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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Abgelaufen
Eingestellt am 29. 07. 2011 17:16


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Alice Charlotte
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2011

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Abgelaufen


Sie war vielleicht ein bisschen zu sp├Ąt gekommen. Vielleicht hatte es an dem Bus gelegen. Sie fuhr immer Fahrrad.
Vielleicht hatte es an dem Regen gelegen. Den hatte sie noch nie ausstehen k├Ânnen.
Als sie ankam, war die Wohnung leer. Ein paar Minuten fr├╝her und dann, dachte sie.
Die K├╝che sah genauso sauber und aufger├Ąumt aus wie immer.
Langsam strich sie mit dem Finger ├╝ber den kleinen, roten Tisch an der Wand. Ein kleiner Brotkr├╝mel blieb an ihrem Finger kleben. Sie leckte ihn ab.
K├╝mmelbrot.
Im Flur das gleiche. Alles ordentlich einger├Ąumt und geputzt.
Nichts f├╝r mich zu tun, sagte sie laut und erschreckte sich ├╝ber ihre eigene Stimme, die von den hohen W├Ąnden leise zur├╝ck hallte.
Die Schuhe waren fein s├Ąuberlich an der Wand aufgereiht.
Die braunen, die schwarzen, dann die blauen und dann die anderen braunen. Das System erschien ihr sinnlos, jetzt erst recht.
Ordnung im Haushalt macht erst Sinn, wenn man sie braucht, als Ausgleich, hatte sie immer gesagt.
Sie brauchte sie nicht. Ihr Leben schien geordnet genug.
Doch jetzt war sie vielleicht ein bisschen zu sp├Ąt gekommen.
Der Zettel lag im Schlafzimmer auf dem kleinen Tisch, direkt neben dem Reisef├╝hrer.
Das war nicht fair und genau das dachte sie auch, das ist schei├če unfair.
Der Reisef├╝hrer war zerlesen, hunderte Male durchgebl├Ąttert und wieder zur├╝ck gelegt worden, nichts hatte sich ver├Ąndert.
Jetzt lag da der Zettel.
Mara, stand da, ich werde auf dich warten. Um halb sieben an der Br├╝cke an dem Schild,
das mit dem albernen M├Ąnnchen drauf. Du wei├čt ja wo.
Ich warte dort eine halbe Stunde. Mara, nicht l├Ąnger.
Also komm. Bitte.
Im Hintergrund h├Ârte sie die Uhr an der Wand ticken, tick tock, tick tock.
Zu sp├Ąt, zu sp├Ąt.
Mara wollte sich nicht umdrehen, sie wusste es bereits.
Langsam dr├╝ckte sie ihre Hand zu, immer fester.
Als sie die Hand wieder ├Âffnete, war Zettel darin ein pflaumenkerngro├čer Klumpen geworden.

Und er wartete und sie kam nicht.
Die Sonne ging unter, Dunkelheit legte sich langsam ├╝ber die Stadt, nahm ihm die Sicht, nahm ihm die Luft.
Sie kam nicht.
Die Tasche lag schwer auf seiner Schulter, er wollte sie einfach fallen lassen. Aber der Boden war nass und aufgeweicht vom Regen, also blieb die Tasche wo sie war.
Er steckte seine H├Ąnde tief in die Taschen seiner Jeans, er wusste nicht, wo sonst hin mit ihnen, sie schienen nur nutzlos an seinen Armen zu kleben.
Hinter ihm schlug die gro├če Kirchturmuhr, sie schlug zu oft, er wollte es nicht h├Âren.
Er begann zu z├Ąhlen, eins zwei drei, dann lief er los.
Er drehte sich nicht nochmal um.
Langsam bewegte er sich in Richtung Innenstadt, die Menschen um ihn herum wurden mehr, es wurde lauter, enger.
Noch eine Stunde Zeit, das wusste er, er k├Ânnte nochmal zur├╝ck gehen, vielleicht.
Vor einem Caf├ę blieb er stehen, jemand prallte gegen ihn, die Tasche rutschte von seiner Schulter.
Verdammt, pass doch auf wo du stehen bleibst. Er sagte nichts.
Die Tasche war jetzt voll mit Matsch und er fluchte, weil er jetzt in das Caf├ę gehen musste, um sie sauber zu bekommen.
Nachdem er das getan hatte, kaufte er sich einen Kaffee, schwarz bitte, und setzte sich an einen kleinen Tisch in die hintere Ecke des Raumes.
Noch f├╝nfzig Minuten, dachte er, und eigentlich m├╝sste sie doch hier vorbei kommen. Falls.
Der Kaffee schmeckte grauenhaft.

