, ist verloren. - Hier bitte rechts.“
Ich bog auf eine Art Feldweg ein. Der Regen nahm zu.
„Geht es hier nach Luso? Es scheint mir entgangen zu sein, dass wir uns bereits durch Zerbst bewegt haben.“
„Ja, das geht den meisten so. Das ist hier sehr schlecht ausgeschildert. Aber hier sind wir richtig, gleich sind wir da.“
„Vorzüglich.“
„Ja, aber es kostet viel Geld. - So, was bekommen sie denn jetzt?“
Er gab mir das Fahrgeld und legte noch ein paar Euro drauf, „für einen Kaffee auf der Rückfahrt.“
„Danke schön.“
Ich half dem Mann noch mit seinem Gepäck und fuhr zurück in den nächsten Ort, und da vor das Gasthaus.
Ein Taxi stand dort vor sich hin, ich stellte meines daneben, stieg aus und schloss ab. Als ich mich anschickte, in die Gaststätte zu gehen, sah ich das Päckchen auf der Rückbank des anderen Taxis; - es war halb aufgerissen, von einem Erotikversand, und ein schwarzer Damenslip ragte heraus.
Ich wollte heute schon mal über den Zufall nachdenken und ihn in Verbindung mit dem Verdacht bringen, den ich bei Gerwisch erwähnt hatte. Wenn die Frau meines Fahrgastes ihrerseits einen Liebhaber hatte, brauchte sie nur hin und wieder mal die Eifersüchtige zu geben, ihren Mann damit für eine Weile aus dem Haus treiben, um sich dann in aller Ruhe - zum Beispiel mit dem örtlichen Taxifahrer... Na ja, da kann man schon mal ins Grübeln kommen -, den Mann wollte ich mir mal ansehen.
Der Mann saß am Ende der Theke und hatte einen Kaffeebecher vor sich. Ich schob mich auf den Hocker neben ihn, „Tach auch.“
„Nabend. Hey, ist das Deine Droschke da draußen?“
„Jau.“
„Die Welt ist doch ‘ne Erbse! Wo kommst‘ denn eigentlich her?“
„Lehrte bei Hannover.“
„Hab‘ ich ja noch nie gehört.“
„Geht den meisten so.“
Einen halben Becher Kaffee lang plauderten wir Unverfängliches, bis eine Dame mittleren Alters mit einer großen Tasche rein kam. Sie setzte sich neben den hiesigen Kollegen.
„Nabend Chantal“, sagte der. „Ich hab‘ dein Paket von der Post geholt. Leider ist es etwas aufgegangen...“
„Ja, das passiert öfter auf dem Postweg, manchmal fehlt sogar was. – Egal, müssen wir mit leben.“ Sie kippte den Schnaps, den der Wirt ihr wortlos hingestellt hatte. „Fährst du mich dann mal eben zur Dessous-Party, und holst mich nachher wieder ab?“
„Aber klar doch!“ Der Kollege trank seinen Kaffee mit einem Ruck aus und nahm die große Tasche der Frau auf.
„Eigentlich hasse ich diese Dessous-Partys, aber was willst machen? Irgendwie müssen wir alle sehen, wie wir mit dem Arsch an die Wand kommen. Die Leute begreifen nicht, dass ein blanker Busen reizlos ist. Er muss ein wenig bedeckt sein, um ihn dann frei zu legen wie einen Schatz!“
„Ich weiß“, sagte der Kollege, „und das versuchst Du den Leuten auf den Dessous-Partys klar zu machen?“
„Ja, aber Sie begreifen das nicht. Neulich haben wir eine in einer Privatsauna abgehalten, war ganz nett, aber die Damen haben mir drei Slips geklaut.“ Sie kippte noch einen Schnaps, „zwei habe ich wiedergefunden, ’lagen unter der Bank. So, können wir denn?“
Möglicherweise hatte ich mit meinem Verdacht, dass die Frau meines letzten Fahrgasts ihrerseits einen Liebhaber hatte, ein ganz klein wenig daneben gelegen, aber das Eine muss das Andere ja nicht ausschließen. Möglicherweise war ich da mehr oder weniger zufällig...
