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Leselupe.de > Kurzprosa
Absturz in die Wirklichkeit
Eingestellt am 05. 07. 2007 21:01


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Eve
Routinierter Autor
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Absturz in die Wirklichkeit

Meine Tage waren von einer explodierenden Farbigkeit, wie ich sie später nie wieder erlebte. Ich schlief auf einem Surfbrett, mit dem ich beim ersten Augenaufschlag durch die schäumenden Wellen des kommenden Tages ritt. Mit der Sonne stieg die Leichtigkeit empor und malte mir das Leben in buntem Strahlen. Alles war möglich, ich war von einem tiefen Glauben an die Unendlichkeit dieser Empfindungen beseelt. Vielleicht hätte ich es wissen müssen – aber ich wollte nichts anderes sehen. Und ich musste auch nicht. Ich hatte Geld, ich drehte Pirouetten inmitten dieses großartigen Ozeans an Leben, und ich hatte Freunde, so viele Freunde. Wunderbares Einerlei unserer Tage … im Rückblick verschwimmen sie zu einem Regenbogen, der sich lachend über den Horizont spannt.

Auch die Liebe war einfach, weil inmitten dieses Strudels jede Regung nur als Liebe erkannt werden konnte. Wir feierten und tanzten und lachten und lebten. Die Zeit war unser Freund – wir glaubten, es könne ewig so weitergehen. Wir wechselten uns untereinander, tauschten die Zweisamkeiten aus gegen andere und waren doch immer alle zusammen. Was zählte, war die Wärme, die Nähe – und das Vergessen. Vielleicht rauchten wir zuviel oder hatten das Maß für den Wein verloren, aber unsere besten Gedanken entstanden in diesen Nächten. Wir waren geistreich, voller sprühender Ideen – und wir hatten so viel Kraft! Ich spannte meine Seele aus und flog auf ihr davon. Der Tag war nur die Vorbereitung für die Nacht, in der alles geschehen konnte. Inmitten der Stadt, in der wir lebten, waren wir unser eigenes Dorf.

Als sie Jonas wegbrachten, war er allein. Im Rausch hatte er die Wirklichkeiten verwechselt, war nicht zurückgekommen. Und ich sah im Traum seinen irren Blick, der mich umschmeichelte, mich umgarnte. Um mich dann böse zu verhöhnen und zu verfolgen. Zu den Farben meines Tages war Grau hinzugekommen – und es breitete sich aus. Erst fiel ihm die Leichtigkeit zum Opfer, dann verschwand mein Surfbrett. Ich konnte nicht mehr fliegen – Jonas’ Augen hielten mich am Boden.

Aus dem Wir wurde ein Ich, denn niemand außer mir schien zu spüren, was passiert war. Unser friedliches Dorf war nicht das Universum, in dem ich zu leben geglaubt hatte. Es war viel eher ein Garten, dessen Begrenzung ich niemals wahrgenommen hatte. Jetzt stand ich draußen vor dem Tor und konnte den Schlüssel nicht mehr finden. Es tat weh, die anderen lachen zu sehen, denn jedes Lachen brannte mit Jonas’ Augen ein Loch in meinen Körper.

Ich habe Jonas nie wieder gesehen. Und ich habe auch nicht versucht, den Schlüssel zu unserem Garten wieder zu finden. Die Farben in meinem Regenbogen sind blasser geworden und das Grau hat sich eingenistet.

Wenn ich heute ein Lied singe, weiß ich, dass es auch ein Ende hat.

Eve

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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

Toller Beitrag!

Das ist sie, die Zeit der Blumenkinder, Genusssüchte, die Leben wurden und dennoch nicht befriedigen konnten, jedenfalls nicht dauerhaft.

Was mir aufgefallen ist:

im Rückblick verschwimmen sie zu einem Regenbogen, der sich lachend über den Horizont spannte.

Lieber: verschwammen (oder ist das bewusst eingesetzt gewesen?)


Im Rausch hatte er die Wirklichkeiten verwechselt, war nicht zurückgekommen. (Oberklasse geschrieben !!!)

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Danke für deine tolle Bewertung und deinen Kommentar :-) ...

quote:
im Rückblick verschwimmen sie zu einem Regenbogen, der sich lachend über den Horizont spannte.
ich hab schon beim Schreiben darüber nachgedacht, welche Form für verschwimmen richtig ist - einerseits könnte die Protagonistin während dieser Zeit zurück geblickt haben, dann verschwammen ... oder aber sie blickt zurück, nachdem alles passiert ist, in der Gegenwart also ... dann stimmt verschwimmen ... ich hatte mich erst für die Gegenwart entschieden - bin jetzt aber am Grübeln ;-)

... ich ändere es in verschwammen! Das passt doch besser ... danke :-)

Viele Grüße,
Eve

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