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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Abschied
Eingestellt am 22. 02. 2004 14:06


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Badfinger
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

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ABSCHIED


Machen Sie sich viel Gedanken über die Menschen, die an Ihnen vorbei kommen, wenn Sie durch die Stadt laufen? Nun, ich eigentlich auch nicht. Aber schauen Sie, genau da fängt meine Geschichte an, mitten in der Sonne, mitten im Nirgendwo einer riesigen Stadt. Es war ein typischer Sommermorgen gewesen. Menschen in T-Shirts, Autos mit heruntergelassen Fensterscheiben; brüllende Stereoanlagen, CD-Wechsler im Kofferraum, die der Hitze strotzten.

Die Bushaltestellte war nicht sehr belebt, wahrscheinlich wollte keiner an diesem Tag irgendwo hin, dachte ich so bei mir, als mein Blick auf ein Mädchen fiel. Es war ein seltsamer Blick, den ich ihr schenkte. Vielleicht abschätzend, vielleicht aber auch voll von Verträumtheit, oder aber auch erfüllt von Angst. Angst wegen dem, was vor mir lag. Morgen würde ich um die gleiche Zeit, so dachte ich, im Bett liegen, in einem Zimmer nahe der Universität und heulen, weil ich das erste Mal meine Familie verließ. Ja, ich bin so ein kindischer Kerl, der nicht loslassen kann. Umso schlimmer erscheint es mir auch jetzt, dass ich damals nicht verstand.

Jedenfalls lief ich zu dieser Bushaltestelle und beobachtete, wie das Mädchen dort saß und, es war zu offensichtlich in ihrer Haltung, - weinte. Ihre langen schwarzen Haare hingen ihr wie ein dunkler Schleier ums Gesicht und dennoch, glaubte ich die Lippen zittern zu sehen. Meine Tasche war nicht schwer, denn die ganzen Sachen hatten wir schon vor zwei Wochen weggebracht. Manche per Post, andere mit dem Wagen. Die ganze Familie war stolz darauf, dass ich es auf eine Uni schaffte, wo andere nur von träumten. Nicht Harvard, nichts so Hochgestochenes. Sagen wir, einfach eine Uni, wobei es nicht wichtig ist, denn der nächste Tag war gleichzeitig auch das Ende meiner Studienlaufbahn.

Als ich mich an das andere Ende der Bank setzte, sah sie nicht auf. Doch ich merkte, wie sie ihre Tränen aus dem Gesicht wischte. Meine Eltern hatten mich zu Hause verabschiedet, weil ich darauf bestanden hatte. Ich wollte keine langen Abschiedsszenen, ich wollte keine weißen Taschentücher, keine Tränen, keine guten Wünsche; - ich wollte jemand Anderes werden. Jemand, der auch alleine etwas schaffte, ohne immer dem Wunsch nachzugehen, andere glücklich zu machen. Es war ein seltsamer Wunsch, der mich da durchdrängte. Aber gut, ich war 19 Jahre, ich war bereit die Welt zu erobern. Zumindest dachte ich das.

Das Mädchen schluchzte nun, in dem sie sich nicht rührte, dort saß und einfach im Inneren ihre Seele verbrannte. Anfangs war es mir unangenehm. Ich wusste nichts anderes zu tun, als Stift und Papier zu nehmen, sie verstohlen zu beobachten. Der Bleistift in meinen Fingern erwachte zum Leben und ich begann sie zu zeichnen. Jedoch nicht, das Mädchen dort neben mir. Nicht diese Trauergestalt, sondern, so verstand ich, das Mädchen, das sie gewesen war, bevor alledem.

Irgendwann, als ich das Bild nahe der Vollendung hatte, blickte sie auf. Ich sah sie an. Die Augen waren verquollen und gerötet. Die Lippen geschwollen und ich sah in die Augen einer verlorenen Seele. Ich entdeckte in ihnen, was sie nicht mehr war.

Es ist verrĂĽckt zu glauben, dass Du jemanden verstehen kannst, nur weil Du in seine Augen siehst. Jedoch in jenem Augenblick geschah genau das. Ich sah, wie sie zu dem wurde, was sie nun war: Eine verlorene, eine gebrochene Seele. Ich verstand ihr Schluchzen. Hatte niemand fĂĽr sie GefĂĽhle? Wollte niemand sie nur einmal in den Arm nehmen, sie drĂĽcken und sagen...

„Hallo“. Ich war mir nicht gleich bewusst, dass ich zu ihr sprach. Wenn nur ein Wort, so doch eines, dass sie erreichte. Sie sah mich noch genauer an. Ihre Augen fixierten die meinen. Da gab es kein Entrinnen!

Während um uns herum der Verkehr tobte, Kinder ihre Mami nach Eis oder Schokolade anbetteln, während die Bettler in der Hitze in ihrem Schweiß badeten und die Welt einfach weiter stürmte, befanden wir uns in einer seltsamen Leere. In dieser Leere ließ ich den Block fallen und sie sah das Bild. Sie versuchte zu verstehen, was das alles bedeutete und ich, konnte nur in ihre Augen starren. Ich verstand, was mich in dieser Welt erwartete. Ich begriff, wie es sein konnte, dass Menschen einander hassten. In meiner Welt war mir so was kaum begegnet, in ihrer war es der Alltag.