„Möchten sie ihrer Frau nicht mal eine hübsche Korsage mitbringen, oder ein paar entzückende Straps? Nur so, als Überraschung. Ich kann ihnen einen Sonderpreis machen.“
Die Frage galt mir.
„Nein, ich hab‘ keine Frau, nur eine Nixe in der Badewanne. Die trägt mit Sicherheit weder Straps noch Korsagen.“
„Wie? Nixe?“
„Der kommt aus Lehrte“, sagte der Kollege.
„Ach so“, meinte die Dame, „dann allerdings!“
Sie gingen beide raus, während ich meinen Kaffeebecher leerte.
Der Himmel schien zwischenzeitlich alle verfügbaren Schleusen geöffnet zu haben, ich war nahezu lückenlos durchnässt als ich wieder im Taxi saß und fluchte, weil mir irgendein Spaßvogel die Antenne für das Funkgerät entwendet hatte. Ich versuchte meinen Boss über das Handy zu erreichen, aber das ging nicht. Funkloch.
Egal. Ich steckte das Handy in die Hemdentasche, schaltete die Funke aus, startete den Motor, ließ die Seitenscheibe etwas herunter und den Scheibenwischer seine Arbeit tun.
Wenden und zurück fahren.
Das Taxi schaukelte über die Kopfsteinstraße. Ganz so desolat wie ich sie jetzt verspürte, hatte ich die Straße nicht in Erinnerung, und als ich nach einer Umleitung, an die ich mich auch nicht entsinnen konnte, unversehens an einem von einer Schranke verriegeltem Bahnübergang stand, bestätigte sich die dumpfe Vermutung, mich geringfügig verfahren zu haben.
So was kommt vor, nicht selten in guten Gruselfilmen, in denen sich Anfangs einer im Regen verirrt, und dann kommt ein Irrer mit einer Kettensäge, sägt sich in das Auto und dem Fahrer zunächst sämtliche Gliedmaßen ab. Nur so zur Einstimmung, bis irgendein Kommissar, der eigentlich kurz vor der Pensionierung steht, den Fall – nachdem sich der eine oder andere Zufall eingemischt hatte, und die eine oder andere Randfigur ebenfalls zersägt worden war – löst.
Ich blieb stehen und schob den Hebel der Automatik auf `Parken´.
Hier zu wenden war ein Ding der Unmöglichkeit -, die Straße war eng, links und rechts Gräben. Meine Gemütslage sackte in den Bereich der Düsternis um mich, in dem in unregelmäßigen Abständen Birken standen.
Die Schranke erweckte einen eingerosteten Eindruck, als wolle sie mich nicht vor einem profanen Zug schützen, sondern vor irgend etwas, das in der Ewigkeit auf mich lauerte.
Nachdem ich eine Weile gestanden und gegrübelt hatte, tasteten sich zwei Scheinwerferpaare nebeneinander durch den Dunst auf der anderen Seite. Etwas ovales war zwischen den Scheinwerferpaaren zu sehen, als sie sich gegenüber kurz zu Boden senkten und zum stehen kamen.
Ein Ford Edsel!
Ich kramte mir eine Zigarette aus der Packung. Auf mir lag das Prasseln des Regens auf dem Dach meines Taxis, es schüttete, als sei direkt über mir eine Wolke geplatzt. In dieses bullernde Trommeln bohrte sich die Fanfare aus Also sprach Zarathustra. Sie kam von drüben, aus dem Edsel, der sich langsam rückwärts in Bewegung setzte und in dem Moment in der Dunkelheit verschwunden war, in dem die Fanfare verklang.
Keine Zeit, um sentimental zu werden, nicht mal Zeit für eine Beruhigungszigarette, ich hatte nicht gesehen, wie sich die Schranken gehoben hatten, aber der Bahnübergang war offen, als ich das Feuerzeug vor meine Zigarette im Mund hielt.
