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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Adornos Erben / Eine Gedenkrede von Hella Streicher
Eingestellt am 11. 09. 2003 14:38


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Hella Streicher
???
Registriert: Sep 2003

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Heute, am 11. September 2003, bin ich frĂŒhzeitig aufgewacht und habe sogleich an einen gedacht, der sich glĂŒcklich schĂ€tzen kann, nicht mehr aufwachen zu mĂŒssen. Um meine festliche Stimmung zu schĂŒren, schaltete ich den letzten deutschen Kultursender ein, zweifelte jedoch, ob mein Radio richtig eingestellt sei; denn ich hörte zunĂ€chst einen Beitrag ĂŒber Rudi Völler und gleich danach einen ĂŒber den "Terroranschlag vom 11. September". Wie glatt es den Sprechern ĂŒber die Lippen geht, dachte ich; doch bevor ich weiterdenken konnte, ward ich schon darauf aufmerksam gemacht, daß da auch noch "der andere 11. September" sei: der 30. Jahrestag des Putsches in Chile. Und nun war's vorbei mit meiner Feststimmung. Die Sendung hatte mich daran erinnert, daß die Welt ein Tollhaus ist. Doch sie wĂ€re es auch ohne die finsteren MilitĂ€rs & Muselmannen.

Ach! ich weiß noch, wie es war, als ich im Wintersemester 1973 zu studieren begann und darauf hoffte, an der Georgia Augusta Gleichgesinnten zu begegnen. Ein Jahr spĂ€ter schien es, als könnte ich welche finden. In einem Seminar ĂŒber Thomas Manns Doktor Faustus, so dachte ich, wird es welche geben. Und ich lief ĂŒber den Campus zu einem Kasten, der beim geringsten Windstoß knirschte und VefĂŒgungsgebĂ€ude hieß. Neben mir eine Kommilitonin mit langen Haaren und Kassenbrille. Sie war mir aufgefallen, weil sie Musikwissenschaft studierte, Adorno las und wie Adorno sprach und jegliche "U-Musik" verdammte. Dies sei leider, sagte ich, auch Adornos Fehler gewesen. Er hĂ€tte weder Jazzer wie John Coltrane noch die Beatles verstanden. "Die Beatles?" fragte die Kommilitonin. "Die kenne ich nicht."
"Wie bitte? Du kennst die Beatles nicht?"
"Den Namen schon. Aber die Lieder - "
"Na, du kennst doch - " Ich ĂŒberlegte. "Du kennst doch Yesterday."
Sie schĂŒttelte den Kopf. "Ich war auf einem Internat."
Ich schluckte. "Ach so. Aber, naja ... diese Melodie, die hast du doch bestimmt schon mal gehört." Ich begann zu singen. Yesterday, all my troubles seemed so far away, now it looks as though they're here to stay ...
Sie sah mich groß an, durch ihre Kassenbrille, und schĂŒttelte wieder den Kopf. "Nein, kenne ich nicht."
Also auch wieder nix, dachte ich. Und ich fĂŒhlte mich noch einsamer, als ich sie, die begeisterte Leserin von Adornos musikwissenschaftlichen Schriften, Wochen spĂ€ter, im Rahmen eines privaten Treffens bei unserem Dozenten, von der Schallplatte Bach's Greatest schwĂ€rmen hörte. So werde dem Volk und den jungen Leuten die Klassik nahegebracht. "Aber diese HĂ€ppchen!" japste ich. "Adorno hat doch - " Ich unterbrach mich selbst; denn der Dozent hatte gefragt, weshalb sich die Studenten heute keine BĂŒcher mehr kaufen könnten. Das verstehe er nicht.
Das Bier sei ja auch teurer als vor ein paar Jahren, rief einer in die Runde, und alles lachte.
Ich lachte nicht mit, und ich machte nicht mit, als sich der Kreis noch einmal traf. Der Dozent, ein gebildeter Mann, konnte mich verstehen, als ich telefonisch absagte. "Aber es ist trotzdem schade, daß Sie nicht kommen", sagte er. "Wollen Sie nicht doch - "
Nein, ich wollte nicht. Ich schmollte.

Und noch heute hadere ich mit meinen einstigen Kommilitonen. Ach! die wachsten unter ihnen haben Marx und Freud und Adorno gelesen; doch was haben sie verstanden? Anstatt die Arbeit der Selbstbesinnung zu leisten, heißt es bei Adorno, erwerben die Belehrten die FĂ€higkeit, alle Triebkonflikte unter Begriffe wie Minderwertigkeitskomplex, Mutterbindung, extrovertiert und introvertiert zu subsumieren, von denen sie im Grunde sich gar nicht erreichen lassen. Der Schrecken vorm Abgrund des Ichs wird weggenommen durch das Bewußtsein, daß es sich dabei um gar nicht so viel anderes als um Arthritis oder Sinus troubles handle. Dadurch verlieren die Konflikte das Drohende. Sie werden akzeptiert; keineswegs aber geheilt, sondern bloß in die OberflĂ€che des genormten Lebens als unumgĂ€ngliches BestandstĂŒck hineinmontiert.