„Bin das ich?“, wisperte sie.

Ich schluckte und nickte. Sie beugte sich herab und nahm es in die Hand. Sie leckte sich ĂĽber die Lippen, biss sanft zu und weinte wieder. Jedoch dieses Mal war es ein anderes Weinen. Sie hatte einen Augenblick in meine Welt geschaut.

„Darf…“ Sie schluckte wieder. „Darf ich… es behalten?“

Ich konnte abermals nur nicken.

„Der letzte Bus ist meiner“, erklärte sie und ich glaubte sie lächelte. Doch die Augen, sie waren verloren, hatten zu lange die Dunkelheit ihres Alltags ertragen müssen, konnten die Sonne und den Sommer nicht vertragen, nicht erkennen.

Mein Bus kam. Als die Türen aufzischten, ich mich erhob, betrachtete sie mich und ich setzte mich wieder. In ihren Augen sah ich die Bitte geschrieben: „Bleib da… nur einmal soll jemand für mich Zeit haben…“

Die Türen fielen zu, der Bus dröhnte vorbei und fädelte sich in den Verkehr. Die Sonne kam hinter den Häusern soweit hervor, so schien es, um uns all die Wärme zu schenken, die das Mädchen nie empfunden hatte.

Ich sagte: „Wohin geht es denn?“

Sie reagierte nicht. Ich wollte sie nicht weinen sehen und sprach einfach drauf los: „Ich bin ziemlich aufgeregt. Wissen Sie, morgen ist mein erster Tag an der Uni. Ein neues Leben sagt man, aber ich weiß nicht, ob ich ein neues Leben brauche.“

Ein anderes Mal wäre mir dies peinlich gewesen. Jetzt jedoch hatte ich das Gefühl jemand verstand mich. Sicher meine Familie verstand mich auch, aber in dieser Stunde war es jemand, der schon gesehen hatte, was dort in der fremden Welt auf mich wartete, Zumindest erschien es mir so, dass sie mehr sah, als meine Mutter, mein Vater oder meine Schwester. In unserem Leben war alles so normal, so geordnet. In ihrem gab es nur zerrissene Lebensabschnitte, die wie Blätter vom Baum des Lebens herab regneten.

So verging einige Zeit, in der wir einander Blicke schenkten. Sie lächelte nie richtig, nicht mit voller Kraft. Ihr Leben war eine Fackel am erlöschen, dachte ich.

Dann kam ihr Bus. Es war der letzte an diesem Tag und die Sonne begann den Westen mit glĂĽhendem rot zu verzieren. Der Motor brummte und als die TĂĽr aufzischte, sah ich, wie sie wieder weinte.

Sie nahm das Bild, drĂĽckte es an ihre Brust und zwang sich mit einem Ruck aufzustehen. Ihre Haare wehten im lauen Sommerwind, der vom kommenden Gewitter kĂĽndete.

Ich sah ihr nach, wie sie die drei Stufen hinauf stieg. Als die Tür hinter ihr sich zusammen faltete und sie in dem Fenster so klein wirkte, glitzerten Tränen in meinen Augen. Sie sah sich einmal um und versuchte zu lächeln. Jedoch schaffte sie es nicht.

Dann war der Bus fort.

Ich saß noch eine Weile dort und ging schließlich nach Hause. Meine Eltern sagten, sie hätten auf mich gewartet. Sie meinten, sie waren sich sicher, ich würde es heute noch nicht schaffen. Als sie meine Tränen sahen, dachten sie, es wären die Angsttränen vorm Verlassen des Elternhauses. Doch das war es nicht.

Am nächsten Morgen, als ich den Wagen heraus fahren wollte, um Alles für meine Fahrt zur Uni vorzubereiten, sah ich die Zeitung auf den Stufen zum Haus. JUNGES MÄDCHEN SPRINGT IN DEN TOD, las ich. Ich riss die Zeitung an mich, stapfte in die Garage, knallte die Tür zu und fuhr den Wagen raus. Dann las ich den Artikel.

Sekunden später rauschte ich die Straßen entlang zu jener Brücke, mehr als 100 Meilen entfernt. Ich wollte sehen, wo sie in den Tod gesprungen war. Warum, kann ich nicht sagen. Ich konnte es nicht glauben, aber ich wusste, dass es so war, wie ich gelesen hatte.

Die Brücke war so nichts sagend, wie mein Leben mir nun erschien. Ich sah nichts, was mir sagte, dass sie hier ihren Frieden gefunden hatte, bis… An einem der Rosenbüsche, die den Hang hinauf wuchsen, hatte sich ein Blatt verfangen. Der Wind riss daran, immer wieder bis ich es aus dem Dornenmeer fischte. Es war meine Zeichnung. Darunter stand: „Danke.“ Mehr nicht, aber es bedeutete mehr, als dass ich es hier sagen kann. Meine Uniträume wurden nie Wirklichkeit, nur meine Zeichnungen. Ich steckte das Bild ein und sah in den Sommerhimmel.

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