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Leselupe.de > Humor und Satire
Abteilung Fegefeuer - Ein Lokalaugenschein
Eingestellt am 24. 05. 2002 23:03


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Pinky
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Trockene, heiße Luft. Hoch loderndes Feuer, wohin man auch blickt. Eine lange Kolonne mĂŒder, niedergeschlagener und vor allem nackter Gestalten quĂ€lt sich zwischen den Flammen dahin und versucht, nicht auf den jammernden Chor gemarterter Seelen zu hören.
Dies ist das Fegefeuer. Ort der Verdammnis, wohin die Geister der SĂŒndigen verbannt werden, um ihre Verbrechen gegen die Gesetze Gottes zu bereuen und ihre gerechte Strafe zu empfangen, bevor sie Einzug ins Paradies halten dĂŒrfen.
Hier ist die Ewigkeit, wo unzÀhlige Verstorbene hunderte von Jahren ihre Erlösung erwarten.
Hier ist das Inferno, das mit verzehrenden Flammen die gefallenen Seelen reinigt, zur Vergeltung ihrer SĂŒnden.
Hier ist es wie in einer finnischen Sauna, nur dass die Luft trockener ist und man keinen Eintritt zahlen muss.
Ich melde mich hier direkt aus dem Fegefeuer, von wo wir heute live berichten. Noch nie zuvor ist es einem Reporter gelungen, hierher vorzudringen, um Ihnen, meine Damen und Herren, die schaurigen Szenen in allen Einzelheiten zu schildern.
Ich stehe hier inmitten zahlloser verdammter Seelen und unsere Kolonne kommt nur langsam voran, denn immerhin herrscht hier ein gewisser, wenn auch nicht ganz freiwilliger Andrang. Die BĂŒrokratie hier scheint nicht viel besser zu sein als anderswo, auch wenn man meinen sollte, dass man eigentlich genug Zeit gehabt hĂ€tte, das in den Griff zu bekommen. Die EinreiseformalitĂ€ten wollen allerdings erledigt werden; sonst könnte ja jeder kommen.
Obwohl das wahrscheinlich keiner tun wĂŒrde, denn immerhin: Sehr behaglich erscheint das Fegefeuer nicht unbedingt, und das soll es ja auch nicht, denn schließlich ist man ja nicht zur Belohnung hier. Doch sind es immer noch Menschen, die hier landen, meine Damen und Herren. Menschen wie Sie und ich, und als Mensch gewöhnt man sich ja bekanntlich an alles. NatĂŒrlich muss es fĂŒr die armen Seelen furchtbar sein, inmitten von lodernden Flammen gefangen zu sein und langsam geröstet zu werden, ohne jemals gar werden zu können, doch macht man hier das Beste daraus: So sitzen einige mehr oder weniger gemĂŒtlich beisammen und spielen Karten, plaudern miteinander oder gehen etwas spazieren. Eine Ă€ltere Dame sitzt sogar da und strickt einen Pullover. Die Heizer, die hier nicht nur fĂŒr die nötige Hitze sondern auch fĂŒr Ordnung sorgen, wirken etwas wie unterbeschĂ€ftigte GefĂ€ngniswĂ€rter, so wie sie da an den WĂ€nden lehnen.
Jedoch nicht nur die Angestellten wirken hier etwas gelangweilt, auch die Seelen scheinen nichts so recht mit ihrer Zeit anzufangen zu wissen. VerstĂ€ndlich, denn alles was Spaß macht, ist hier nicht möglich: Zigaretten gehen sofort in Flammen auf und Alkohol verschwindet mit einem lauten Buff. FĂŒr Sex ist es sowieso zu heiß, und außerdem dĂŒrfte körperliche Liebe zwischen Seelen ungefĂ€hr so aufregend sein wie eine nachmittĂ€gliche Diskussionsrunde im Fernsehen. SĂ€mtliche Laster werden einem hier ausgetrieben, denn dazu ist man ja schließlich hier und Feuer hat ja bekanntlich eine reinigende Wirkung. Allerdings liegt es weniger daran, dass man nicht darf, sondern vielmehr, dass man nicht kann, selbst wenn man möchte. SĂ€mtliche hereingeschmuggelten Laster gehen unweigerlich in Flammen auf, meine Damen und Herren, und zerfallen zu Asche.
Es ist eigentlich eine geniale Strategie der Unternehmensleitung, wie man zugestehen muss, denn immerhin erspart sie sich so, ungeliebte Regeln aufstellen zu mĂŒssen, und die Verdammten haben sich pragmatischerweise zu fĂŒgen ohne jemandem einen Vorwurf machen zu können und mĂŒssen ohne ihre gewohnten Freuden auskommen. Deshalb macht sich hier auch niemand die MĂŒhe, am Eingang die Taschen zu kontrollieren - sie verbrennen ja ohnehin.
Doch nun, meine Damen und Herren, tut sich hier etwas. Die Kolonne, in der ich stehe, hÀlt an, denn eben kommt einer der hier Angestellten mit etwas in der Hand herbei, und, ja, es scheint ein Klemmbrett zu sein. Ein Klemmbrett mit einer Liste darauf. Er stellt sich nun vor eine Gruppe verdammter Seelen und beginnt, von seiner Liste abzulesen, aber hören Sie bitte selbst:
"Sven Olaf Strandnielson, Herbert Frank, Charles Goodbert, Xing Li Wan, Miriam Morteba, Ann deBrink! Und Mugo. Herkommen! Ihr habt eure hundert Jahre abgesessen!"
"Was ist mit mir? Ich mĂŒsste eigentlich auch heute rauskommen."
"Name?"
"Kaiser Otto III von Deutschland!"
(Kurze Pause)
"Stehst hier nicht drauf. Wie lange hast du?"
"Tausend Jahre Fegefeuer."
"Die tausend Jahre kommen erst spÀter. Tut mir leid, etwas Geduld noch."
"Kein Problem. Ich sitz ja schon so lange hier."
"Die anderen: Mitkommen!"
Eine weitere Kolonne bildet sich nun und die Aufgerufenen folgen, durchwegs erleichtert, dem Heizer. Einige wirken allerdings auch etwas beunruhigt. Vielleicht ist das auf das gleiche PhĂ€nomen zurĂŒckzufĂŒhren, das sich auch bei Schwerverbrechern zeigt, die nach jahrelanger Haft entlassen werden: Angst vor der Freiheit, oder in diesem Fall, vor dem Paradies. Ich habe eben einen der hier Arbeitenden dazu befragt und er sagte mir, dass es dabei gelegentlich zu ganz hĂ€sslichen Szenen kommen kann, die damit enden, dass die betreffenden Seelen mit Gewalt in den Garten Eden gezerrt werden mĂŒssen.
Wir können nun weiter und nĂ€hern uns langsam dem Ende unseres Marsches. Rund um uns erklingen die schaurigen Stimmen gemarterter Geister, wie sie elende und endlose Qualen erleiden. Doch wie ich eben erkennen muss - stellen Sie sich das vor, meine Damen und Herren -, schreien und jammern hier nur wenige der Verdammten. Genaugenommen ist es nur eine Art Chor, der hier fĂŒr stimmungsvolle AtmosphĂ€re sorgt. Unmengen ehemaliger SĂ€nger mĂŒssen sich hier ununterbrochen in ihrer Kunst ĂŒben, ohne jemals Gage dafĂŒr zu erhalten. Wenn das keine Qual ist ...
Es erklĂ€rt allerdings, warum hier sonst niemand schreit und jammert. Nun, wahrscheinlich kann einer Seele selbst metaphorisches Feuer nicht viel anhaben, da man nach spĂ€testens zwanzig Jahren draufkommt, dass man keine Schmerzen haben muss, wenn man nicht will. Die einzige Qual fĂŒr die Verbannten hier ist es also, ohne ihre geliebten Laster auszukommen.
Doch komme ich nun zum Ende meiner Berichterstattung. Ich befinde mich direkt vor dem Schalter an dem die Einreisenden registriert werden und ein finster aussehender Heizer blickt mich an. Ich werde -
"Name!"
Äh, wie bitte? Sie werden es nicht glauben, meine Damen und Herren, aber man verlangt tatsĂ€chlich, meinen Namen zu wissen. Scheinbar hĂ€lt man mich ebenfalls fĂŒr einen Ver-
"Name!"
Verzeihen Sie, das muss ein Irrtum sein. Ich bin nicht tot. Ich bin Reporter und mache hier eine Reportage live aus dem Höllenfeuer.
"Ich weiß. Wir hören den Schund schon die ganze Zeit im Radio. Suchen Sie sich schon mal ein gemĂŒtliches PlĂ€tzchen. Sie kommen hier so schnell nicht mehr raus!"

