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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Abiturnacht
Eingestellt am 20. 04. 2004 15:48


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Julien
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2001

Werke: 4
Kommentare: 5
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Lichtreflexe an der Zimmerdecke. Waren sie es, die Julia geweckt haben? Sonnenlicht malt verwackelte Rauten und Rechtecke auf die Deckentapete. Es muss später Vormittag sein; sie liegt in einem fremden Raum, auf einer fremden Couch, inmitten zerwühlter Laken und Decken. Neben ihr ein gleichmäßiges Atmen - sein Atmen. Im Laufe der Nacht muss er samt seiner Decke und zerknautschtem Sofakissen auf den Boden gerutscht und eingeschlafen sein. Seine Schlafhaltung erinnert sie an die eines Kindes.
Die geometrischen Figuren über ihr besitzen einen hellen Rand und erscheinen zittrig in unregelmäßiger Reihenfolge. ‚Zufallsprinzip einer Lichtbrechung’, geht es ihr durch den Kopf. ‚Unvorhersehbar, so wie der vergangene Abend auch.’

Abiturball. Zwölf Schuljahre wurden mit einer Feier, mit Reden, mit Musik und Tanz abgeschlossen; wie ein Koffer, dessen Schloss zuklickt und in dem ein Stück Vergangenheit eingesperrt wird - unumkehrbar.
Sie streckt ihren Arm aus, erreicht mit der Hand seinen Rücken und lässt sie dort liegen. Spüren tut gut nach dieser Nacht ...

Der gestrige Abend.
Je später es wird, desto öfter laufen sie sich über den Weg. Fröhliche Stimmung und immer wieder Gesten und Blicke voller Sympathie. Halb zwei - sie wollte längst gegangen sein. Leere Bühne mit aufgerollten Kabeln, die letzten Gäste ziehen ihre Mäntel an. Rufe der Aufräumtruppe hallen durch das leere Schulgebäude.
Im kalten Neonlicht nimmt sie Abschied vom Fest, von vertrauten Räumen. Ihr kommt es vor, als werde dieses Kapitel ihres Lebens jetzt ebenso beiseite geräumt und weggetragen wie das schmutzige Geschirr oder die abgerissenen Kreppdekorationen.
Plötzlich steht er neben ihr.
Im gleichen Moment spürt sie die warme Flüssigkeit auf ihrer Hand und betrachtet bestürzt das Blut zwischen ihren Fingern. Die Bruchstelle einer Flasche, die sie gerade wegräumen wollte, hat auf ihrer Hand einen tiefen Schnitt hinterlassen. Jetzt spürt sie auch den Schmerz.
„Oh! Das sieht nicht gut aus! Das muss verbunden werden.“
„Ach was, das geht schon.“
„Nein, damit ist nicht zu Spaßen. Komm schnell!“
Er wartet keine Antwort ab, sondern zieht sie mit sich aus dem Saal. DrauĂźen fĂĽhrt er sie zu seinem Wagen, holt den Verbandskasten hervor und legt einen Verband an.
Seine FĂĽrsorge tut gut.
Sein Angebot, sie nach Hause zu fahren, nimmt sie dankbar an.

Vor sechs Jahren war er in ihre Klasse gekommen; seither hatte Julia oft das Gefühl, ihn auch ohne Worte reden zu hören und zu verstehen. Jahre hatten sie miteinander - nein - nebeneinander verbracht, Blicke getauscht, Stimmungen gedeutet und doch nur wenige Sätze miteinander gewechselt. Das war meist nach dem Unterricht und immer nur rein sachlich. Selbst sehr komplizierte Dinge vermochte er in seiner ruhigen und sachlichen Art verständlich zu erklären. Mehrmals hatte Julia dieses Talent für sich in Anspruch genommen, obwohl es nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre.




Ăśberraschend war er dann vor einem Jahr in die Parallelklasse gewechselt.