Ich legte die Zigarette vor den Tacho, fuhr an und rumpelte über die Gleise. Der Regen prasselte noch immer nieder, aber an der Kurve, knappe fünfzig Meter weiter, stand der Edsel mit geöffnetem Dach. Bläuliches Licht waberte um ihn, und die schwarzen Haare der Frau am Steuer wehten wie im Fahrtwind.
Ich hielt an. Ein Blick in den Rückspiegel; - die Schranken waren wieder geschlossen.
Die Frau in dem Edsel drehte sich zu mir um, ihre Bluse war weit aufgeknöpft. Sie ließ mich die Rundungen ihrer Brüste sehen, und sie winkte mir zu. Das Taxenschild auf der Windschutzscheibe flammte auf.
Ich rollte an, auch der Edsel setzte sich in Bewegung -, aber nicht wiegend und schwingend, wie ich diesen Oldtimer von einem Treffen in Erinnerung habe, sondern gleitend wie ein Schiff durch ruhige See.
Ich folgte dem Oldtimer, versuchte trotz der zerfahrenen Straße näher heranzukommen, doch der Edsel glitt vor mir her, in immer gleich bleibendem Abstand. Der Regen, der in unverminderter Stärke auf das Dach meines Taxis prasselte, schien vor dem Edsel und seiner Korona zurück zu weichen, die Frau darin fuhr mit wehenden Haaren, ihr rechter Arm ruhte souverän auf der Rückenlehne des Beifahrersitzes.
Ich fuhr hinter ihr her, getrieben, gezogen, folgte ich der Frau in dem St. Elmsfeuer, vor dem die Seeleute zu Zeiten Moby Dicks Angst hatten, sobald es an den Spitzen der Rahen und Masten der Segelschiffe auftrat, wenn die Atmosphäre elektrisch geladen war.
Die Lüftung sog einen undefinierbaren Duft ein, etwas süßlich, etwas herb, ein wenig nach Hanf – wieder ertönte die Fanfare aus Also sprach Zarathustra. Die Frau vor mir, die in dem St. Elmsfeuer, mit den wehenden Haaren und der weit aufgeknöpften Bluse hob den Arm und zeigte in den Himmel, ließ die Hand einen Moment kreisen und deutete nach rechts. Die Bremslichter flammten kurz auf und sie bog während der zweiten Phase der Fanfare ab, auf eine Fernfahrerraststätte.
Sie verschwand zwischen den Sattelschleppern auf dem Parkplatz während die Fanfare verklang.
Stille.
Der Asphalt dampfte, die Trucks glänzten und spiegelten sich in den Pfützen. Aus der Cafeteria wehten Musikfetzen herüber und ein sanfter, warmer Wind streifte mich, nachdem ich das Taxi neben einem anderen geparkt hatte und ausstieg.
Kein Regen mehr. Der Pkw-Parkplatz war leer, bis auf das andere Taxi, das meines hiesigen Kollegen. Gleiche Ausführung, gleiches Baujahr, sogar Taxameter, Funkgerät und Radio waren gleich, und vor dem Tacho lag eine Zigarette.
Die geheimnisvolle Frau hätte in der Cafeteria sitzen müssen, mit halb aufgeknöpfter Bluse, mit blanken Lippen geheimnisvoll lächelnd -, aber an der Theke saß nur der andere Taxifahrer.
„Tach auch“, sagte er, als ich mich zu ihm setzte, „bist Du nochmal wieder da?“
„Tach auch. – Sag‘ mal, wo sind wir denn hier?“
„Raststätte Thessen-Nord. Hast Du Dich vielleicht in geringem Ausmaß verfahren?“
„Scheint so. Aber mir wurde unerwartet Hilfe zuteil. Eine junge Dame in einem Oldtimer-Taxi wies mir den Weg.“
Ich erwartete ein spöttisches Lächeln auf des Kollegen Lippen.
„In einem Edsel-Taxi?“ fragte er.
