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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Abweichung
Eingestellt am 16. 08. 2005 10:09


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Justina
???
Registriert: Jun 2004

Werke: 5
Kommentare: 86
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Johanna war schon seit vier Jahren alleine, und von einem fr├Âhlichen Single-Leben konnte keine Rede sein. Im Gegenteil; das Leben ohne Partner erschien ihr trist und langweilig. In den letzten Monaten war ihr dieser beziehungslose Zustand besonders unertr├Ąglich vorgekommen. Ihre W├╝nsche nach Zweisamkeit, nach dem Ber├╝hren nackter Haut, nach Hingabe und Sex waren so ├╝berm├Ąchtig geworden, da├č sie ├╝ber jeden Mann, der ihr nur ann├Ąhernd attraktiv erschien, h├Ątte herfallen k├Ânnen. Doch niemand schien an ihr interessiert. Jedenfalls kein Mann, der in ihren Augen akzeptabel war. F├╝r sie kam nur ein Partner in Frage, der intelligent, einf├╝hlsam, leistungsorientiert und an Kino und klassischer Musik interessiert war. Dann gab es nat├╝rlich die ├Ąu├čerlichen Attribute, die stimmen mu├čten: ein sympathisches Gesicht, das nicht verlebt wirkte, war von Vorteil und ein schlanker, durchtrainierter K├Ârper ein absolutes Mu├č.

Johanna selbst konnte mit all diesen Eigenschaften aufwarten, doch eine kleine Abweichung lag vor: sie war nicht schlank. Nein, als dick h├Ątte sie wohl auch niemand bezeichnet, doch w├╝rde man wohl von einer sehr weiblichen oder stattlichen Figur sprechen, wenn man sie beschreiben sollte. Aber seit einiger Zeit schien sie im Kampf gegen das ├ťbergewicht eine Schlacht nach der anderen zu gewinnen. Sie hatte sich abgew├Âhnt, ihre Trauer ├╝ber das Alleinesein durch ├╝berm├Ą├čiges Essen von Schokolade und Chips zu bet├Ąuben, sie kochte und a├č nur noch fettreduziert und trieb seit einiger Zeit dreimal w├Âchentlich Sport in einem Fitne├čstudio ÔÇô und das, obwohl sie derartige Einrichtungen eigentlich verabscheute. Diese M├╝hen wurden mit einem Gewichtsverlust von bislang 13 Kilogramm belohnt. Sie wu├čte, das war noch nicht genug, aber sie f├╝hlte sich wieder wohl und hatte den Eindruck, sie sei ja doch ganz attrakttiv.

An einem Tag, an dem sie sich besonders schlank, h├╝bsch und begehrenswert fand, fa├čte Johanna den Mut, sich bei einer Kontaktb├Ârse im Internet anzumelden. Gerne h├Ątte sie ein Foto eingestellt, damit der geneigte Leser auch einen ersten optischen Eindruck gewinnen konnte, doch leider hatte sie keine aktuelle Aufnahme. Bei den Angaben zum Pers├Ânlichkeitsprofil korrigierte sie ihr Gewicht ein wenig nach unten. Mehrmals hatten ihr Freundinnen best├Ątigt, wie schlank sie wirke, und M├Ąnner hatten ohnehin kein Augenma├č f├╝r solche Dinge. Als sie am n├Ąchsten Tag ihre e-mails abrief, hatte sie bereits Post von einem Interessenten. Ein zwei Jahre j├╝ngerer Mann, der ganz in ihrer N├Ąhe wohnte, zeigte sich von ihren Angaben angetan. Als sie sein Profil einsah, war sie angenehm ├╝berrascht: ihr l├Ąchelte ein sympathisch aussehender, attraktiver Mann im Business-Look zu. Und dann trug er noch eine dieser unglaublich intellektuell wirkenden randlosen Brillen! Das also war Konrad, ein vierundrei├čigj├Ąhriger Polizeibeamter im gehobenen Dienst. Er liebte Literatur und Klaviermusik und war auf Johanna aufmerksam geworden, weil sie in der Rubrik Lieblingsbuch "Der Untergeher" eingetragen hatte. Johanna f├╝hlte sich schwindlig: wieviel ├╝bereinstimmende Hobbies sie doch hatten, angefangen beim Klavierspielen bis hin zur Vorliebe f├╝r das Minigolfen.

