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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Abschied
Eingestellt am 19. 12. 2003 18:30


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Cleo
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2003

Werke: 4
Kommentare: 10
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So, nun hab ich hier viel gelesen und m├Âchte auch einmal meinen ersten Text zur Kritik stellen. Ich w├╝rde mich ├╝ber Anregungen freuen.


Abschied

Wie konnte er mir das nur antun? Wie konnte er mich so einfach allein lassen? Weinen konnte ich um ihn schon lange nicht mehr. Das Gef├╝hl der Trauer war der ├╝berm├Ą├čigen Wut und Einsamkeit in mir gewichen. Sein Foto stand neben mir auf dem Tisch. Am liebsten h├Ątte ich es genommen und gegen die Wand geworfen. Das L├Ącheln, was ich sonst so s├╝├č an ihm fand, hatte jetzt nur noch etwas H├Âhnisches an sich. ÔÇ×Ich werde nicht immer f├╝r dich da sein k├Ânnen, werde endlich mal erwachsenÔÇť, diese Worte hatte er mir gesagt, nicht lange vor dem Tag, an dem er mich f├╝r immer allein gelassen hat. Und nun? Wie sollte ich ohne ihn weiterleben? Wie sollte ich mit dem Gef├╝hl weiterleben, keine 2. Chance zu bekommen? Er war weg, f├╝r immer weg und hat mich mit dem Scherbenhaufen meines Lebens zur├╝ckgelassen. Alle um mich herum waren jetzt freundlich zu mir. Immer wieder h├Ârte ich scheinheilige Worte, die mich aufmuntern sollten, aber sie bewirkten nur das Gegenteil. Mit jeder Scheinheiligkeit wurde mir mehr bewusst, wie mein Leben sich ver├Ąndert hatte, wie es zerbrochen ist. Am liebsten h├Ątte ich mich in meiner Wohnung eingesperrt und niemanden herein gelassen. Aber das ging nicht, zu penetrant waren die Leute, die sich Freunde nannten. Reden konnten sie alle gut, aber niemand hat mir wirklich zugeh├Ârt. Jeder Ansatz, die Gef├╝hle heraus zu lassen, wurde von ihnen unterdr├╝ckt. Jedes Wort, das die aufgestaute Wut in mir herausgelassen h├Ątte, wurde erstickt. Niemand war wirklich f├╝r mich da und wieder war ich w├╝tend, weil er es auch nicht mehr war!

Alles war so sch├Ân gewesen, wir haben viele gl├╝ckliche Jahre miteinander verbracht. Aus der anf├Ąnglichen Jugendliebe wurde eine tiefe und gefestigte Beziehung. Letztes Jahr zu Weihnachten haben wir uns verlobt. Ganz traditionell hatte er mir einen Heiratsantrag gemacht. Mit einem Strauss roter Rosen ging er vor mir auf die Knie und hielt um meine Hand an. In diesem Moment war ich der gl├╝cklichste Mensch auf Erden, denn mein gr├Â├čter Traum ging in Erf├╝llung. Als ich m├╝hsam das ÔÇ×JaÔÇť herausbrachte, steckte er mir den Verlobungsring an den Finger und die gesamte Verwandtschaft war zu Tr├Ąnen ger├╝hrt. Alle versicherten mir, dass ich gro├čes Gl├╝ck h├Ątte, denn so einen Mann w├╝rde man nur sehr selten finden. Alle sagten, dass ich ihn f├╝r immer festhalten sollte. Ich konnte es aber nicht, ich konnte mich nicht immer an ihn klammern und in einem unbeobachteten Moment war er einfach verschwunden. Ich konnte mich noch nicht einmal von ihm verabschieden, er war einfach weg. Und das, obwohl wir schon in den Hochzeitsvorbereitungen steckten. Wie konnte er mir das alles nur antun? Ich legte mich ins Bett. Mir fehlte jegliche Energie um etwas zu tun. Ich wollte nicht raus, wollte niemanden sehen und wollte mich auch nicht mehr bewegen. Einfach nur daliegen, das war es was ich wollte. Am liebsten f├╝r den Rest meines sinnlosen Lebens.

