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Leselupe.de > Horror und Psycho
Abglanz
Eingestellt am 25. 06. 2004 12:11


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Dorian Jenersfeld
Hobbydichter
Registriert: Jun 2004

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Abglanz
07/2000

„Liebes Tagebuch, mir ist heute etwas unglaubliches passiert: ich habe meinen Glanz gefunden. Du weißt schon, meinen Glanz, den ich verloren hatte, als das damals mit Mirko passiert ist. Vorher hatte ich ihn ganz fest bei mir und war mir seiner so sicher, daß mir damit die ganze Welt gehörte. Aber als das mit Mirko war (ich glaube, ich sollte seinen Namen nicht nochmal schreiben, das bringt bestimmt UnglĂŒck), da habe ich ihn verloren und war ganz stumpf, wie ein alter Spiegel. Aber heute, heute habe ich ihn wiedergefunden, und nun strahle ich, heller als zuvor!

Ich war gerade am Rosenthaler Platz, und wollte mir noch einmal die Hackeschen Höfe anschauen, im vierten Hof gibt es einen Springbrunnen, und da sitze ich so gerne. Ich stelle mir dann vor, wie es frĂŒher da gewesen ist, bevor der Krieg kam. All die schönen Frauen mit ihren HĂŒten und die MĂ€nner mit Gehstock, und alles so elegant. Teure Schultern und Musik ĂŒberall, und Intellektuelle mit strĂ€hnigen Haaren, die ĂŒber Kommunismus reden. Ich wĂ€re dann bestimmt am Arm eines schönen Herrn, und mir wĂŒrde mein Glanz nie vergehen, auch wenn es einen... du weißt schon wen, geben wĂŒrde.

Ich saß also da und habe so vor mich hingetrĂ€umt, und war deshalb gar nicht ĂŒberrascht, als der Herr auf einmal dastand, direkt vor mir, mit Zylinder und Gehrock und feiner Weste mit goldener Uhr dran. Und ein Schöner war das, so ganz feine Nase und Augen wie Sommerteiche. Und erst als er anfing zu reden merkte ich, daß er echt war und nicht ausgedacht, - und da wĂ€re ich beinahe rĂŒckwĂ€rts in den Springbrunnen gefallen. Da hat er gelacht, ganz freundlich, und mich gefragt, ob ich trĂ€umen wĂŒrde. Und dann sind wir ins CafĂ© Cinema gegangen und er hat mir einen teuren Sekt ausgegeben und wir haben und unterhalten. Seine Stimme ist auch schön, ganz weich und angenehm. Ich hatte manchmal Angst, daß er mich albern finden wĂŒrde, aber ich habe ihm von meinen TrĂ€umen erzĂ€hlt und er fand sie schön. ‘Zauberhaft’, hat er gesagt und mich so angesehen, daß mir ganz flatterig wurde und ich schnell auf die Toilette gerannt bin (ich werde ab jetzt immer ‘Toilette’ sagen, das ist viel eleganter als ‘Klo’).
Da habe ich es dann gemerkt, vor dem Spiegel (der gar nicht stumpf war), daß ich meinen Glanz wiederhatte.

Als ich wieder zurĂŒckgekommen war, redeten wir weiter, und der Herr gab mir noch einen Sekt aus. Wir haben uns dann geduzt, und darauf angestoßen, aber er hat seinen Sekt nur angenippt und so das Gesicht verzogen. Patrick heißt er, und den Namen finde ich auch schön.

SpĂ€ter dann hat er das Taxi zu meiner Wohnung bezahlt, und ich hatte dann kurz Angst, daß er mitkommen wĂŒrde, weil ich dann hĂ€tte Nein sagen mĂŒssen, weil ich doch so eine nicht bin, die gleich in der ersten Nacht und so. Aber er war ganz Gentleman, hat mir sogar die Hand gekĂŒĂŸt zum Abschied und mich ‘kleine Dame’ genannt.

Ich werde jetzt bestimmt die ganze Nacht von ihm trĂ€umen!“

Alptraum.

