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Leselupe.de > Anonymus
Abwicklung der Götter
Eingestellt am 10. 08. 2006 11:25


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Anonymous
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In der Kantine, hoch oben auf dem Olymp, herrschte eine ausgesprochen schlechte, gereizte Stimmung. An einem großen Tisch saßen Hades, Thanatos, Hermes, Eris und Aphrodite. An einem zweiten, sehr viel kleineren Herkules und Athena. Dyonisos lehnte mit verschränkten Armen an einem riesigen Zapfhahn von Marmor und Gold, dabei stützte er sich mit einem Bein gegen ein lorbeerumkränztes Eichenfass. Alle schwiegen, ließen die Blicke schweifen, gähnten oder kauten an den Fingernägeln.
Als Erste brach Eris das angespannte Schweigen. Die kleine, wenig ansehnliche, um nicht zu sagen: verschrumpelt und eingefallen wirkende Göttin, hüstelte kurz und sprach: „Freunde, glaubt mir. Ich habe mir das nicht ausgedacht, trotz meiner allgemein bekannten Lust an kleineren Ärgereien...“
Etwas polterte unter ihrem Tisch. Für einen Moment verschwand Eris unter diesem, als sie wieder hochkam, hielt sie einen goldenen Apfel in der Rechten. Hastig schob sie ihn unter ihr Mieder und sprach weiter. „ Also, wie gesagt, dieses Gerücht geht nicht auf meine Kappe...“
Hermes nickte: „ Sie hat Recht. Ich höre es seit geraumer Zeit in all den großen Städten, an vielen Opferfeuern, vor den weithin berühmten Orakelstätten...“
Die bleichgesichtigen Hades und Thanatos sahen sich erstaunt an, spreizten die entfleischten Kiefer. Aber sie kamen nicht dazu, einen Gedanken, der sich ihnen wohl zeitgleich aufgedrängt hatte, zu äußern. Dionysos platzte laut lachend dazwischen: „Freunde, seid nicht so besorgt. Es kann uns nicht alle treffen. Man kann uns nicht alle abwickeln. Unmöglich...“
Hades und Thanatos grinsten erleichtert. Anerkennend wandten sie sich Dionysos zu, nickten einverständig. Eris‘ und Aphrodites Blicke trafen sich ebenfalls. Auch ihnen kam ein Gedanke.
Athena erhob sich würdevoll: „Ich mache mir große Sorgen. Sehr große. Wenn ich an die Alten denke, an Onkel Poseidon, Oma Hera, an Uropa Uranos, Ururoma Gaia... Von Opa Zeus ganz zu schweigen. Der weiß doch sicher wieder von nichts, der sinnt bestimmt grade wieder, mein lieber Schwan, auf eine neue Verwandlung, um eine der Jungen herumzukriegen, der alte Bock...“
Allgemeine Zustimmung. Die Spannung löste sich ein wenig. Dionysos drehte sich zum Zapfhahn, hielt einen großen, goldenen Pokal darunter. „Lasst uns einen nehmen“, säuselte er. „Dabei lässt sich’s besser nachdenken. Wir sollten hier nichts allzu verspannt sehen...“
Er drehte am Zapfhahn, ein leises Zischen wurde hörbar, verstärkte sich; dann schoss eine klare Flüssigkeit heraus. „Verdammt“, schrie Dionysos, „man hat uns den Wein abgedreht! Sollen wir uns denn mit Wasser berauschen?“
„Berauschen, berauschen“, äffte ihn Herkules nach. „Wir werden in absehbarer Zeit nicht einmal mehr unseren Durst löschen können, ihr Fantasten. Wir werden nämlich gnadenlos darben, verhungern und verdursten werden wir, kein Gebet und keine fromme Träne wird uns nähren...“
„Wenn das der Opa Zeus erfährt!“, entfuhr es Athena. „Der kriegt einen Tobsuchtsanfall. Der wirft den ganzen Olymp ins Agäische Meer und schiebt die Sonne in den Tartaros...“
Hades und Thanatos rissen entsetzt die Hände hoch und schrien „Hilfe!“ Herkules winkte ab. „Wenn er das schafft“, entgegnete er. „Er dürfte bald so schwach sein, dass er nur noch müde von den Wandfriesen zerfallender Tempel wird schauen können. Auf die Glanzseiten einst erscheinender, unserer glorreichen Zeit wehmütig gedenkender Kunstbildbände, wird man ihn pressen, vielleicht darf er ab und an auch in einem Theaterdrama ein bissel donnern und blitzen. Immer noch besser als die Abschiebung in ein Pflegeheim oder gar auf den Friedhof des völligen Vergessens...“
Aphrodite hob den Arm. „Ich verstehe nicht“, warf sie ein, „wieso ich hier überhaupt sitze und meine kostbare Zeit mit euch Bedenkenträgern verplempere. Zeit ist Liebe, jedenfalls kann man sie dafür nutzen, einen sinnvolleren Verbrauch konnte mir noch keiner nachweisen. Wir wissen doch alle, dass nur ein Teil von uns vom Gebet, vom Ritus, von der Furcht oder der Dummheit lebt. Sie warf einen verächtlichen Seitenblick auf Athena. „Alte Eule“, dachte sie und zog ihren „Gürtel der Sehnsucht“ ein wenig enger. „Hades und Thanatos, die leben, weil die Menschen nun mal nicht ewig existieren können. Also für – immer. Ich lebe, weil die Menschen gierig sind nach sinnlicher Liebe...“ – „und nach Wein und Rauschemitteln“, unterbrach sie Dionysos und sprang in die Mitte des Raumes. „Sie können machen, was sie wollen: Es wird ihnen nicht gelingen, uns alle abzuschaffen und durch Den Einen zu ersetzen. Auch wenn es im Zuge der Zeit liegt, auch wenn der Rationalisierungsgedanke tatsächlich zu einem neuen, einigen, einzigen, allmächtigen Gott führen sollte. Und mal abgesehen von der aktuell absehbaren Entwicklung: Wer sagt eigentlich, dass es dabei bleibt? Könnte es nicht sein, dass man Den Einen, auf den man wohl alle Macht der Einbildung und des Glaubens wird projizieren, eines Tages nicht anfängt zu zerstückeln? Aus Langeweile, aus Gründen der Abwechslung, aus Machtkalkül, aus der Notwendigkeit einer neuen Lehrmeinung heraus – es gibt viele Möglichkeiten. Mir kam gerade die sicher lachhafte Halluzination von einer Dreiteilung. Vielleicht habe ich heute aber auch schon zuviel getrunken...“ Er setzte sich an den großen Tisch zu Hades, Thanatos, Eris, Hermes und Aphrodite.