„Ja. Woher weißt Du das?“
„Es gibt hier die Sage von der Frau, die immer dann erscheint und ihm hilft, wenn ein Mann etwas begonnen, aber noch nicht beendet hat, was für die Menschheit wichtig ist. Sie erscheint immer in der Struktur, der der wahren Berufung des Mannes entspricht.“
Normalerweise hätte ich ihm geantwortet, dass alles, was ein richtiger Mann tut, für die Menschheit wichtig ist, aber aus der Situation heraus fiel mir nichts von Bedeutung ein, was ich begonnen, aber noch nicht beendet hatte.
„Normalerweise trinke ich die Flasche auch aus, die ich aufgemacht habe. Hab’ kürzlich angefangen, meinen Kollegen am Taxenplatz einen Witz zu erzählen“, sagte ich, „mit zahlreichen toten Pferden, aber dann hab’ ich eine Fahrt gekriegt. Hab’ ihn noch nicht ganz zuende erzählen können.“
„Ist das der, wo das Schiff mit hundert Mann Besatzung im Hafen liegt, und sie alle an Land gehen und um Mitternacht wieder an Bord sein wollen“, fragte der Kollege, „dann war da aber kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk, und dann fiel das Pferd auf einmal tot um?“
„Genau der!“
„Den kenn’ ich. Immer wenn Du anfängst, den zu erzählen, kriegst Du eine Fahrt.“
„Wie?“
„Pass’ auf, jetzt erzähl ich ihn Dir: Du musst wissen, dass ich aus Rostock komme, der bekannten Hafenstadt! Also, da ist ein Schiff in besagtem Hafen, mit hundert Mann Besatzung, und der Kapitän natürlich. Die Seeleute wollen auf jeden Fall alle mal an Land, einen trinken.
„Gut“, sagt der Kapitän, „aber Ihr müsst um Punkt zwölf wieder an Bord sein, damit wir auslaufen können!“
„Klar, Käpt’n, wir sind alle rechtzeitig an Bord!“ – „Natürlich Käpt’n!“ – „Aber sicher Käpt’n...“, Na ja, Du kennst ja diese Sprüche, und alle gehen sie an Land, sich amüsieren.
Na gut. Es wird zwölf, es wird halb eins, da kommt der erste angerannt:
„Kapitän, Kapitän, nicht böse sein! Ich saß da in einer Bar, und um halb zwölf - großes Ehrenwort - fällt mir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!‘ Ich also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Ich also rein und sag‘ dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben. Das tat er dann auch, aber da fiel das Pferd auf einmal tot um. Da musste ich zu Fuß gehen.“
„Na ja“, sagt der Kapitän, aber da kommt auch schon der zweite:
„Kapitän, Kapitän, nicht böse sein!“
Des Kollegen Handy begann ‘Auf, auf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd’ zu jingeln, zeitgleich meldete sich das meine mit dem klassischen Riff aus: ‘I can get no Satisfaction’, Schorse hatte es mal programmiert, ich weiß nicht, wie er es hingekriegt hat. Mein Boss wollte wissen, warum ich mich denn so lange nicht gemeldet hatte. Ich erzählte ihm das Ding mit der Antenne und dem Funkloch und versprach, in eineinhalb Stunden wieder in Lehrte einzulaufen.
„Dann will ich mal wieder“, sagte ich, „’hab grad‘ eine Fahrt bekommen. – Ich wünsche Dir viele nette Fahrgäste.“
„Ja, Dir auch! - Hat funktioniert, nicht wahr?“
„In der Tat! - Dank’ Dir. Mögen die Straßen vor Dir frei und eben sein!“
„Nix zu danken. - Vor Dir auch.“
Ich legte ein Geldstück neben meinen geleerten Kaffeebecher und ging raus. Auf der Rückfahrt erwischte ich eine Bluessendung im Radio, machte den Bleifuß und wälzte mich bis zu den Ellenbogen in Sentimentalität; - bis zur Abfahrt Lehrte-Ost. Als ich die Autobahn verließ, meldete sich das Handy.
„Fahr‘ doch bitte mal eben zur Pumpe, der Mann ist jetzt soweit.“ Mein Boss am Handy.
