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Leselupe.de > Humor und Satire
Abbey Road
Eingestellt am 26. 03. 2007 22:51


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Raniero
Textablader
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Abbey Road

Ich hatte die elektrische Gitarre angelegt und schlug ein paar Akkorde.
Seit einigen Tagen beschĂ€ftigte ich mich damit, ein MusikstĂŒck, einen song im Original nachzuspielen. Vor lĂ€ngerer Zeit hatte ich bereits versucht, dieses StĂŒck einzustudieren, aber sehr schnell warf ich enttĂ€uscht das Handtuch.
Einen song, eines der ganz großen Lieder einer ganz großen noch heute aktiven Rockband:
‚Honky Tonk Woman‘ von den Rolling Stones.
Um ein wenig in Bewegung zu bleiben, schritt ich wĂ€hrend der Übungen mit der
E-Gitarre durch den Raum, einer Art kleines Musikstudio, das Kabel hinter mir herziehend.
Das kleine Musikstudio diente gleichzeitig als GĂ€stezimmer; ein Mehrzweckraum.
Eine Couch zum Ausruhen gehörte ebenso dazu wie einige Wandregale
und -schrĂ€nke fĂŒr Noten und Musikliteratur; an der Wand ein großes Poster mit einer weltberĂŒhmten Photographie:
Das sogenannte Abbey Road Photo.
Diese Photographie, aufgenommen in den sechziger Jahren in London, zeigt alle vier Mitglieder der Beatles, wie sie im Begriff sind, einen Zebrastreifen zu ĂŒberqueren; einen Zebrastreifen an der Abbey Road.
Als ersten sieht man auf dem Poster den 1980 ermordeten John Lennon, oftmals als der Kopf der Beatles bezeichnet, gefolgt von Ringo Starr, dem Schlagzeuger. Diesem folgt als dritter Paul Mc Cartney, das geistige und kĂŒnstlerische Pendent zu John Lennon. Als letzten sehen wir George Harrison, den Leadgitarrist der Beatles, fĂŒr lange Zeit musikalisch unterschĂ€tzt und leider auch viel zu frĂŒh verstorben.
Eine Eigenart, um die sich seit eh und je GerĂŒchte ranken, kennzeichnet darĂŒber hinaus noch dieses berĂŒhmte Photo; wĂ€hrend John Lennon, Ringo Starr und George Harrison Schuhe an den FĂŒĂŸen tragen, schreitet Paul Mc Cartney barfuss ĂŒber den Zebrastreifen.
WĂ€hrend ich so weiter auf meine Gitarre einschlug und an ihr herumzerrte, um ein wenig den wilden originĂ€ren Klang des Stones hits zu imitieren, wurde ich von einer merkwĂŒrdigen Unruhe erfasst.
Irgend etwas Drohendes, Irreales lag in der Luft. Ich versuchte, mich abzulenken und beschĂ€ftigte mich weiter mit meinen SpielĂŒbungen.
Plötzlich wurde ich durch ein GerÀusch im Raum aufgeschreckt, eine Art knarrender Ton.
Erschreckt sah ich mich um; kam das GerÀusch aus diesem Zimmer?
Ich wollte mich wieder der Gitarre widmen, als mir der Atem stockte!
Ich schaute zum Abbey Road Poster hinĂŒber.
Alle vier Beatles starrten mich an, empört.
Normalerweise sind auf der Photographie nur die Konterfeis der Bandmitglieder zu sehen, doch nun blickten sie mir ins Gesicht, alle vier.
Ich erstarrte zur SalzsÀule.
Was war geschehen? Was hatte ich getan?
Mein Schrecken steigerte sich ins Unermessliche, als ich bemerkte, dass sich der erste Beatle auf dem Photo bewegte; langsam und gelassen trat John Lennon aus dem Poster heraus, auf mich zu.
„Mann, ich bin ja schon lange tot. Aber was du hier spielst, ist mehr als tot. Du wagst es, hier vor uns ein Lied unserer grĂ¶ĂŸten Konkurrenz zu spielen. Einen song von Mick und Co?“
Ich erholte mich ein wenig von meinem Schrecken und flĂŒsterte.
„Es tut mir leid, John. Es war unbedacht von mir, vollkommen unbedacht“.
Um ihn ein wenig versöhnlicher zu stimmen, zupfte ich die ersten Akkorde von „Imagine“.
„Lass das!“, herrschte John mich an, „das kann ich nicht mehr hören“.
„Aber John“, sagte ich kleinlaut, „das war doch dein Lied. Das grĂ¶ĂŸte Lied, was du jemals geschaffen hast, und zwar du ganz allein“.
John blickte mich dĂŒster an und schwieg.
Ich nahm all meinen Mut zusammen:
„John, wo bist du jetzt, drĂŒben? Bist du im....?“ Ich wage es nicht auszusprechen und zeige mit dem Finger nach oben.
„Du meinst im heaven?“ lachte John spöttisch, „nein, mein Freund, weißt du, wo ich bin? Ich bin im tiefsten Kreis des LĂ€uterungsberges, ihr nennt das, glaube ich, Fegefeuer. Fegefeuer, was fĂŒr ein komischer Ausdruck“.
„Du bist im Fegefeuer, John, ich meine im LĂ€uterungsberg. Nicht in der ...?“ ich wagte das, was ich fragen wollte, erst recht nicht auszusprechen.
John Lennon lacht breit.