Sie schrieb umgehend zur├╝ck und es entstand ein reger schriftlicher Austausch. Jeden Abend sa├č sie nun vor dem Computer und wartete ungeduldig auf Post von Konrad, oder sie schrieb selber eine e-mail an ihn. Nach zwei Wochen telefonierten sie zum ersten Mal miteinander. Das Telefonat erstreckte sich ├╝ber 4 Stunden, so viel hatten sie sich zu sagen. Von nun an sprachen sie jeden Abend miteinander und es wurde immer deutlicher, da├č sie in vielen Lebensbereichen ├╝bereinstimmende Interessen und Positionen hatten. Konrad sprach einmal sogar davon, da├č ihm das geradezu unheimlich sei; noch nie habe eine Frau so vieles mit ihm geteilt. Das seien doch die idealen Bedingungen f├╝r ein harmonisches Miteinander. In diesem Telefonat sprach er auch das Thema "Erstes Treffen" an. Er wolle sie nicht bedr├Ąngen, doch glaube er, es sei an der Zeit, sich pers├Ânlich kennenzulernen. Er habe den Eindruck, schon Jahre in Johanna verliebt zu sein und sehne sich so sehr danach, sie leibhaftig in seine Arme schlie├čen zu k├Ânnen. Johanna, die gleichzeitig ├╝bergl├╝cklich und verunsichert war, gab seiner Bitte nach, und sie verabredeten sich f├╝r den darauffolgenden Sonntag. Als sie den H├Ârer auflegte, beschlich sie ein mulmiges Gef├╝hl. Sie war so verliebt in Konrad, ihre Mails waren so innig, die Telefonate so voller Harmonie, Witz und Zuneigung. Was, wenn sich all das nach dem ersten Treffen verfl├╝chtigen w├╝rde?

In den darauffolgenden Tagen a├č sie noch weniger und kam kaum noch zur Ruhe, doch dem Treffen sah sie immer positiver entgegen. Ja, Konrad war der Mann f├╝rs Leben, das wu├čte sie. Am Sonntag machte sie sich gut gelaunt auf, um Konrad in einem Bistro am Rhein zu treffen. Sie hatte wegen der Kleiderfrage Stunden vor dem Spiegel verbracht und sich am Ende f├╝r ein schwarzes Kleid entschieden, das ihren sch├Ânen Busen betonte und sie schlanker wirken lie├č. Als sie das Lokal betrat, entdeckte sie Konrad zun├Ąchst nicht, fand ihn dann aber in einer stillen Ecke mit Blick auf die Rheinwiesen. Der Mann sah in Wirklichkeit noch besser aus als auf dem Foto! Er hatte sie auch schon entdeckt, war aufgestanden und l├Ąchelte ihr entgegen. Als sie sich gegen├╝berstanden, sagte er "Wie sch├Ân Dich zu sehen" und dr├╝ckte ihr ein wenig verlegen, aber herzlich die Hand.

Der Rest des Tages war f├╝r Johanna wie ein wunderbarer Traum. Sie a├čen zun├Ąchst eine Kleinigkeit, unterhielten sich dabei ├╝ber Literatur und Musik, alberten herum und gingen anschlie├čend spazieren. W├Ąhrend des Spaziergangs nahm Konrad sie sogar einmal kurz in den Arm. Danach war Johanna so verwirrt, da├č sie nur noch m├╝hsam ein Gespr├Ąch zuwege brachte. Konrad hingegen schien zunehmend Gefallen an seinen eigenen Ausf├╝hrungen zu finden und erz├Ąhlte viel und ausf├╝hrlich. Irgendwann, es d├Ąmmerte schon, schaute er erschrocken auf die Uhr und meinte, er m├╝sse nun schleunigst nach Hause fahren; am n├Ąchsten Morgen habe er einen sehr wichtigen Termin. Als sie den Parkplatz vor dem Bistro erreicht hatten, hauchte Konrad zum Abschied einen Ku├č auf Johannas Wange und versprach, er werde sie in den kommenden Tagen anrufen. Dann stieg er in seinen Wagen und fuhr hupend los. Johanna blieb noch stehen. Niemals, dessen war sie sich sicher, hatte sie sich bei der ersten Begegnung so sehr in einen Mann verliebt. Vollkommen verwirrt vor Gl├╝ck fuhr sie nach Hause.

