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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Abwarten und Tee trinken (Schreibaufgabe April)
Eingestellt am 16. 04. 2004 16:33


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MarleneGeselle
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Abwarten und Tee trinken

Die Rechte hangelte nach der Schreibtischlampe, fand den Kippschalter, machte Licht. "Noch nicht Feierabend, Frau Gr├╝nwald?" Kriminalassistent Steinhart sah erstaunt zum gegen├╝berliegenden Schreibtisch hin├╝ber. Es war schon sechs Uhr durch, gerade d├Ąmmerig geworden. Normalerweise die Zeit, zu der seine Chefin den Bleistift fallen lie├č. Manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes.
"Noch ein halbes St├╝ndchen, Fidelis", murmelte die Angesprochene, "ich seh nur noch mal nach, ob ich nichts vergessen hab, ehe das Teil im Archiv verschwindet. Warum machen Sie nicht jetzt schon Schluss? Es ist Freitag und sechs Uhr. Da sollte ein junger Kerl doch anderes im Kopf haben, als Berichte schreiben." Fidelis Steinhart grinste. "Sollte eine allein erziehende Mutter jetzt nicht schon l├Ąngst als Hausfrau am Kochtopf stehen und dem Fr├Ąulein Tochter die Vokabeln abh├Âren?" Beide lachten. Niemand konnte sich Franziska Gr├╝nwald am Kochtopf vorstellen, mit Sch├╝rze, Holzl├Âffel und Spagettiso├če. Eher schon Fidelis Steinhart umschw├Ąrmt von einem halben Dutzend Girlies in der Disko. Aber niemand hatte ihn je in solcher Begleitung gesehen. Ein Kavalier, der heimlich genie├čt und schweigt - oder?
Der junge Mann legte den schmalen Ordner, in dem er bis jetzt gebl├Ąttert hatte, auf den Stapel zu seiner Rechten. Fertig.
"Bitterorange oder Kirsch-Vanille, Frau Gr├╝nwald?" Die Kommissarin blickte kurz auf. "Bitterorange, wenn noch da ist." Der junge Mann fischte die entsprechenden Beutel aus der Schachtel, lie├č sie in die bereit stehenden Tassen fallen. ├ťber dem Waschbecken in der Zimmerecke hing ein Miniboiler. In zwei Minuten w├╝rde hei├čes Wasser fertig sein.
"Den Waldinger-Mord haben Sie ja noch immer da liegen." Steinhart war neben seine Chefin getreten, wies auf den dicken Packen, der auf der Aktenablage vor sich hin d├Âste. H├Ątte seiner Meinung nach auf den Stapel f├╝rs Archiv geh├Ârt. Franziska Gr├╝nwald zuckte mit den Schultern. "Da kann man nichts machen. Den T├Ąter oder die T├Ąterin haben wir ja immer noch nicht. - Und noch mag ich nicht aufgeben." Ein feines L├Ącheln umspielte ihre Lippen, machte sie j├╝nger und auch ein wenig verschlagen.
"Aber Frau Gr├╝nwald", Fidelis Steinhart wusste nicht, wie den richtigen Ton treffen, "an Ihnen liegt es doch wirklich nicht, dass der bl├Âde Fall nicht aufgekl├Ąrt werden kann. Da l├Ąsst sich der Tobias Waldinger irgendwann von irgendwem und noch dazu irgendwo erstechen und erst zwei Wochen sp├Ąter auf der Gr├╝ngutdeponie finden. Dutzende Frauengeschichten, zwei Nebenb├╝hler mit sch├Ânem Motiv und noch besserem Alibi, eine Schwester, die den Burschen nicht leiden kann. Hat zwar kein Alibi, aber das Motiv? Frau Gr├╝nwald, verrennen Sie sich da nicht in irgendetwas?"