Dass sie ihre Jacke vergessen hatte, merkte sie erst, als sie schon auf der Stra├če stand.
Vereinzelte Regentropfen klatschten gegen ihr Gesicht, doch jetzt war es zu sp├Ąt.
Sie lief schnell, sie wusste, wo sie hin wollte, sie wusste wo er hin gehen w├╝rde.
Die Stadt war viel zu voll an diesem Abend, zu viele Menschen, die sich wie wild auf die Sonderangebote st├╝rzten.
Auf einer Bank am Stra├čenrand sah sie eine Jacke h├Ąngen, sie z├Âgerte nicht, schaute sich nicht um.
Die Jacke roch erstaunlich angenehm und w├Ąrmte ihren Oberk├Ârper, sch├╝tze sie vor dem aufkommenden Nieselregen.
Sie h├Ârte eine Kirchturmuhr schlagen, irgendwo, und dachte, ich m├╝sste es schaffen.
Die Z├╝ge fuhren immer zur gleichen Zeit, auch heute und sie wusste, welchen Zug er nehmen w├╝rde.
Andere Gedanken lie├č sie nicht zu, zerdr├╝ckte sie.
Zerdr├╝ckte sie in ihrem Kopf wie zuvor den Zettel in ihrer Hand. Bis sie nur noch pflaumenkerngro├č waren.
In einiger Entfernung sah sie die hellen Lichter des Bahnhofs und ihre Mundwinkel verzogen sich unweigerlich zu einem L├Ącheln.
Sie w├╝rde es schaffen, nicht mehr weit, nicht mehr lange.
In ihren Gedanken tauchte ein Bild auf. Ein Bild von ihm, am Bahnsteig stehend, wie er umher schaute, wie er sie erblickte und wie sich ein kleines L├Ącheln auf seinem Gesicht ausbreitete.
Ihr war nicht mehr kalt.

Der Kaffee hatte es nicht besser gemacht und jetzt musste er wirklich los.
Der Riemen seiner Tasche dr├╝ckte sich erneut tief in seine Schulter und feiner Nieselregen wehte ihm entgegen, er wollte umkehren, doch er wusste, es war schon zu sp├Ąt.
Etwas in seinem Hals schmerzte ihn, vielleicht sollte er am Bahnhof noch ein paar Halstabletten besorgen.
Die Menschenmassen wurden weniger, je n├Ąher er dem Bahnhof kam.
Die Leute mieden die N├Ąhe des Bahnhofs, soweit sie konnten, heute konnte er nicht.
An einer roten Ampel blieb er stehen.
Noch konnte er wieder zur├╝ck, noch blieb Zeit, vielleicht wartete sie ja dort oder irgendwo.
Doch die Tasche wurde immer schwerer, die Ampel sprang auf gr├╝n und der Bahnhof lag schon kurz vor ihm.
Sie ist nicht gekommen, sagte er sich, sie h├Ątte kommen k├Ânnen.
Du bist jetzt hier und sie ist nicht da.
Vor ihm tat sich der gro├če Eingangsbereich des Bahnhofs auf und er erblickte die gro├če Uhr, die thronend dar├╝ber hing.
In einer halben Stunde ging der Zug.

Noch zwanzig Minuten, dachte sie und w├╝nschte den Bahnhof n├Ąher herbei, w├╝nschte die restlichen hundert Meter einfach zu ├╝berspringen.
Ihr Schl├╝ssel bohrte sich beim Laufen tief in ihren Oberschenkel und sie dachte nur, wie gerne sie jetzt in dem Caf├ę auf der anderen Stra├čenseite sitze w├╝rde, irgendwo in der hinteren Ecke, einen hei├čen Tee trinkend. Und mit ihm, der wie immer schwarzen Kaffee trinken w├╝rde.
Pl├Âtzlich kam ein Hund von der Seite her angerannt, sprang kl├Ąffend an ihr hoch und dr├╝ckte seine schmutzigen Pfoten an ihre Jacke, die nicht mal ihre eigene war.
Susi, komm sofort hier her!, rief eine Frauenstimme.
Sie sch├╝ttelte den Hund ab, ignorierte die Entschuldigung der Frau und lief weiter in Richtung Bahnhof.
Vielleicht wartet er auch dort, dachte sie, er kennt mich doch, bestimmt wartet er.
Gleichzeitig war der andere Gedanke, sie wollte ihn beiseite schieben, doch er war zu stark und sie wusste, dass er wahr war.
Er kennt dich, aber er wartet nicht, dachte sie. Nicht mehr.
Vor ihr tat sich der Eingangsbereich des Bahnhofs auf und sie sah die gro├če Uhr.
Sie wusste, wo sie hin musste.