„Du meinst in the hell? Nein, da bin ich nicht, in der Hölle. Da sind ganz andere Typen drin. Die meisten von denen, die in der Hölle sind, waren frĂŒher Politiker. Aber da, wo ich zur Zeit bin, ist es auch nicht gerade angenehm. Aber ich habe praktisch keine Möglichkeit, nach oben aufzusteigen“.
„Warum nicht, John“, fragte ich entsetzt, „meinst du nicht, dass du in einiger Zeit, sagen wir mal, so in ein-zweitausend Jahren, höher rĂŒcken könntest?“
„Hey, Mann“, bekomme ich zur Antwort, „wenn ich wollte, könnte ich sofort nach oben, sogar nach ganz oben. Sie warten schon alle auf mich, außer dem großen Vorsitzenden, weil da oben Langeweile herrscht, ohne mich, pure Langeweile“.
„Und woran scheitert es, dass du nicht in den heaven kommst?“
„Das ist einfach erklĂ€rt. Dann mĂŒsste ich das Lied, das du eben angespielt hast, vergessen, oder mindestens komplett Ă€ndern, im Text“.
‚Imagine, there“s no heaven...‘., das hören die da oben nicht gerade gern, und auch nicht ‚and no religion, too.‘ Aber ich will und werde den Song nicht umschreiben,
verdammt“.
John wendet sich ab, entrĂŒstet, und tritt einen Schritt zur Seite.

Erneut hörte ich das knarrende GerÀusch.
Als ich zum Poster schaute, sah ich gerade noch, wie George Harrison aus dem Rahmen stieg.
Auch ertrat auf mich zu und blickte mir in die Augen.
„Ich bin auch gestorben. Ich bin zwar noch nicht so lange tot wie John, aber immerhin, ein paar Jahre ist es auch schon her“.
Ich fragte George mit bebender Stimme.
„Und wo bist du jetzt, George ? In der NĂ€he von John ? Oder bist du vielleicht im heaven?“
„Da war ich kurz“, antwortet er, „aber dann haben sie mich da rausgeschmissen. Derzeit bin ich auch im LĂ€uterungsberg, wie John, nur zwei Etagen höher“.
„Du warst im heaven“, fragte ich bestĂŒrzt, „und sie haben dich daraus geschmissen? Warum nur, George, warum?“
„Ja, weißt du, ich habe da oben einen Song gespielt, ein kleines Lied nur. Allen hat es gefallen, nur der große Chef wurde sauer; und dem mussten sich alle schließlich fĂŒgen. Zum Schluss waren die anderen auch sauer“.
„Was war das fĂŒr ein Lied, das du im heaven vorgetragen hast?“
„My sweet Lord, natĂŒrlich, Mann!“
Auch George wandte sich ab, erbost.