Der Wasserboiler meldete sich mit altersschwachem Tr├Âten. Der Kriminalassistent marschierte zum Waschbecken, lie├č das hei├če Wasser in die Tassen laufen. Es faszinierte ihn immer wieder, wie der feine Dampf aufstieg, sich auf seiner Brille niederschlug und dort kondensierte. "Wie ein kleiner Junge", dachte Franziska Gr├╝nwald, "fehlen nur noch die Fr├Âsche in der Hosentasche." Geduldig wartete der junge Mann vor dem Waschbecken, bis der Tee lange genug gezogen hatte, warf die Beutel in den Papierkorb unter dem Becken. Elegant wie ein Kellner im Nobelhotel stellte er die Tasse vor seiner Chefin ab. Mit der gleichen Geschicklichkeit platzierte er den eigenen Tee zwischen Mauspad und Tastatur.
"Frau Gr├╝nwald", fuhr er fort, "wissen Sie eigentlich, wie alt die Bauern hier werden?" Sie zuckte mit den Schultern. "Siebzig, achzig Jahre." Steinhart grinste. "In meinem Clan werden die Frauen locker neunzig Jahre, die Altbauern schaffen auch locker die f├╝nfundachzig. Ist ne z├Ąhe Rasse hier auf der Alb; liegt am scheu├člichen Wetter."
"Ich dachte immer, das l├Ąge am Sp├Ątzles schaben. Soll ja fit halten und die Hirnzellen dopen."
"Im Ernst, Frau Gr├╝nwald, ich verstehe Sie nicht. Die Charlotte Waldinger m├╝sste doch jahrzehntelang darauf warten, dass die Eltern sterben, ehe sie was davon h├Ątte, das Erbe nicht mehr mit der Tobias teilen zu m├╝ssen. Die Waldingers sind doch mal gerade erst Mitte f├╝nfzig. Das w├Ąren ja fast f├╝nfunddrei├čig Jahre!"
"Stimmt genau, Fidelis. Die Charlotte muss nichts mehr tun, auf Jahrzehnte hin, au├čer abwarten. Weitere Geschwister oder sonstige Miterben sind nicht da, also auch kein weiteres Risiko."
Der Angesprochene sch├╝ttelte verst├Ąndnislos den Kopf. Wollte seine Chefin etwa auch warten? Und worauf? Dass in grob gerechnet drei├čig Jahren Charlotte Waldinger endlich erben - und vielleicht dann endlich einen Fehler machen w├╝rde?
Franziska Gr├╝nwald beobachtete ihren Assistenten ├╝ber den Rand ihrer Teetasse hinweg. So, wie er ihr gegen├╝bersa├č, waren seine Augen f├╝r sie ein offenes Buch. "Oh Mann", schoss es ihr durch den Kopf, "Pokerface und sich verstellen muss ich noch ein bisschen mit dir ├╝ben."
Scheinbar gedankenverloren nahm sie einen d├╝nnen Aktendeckel von einem anderen Stapel, legte ihn auf die Schreibunterlage und klopfte leise drauf. "Ahnen Sie was ich meine, Fidelis?"
"Ist das die Geschichte mit dem Hanfanbau hinter der Deponie? Der Typ, der eine ganze Lichtung vollgepflanzt hat mit Dope, und der sich bis jetzt noch nicht hat beim Ernten erwischen lassen?"
"Stimmt, die Hanfgeschichte. Und raten Sie mal, worauf ich anspiele."
Der junge Mann zog ein verlegenes Gesicht. "Na, worauf wohl. Darauf, dass unser begabter Hanfz├╝chter unter Umst├Ąnden ein guter Zeuge f├╝r unseren Mord w├Ąre. Soweit ich wei├č, braucht das Zeug ziemlich was an Pflege. Abwarten, Fidelis. ├ťber kurz oder lang kriegen wir den Burschen zu packen. Wenn wir Gl├╝ck haben, hat der Typ etwas gesehen oder geh├Ârt. Zu verlieren haben wir Beiden nichts dabei, au├čer einem bisschen Zeit."
"Noch einen Tee, Frau Gr├╝nwald?"
"Oh ja, bitte. Diesmal aber Kirsch-Vanille."
"Schon in Arbeit."












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