Der Zug stand schon auf dem Gleis als er dort ankam, im Mund den frischen Geschmack von Pfefferminze.
Das komische Gef├╝hl im Hals noch da.
Er blickte sich um, hoffend. Es waren nicht viel Menschen am Gleis, aber sie war nicht dabei.
Er hatte noch ein paar Minuten Zeit, also stellte er sich in den abgegrenzten Bereich und z├╝ndete sich eine Zigarette an.
Kurz dachte er daran, was sie jetzt sagen w├╝rde, wegen der Halsschmerzen und sowieso.
Er ignorierte den Gedanken.
Obwohl ihm nur noch f├╝nf Minuten blieben, rauchte er langsamer als sonst. Wegen dem Genuss, sagte er sich, schlie├člich sitze ich jetzt lange im Zug.
Als er beim Filter angelangt war, gab er auch. Es war zu sp├Ąt.
Bitte steigen Sie ein, der Zug f├Ąhrt in wenigen Augenblicken ab.
Langsam ging er auf die noch offene T├╝r zu, die Tasche war immer noch zu schwer.
Gleich, im Zug, konnte er sie abstellen.
Er vermied es einen letzten Blick den Gleis entlang zu werfen.
Es war zu sp├Ąt.

Sie kam auf den Gleis gelaufen, der Zug stand noch da.
Wo ist er, dachte sie, er ist hier, und hastete den Gleis entlang.
Pl├Âtzlich sah sie ihn an der T├╝r kurz vor den Stufen, ein paar Meter weiter und ihre Schultern, die sie beim Laufen hochgezogen hatten, fielen langsam herunter, als sie ihre Schritte verlangsamte.
Philipp, sagte sie leise. Er blieb stehen.
Es tut mir leid, dass ich zu sp├Ąt bin, sagte sie. Du kennst mich doch.
Er drehte sich nicht um.
Ja, sagte er. Ich wei├č.
__________________
Alice C. B.

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Ofterdingen
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2009

Werke: 24
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Profil

Hi,

Deine Geschichte ist sehr viel besser als der Durchschnitt der Texte in der LL, liest sich wirklich gro├čartig. Besonders gelungen der schn├Ârkellose Stil und der Perspektivwechsel zwischen den zwei Protagonististen. Angenehm auch, dass du nicht zu den Analphabeten geh├Ârst, sondern in Orthographie und Interpunktion fit bist. Ein paar kleine Fehler sind dir unterlaufen: So ist z.B. "der Gleis" falsch, es m├╝sste "das Gleis" hei├čen. Aber ich will hier keine Erbsen z├Ąhlen, sondern dir lieber zu diesem Text gratulieren. ┬íFelicitaciones!

LG,

Ofterdingen
__________________
Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schlie├člich gro├č genug. J. P. Sartre

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Alice,
eine wunderbar geschriebene Geschichte. Ein paar kleinere Fehler und Anregungen im folgenden zur Anregung, wenn du sie ├Ąndern magst.

Langsam strich sie mit dem Finger ├╝ber den kleinen, roten Tisch an der Wand. Ein kleiner Brotkr├╝mel blieb daran kleben.

Als sie die Hand wieder ├Âffnete, war der Zettel darin ein pflaumenkerngro├čer Klumpen geworden.

Ihr Schl├╝ssel bohrte sich beim Laufen tief in ihren Oberschenkel und sie dachte nur, wie gerne sie jetzt in dem Caf├ę auf der anderen Stra├čenseite sitzen w├╝rde, irgendwo in der hinteren Ecke, einen hei├čen Tee trinkend.

Als er beim Filter angelangt war, gab er auch auf.

Er vermied es, einen letzten Blick den das Gleis entlang zu werfen.

Sie kam auf den das Gleis gelaufen, der Zug stand noch da.
Wo ist er, dachte sie, er ist hier, und hastete den das Gleis entlang.

LG Uwe

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