Mein Herz, warum bist du nicht stillgestanden, als du das erste mal fĂŒr Sie schlugst? Eifersucht ist doch so ein lĂ€ppisches Thema, jede Geschichte darĂŒber schon erzĂ€hlt. Doch Leiden kann man noch darĂŒber. Leiden wie ein Hund. Jetzt ist sie Beute, vorher war sie ein StĂŒck Himmel, auch wenn nur fĂŒr mich. Ein StĂŒck Sonne, das mir das Monster nehmen will, weil es eine neue TrophĂ€e an der Wand braucht. Nicht das, nicht meine Sonne, nicht mein StĂŒck FrĂŒhling, das mir kostbarer ist als mein Leben selbst!

Nimm mein Leben, nur nicht sie.
Nur nicht sie.


„Liebes Tagebuch, ich schreibe dies mit zitternden HĂ€nden, und die Wörter sind wie verschreckte Vögel, die mir aus den Seiten fallen wollen. O Himmel! Ich bange, nicht fĂŒr mich sondern fĂŒr ihn, meinen Patrick!

Es war vorhin, als ich gerade den Abwasch gemacht habe, weil ich doch wollte, daß meine Wohnung so glĂ€nzt wie ich, wenn er sie sieht (er hatte vorher angerufen und gefragt, ob er mich abholen könnte, wir wollten ins VarietĂ© gehen). Plötzlich hĂ€mmerte es an die TĂŒr, so laut, als wĂŒrde sie gleich einbrechen. Ich dachte zuerst, daß die BlödmĂ€nner aus dem ersten Stock wieder betrunken wĂ€ren, aber dann hat er seinen Namen gerufen und daß ich ihm schnell aufmachen solle. Seine Stimme war ganz voller Angst, wie im Film, und ich bin schnell zur TĂŒr gerannt. Da ist er dann in meinen Flur gefallen, und da war etwas im Treppenhaus, das ich nicht genau sehen konnte, aber es hat mir vor Angst den Hals zugeschnĂŒrt. Es war so fremd und groß, aber irgendwie hatte ich das GefĂŒhl, daß ich es kennen mĂŒĂŸte. Ich konnte mich nicht mehr regen, und dann hat Patrick die TĂŒr zugeknallt, daß sie beinahe aus den Angeln gefallen wĂ€re.

Den zweiten Schreck bekam ich dann, als ich Patrick angesehen habe. Überall war Blut an ihm, und das Hemd zerrissen. Ganz ausgehölt war er, und da war etwas hinter seinen Augen, das mir noch mehr Angst machte. Aber dann ist er aufgestanden und hat gelĂ€chelt und gefragt, ob er so schlimm aussĂ€he und hat sich entschuldigt, als wĂ€re ich eine wirkliche Dame. Da mußte ich weinen, und er hat mich in den Arm genommen. Ganz kalt war er. Aber mir war auch kalt vor Schreck.

Jetzt ist er im Badezimmer, ich höre ihn gerade in den Flur kommen.“

Er starrt in den Spiegel und sieht einen lebenden Toten, Wangen hohl, und die HĂ€nde ist auch nicht besser. Es hat ihn fast sein ganzes Blut gekostet, sich vor dem Moster zu retten, das ihm aufgelauert hat. Unvorsichtig. Zu eingenommen von dem eigenen Glanz als daß er das hĂ€tte ahnen können. Jetzt nach draußen, und vorsichtig. Sich beherrschen, nur ein bißchen nehmen, nicht die ganze kleine Dame...

Die Wohnung ist klein und hat den Flair eines vergessenen Kinder-zimmers. Sie schreit heraus, daß hier eine TrĂ€umerin wohnt, deren Puppen zwar nur noch in ihrem Kopf existieren, sie aber noch immer mit ihnen spielt. Ein bißchen schĂ€big, es kann ja nicht jeder Geld haben. Wie eine Puppe sieht sie selber aus, Locken wie im Bilderbuch, kleine HĂ€nde, die jetzt erschreckt ein Buch mit hellblauem Samteinband verstecken. Er setzt sein LĂ€cheln auf, und ihre Augen leuchten. Nein, er ist nicht verletzt. Sieht schlimmer aus, als es ist, nur Ruhe braucht er, etwas zum hinsetzen, vielleicht das Sofa? -