„Sagt mal“, meldete sich Athena wieder zu Wort, ich gelte zwar hier als eine der Klügsten, aber ich mache mir einfach keinen Reim auf die Situation. Kann mir jemand erklären, woher dieser merkwürdig unbunte, langweilige Einfall kommt, uns einfach von unseren Thronen zu stoßen, uns zu Phantasmagorien oder Allegorien zu erklären, uns in den Nebelschwaden mythologischer Lächerlichkeit aufgehen zu lassen, und statt dessen einen Monolithen, einen Autokraten, einen Oligarchen, Zornigen und blindwütigen Eiferer über uns zu setzen?“
Der sonst sehr selbstsichere und wortgewandte Hermes zuckte mit den Schultern, lehnte sich zurück, legte seinen geflügelten, von zwei Schlangen umwundenen Stab, das Kerykeion, auf den Tisch, schlug eines der geflügelten Beine über das andere. „Wisst ihr“, sagte er nachdenklich, „ich komme zwar viel herum, ich sehe eine Menge und das Meiste davon in klarem Licht. Aber hier bin ich noch nicht zu einem endgültigen Schluss gekommen.“ Er machte eine Pause und fächelte sich mit einem seiner Fersenflügel Luft zu. „Ich glaube“, sprach er zögernd weiter, „die Idee entstand in einer wilden Wüste. Es fehlte jegliche Ablenkung, jeglicher Trost. Die Stürme bliesen feinsten Sand in jede Kleiderfalte, die Wasserlöcher waren klein und gering an Zahl; das Wasser, fand man doch welches, war knapp und oft verdorben; die Sonne brannte unbarmherzig, die Nächte waren kalt, die ganze Lage also reichlich hoffnungslos. Dazu Feinde und Gefahren, rabiate Banditen, erpresserische Wegelagerer, giftige Skorpione, hungrige Löwen, Hyänen, Schlangen... Den Menschen fehlte es an positiver Fantasie. Sie begannen, Den Einen für die ganze Misere verantwortlich zu machen. Und schafften sie den Weg durch den Sandsturm, stießen sie denn doch auf eine Oase, überlebten sie Überfälle und Krankheiten, schrieben sie auch das Dem Einen zu. Vielleicht hatten sie, nach solchen positiven Erlebnissen, auch gleich ein schlechtes Gewissen ob vorhergehender negativer Gedanken, ihre Schuldgefühle wuchsen, mit ihnen der Eifer um Wiedergutmachung...“
Keiner antwortete ihm. Unsicher sah Hermes von einem zum anderen. Aphrodite schminkte sich gelangweilt die Lippen. Eris schien einzuschlafen. Hades und Thanatos waren in ein Fachgespräch zur Frage prognostischer Mortalitätsraten vertieft. Herkules spielte mit seinen Bizepsen und Athena hatte sich ein Kreuzworträtsel vorgenommen. Dionysos versuchte seit geraumer Zeit, das Eichenfass anzustechen. Es war klar: einleuchtend war diese Erklärung für keinen. Er räusperte sich umständlich, begann mit einem neuen Versuch. „Ich sagte ja, Freunde, ich bin in diesem Fall noch nicht zu einer endgültigen, überzeugenden Meinung gekommen. Vielleicht war es ja auch so: Die Wüstenwanderer hatten ein großes Bedürfnis nach Orientierung. Denn diese ist in solchen Gegenden überlebenswichtig. Sie orientierten sich zunächst an den Gestirnen, also am Mond, an den Sternen, an der Sonne... Sie wollten dem, der ihnen das sicherste Zeichen bot, dienen. Das musste der Höchste sein. Aber wenn Mond und Morgenstern untergingen, ging die Sonne auf. Keines von diesen war also als das Höchste anzusehen. Etwas musste darüber sein. So kamen sie auf die Imagination eines allerhöchsten Zeichengebers, Wegbegleiters, Richtungsweisenden...“
Keiner nickte, keiner schien Lust zu einem Ja oder Nein auf Hermes Erklärungsversuche zu haben. Der ließ sich nicht beeindrucken. „Vielleicht aber auch“, mutmaßte er weiter, „wuchs die Idee auf dem Boden des Stolzes, einer gewissen Selbstüberhebung, Arroganz: Etwa nach der Devise, ich diene keinem denn dem Höchsten. Was sollten die lebenserfahrenen Wüstenwanderer noch mit uns, mit unseren lockeren Liebes-, Trink-, Kampf- und Todesspielen? Mit unseren ständigen Verwandlungen, Intrigen, Rächereien, Kastrationen, mit all unserer ach so menschenähnlichen Götterszene?“
Er schüttelte bei seinen letzten Worten den Kopf. Es war offensichtlich: So recht leuchtete ihm keine der eigenen Erklärungen ein. Er wischte mit der Hand über den Tisch, als gelte es, einen bösen Spuk von diesem zu fegen, und zog, mit Schalk im Auge und freundlichem Spott um die Mundwinkel, einen goldenen Apfel aus seiner Tasche. Eris griff sich ans Mieder, fuhr hoch, öffnete den Mund und – setzte sich, lächelnd, im nächsten Moment wieder hin. „Alter Saumolch!“, rief sie fröhlich, „her mit dem Teil!“ Hermes ließ den goldenen Apfel über die Tischplatte rollen, sie griff ihn und schob ihn von neuem unter ihr Mieder, wobei sie diesmal die Hand fest darauf legte. „Wisst ihr, Freunde“, hörten die Anwesenden sie sagen, „ich bin guten Mutes.“ Sie richtete sich auf, gewann eine nicht für möglich gehaltene Größe. Ihre faltige Haut straffte sich, verjüngte sich, wurde glatt und rosig, die Brüste wuchsen zu stattlichen Hügeln, die Schultern hoben sich, und keiner sah in diesem Augenblick noch einen Unterschied zu Aphrodite. „Vielleicht wird man meinen Namen vergessen. Mit großer Wahrscheinlichkeit erst recht den meiner Kinder. Wer kann sich auch schon Namen merken wie Ponos, Lethe, Limos, Ate. Aber nichtsdestotrotz – ich und meine Kinder werden bleiben, wir werden weiter existieren, solange es diese kleinen, beschränkten, engstirnigen, egoistischen Menschlein gibt, die meine Zankäpfel gierig aufnehmen. Es wird uns ergehen wie Thanatos, wie –“

