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Leselupe.de > Kurzgeschichten
ALLE MEINE...
Eingestellt am 13. 11. 2000 20:59


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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Alle meine...

Die Sitzpolsterung war viel zu staubig und viel zu grau. Der Boden dreckig, nass und von Schlieren bedeckt. Wenn man mit der flachen Hand auf die Sitzfläche klopfte, trieb es eine beachtliche Staubwolke in die Höhe.


Mit müden Augen saß ich dort und beobachtete die anderen. Mir war kalt, es war schließlich auch schon Anfang November und die winzige Sitzheizung strahlte nur mühsam ein paar lächerliche Plusgrade von sich. Mir gegenüber saß ein Mann, dem genauso kalt zu sein schien wie mir. Seine traurigen Augen blickten müde zu Boden - Blick, Kopf und Schultern gesenkt. Die ganze Haltung gesenkt. In meinem Kopf ratterte das kleine Werkelchen, das ihn einordnete und seine Geschichte erfand: Vater und Mutter bei Geburt gestorben, bei Oma aufgewachsen, immer die hässlichen Klamotten von vor 20 Jahren vor seiner Geburt getragen, in der Schule ausgelacht, keine Frau, ausgelacht im Job, noch immer grässlich angezogen, Punkt. Sollte mal eine Geschichte über so eine verkrachte Existenz schreiben.


Partypeople in the place to be! Wer rockt hier? Ach, den heutigen Tag mag ich jetzt schon - Ich merk’s, es wird ein absolut phänomenaler Tag und auch Abend! Geil! Echt geil! Der gegenüber von mir hat wohl auch die halbe Nacht durchgesoffen, so wie ich. Bei den Ringen unter den Augen! War aber eine echt nette Party gestern: Freies Bier, freier Tequila, freier Wodka, und freier Whiskey. Die Frauen waren zwar billig, aber was soll’s und wen stört’s? Ist eh egal, Hauptsache Spass. Außerdem seh’ ich heute nicht gut aus? Yeah, Baby! Alle sehen mich an! Die anderen Männer beneiden mich und sieh’ dir die Blicke der Schätzchen an! Ich bin heiß und alle merken es; unter mir brennt der Sitz. I’m burning, Baby, yeah!

Ängstlich senkte er den Blick als er einstieg. Er wusste alle Augen auf sich gerichtet und traute sich nicht aufzusehen, niemals. Ein hämisches Grinsen sah er aus den Augenwinkeln, einen amüsierten Blick spürte er im Nacken. Fast unbemerkt kontrollierte er den Sitz seiner Kleidung, um zu sehen ob diese der Grund des Amüsements der anderen war. „Nein", dachte er, „dieser Kerl da drüben lacht über etwas anderes an mir." Er grübelte angestrengt nach, war aber viel zu aufgeregt und eingeschüchtert, weil alle auf ihn starrten und wurde rot. „Nur nichts Falsches tun, jetzt, sonst werden gleich alle lauthals herausprusten. Auch die, die mich noch nicht gesehen haben werden lachen, da bin ich mir ganz sicher.", murmelte er im Geist und ließ sich in den Sitz sinken und verkroch sich darin. Sank unter die Lehne und starrte angestrengt zu Boden und all die hämischen Blicke glitten weiter über seinen Körper.


Der junge Mann - nennen wir ihn mal Ché, obwohl er gar nicht so heißt, aber weil es eben zu seinem Naturell, seiner Natur passt - spuckte auf den Boden aus. Das tut zwar an sich nichts zur Sache, da es tausende Menschen an tausenden Orten genauso wie Ché machen und zwar tausendmal, lässt ihn aber wie James Dean oder den jungen Marlon Brando wirken. Zwar ohne Lederjacke, aber mindestens genauso rebellisch und mürrisch auf die Welt. Schließlich waren alle hirnlose Sklaven da drinnen. Ohne Sinn und Verstand dahinvegetierende Idioten, die nie Wahrheit suchten, sondern nur Ignoranz und Einfachheit und Einfältigkeit. Alle ohne den Geist Chés geboren, ohne die Klarheit im Geist, im Sehen, im Verstehen. Allen überlegen und sich darüber bewusst, auch wenn’s keiner jemals erfahren sollte, weil alle viel zu ignorant waren und er ewig ein Rebell sein sollte, war Ché stolz auf sich. Und mit genau diesem Stolz in den Gesichtszügen trat er majestätisch und hoch erhobenen Hauptes ein.


Fazit: Sitze in öffentlichen Bussen werden nie gereinigt und deshalb stauben sie fürchterlich. Punkt zwei: In einem Bus fahren die verschiedensten Persönlichkeiten mit. Punkt drei und Abschluss: Ich bin ein Bus.


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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Die einzelnen Innenleben sind wirklich sehr schön herausgearbeitet, nur finde ich es schade, daß du von der Ich-Perspektive des Schreiberlings und des Partygirls bei den beiden anderen abweichst. Klar, bei Ché müßte man sich was einfallen lassen, da er ja offensichtlich nicht so heißt, aber das hättest du sicher geschafft.

Ein dickes Minus beschert aber das Fazit. Was soll das? Wolltest du einen Rahmen basteln? Wenn ja, ist das miĂźlungen. Wenn nein, kapiere ich es einfach nicht.

Vertrau mal auf deine Fähigkeiten und deinen Lesern was zu, etwa, sich selbst ein Fazit zu basteln. Und der Satz "Ich bin ein Bus" ist absolut blöd.
__________________
Andrea Rohmert

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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
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Danke fĂĽr die Antwort!

Die letzten zwei Sätze sollte man nicht wörtlich nehmen, sie sind ein Wortspiel. (Letzten Satz bitte nicht isoliert lesen; hat nur zusammen mit den vorletzten Sinn.)

Beim Schreiben des Fazits habe ich mir durchaus Gadanken über das, was ich sagen wollte, gemacht, genauso wie beim Schluss (soviel also zu "absolut blöd", das ich als Form der Äußerung von Kritik nicht näher kommentieren möchte). Es kann aber sein, dass der Text dabei etwas zu undurchsichtig und komplex für andere wurde.

Wie siehts aus, kann sich irgendwer da drauĂźen einen Reim auf das Geschriebene machen? Ich wĂĽrde mich ĂĽber Antworten sehr freuen!

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Fein. Du bist also eine multiple Persönlichkeit?

Die Aussage "ist absolut blöd" könnte dann ja eine deiner Persönlichkeit als Meinung und weniger als Kritik auffassen.

Nein, im Ernst: Abgesehen davon, daß in deinem Fazit Punkt 1 fehlt, ist mir diese Satzreihung einfach zu plakativ. Hättest du besser deinem Ich vom Anfang wieder in den Kopf gesteckt oder zusammen mit dem Persönlichkeitssatz zur Klammer des Textes gemacht.
__________________
Andrea Rohmert

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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Wenn ich "ich" schreibe, ist's dann gleich eine Autobiographie?

Aber trotzdem, danke fĂĽr die Anregung; werd' nochmal ĂĽber die Struktur des Textes nachdenken.

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