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Englhauser
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Fegefeuer

Hi Pinky,
wirklich eine spannende Reportage (schmunzel :-)
Ich bin zwar ein begeisteter Saunafan,
(verlockend ...... freier Eintritt)
aber nach diesem aufklÀrenden Bericht,
ĂŒberwiegen ja doch die Nachteile und ich werde
freiwillig, auf den Besuch des Fegefeuers verzichten.
Gruß Willi

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mc poetry
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hallo pinky,

vielen dank fuer den anschaulichen
korrespondentenbericht. kennst du die
reportage von karl valentin aus der
hoelle? dort scheint es noch besser
zu sein als im fegefeuer.

ich wuerde mich auf jeden fall da nicht
so festlegen wollen, wo ich hinwill,
weshalb ich fuer schnupperowchen in
himmel, hoelle und fegefeuer plaedieren
wuerde.

die aehnlichkeit sauna-fegefeuer erinnert
mich an ein saunaerlebnis, bei dem ein
typ meinte es sei hier so dunkel.
darauf die aufguss-djane: "wollen sie gucken
oder entspannen?"

liebe grueße, michael

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Pinky
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Höllenberichte

Hallo, mc poetry!
Nein, den Bericht von Karl Valentin kenne ich leider nicht, obwohl er mich sehr interessieren wĂŒrde. Allerdings möchte ich mich auch noch mit diesem Thema beschĂ€ftigen. Und dann ist der Himmel dran ...

Schöne GrĂŒĂŸe

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hallo pinky,

leider finde ich nirgens im netz den text
von "uebertragung aus der hoelle".

bei
Hier klicken
gibt es andere mp3s von karl valentin.

vielleicht findest du das stueck woanders,
zb bei audiogalaxy etc.

ciao, michael

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