So wie Adorno eben gerade vom Deutschlandfunk und in diesen Tagen ĂŒberall dort, wo von ihm die Rede ist. Oder wird es jemand wagen, von seiner AktualitĂ€t zu sprechen: von seiner Kritik des American Way of Life, der uns (nach der tödlich perfekten Vorarbeit durch Hitler und seine willigen Vollstrecker) geradewegs hineingefĂŒhrt hat in die Borderline-Gesellschaft? Meine Generation ist mit den Achtundsechzigern vom Regen eines falsch verstandenen Marx in die Traufe der falsch verstandenen Psychoanalyse geraten und von der AufklĂ€rung weiter entfernt denn je. Nun werden wir darĂŒber aufgeklĂ€rt, daß "der große Philosoph und Soziologe" Bordelle frequentiert habe, und man erinnert uns genĂŒĂŸlich an jenen Tag, als barbusige Studentinnen ihn unter dem Jubel ihr mĂ€nnlichen Kommilitonen bedrĂ€ngten. Doch kein Wort ĂŒber seine prophetische Kulturkritik. Der Narzißmus, schrieb Adorno 1944 im Exil, wird ersetzt durch das masochistische VergnĂŒgen, kein Ich mehr zu sein, und ĂŒber ihrer Ichlosigkeit wacht die heraufziehende Generation so eifersĂŒchtig wie ĂŒber wenigen ihrer GĂŒter, als einem gemeinsamen und dauernden Besitz.

Und eben wird gemeldet, die schwedische Außenministerin Anna Lindh sei gestorben: heute, am 11. September 2003. Ein Irrer hat sie niedergestochen. Einer der vielen Irren in einer vom TV geprĂ€gten Zivilisation, die umgeschlagen ist in jene Barbarei, vor der Adorno uns gewarnt hat. Sollte man den AttentĂ€ter fassen und ihn fragen, was ihn zu seiner gestrigen Tat bewogen hat, wird er (nur unter Nennung eines anderen Wochentags) vielleicht sagen, was ein junger amerikanischer TV-Glotzer, Fastfoodfresser & AmoklĂ€ufer einst auf die gleiche Frage geantwortet hat: "I don't like Mondays."

Ja, heute sind die Schriften von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer aktueller denn je. Nur gut, daß die beiden es nicht mehr miterleben mĂŒssen.



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Michael Schmidt
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Werke: 43
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Hallo Hella,

dein Text gefĂ€llt mir. Einziger Mangel : Es fehlt ein Anhang oder Fußnoten als ErklĂ€rung.
Du setzt meiner Meinung nach zuviel als gegebenes Wissen voraus.

Bis bald,
Michael

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Hella Streicher
???
Registriert: Sep 2003

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Moin Michael,

hab Dank fĂŒr Lob & Kritik.

Ja, es sdimmt besdimmt: ich setze einiges an Wissen voraus. Und dennoch habe ich meinen Beitrag bewußt nicht mit einem Anmerkungsapparat versehen, weil dergleichen den literarischen Charakter des Essays zerstört hĂ€tte und es eh meine SpezialitĂ€t ist, anspielungsreiche Texte zu schreiben. Bin nun mal verdorben durch Autoren wie Thomas Mann, James Joyce und Arno Schmidt.

Doch an dieser Stelle kann ich ja verraten, welche Quellen dem VerstÀndnis von "Adornos Erben" (und unserer Borderlinewelt) förderlich sein könnten. Ich nenne jedoch nur Verfasser und Titel, da meine Ausgaben schon lÀngst vergriffen sind.

Gruß aus Bremen

Hella
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Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschÀdigten Leben. (Hieraus die beiden Zitate.)

Theodor W. Adorno: Musiksoziologie.

Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung. [In diversen EssaybÀnden enthalten.]
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Rike
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Hallo,

habe kĂŒrzlich, angeregt durch tĂ€gliche Adorno-Zitate im Berliner Tagesspiegel, ein bisschen unter dem Stichwort "Adorno" gesurft und folgenden Artikel des bekannten Berliner Journalisten Michael Rutschky, auch Chronist der 68er-Generation, gefunden. Vielleicht findest du ja auch einiges darin, das du bestĂ€tigen kannst. Ich meine da AnsĂ€tze zu sehen.

Hier der Link:

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Gruß Rike

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blaustrumpf
???
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Hallo, Hella Streicher

Hier ist ein Link in Sachen Montagshasser respektive klare Quellenlage: Es war ein 16-jÀhriges MÀdchen, kein Junge.

Schöne GrĂŒĂŸe von blaustrumpf
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DafĂŒr bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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Parsifal
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Gedenkrede


denn fĂŒr Spannungsbögen fĂŒhle ich mich weniger zustĂ€ndig als fĂŒr das, was Literatur einmal war, bevor die amerikanische Heilslehre des »creative writing« ĂŒber die deutschen Autoren, Rezensenten und Leser hereinbrach. (Zitat auf Deiner Homepage)

quote:
Bin nun mal verdorben durch Autoren wie Thomas Mann, James Joyce und Arno Schmidt.
Hella!!!!! Laß Dich umarmen! Und wenn Du jetzt noch Hans WollschlĂ€ger und Eckhard Henscheid hinzunimmst, sinke ich vor Dir in die Knie. (Nur mit Adorno hab ich’s nicht mehr so sehr, seit ich in „Drei Studien zu Hegel“ den Satz las, die Negation der Negation als PunktualitĂ€t sei nach Hegel die Zeit).

Daß ich hier auf jemanden treffen wĂŒrde, der Arno Schmidt liest, hĂ€tte ich nicht einmal zu trĂ€umen gewagt.

„Du weißt, wo du mich wiederfinden kannst.“

Jubelnd
Parsifal

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