„Okay, Pumpe“, bestätigte ich und rollte diese an. Keule saß an der Theke. „Warum hat das denn solange gedauert?“ wollte er wissen, „ich hab‘ schon vor einer Viertelstunde angerufen. Dein Chef hat zehn Minuten gesagt.“
„Ich komme gerade aus Thessen-Nord, hab‘ mich ein ganz klein wenig verschätzt. - Können wir denn?“
„Eben noch austrinken.“ Keule hatte noch ein halbvolles Glas Bier vor sich, „dauert nur noch fünf Minuten.“
Ich wartete zehn Minuten und trank einen von der Wirtin spendierten Kaffee. Keule war erheblich bezecht, ich half ihm in den Wagen.
„Nach Hause?“ fragte ich.
„Äh nö! Wir fahren zur Bierschwemme. Hier ist ja nix los. Alles Weicheier hier. Ich such’ mir da den stärksten raus und schlag’ den zusammen, ich brauch das mal wieder.“
„Na ja, wenn es denn sein muss.“
Ich brachte Keule zur Bierschwemme.
Frei melden und zum Bahnhof.
Ich parkte mich ein und resümierte den Witz mit den toten Pferden noch Mal, um nicht gänzlich unvorbereitet fortzufahren. War wieder Mal alles umsonst, mein Boss beorderte mich erneut zur Bierschwemme.
Keule lag da. Sein Vorhaben war ihm nicht so ganz geglückt. Der Wirt der Bierschwemme sah es nicht sonderlich gerne, wenn sich in seinem Lokal geprügelt wird, und da hatte er mal schnell und zielgenau zugelangt.
Traf Keule etwas überraschend, die Aktion, aber so was passiert schon mal, zumal er an langsam wachsende Pflanzen gewöhnt war. Der Wirt legte mir nahe, ihn nach Hause zu bringen. Keule hatte kaum Schäden davon getragen, aber als wir bei ihm Zuhause angekommen waren, mochte er nicht aussteigen und erzählte mir Bemerkenswertes von dem Rasierwasser, das sein Bruder benutzt, und wie ihm kürzlich eine halbe Flasche davon ausgelaufen war.
Ich wollte gerade die Frage stellen, wieso das Leben des Mahâtma Gandhi verfilmt worden ist, wenn es doch derart interessante Stoffe gibt, als sich des Hauses Tür auftat und eine Frau in semitransparentem Nachthemd erschien.
„Kommst du nun, oder was?“
Keule drückte mir hastig einen Geldschein in die Hand, stürzte sich aus dem Taxi und ins Haus.
Ich schrieb die Fahrt auf, meldete mich wieder frei, rollte den Taxenstand an und parkte hinter dem `Proleten-Karl´ ein.
„Hast aber lange gebraucht, nach Zerbst!“ sagte der. „Das sind doch nur 180 Kilometer, dafür brauche ich nicht mehr als dreieinhalb Stunden hin und zurück.“
„Tatsächlich?“ Ich zündete mir eine Zigarette an, `Bleifuß-Bertram´ kam entlang.
„Schön, dass Du wieder da bist. Ich glaube, wir waren bei dem sechzigsten Seemann stehen geblieben. Wie war seine Ausrede?“
„Ah, ja. Der sechzigste...“
„Bist Du über Magdeburg gefahren?“ fragte `Proleten-Karl´.
„Ja, bei Burg von der A 2, und dann Richtung Dessau.“
„Bist Du denn blöd? Du musst bei Irxleben von der Autobahn und dann durch Magdeburg!“
„Und dann über Gommern. Da brauchst Du alleine eineinhalb Stunden bei den Straßen...", sagte `Bleifuß-Bertram´.
„Normalerweise ja“, sagte der `Proleten-Karl´, „aber der braucht doch mindestens drei, so langsam wie der fährt!“
„Ach, mir drängt sich bei der Gelegenheit noch eine Frage auf“, ich wandte mich an `Bleifuß-Bertram´, „ich habe in Magdeburg einen Notarztwagen überholt, der unter Blaulicht fuhr; - darf man das eigentlich?“
„Was?“
„Einen Notarztwagen, der unter Blaulicht fährt, überholen?“
„Warum nicht?“ meinte der `Bleifuß-Bertram´ trocken wie ein Keks aus Mürbeteig. `Proleten-Karl´ begann wieder mit seiner Hand vor den Augen rumzufuchteln und mich über die Straßenverkehrsordnung zu belehren.