Am n├Ąchsten Abend wartete sie auf Konrads Anruf. Doch er schien verhindert zu sein, und als er sich um Mitternacht immer noch nicht gemeldet hatte, ging sie etwas entt├Ąuscht ins Bett. Auch am darauffolgenden Tag wartete sie vergeblich. Am Ende der Woche sa├č sie schlie├člich verheult und entt├Ąuscht auf dem Sofa, stopfte Chips und Schokolade in sich hinein und ├╝berlegte, was wohl passiert sein mochte. Irgendwann setzte sie sich an den Computer und loggte sich in die Kontaktb├Ârse ein, um noch einmal Konrads Profil anzuschauen. Aber was war das? Er hatte es ge├Ąndert. Unter der Rubrik "Wie stellst Du Dir Deine Traumfrau vor", hatte er bislang ein Fragezeichen eingetragen, doch nun war dort in Gro├čbuchstaben " SCHLANK UND SPORTLICH " zu lesen. Wie bet├Ąubt starrte sie auf den Bildschirm. Nachdem sie minutenlang so gesessen hatte, schaltete sie vollkommen ersch├Âpft den Computer aus und ging ins Bett. Von Konrad h├Ârte sie nie wieder.

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Hieronymus
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 40
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Hallo Justina,

ich finde Deine Geschichte wirklich gelungen. Sie ist psychologisch eindringlich; einige realistische Details (z. B. die randlose Brille) geben ihr Profil. Der Ablauf der Handlung bis zum bitteren Ende ist zwingend. Er wird durch das dreimalige Auftauchen des Motivs der "Abweichung" gegliedert.
Bitte mehr davon!

lg
Hiero

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zola
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2005

Werke: 2
Kommentare: 37
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Gute Idee und gutes Ende, dazwischen aber dr├Âge erz├Ąhlt, weil der Bezug zu den Frauenzeitschriften und Websites fehlt, ├╝ber deren Beschreibung man schmunzeln (oder erschrecken) k├Ânnte. Ein Webflirt darf nicht so privat verlaufen. Als ich 1998 zum ersten Mal mit einer Amerikanerin chattete, rief sie mich zwanzig Minuten sp├Ąter am Telefon aus Orlando an und faxte mir ein Bild von sich!
Was hat Deine Protagonistin erlebt?

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Justina
???
Registriert: Jun 2004

Werke: 5
Kommentare: 86
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quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von zola
.....Was hat Deine Protagonistin erlebt?

Genau das beschreibe ich ja. Meine Protagonistin verliebt sich; zun├Ąchst aber nur virtuell. Kein Bildertausch, kein sofortiges Abfragen von K├Ârperma├čen und kein Telefonsex! Stattdessen romantisches Verliebtsein, sch├╝chternes Zaudern, innerliches Beben, Schreiben und Reden ├╝ber Musik, Literatur, Kino...

Eine Frau glaubt, die fehlende H├Ąlfte gefunden zu haben. Das passiert hier. Und das ist etwas sehr Privates, wie ich finde.

Was bedeutet der Verweis auf Frauenzeitschriften und Deine pers├Ânlichen Erlebnisse? Mir ist nicht ganz klar, was Du damit sagen willst.


Gru├č
Justina

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zola
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2005

Werke: 2
Kommentare: 37
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Wenn es etwas "ganz Privates" ist, geh├Ârt es nicht ver├Âffentlicht und diskutiert. In der Literatur gibt es nichts Privates. In (Deinem, meinem) Leben schon. Zum Gl├╝ck.

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