Die Erinnerungen stiegen in mir hoch. Ich dachte an die vielen sch├Ânen Stunden zur├╝ck, die wir miteinander erlebt hatten. Da gab es unbeschwerte Tage am See, wo wir ausgelassen im Wasser planschten und uns dann z├Ąrtlich die K├Ârper mit Sonnen├Âl einrieben. Da gab es aber auch die nachdenklichen Tage, an denen wir lange Spazierg├Ąnge im verregneten Herbstwald gemacht haben. Oft haben wir uns stundenlang ├╝ber ein Thema oder Problem unterhalten. Mit ihm an meiner Seite f├╝hlte ich mich unbesiegbar. Mit ihm war ich so stark, das kein Problem und keine Sorge mein Innerstes tief ber├╝hren konnte. Aber die Zeiten waren endg├╝ltig vorbei. In der Zwischenzeit hatten die Probleme mich schier aufgefressen. Obwohl, es gab eigentlich nur ein Problem. Die Einsamkeit und Sehnsucht brachte mich um den Verstand. Unsere gemeinsame Zeit lief wie ein Film vor meinen Augen ab, bis die Bilder immer mehr verblassten und ich in einen unruhigen Schlaf fiel. Selbst im Schlaf verfolgten mich seine Bilder. Mein Kopf wehrte sich dagegen, wollte nicht l├Ąnger so gequ├Ąlt werden. Doch mein Unterbewusstsein hielt an diesen Bildern fest und brannte sie tief in mein Gehirn ein. Der Schmerz war unsagbar gro├č und je ├Âfter ich diese Bilder sah, desto w├╝tender wurde ich. Ich wollte es nicht zulassen, dass er mein Leben zerst├Ârt, doch er hatte es bereits getan. Ohne ihn war jeder Schritt und jeder Atemzug sinnlos. Doch ich durfte nicht aufgeben, ich durfte ihm nicht hinterherlaufen.

Als ich wieder aufwachte, war die Wut verschwunden. Ich f├╝hlte nichts, als eine riesengro├če Leere. Dort, wo einmal mein Herz gesessen hat, war nichts au├čer einem Loch zur├╝ckgeblieben. Konnte dieses Loch jemals wieder gef├╝llt werden? Gab es einen Menschen der dazu im Stande war? Ich glaubte nicht daran. Er w├Ąre der einzige gewesen, doch er war nicht mehr da und w├╝rde auch nie wiederkommen. Vielleicht konnten einzelne Teile wieder aufgef├╝llt werden, aber niemals w├╝rde diese Wunde ganz verheilen. Ich stand auf und zog mich an. Schon seit Tagen hatte ich nicht mehr in den Spiegel geschaut und ich tat es auch an dem Tag nicht. Es war mir vollkommen egal, wie ich aussah. Er konnte es ja eh nicht sehen. Ohne nachzudenken zog ich mir die Schuhe und die Jacke an. Drau├čen waren inzwischen zwar sommerliche Temperaturen, doch die Leere in mir lie├č mich nichts wahrnehmen. Meine F├╝├če kannten den Weg, sie trugen mich automatisch zu dem Platz, an dem ich ihm am nahesten war. Die Sonne strahlte hell vom Himmel, doch f├╝r mich war die ganze Stadt in ein tiefes grau getaucht. Ich h├Ârte nicht das aufgeregte Zwitschern der V├Âgel und ich nahm auch das fr├Âhliche Lachen der Kinder nicht wahr, die ausgelassen auf dem Spielplatz herumtollten. Jegliche Ger├Ąusche um mich herum waren verstummt, drangen nicht mehr in mein Bewusstsein. Ich wei├č nicht, wie lange ich schon unterwegs war. Waren es ein paar Minuten, oder waren es Stunden? Meine F├╝├če setzten sich nur m├╝hsam voreinander und meine Beine waren schwer wie Blei.