Ich setzte mich ins Taxi, stellte den Klassiksender ein, und lauschte einem Oboenkonzert. Irgendwann parkte Rainer auch ein. Er hatte eine neue Antenne mit und schraubte sie mir gleich an.
„Guten Morgen“, sagte er, „unser Chef hat gesagt, Du kannst Feierabend machen.“
„Das hört sich doch schon mal gut an. Da wünsche ich Dir doch auch schon mal einen schönen Feierabend.“
„Hey“, der `Bleifuß-Bertram´ kam zu mir, „Du wolltest doch noch den Witz zu Ende erzählen!“
„Der erzählt ja doch nur Blödsinn! Einen Notarztwagen überholen, der unter Blaulicht fährt“, mischte sich der `Proleten-Karl´ wieder ein, „der muss sich mal um bessere Ortskenntnis bemühen.“
„Ich fang‘ Morgen damit an, gleich nachdem ich den Witz mit den toten Pferden zuende erzählt haben werde. Einen schönen Feierabend allerseits.“
Ich legte die CD mit der Zarathustra-Fanfare ein, drehte auf und rollte langsam vom Taxenplatz, gen Heimat.

Am nächsten Morgen fuhr ich voller Zuversicht und positiv motiviert zum Taxistand am Bahnhof. War noch nichts los, ich ging die Kollegen begrüßen. Die waren alle wieder da - auch Doris stand mit in der Schlange - und der `Bleifuß-Bertram´ wollte wissen, wie denn die Geschichte mit den Seeleuten ausgegangen wäre.
`Proleten-Karl´ machte seine übliche Handbewegung und verzog sich in sein Taxi. Doris erzählte mir, dass sie die Schicht mit Rainer getauscht hatte und wollte wissen, worum es überhaupt ging.
„Ich erzähl’ dir den Anfang später“, sagte ich, „bei welchem waren wir?“
„Weiß ich nicht mehr“, meinte `Bleifuß-Bertram´, „was war denn nun mit dem letzten Seemann?“
Ich zündete mir eine Zigarette an und erzählte:
„Ich erzähl jetzt das Ding von dem letzten Seemann: Also, pass‘ auf!“ sagt der Kapitän, „ich kenn‘ deine Geschichte! Du hast da in einem Amüsierlokal gesessen, und um halb zwölf - großes Ehrenwort - fällt dir ein: ‚Mensch, ich hab‘ doch dem Kapitän versprochen um zwölf an Bord zu sein!“
„Ja“, sagt der Mann, „das stimmt.“
„Gut“, sagt der Kapitän, „du also raus, aber da war kein Taxi zu sehen, nur ein Pferdefuhrwerk. Du also rein und sagst dem Kutscher, er soll das Pferd ein Bisschen antreiben, was er dann auch tat.“
Der Mann ist ganz verblüfft: „Ja, das stimmt auch. Genauso war’s!“
„Hähä!“ fährt der Kapitän fort, „aber da fiel das Pferd auf einmal tot um!“
„Nee“, sagt der Mann, „wir kamen da an die Sielwallkreuzung, aber da lagen 99 tote Pferde. Da kam keiner mehr durch, da musste ich zu Fuß gehen...“
Die Begeisterung hielt sich in Grenzen und der `Bleifuß-Bertram´ erzählte einen aus der Kategorie ‘Bescheidener Humor aus der Provinz’:
„Da steigt einer ein ins Taxi und sagt zum Fahrer: „Nun fahr los mit Deiner Mistkarre!“
„Gerne“, sagt der Taxifahrer, „wenn Sie mir sagen, wo ich den Mist abladen soll!“.“
Den fanden sie lustig, wir rückten langsam auf, bis ich auf der Pole-Position stand, wurden noch einige Heiterkeiten dieses Genres erzählt.

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