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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 08. 11. 2012 15:29


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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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Die alte Frau sitzt mit leerem Blick auf der Bettkante, so aufrecht, wie es ihr schmerzender RĂŒcken eben zulĂ€sst. Neben dem Bett steht prall gefĂŒllt eine offene kleine Reisetasche, achtlos oben draufgepackt die "Souvenirs" eines zweiwöchigen Krankenhausaufenthaltes: ein Apfel, PillenschĂ€chtelchen, Servietten, die Entlassungspapiere.

Karla erscheint pĂŒnktlich und wundert sich, dass die Mutter schon voll angekleidet ist. Grummelnd hangelt sich die alte Frau mit ihren kurzen Beinen auf den Boden. Karlas missbilligender Gesichtsausdruck wegen der Tasche entgeht ihr trotzdem nicht. Umgehend zieht sie eine beleidigte Flunsch, wie immer, wenn ihr etwas nicht passt.

Der Weg zum Auto wird beschwerlich, Karla ist bemĂŒht, ihre Schritte auf die Trippelschrittchen der Mutter abzustimmen. Schnaufend plumpst die alte Frau schließlich auf den Beifahrersitz.

Karla hat sich vor diesem Tag gefĂŒrchtet. Sie kann nicht recht einschĂ€tzen, wie die Mutter die neue Situation annehmen wird. Ob sie vorher noch einmal in ihre Wohnung möchte? Nein, möchte sie nicht. Kein weiterer Kommentar. WĂ€hrend der Fahrt schaut die Mutter schweigend in die Landschaft.
„Ich hab dir einen ganzen Koffer mit deinen besten Sachen eingepackt“, beginnt die Tochter schließlich zögernd.
Keine Antwort, aber Karla sieht die verÀchtlich nach unten gezogenen Mundwinkel.

Das Pflegeheim liegt idyllisch im GrĂŒnen. Es ist das einzige in dieser lĂ€ndlichen Umgebung, deshalb gab es auch keine Diskussionen ĂŒber das „Wohin“. Einige bekannte Gesichter werden vielleicht die Eingewöhnung erleichtern.

Zwei alte Damen bugsieren gerade ihre GehwÀgelchen die lange Auffahrt hinunter.
„Den Rollator musst du mir auch noch bringen!“, kommt es prompt von der Mutter. Karla hat ihn schon im Kofferraum.

Beim mĂŒhsamen Aussteigen will Karla helfend die Hand reichen, wird aber sofort schroff abgewehrt. BerĂŒhrungen sind der Mutter unangenehm, selbst unter diesen UmstĂ€nden möchte sie keine Hilfe annehmen. Die PflegekrĂ€fte werden da nicht lange fackeln, fĂŒrchtet Karla.

Die Pflegedienstleiterin, die Karla von den VorgesprÀchen kennt, kommt ihnen in der Eingangshalle aus einem der langen Flure entgegen, wie immer in Eile.
„Ich bringe Ihnen hier einen neuen SchĂŒtzling“, versucht die Tochter die Situation aufzulockern - mit mĂ€ĂŸigem Erfolg. Die Frau lĂ€chelt ein wenig gequĂ€lt, die Mutter verzieht schon wieder den Mund. Wer ist hier eigentlich Mutter, wer Kind?

VorlĂ€ufig habe man nur einen Platz in einem Doppelzimmer; nach der Kurzzeitpflege, wenn die Mutter bleiben wolle, werde man sehen ... Am Schwarzen Brett entdeckt Karla im VorĂŒbergehen mehrere KĂ€rtchen „Wir trauern um ...“. Sie hat keinen Zweifel, dass kurzfristig ein Zimmer frei werden wird. Freiwillig geht hier aber wahrscheinlich niemand mehr.

Die Einrichtung ist mehr als spĂ€rlich, ein regelrechtes Krankenzimmer: zwei Betten mit NachtkĂ€stchen, ein Tisch, zwei unbequeme StĂŒhle, ein schmaler Einbauschrank. Das Bett am Fenster ist fĂŒr die Mutter vorgesehen, immerhin. Im zweiten Bett liegt ein HĂ€ufchen Mensch, zusammengekrĂŒmmt, vor sich hin lallend. Die Pflegedienstleiterin erklĂ€rt - fast entschuldigend -, dass man die arme alte Dame kurzfristig habe aufnehmen mĂŒssen. Die Mutter verdreht vielsagend die Augen.

„Es ist doch nur vorĂŒbergehend“, versucht die Tochter zu trösten und rĂ€umt zĂŒgig die mitgebrachten Utensilien in die engen SchrankfĂ€cher. Das Menschlein beobachtet aus halb geöffneten Augen die Neuankömmlinge und brabbelt UnverstĂ€ndliches. In Karla braut sich eine ungute Mischung aus Mitleid, Wut und Hilflosigkeit zusammen, die ihre HĂ€nde beim EinrĂ€umen zittern lĂ€sst. Sie atmet mehrmals tief durch. Auf einem der unbequemen StĂŒhle verfolgt die Mutter argwöhnisch, was ihre Tochter einrĂ€umt. Zu guter Letzt stellt Karla mit triumphierendem LĂ€cheln ein Foto des Vaters auf das winzige NachtkĂ€stchen. Auch daran hat sie gedacht. Im Gesicht der Mutter kann sie keine Regung erkennen.

Karla verspricht, nochmals bei der Heimleitung zu insistieren, damit die Mutter schnellstmöglich ein anderes Zimmer bekommt.
„Du kannst dich auf mich verlassen!“
War da ein leichter Hoffnungsschimmer in den mĂŒden Augen der alten Frau?
„Na ja, Ă€ndern können wir ja doch nichts!“, seufzt sie zu Karlas Überraschung. Die Tochter schweigt. Die Auskunft der Ärzte ĂŒber den Gesundheitszustand der Mutter war eindeutig.

Einen Augenblick noch stehen beide auf der Terrasse und schauen in den kleinen Park.
„Fahr du mal nach Hause“, meint die Mutter dann, „ich leg mich jetzt ein wenig hin.“
Die Tochter verspricht, in den nĂ€chsten Tagen wiederzukommen. Sie wird die lange Strecke kĂŒnftig wohl hĂ€ufiger fahren mĂŒssen, schon wegen der notwendig werdenden Wohnungsauflösung.

Karlas Schritte ĂŒber den Parkplatz werden plötzlich ganz schwer. Eine Weile bleibt sie reglos im Auto sitzen. Sie glaubt alles richtig gemacht zu haben. Warum nur fĂŒhlt es sich so verdammt falsch an?


Version vom 08. 11. 2012 15:29
Version vom 10. 11. 2012 16:22

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Hallo Ciconia,

"Abgeliefert" hat mir gut gefallen!
Es bleibt ja ein bisschen Hoffnung auf RĂŒckkehr in die eigene Wohnung; sonst wĂ€re "Abgeschoben" treffender gewesen.
Die Tochter hat natĂŒrlich Gewissensbisse. Ob sie ihre Mutter nicht aufnehmen will oder nicht aufnehmen kann, bleibt ja offen.
Eine Kleinigkeit: Die Leiterin kann ich mir nicht atemlos vorstellen. Das sind eher die Pflegerinnen.
Alles in allem sehr realistisch beschrieben.
Ich befĂŒrchte nur, dass sozialkritische Themen nicht so gerne
aufgerufen werden.
Gruß Maribu

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