Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
392 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Aber Glauben?
Eingestellt am 28. 01. 2009 17:24


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Catweazle
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2007

Werke: 12
Kommentare: 27
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Catweazle eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Aber Glauben?

├ärgerlich zog Paul sich die Ringe von den Fingern. Dann griff er sich an den Hals und versuchte den Knoten des Lederhalsbandes zu ├Âffnen. Als es ihm nicht gelang, riss er kurz daran und schmiss die Kette samt Anh├Ąnger auf das Bett. Mit zwei schnellen Schritten war er am Fenster, ├Âffnete es und atmete tief ein.
Er wollte mit dem ganzen Kram nichts mehr zu tun haben. Schutzamulette zum Chakrenausgleich, Ringe gegen schlechte Energien! Er fuhr mit der Hand in die Tasche. Heilsteine f├╝r neue Kraft und eine st├Ąrkere Libido! W├╝tend warf er den Bergkristall zu dem Schmuck aufs Bett. Er hatte den ganzen Kram satt.
ÔÇ×Alles AberglaubeÔÇť, dachte er. Es war h├Âchste Zeit gewesen, dass er sich mal frei machte von alledem. Frei machen von Glaubenss├Ątzen, einengenden Vorstellungen und dem ganzen Beziehungskram.
Warum musste Sigrid auch ausgerechnet mit dem Yogalehrer fremdgehen? Ihrem ÔÇ×spirituellen MeisterÔÇť!
ÔÇ×Der ist wahrscheinlich beweglicher, als ichÔÇť, seufzte Paul. Die Schwingungen zwischen ihnen w├Ąren so richtig gewesen, hatte sie gesagt. Er schnaubte. Das konnte er sich vorstellen. Schwingungen!
Paul besah sich im Spiegel. Auch Vollkorn machte dick, dass musste er sich eingestehen. Er zog den Bauch ein. Es n├╝tzte nichts. Er w├╝rde sich einfach mehr bewegen m├╝ssen. Und aufh├Âren zu rauchen.
Er wischte die Gedanken bei Seite. Jetzt war er am Meer und wollte das auch genie├čen. Ein langer Spaziergang am Strand w├╝rde ihm und seiner Figur gut tun.
Kurz darauf betrat Paul die Kneipe.
Fr├Âstelnd schritt er durch den Raum und setzte sich an die Theke. An der Wand hinter ihm hingen Bilder von Seemannsknoten, gegen├╝ber ein altes und unglaublich gro├čes Holzsteuerrad, in dessen Mitte ein Spiegel eingesetzt worden war. Paul bestellte ein gro├čes Bier und einen hei├čen Tee, um sich aufzuw├Ąrmen.
Drau├čen tr├Âpfelten der erste Regen des aufkommenden Sturms gegen die Scheiben, als sein Blick auf die Vitrine am anderen Ende der Theke fiel. Tote Vogelaugen starrten ihn an. Ein gutes Dutzend ausgestopfter M├Âwen standen dort hinter Glas und beobachteten die G├Ąste beim Trinken.
Paul l├Ąchelte ├╝ber den ganzen Kitsch und f├╝hlte sich wohl. Alles war so bodenst├Ąndig.
Nach einem gro├čen Schluck Bier holte er sich eine frische Packung Zigaretten aus der Innentasche. Da er kein Feuer dabei hatte, zog er eine Kerze zu sich heran und z├╝ndete die Zigarette an der Flamme an.
"Bei jeder Zigarette, die Sie an einer Kerze entz├╝nden, stirbt ein Seemann!"
Mit diesen Worten schob sie Paul eine Schachtel Streichh├Âlzer hin├╝ber. Die Frau wuchtete ihren K├Ârper auf den Barhocker und l├Âste mit einer Handbewegung den Gummi aus ihrem Haar. Mit einem Kopfsch├╝tteln fielen die rotbraunen Locken bis auf ihre Schultern.
Paul lachte verlegen. Die Frau war ihm direkt unsympathisch.
"Auch das noch", dachte er. "Da fl├╝chte ich aus der Stadt, um mich am Meer von allem zu erholen und meine Freiheit zu genie├čen, und dann so was. Eine neue Frau, neue Regeln. Von wegen."
Er l├Ąchelte sie etwas gek├╝nstelt an.
"Das ist wohl so ein Aberglauben hier, oder? Ein Seemannsgarn, oder wie hei├čt das?"
"Wenn Sie meinen." Sie l├Ąchelte ihn an.
Paul wandte sich wieder seinem Buch zu und signalisierte damit, dass f├╝r ihn die Unterhaltung beendet sei.
"Wissen Sie", fuhr sie unbek├╝mmert fort, "hier gibt es viele Witwen."
Sie schwieg einen Moment lang, um die Worte sacken zu lassen. Offensichtlich erwartete sie, dass er sie auf ein Bier einlud. Oder sogar den Abend mit ihr verbrachte.
ÔÇ×Ich bin auch alleine, seitdem mein Mann auf dem Meer geblieben ist.ÔÇť In ihrer Stimme schwang eine gewisse Sehnsucht mit, als sie vertr├Ąumt zu ihm her├╝ber sah.
Paul grunzte kurz, gab noch vor, ein paar Zeilen zu lesen und z├╝ndete sich dann erneut eine Zigarette an. An der Kerze.
W├╝tend stand sie auf und ging.

Als Paul am n├Ąchsten Morgen den Fr├╝hst├╝cksraum seiner Pension betrat, war ihm schlecht. Er hatte die halbe Nacht in der Kneipe verbracht und getrunken. Er zog das P├Ąckchen Zigaretten hervor.
"Schnell eine rauchen", murmelte er und ging durch auf die Terrasse. Von der frischen Luft musste er husten. Ein Blick in die Packung offenbarte ihm, dass er das ganze P├Ąckchen verqualmt hatte.
"Und alle zwanzig Kippen hab ich an der Kerze angemacht", dachte er boshaft, als er sich an die dicke Frau erinnerte. ÔÇ×Bl├Âder Aberglaube.ÔÇť
Seine Pensionswirtin trat zu ihm.
"Haben Sie es schon geh├Ârt?", fragte sie mit Grabesstimme.
"Nein." Er zuckte kurz die Schultern. ÔÇ×Was denn?ÔÇť
"Heute Nacht ist vor unserer K├╝ste ein Schiff gesunken."
Ihm wurde schlecht. Doch sie fuhr fort.
"Zwanzig Seeleute fanden im Sturm den Tod."
Paul war der Appetit vergangen. Auf seinem Zimmer setzte er sich aufs Bett und zog sich die Ringe auf die Finger.
Er hatte ein verdammt schlechtes Gewissen.

Version vom 28. 01. 2009 17:24

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


4 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!