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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Advent
Eingestellt am 18. 11. 2012 12:52


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Silea
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Registriert: Apr 2002

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Advent!
Der erste Tag, das erste TĂŒrchen.
Ich sehe aus dem Fenster. Adventsstimmung ĂŒberall ringsum. Besinnliche, friedvolle Zeit. In den Fenstern, VorgĂ€rten und an den Balkonen glitzern und leuchten wieder weihnachtliche Dekorationen. Milde Lichter, blanke Kugeln und frische Tannenzweige, Glitzergirlanden und Sterne.
Doch der Schein trĂŒgt. Etwas hat sich eingeschlichen, was die Besinnlichkeit LĂŒgen straft und die friedvolle Stimmung verhöhnt.
SchrĂ€g gegenĂŒber, im Erdgeschoss, hat Frau N., wie jedes Jahr, wieder einen kleinen Weihnachtsmann an der BalkonbrĂŒstung angebracht. Meine Adventsstimmung verpufft mit einem Schlag. Der arme Kerl!
Und er ist leider nicht der Einzige. Überall in der Stadt hĂ€ngen in Scharen kleine WeihnachtsmĂ€nner, die meisten nicht grĂ¶ĂŸer als 1,20 m, aus Fenstern, ĂŒber BalkongelĂ€nder und an DachschrĂ€gen. Eine Armee kleiner, rotgewandeter, hoffnungsloser Wichte. Bei Wind, Schnee und Regen hĂ€ngen sie da, erbarmungslos der Witterung ausgesetzt, manche schon im dritten oder vierten Jahr, ausgeblichen, abgeschabt, mit eingestaubten MĂŒtzen und sich ablösenden NylonbĂ€rten.
So auch der kleine Weihnachtsmann von Frau N. Ergeben hĂ€ngt er da, nicht fern von einem konzentrisch beleuchteten Weihnachtsstern, dessen Licht von innen nach außen pulsiert und an einen mittels kleiner Leuchtdioden dargestellten Muskelkrampf erinnert. Moderne Kunst? Oder doch die Leuchtreklame eines Spielcasinos?
Der Weihnachtsmann jedenfalls schaut traurig in die Landschaft. Wieso, scheint sein Blick zu sagen, wieso habt ihr die Adventsbotschaft vergessen? Was wurde aus dem Christkind? Und wieso habt ihr mich aufgehĂ€ngt? War ich nicht immer gut? Habe ich euch nicht immer Freude gebracht? Habt ihr die Äpfel, NĂŒsse und die Schokolade vergessen? Denkt ihr nicht mehr an die Lebkuchen und Orangen? Ihr habt sie eingetauscht gegen kitschige Hollywood-Philosophie und weihnachtlichen Konsumterror. Und damit ihr euch nicht daran erinnern mĂŒsst, werft ihr mich aus der warmen Stube, hinaus in die KĂ€lte und die Dunkelheit.
Was ist aus den Zeiten geworden, wo ich – nur am 6. Dezember auftretend – einen einzigen Tag im Jahr etwas Besonderes war?
Etwas Besonders ist er nicht mehr. Jetzt ist er die ganze Adventszeit ĂŒber prĂ€sent, und nicht nur einer, nein Heerscharen von WeihnachtsmĂ€nnern bevölkern die westliche HemisphĂ€re. Eine wahre Weihnachtsmann-Inflation, ĂŒberall rote Kutten, weißes Haar und rosige BĂ€ckchen. Man mag schon gar nicht mehr hinsehen. Was ist bitte schön daran, den Weihnachtsmann aufzuhĂ€ngen, ihn zu degradieren zu einem Dekoartikel wie einer Wachskerze oder einem Strohstern? Besinnlichkeit ist aus der Mode gekommen. Lautes „Ho! Ho! Ho!“, penetrante Jingle-Bells-Musik und mechanisch schnarrendes „Merry Christmas!“ tönt aus allen Lautsprechern.
Niemand hat mehr Achtung vor ihm. Vorbei die Zeiten, als man sich an den heiligen Bischof Nikolaus erinnerte, als die Kinder bangten, nicht brav genug gewesen zu sein, und seine Rute fĂŒrchteten. Die Rute wurde abgeschafft. Der Weihnachtsmann wurde geschrumpft. Sein Buch mit den Aufzeichnungen, wer artig und wer unartig war, wanderte ins Antiquariat.
Bring Geschenke, oder wir hĂ€ngen Dich auf. Das ist die neue Adventsbotschaft, die Botschaft des Konsumterrors. Von allen Fenstern, von allen Balkonen. Und von den DachschrĂ€gen. Keine Hoffnung auf Rettung, nicht mal durch seine Rentiere. Denn die stehen, von innen leuchtend und mit Glitter bestreut, neben den Gartenzwergen in den VorgĂ€rten, als Sinnbilder fĂŒr viele kleine Außenposten von Disneyland.
Oh, du Fröhliche! Um den „neuen Advent“ zu ertragen, hilft wirklich nur noch GlĂŒhwein. In diesem Sinne: Prost!

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Der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren zum verwechseln Àhnlich
(Joachim Ringelnatz)

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Eberhard Schikora
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Liebe Silea!

Dein Beitrag hat mir sehr, sehr gut gefallen, vor allem wegen der wohltuend klaren Sprache.
Und wenn sich jetzt jemand meldet, den die AusfĂŒhrlichkeit gestört hat, dem kann ich nur sagen:
Endlich hat mal einer einen Missstand angeprangert, der mich schon lange Àrgert.
Der Beitrag hÀtte wohl auch ins Forum 'Essays und Kolumnen' gepasst.
Lieben Gruß
Eberhard
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schi

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