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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Abstieg vom Berg
Eingestellt am 21. 10. 2011 22:13


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Arno Abendsch├Ân
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Er war einer von den Seilbahntouristen, die von oben auf den See schauen und vor Entz├╝cken f├╝nf Sekunden die Luft anhalten - da unten ein blauer Fjord zwischen steilen schwarz-gr├╝nen Kanten. Dann wenden sie sich zur anderen Seite, erblicken die entfernteren Gipfel des Hochgebirges und atmen aus - majest├Ątisch! Noch einmal der See als Ganzes, die Grenzberge im S├╝den, die Berge im Norden ... Und nun?

Er war erst gestern angekommen und gleich heute Morgen heraufgefahren. Der See lag 500 Meter ├╝ber dem Meeresspiegel, der Gipfel 1900 Meter hoch. Die Hochalm war mit Gastronomie und Hotellerie gut best├╝ckt. Die Vierergondeln spuckten im Takt ihre menschliche Fracht aus. Die Wege kreuz und quer ├╝ber die besonnten Wiesen belebten sich zusehends. Der Fremde sah von Nordwesten lang gezogene Wolkenb├Ąnke heransegeln. Wie lange wird sich das Wetter noch halten?

Man f├Ąhrt nicht schon um halb elf wieder hinunter. Wenn er zu Fu├č den direkten Weg zum See nimmt, ist er um zwei Uhr nachmittags dort - viel zu fr├╝h. Also noch l├Ąnger hier oben bleiben? Nein, auf dem Gipfel ist es ihm zu betriebsam. Er w├Ąhlte den H├Âhenweg nach Nordosten, nachdem er die Karte studiert hatte. Die gerade durchgezogene rote Linie auf ihr versprach leichtes Fortkommen. Es geht immer geradeaus, nur durch dichte W├Ąlder. Es wird dort ruhiger sein, vielleicht einsam. Am Sp├Ątnachmittag sollte er nach langem Abstieg an einem der Bahnh├Âfe der Seitenbahn ankommen.

Er verlor rasch an H├Âhe und verschwand im Fichtenwald. Mit den Wiesen lie├č er die anderen Seilbahntouristen zur├╝ck. Aufatmend ging er schneller und kam auf dem nun eben verlaufenden Forstweg gut voran. Es war wirklich einsam hier, nicht einer mehr begegnete ihm. Der Himmel bezog sich erst unmerklich, dann war es nur noch grau ├╝ber ihm. Hier am Boden war es jetzt viel k├╝hler geworden. Er ging noch schneller. Der Weg verlief nicht immer so gerade, wie es die Karte darstellte. Es war eine Frage des Ma├čstabs. Welche Ma├čst├Ąbe soll man f├╝r sich w├Ąhlen, dachte er, eine im Leben manchmal entscheidende Frage.

Die Abzweigungen h├Ąuften sich, die Farbmarkierungen verloren sich. Er glaubte, noch auf dem richtigen Weg zu sein. Aus dem Forstweg war l├Ąngst ein schmaler Pfad geworden. Bei jeder neuen Gabelung wurde er unsicherer. Er musste sich auf seinen Instinkt verlassen. Der Wald h├Ârte nicht auf. Am meisten beunruhigte ihn, dass er durchaus nicht an H├Âhe verlieren wollte.

Dann ging es doch hinab. Er gewann wieder Zuversicht - und stand binnen kurzem am oberen Rand einer steilen Felswand. Umkehren, den richtigen Weg suchen - oder irgendeinen Weg, wenn er nur hinunterf├╝hrt. Der Alptraum begann erst jetzt. Er probierte immer neue Wege, neue Richtungen. Keine f├╝hrte zur├╝ck in die Zivilisation. Die meisten Pfade endeten im Nichts. Es war schon mitten am Nachmittag. Nur einem Piefke kann so etwas passieren ... Leise Panik machte sich breit. Diese Zwangsvorstellung, niemals mehr ins Tal zu kommen ÔÇô eigentlich hasst er das Gebirge.

Einmal st├╝rzte er, verletzte sich zum Gl├╝ck nicht. Nur die blaue Jeans war ├╝ber und ├╝ber mit gelbem Schlamm bedeckt. Er hastete weiter und ging vermutlich im Kreis. Nach weiteren zwei Stunden lichtete sich der Wald seitlich in der Tiefe. Er verlie├č den Pfad und drang zwischen den Fichten ins Helle vor. Wie sch├Ân, die Wiesen eines Bauernhofs, so sanft, und dahinter das Talbecken, endlich. Er kletterte ├╝ber den Stacheldrahtzaun und entdeckte erst dann die Bullen auf der Weide. Sie hatten ihn noch nicht gesehen. Er schlich sich von der Wiese und zerriss sich beim erneuten Zaun├╝bersteigen weiter unten einen ├ärmel seiner Jacke. Immerhin stand er nun auf einem asphaltierten Feldweg. Die D├Ârfer an der Bahn mussten nach seiner Vermutung rechts liegen. Ein Bauernhof war noch zu passieren. Mit weichen Knien ging er so leise wie m├Âglich daran vorbei ÔÇô nicht dass er die Hunde weckte.

Das Dorf sah wie andere in K├Ąrnten aus. Eine Ortstafel suchte er vergeblich. Wo zum Teufel war er herausgekommen? Hat dieses Nest ├╝berhaupt einen Bahnhof? Er ging durch Neubauviertel mit kleinen H├Ąusern, wie sie ├╝berall in der westlichen Welt stehen. Diese Ruhe auf den Stra├čen, kein Mensch in den G├Ąrten zu sehen - es war zu ruhig. Sollte inzwischen hier unten etwas Unausdenkbares geschehen sein?

Dann entdeckte er doch zwei Einheimische. Sie und er sa├čen auf der Terrasse. Das Haus war erst vor kurzem bezogen, der Garten noch nicht angelegt. Sie jausten und wirkten sehr gelassen. Die beiden redeten nicht miteinander. Die Dame des Hauses bl├Ątterte in einer Illustrierten.

Und er, der Fremde, au├čer Puste, schmutz├╝berkrustet, ziemlich derangiert, ruft ihnen zu: "Verzeihung, wenn ich Sie st├Âre, ich bin fremd hier, ich habe mich in den Bergen da oben verirrt ... W├╝rden Sie mir bitte den Namen Ihres Dorfes sagen? Nur den Namen, ich wei├č n├Ąmlich nicht, wo ich heruntergekommen bin. Wenn Sie mir den Dorfnamen sagen, finde ich ihn dann schon auf meiner Karte ..." Mein Gott, er ist doch nicht vom Mond gefallen, sie zeigen ihr Befremden allzu deutlich.

Eine Viertelstunde darauf war er am Bahnhof, gerade recht zur Abfahrt des n├Ąchsten Zuges. Eigentlich unglaublich, wie reibungslos die Welt hier unten immer noch funktioniert.

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