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Leselupe.de > Ungereimtes
Ach, Mutter
Eingestellt am 25. 03. 2006 19:05


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HFleiss
gesperrt
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Registriert: Jan 2006

Werke: 99
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Wei├č und makellos,
sind deine H├Ąnde, Mutter,
├╝ber dein Alter sch├Ân,
als h├Ątten sie nie geschuftet
f├╝r dein unverhofftes Gl├╝ck,
f├╝r dein renitentes Schock G├Âren.

Alt bist du jetzt und
In die Breite gegangen.
Aber einmal
Warst auch du jung.
Wir kennen das Foto,
das mit den Ohrringen,
den spanischen.
Schlank sitzt du da in dem
schwarzen Kleid
(Oder war es ein rotes? Es h├Ątte
gepasst zu deinem Kastanienhaar)
und blickst in die Kamera,
unbek├╝mmert und voller Erwartung.
Alles lag noch vor dir:
Der Sonntagstanz am Wedding,
und das Kinderkriegen,
das Anstehen bei Kaufmann Kluge,
das W├Ąscheschrubben,
das kitschige Kino an der Ecke
die Oper f├╝r den kleinen Mann,
in die man ging, solange Frieden war,
und der Ärger mit der Schwiegermutter.
Und du hattest so viel erwartet.

Die Kinder kamen,
eins in jedem Jahr, manchmal auch zwei.
Und dann -
ahnungslos und verschreckt, wie du warst,
wie fluchtest du der Nazibande -
wurde anders alles als bisher:
Dann kam der Krieg.
Vater an der Ostfront
Und du, allein in Berlin,
mit deiner Angst und
mit uns Murkeln.
Wie wei├č ich es noch.
Zum Bunker hetzten wir,
Schwerbepackt
Und mit allerletztem Atem,
Sirenen gr├Âlten,
bis uns das Blut erstarrte.
Rot der Himmel ├╝ber der brennenden Stadt.
Du in der Kabinenecke, du, die niemals
Fromm, schriest ein Gebet:
Vater unser, der du bist im Himmel!
Aber am Himmel nur das Feuer
Und das Bomberdr├Âhnen.

Sp├Ąter, erkl├Ąre es mir,
Vater war schon
Lange wieder zu Haus, schrecklich
ver├Ąndert vom Krieg,
meist schlug er zu, ehe er verstand,
war ich dir nicht mehr so wichtig.
Schnell war ein
Katzenkopf zur Hand statt
Kl├Ąrender Worte,
Jahre zwischen Liebe und Hass.
Jung war ich - zu jung,
um zu verstehen.

Und immer noch kamen Geschwister.
Fremd sahst du mich einmal an
Und sagtest gequ├Ąlt:
Du, Tochter, du bist - wie Ditte Menschenkind.
Da wusste ich: Noch immer
War ich deine Gro├če.

Die Arbeit, die Versammlungen,
die Scheidung dann,
und jetzt Zeit genug
f├╝r dich und daf├╝r,
├╝ber Gottwei├čwas zu spinnen.
Bange kann uns dar├╝ber werden.

Komm doch ├Âfter, bittest du.
Sch├Ąbig f├╝hle ich mich,
sehe ich dich vor dem Fernseher,
allein, tagelang, ohne ein Wort.
Nur der Fernseher und die vier W├Ąnde.
Die Beine wollen nicht mehr.

Hart hat dich dein Leben gemacht.
Und faltig wie einen alten Eichenstamm.
Wie Neuschnee wei├č
dein Kastanienhaar,
nach innen geht dein Blick,
als suchtest du, was einmal war.
Niemand au├čer uns - du l├Ąchelst?,
der das Foto sieht von einst,
wird wissen, dass du es warst.

Ach, Mutter, gib mir deine Hand,
die sch├Âne, die makellose.
Auch falls es dir peinlich ist:
Lass sie mich dr├╝cken - und
K├╝ssen.



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