Aus dem Foyer der olympischen Kantine war Lärm zu hören. Durch die Tür schoben sich Ares und Apollon, hinter ihnen wurden Zeus und Hera sichtbar. Keiner erhob sich. Zeus trat herein, blieb im Raum stehen, setzte einen strengen, strafenden Blick auf. „Was ist los, Kinder. Warum erweist mir keiner die Ehre?“
Dionysos winkte ab. „Lass man, Alterchen. Die Zeiten sind nicht mehr, in denen du der Größte warst. Die Zeiten sind wirklich in Bälde total vorbei. Sieh dich doch an: Du hast ja schon einen sagenhaft langen Zausebart und einen Buckel gleich dem Taurus-Gebirg‘. Du riechst doch schon...“
„Frechheit!“, schrie Zeus und ruderte wild mit den Armen. Aber wo war seine Donnerstimme? Es klang eher wie eine Feststellung. Wie ein „Ja, leider ist’s an dem.“
Ares sah sich irritiert um. Was los wäre, wollte er nun ebenfalls wissen. Dionysos nickte ihm zu. „Du bist nicht betroffen. Für dich ist hier noch’n Stuhl frei. Komm rüber an unsern großen Tisch. Bring Apollon mit. Der hat sicher seine Leier dabei. Ich geb’ einen aus. Lasst uns ein bisschen fröhlich sein, was trinken, Aphrodite schminkte sich die Lippen für dich, für einen von uns, für jeden, der einen Blick für rote Lippen und dralle Brüste hat. Mehr können wir nicht tun...“

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Denschie
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Registriert: Not Yet

hallo a.
hier hätte ich gern noch weiter gelesen, diese alten
götter mochte ich schon immer sehr
und hübsch geschrieben ist es auch!
vg, denschie

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Danke, Denschie, für den Kommentar. Wenn/wen das Thema interessiert: bei H. Heine finden sich einige hübsche Bonmots und Gedichte zum Thema "Abwicklung der (olympischen) Götter". Einen Link spare ich mir hier, man wird heutzutage ohnehin ständig gelinkt...

l. Grüße

A.

PS.: Mir ist ein scheinbarer Fehler unterlaufen. Ich schrieb von einem Oligarchen, der auch ein Autokrat ist. Meine es aber auch so.

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