Gleichzeitig mit dem nÀchsten knarrenden GerÀusch blickte ich zum Poster.
Ringo Starr verließ den Rahmen.
„Hello, boy, ich lebe noch. Aber ich habe trotzdem immerfort Kontakt mit John und George, in Form von spiritistischen Sitzungen. Sie streiten sich beide, George und John, ĂŒber meine Zukunft“.
„Sie streiten sich ĂŒber deine Zukunft, Ringo?“
„Meine Zukunft im Jenseits, boy, in den ewigen JagdgrĂŒnden. John sagt, da ich fast kein einziges Lied geschrieben habe, in der Beatle-Ära bin ich auch nicht vorbelastet, nicht versaut genug; deshalb gĂ€be ich fĂŒr ihn ein lupenreines Engelchen ab. George glaubt jedoch, dass ich damals ein ziemlich schlechter Schlagzeuger war. Er meint ich sollte lieber noch eine Zeitlang ĂŒben, im Fegefeuer. Dabei ĂŒbe ich tĂ€glich, hier, auf Erden, um mich zu verbessern“.
Ringo tat einen Schritt auf George zu und schaute ihn böse an, bitterböse.

Als letzter sprang, das knarrende GerÀusch war noch nicht ganz verklungen, Paul Mc Cartney aus dem Poster.
„Hello, wie geht’s, mein Herr, hat John dich schon ordentlich
zusammengestaucht? Da hast du eine TodsĂŒnde begangen, mit dem Honky Tonky!“ grinst Paul mich an.
„Er hat mich zusammengestaucht, und wie, Paul“, musste ich zugeben, „ich gelobe Besserung“.
„Ja, weißt du, ich bin schon sehr lange im Jenseits, viel lĂ€nger noch als John, deswegen bin ich froh, dass ich so ab und zu mal Kontakt mit dem Diesseits bekomme, auf diese Weise“.
„Du bist schon lange tot, Paul?“ fragte ich erschĂŒttert, „aber wie ist das möglich, ich habe dich doch erst kĂŒrzlich bei MTV gesehen, life!“
„Das war mein Double. Du weißt doch, seit der Sache mit dem Abbey Road Photo lass ich mich immer doubeln“.
„Und wo befindest du dich, drĂŒben, oben oder unten?“ zeigte ich in die entsprechenden Richtungen.
„Ich bin auch im Fegefeuer. Sozusagen auf dem Treppenabsatz zwischen John und George, doch die beiden wissen gar nicht, dass ich da bin“.
„Und was ist dein problem, Paul? Was hindert dich, in den heaven zu kommen?“
„Oh, die ErklĂ€rung ist einfach. Man wirft mir vor, dass ich zu oft im Fernsehen zu sehen bin, im deutschen Fernsehen!“
„Im deutschen Fernsehen, Paul?“ rief ich erstaunt aus.
„Ja, bei Gottschalk, Mensch, bei Wetten dass“.

Ein knarrendes GerÀusch weckte mich.
Es war die TĂŒr. Meine bessere HĂ€lfte betrat das Studio.
„Jetzt schlĂ€fst du schon beim Gitarrespielen ein“, lachte sie.
Ich blickte vorsichtig in die Richtung des Wandposters.
Alles wie immer, das Photo stand vor meinen Augen, unverÀndert, wie all die Jahre.
Selbst Paul Mc Cartney hatte noch immer keine Schuhe an.

Ich werde nie mehr ein Lied von den Rolling Stones spielen, zumindest nicht in diesem Raum.

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