Doch dann war ich da. Gedankenverloren ging ich durch die Reihen und eine seltsame Ruhe kehrte in mir ein. Ja, hier war ich richtig, hier war ich ganz nah bei ihm. Vor seinem Grabstein blieb ich stehen. Irgendjemand hatte die verwelkten Blumen ausgelesen und ein neuer, farbenfroher Strauss schm├╝ckte sein Grab. Ich kniete davor nieder und meine Finger glitten langsam ├╝ber die Inschrift. Er war noch so jung, warum musste gerade er sterben? Diese Frage stellten sich alle, doch keiner w├╝rde jemals eine Antwort darauf finden. Ich sp├╝rte, wie alle Gef├╝hle in mir sich aufstauten und dann auf einmal aus mir herausbrachen. Ich beschimpfte ihn, schrie ihn an. Aus dem Schreien wurde ein Flehen. Ich bat ihn darum, zur├╝ck zu kommen und wieder bei mir zu sein. Irgendwann war alles aus mir heraus. Alle aufgestauten Emotionen hatten sich wie in einem Gewitter entladen. Zur├╝ck blieb nur ich, die weinend vor dem Grabstein kniete. Ich wei├č nicht, ob es nur der Wind war, aber ich sp├╝rte, wie etwas mein Gesicht ber├╝hrte. Es war eine sanfte Ber├╝hrung, die mir Trost spendete. Eine leise Stimme fl├╝sterte: ÔÇ×Sei stark, alles wird gut!ÔÇť Pl├Âtzlich versiegten meine Tr├Ąnen. Noch einmal kam mir der Moment ins Bewusstsein, an dem mir die Nachricht ├╝berbracht wurde, die alles ver├Ąnderte. Ein Polizist stand abends vor unserer T├╝r und sah bedr├╝ckt aus. Ich wusste sofort was er mir sagen wollte. Ein LKW war von der Fahrbahn abgekommen. Der Fahrer war offensichtlich eingeschlafen und das Fahrzeug geriet in den Gegenverkehr. Man sagte mir, dass er keine Chance mehr gehabt h├Ątte auszuweichen. Er h├Ątte auch nicht leiden m├╝ssen, sondern ist direkt beim Aufprall gestorben.

Als ich an diesen Moment zur├╝ckdachte, war auf einmal alles anders. Ich versp├╝rte zwar noch immer den Schmerz, aber er war nicht mehr so erdr├╝ckend. Ich wusste, dass ich weiterleben musste. Auch wenn es mir schwer fiel, ich musste es schaffen und mein Leben allein in den Griff bekommen. Das war ich nicht nur ihm schuldig, nein, das war ich auch unserem Kind schuldig, das ich unter meinem Herzen trug. In 2 Monaten w├╝rde es das Licht der Welt erblicken und ich musste ihm eine gute Mutter sein. Ich f├╝hlte, dass er mir dabei helfen w├╝rde. Auch wenn er mich verlassen hatte, w├╝rde ich nie ganz allein sein. Mit einer nicht gekannten Besonnenheit verabschiedete ich mich von ihm und meinem bisherigen Leben. In diesen Sekunden begann ein neues Leben f├╝r mich. Es war zwar lange nicht so sch├Ân wie das Alte, aber ich versuchte dennoch, es so zu leben, wie er es gewollt h├Ątte.


LG
Cleo

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MDCremer
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Cleo!

Dein Text gef├Ąllt mir gut, denn ich finde ihn glaubw├╝rdig. Beinahe m├Âchte ich fragen, ob es sich 'nur' um eine Geschichte handelt oder um eine Art Beichte. Aber das ist letztlich gar nicht so wichtig.

Nur eines ist mir aufegfallen: Einen Satz wie "Ich werde nicht immer f├╝r dich da sein k├Ânnen, werde endlich mal erwachsen" erwarte ich eher von einem langj├Ąhrigen Ehemann als von einem Verlobten. Meist steckt hinter einem solchen Satz eben eine lange Erfahrung. Man wei├č, dass der Partner sich blind darauf verl├Ąsst, der andere werde dies oder das schon wie gewohnt regeln. Aber warum sollte ein Verlobter, vor dem die gemeinsame Zukunft doch erst liegt, bereits auf solche Abh├Ąngigkeiten achten und gr├Â├čere Selbstst├Ąndigkeit anmahnen?

Gru├č

MDCremer

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Cleo
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2003

Werke: 4
Kommentare: 10
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@MDCremer

Vielen Dank f├╝r Deine Anmerkungen.
Nach Deiner "Kritik" hab ich mir den Texte eben noch mal angesehen und denke, Du hast Recht. Eigentlich wollte ich damit ihr naives Denken und Handeln zum Ausdruck bringen. Das hab ich anscheinend nicht ganz plausibel geschafft.
So sage ich noch einmal Danke und ├╝berlege mir inzwischen, wie ich das besser ausdr├╝cken kann.

LG
Cleo

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