Der Wein, den sie ihm bringt, macht ihm Übelkeit, aber das LĂ€cheln verschwindet nicht - treuer Begleiter so vieler NĂ€chte hat es inzwischen genug Bestand, daß er es nur anzuschalten braucht, und es verblaßt nie. Die kleine Dame hĂ€lt sich tapfer, wird nur ein wenig rot, als er sie um ein sauberes Hemd bittet. Ihren Namen hat er wieder vergessen, aber das ist nicht wichtig. Sie wendet ihm den RĂŒcken zu, als er die Lumpen auszieht, die nicht mehr als ein zerfetzter, blutiger Lappen sind. Ihr Nacken wird trotzdem von leichter Röte ĂŒberschattet, und er lĂ€ĂŸt das Hemd fallen, als der Hunger stĂ€rker wird. Sie versteift sich, als er ihren Nacken berĂŒhrt - eigentlich will er sie erst kĂŒssen, sie sanft auf den richtigen Kuß vorbereiten, aber die Bestie ist zu groß, und er spĂŒrt ihre WirbelsĂ€ule zwischen seinen ZĂ€hnen, als er zubeißt. Ihre Schreie hört er nicht, auch nicht sein eigenes Knurren, nur das Blut und die TrĂ€ume, die ihn durchströmen. Große, wilde TrĂ€ume, wie Schwingen, die ihr ganzes Sein erfĂŒllen, die alles sind, was sie auch ist. Ein Juwel, von allen gehĂŒtet und bewahrt, die sie kennen; nur von einem verletzt, und das hĂ€tte sie fast gebrochen. Innen noch schöner als außen ist sie, und die Bestie wird von dem Glanz angezogen, den sie ausstrahlt. Das Tier will alles von ihr, bis zu ihrem letzten leuchten, doch kurz davor wird es vom Willen zurĂŒckgedrĂ€ngt, bis das Schreien verstummt. Er blickt auf die Puppe, die vor ihm auf dem Boden liegt und noch immer aus der Wunde blutet, die er ihr gerissen hat. Soviel StĂ€rke hat er nicht erwartet, nicht dieses Licht, das in ihr wohnt. Er weiß jetzt, warum sie jeder beschĂŒtzen wollte, und beugt sich zu ihr, um die Wunde zu heilen, sie wiederherzustellen und betet, daß er ihr nicht alles genommen hat. Kostbar ist sie, zu wertvoll, um zu vergehen oder mit ihm zu kommen.

Als er sich hinkniet ist er noch immer in ihren Anblick versunken, bemerkt die PrĂ€senz hinter ihm zu spĂ€t, bis er herumgerissen und gegen die Wand geworfen wird. Das Monster hat nur gewartet, entstellt und wutentbrannt schlĂ€gt es immer wieder auf ihn ein, scheint seine Gegenwehr nicht zu bemerken. Durch den Schmerz und das GebrĂŒll der Bestie steigen die Erinnerungen, die er gerade in sich aufgenommen hat, zu ihm auf, und plötzlich weiß er, das er das Monster kennt. Daß sie es gekannt hat, als es noch Mensch war. Das es jetzt hier ist, um sie entgĂŒltig zu brechen. Er lĂ€ĂŸt die Bestie gehen und wirft sich mit aller Kraft auf seinen Gegner, der ihre Schönheit zerstören will...

„ich weiß nicht, fĂŒr wen ich das schreibe. Ein Buch ist kein Freund, und die, die das lesen werden, sind es auch nicht. Vielleicht schreibe ich es fĂŒr Dich, der Du es sicher finden und aufheben wirst und zu den anderen Erinnerungen an mich legen wirst, die Dir heiliger sind als ich selbst. FĂŒr Dich bin ich nichts als das: Erinnerung; und bald werde ich nichts anderes mehr sein. Du hast mir alles genommen, fĂŒr das ich existieren könnte, meine TrĂ€ume, mein Leben, mein Licht, meine Liebe. Du hast mir gesagt, daß er es war, der mich getötet hat, und daß Du mich bewahrt hast, weil ich Deine Sonne bin. Nun, ich habe keine mehr, und ich werde Dir Deinen Glanz nehmen, wie Du mir meinen genommen hast, zweimal. Ich könnte weiter existieren, aber morgen gehe ich die Sonne sehen.

Weil ich ihren Glanz liebe.
Und weil ich Dich damit töte.“

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