Hier in seinem kalten Auto findet sie nach langer Zeit wieder eine Gelegenheit für ein Gespräch mit ihm. Julia ist müde und mutig zugleich:
„Hast Du wirklich eine alte Langspielplatte von den Rolling Stones mit dem Original-Autogramm von Mick Jagger?“
So herausfordernd hat sie ihn noch nie angeredet. Von der Seite aus sieht sie ihn überrascht lächeln. Sicherlich kann er sich nicht daran erinnern, davon in der Klasse erzählt zu haben.
„Ja, aber wie kommst Du jetzt darauf?“
„Ich würde das Autogramm gern sehen.“
Seine Antwort kommt prompt und ohne Anflug von Verlegenheit.
„Einverstanden! Aber zuerst werde ich noch einmal nach deinem Verband sehen.“

In seiner Wohnung schaut sie sich neugierig um. Bilder und BĂĽcher soweit das Auge reicht. Und eine nostalgisch wirkende Plattensammlung.
Er zeigt ihr tatsächlich dieses mit wilder Schrift überkritzelte Cover von Brown-Sugar.
„Hast Du mich etwa für einen Angeber gehalten?“
Dann nimmt er sie mit ins Bad und erneuert sorgfältig den durchgebluteten Verband. Sie schwärmt unterdessen von ihrem bevorstehenden Jahr in Florenz und genießt das Kribbeln, das seine Finger auf ihrer Haut verursachen.
„Dann bist also Du ein Jahr weg von zuhause?“
„Länger. Wenn alles klappt, werde ich anschließend italienische Geschichte studieren.“
„Mit der unverletzten Hand wirft sie bei diesen Worten ihr langes dunkles Haar zurück und schaut ihm entschlossen in die Augen.
„Lass uns reden, ja?“

Ihre Hand liegt noch immer auf seinem Rücken. Sie spürt die Wärme, die durch die Finger fließt, und sie fühlt sich so gut.
Die Lichtreflexe sind langsam weitergewandert.
‚Die gespiegelte Erdrotation in seinem Wohnzimmer’, geht es ihr durch den Sinn. Die Zeit wandert und wird ewig wandern. Sie ist nicht davon abhängig, was Menschen mit ihr anfangen ... und sie kennt weder Gewissen noch Glücksgefühle.
Sie lauscht seinen AtemzĂĽgen.

Heute Nacht. Zwei leere Flaschen CĂ´te du Rhone auf dem Tisch als Zeitzeugen.
Gespräche, Bekenntnisse, Erleichterung.
„Seit ich dich kenne, hab ich in dir etwas Besonderes gesehen. Jetzt kann ich es dir ja sagen.“
Seine Worte lösen in ihr eine Wärmewelle aus.
Vorsichtig haben sie sich umarmt, geküsst, fast ängstlich berührt ... und halb entkleidet.
„Nicht das Vorhersehbare bitte. Nicht das simple Strickmuster.“
Seine Worte sind zögerlich, mit denen er ihr erklärt, nicht mit ihr schlafen zu wollen - oder zu können.

Sie schlummern mit fest umschlungenen Körpern und Seelen ein. Mitten in der Nacht jedoch lässt sie das Streicheln seiner erfahrenen Hände atemlos werden. Sie verbirgt sein Gesicht an ihrem Hals und nimmt ihr Stöhnen in sich auf. Die Zärtlichkeit, die sie danach erwidern will, versucht er abzuwehren.
„Lass mich doch bitte; es ist nicht im Mindesten ... verwerflich. Hier und heute.“
Sie spricht fordernd und sie benutzt die Worte so, wie sie ihr in den Sinn kommen. Sie legt dabei ihren Kopf auf seinen Bauch und bedeckt seine Brust mit ihren langen weichen Haaren.
Nun lässt er sie gewähren, wohl wissend, dass die Jahre voll unausgesprochener Nähe jetzt ihre Erfüllung fordern. Und die scheint es nur in dieser Nacht zu geben.
Unerfahren liebkost sie ihn und reagiert einfühlsam auf seine Bewegungen. Für ihre stimulierenden Zärtlichkeiten besitzt sie keinen Plan, alles ist Intuition. Und eine warme Welle zärtlicher Erregung durchläuft sie erneut, als sein Stöhnen zunimmt und unter ihren Blicken seine helle flüssige Lust pulsiert, ihr durch die Finger läuft ... wie vor Stunden das Blut an der verletzten Hand.

Julia schaut wieder nach oben. Die Wunde schmerzt; aber das zählt nicht. Die gesunde Hand streicht über den Körper des Mannes, der ein Kind ist.

Die Lichtreflexe wandern allmählich weiter. Die zurückgelegte Spur würde - nachgezeichnet - eine Kurve ergeben, die sich in mathematischen Funktionen ausdrücken ließ.
Sobald er aufwacht, wird sie ihn danach fragen. Er wird das ausrechnen ... und ihr so erklären, dass sie es auch in Florenz nicht vergisst. Er kann das. Er gibt seit zwanzig Jahren Mathematikunterricht an ihrem Gymnasium.



__________________
Eigentlich bin ich ganz anders - aber ich komme so selten dazu :-)

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