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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Äpfel auf dem Eis
Eingestellt am 12. 01. 2004 22:30


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haljam
Wird mal Schriftsteller
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„Lass uns ein Spiel spielen: Äpfel auf dem Eis“, schlug Sebastian seinem jüngeren Bruder vor, als sie am zugefrorenen Ententeich vorbei kamen. Sie hatten beide noch einen Apfel vom Schulfrühstück dabei. „Wenn dein Apfel weiter rollt als meiner, dann bekommst du einen Punkt, und umgekehrt machen wir es dann genau so.“ „O ja, prima“, sagte Ralfi, „das spielen wir!“

Sebastian ließ seinem kleinen Bruder den Vortritt. Ralf war noch ungeübt in solchen Dingen, sein Apfel rollte höchstens zwei Meter weit und blieb dann liegen. Sebastian nahm nun seinen Apfel und warf ihn deutlich weiter, bestimmt vier bis fünf Meter. „Ein Punkt für mich“, sagte Sebastian. „Schade“, entgegnete Ralf ein wenig enttäuscht. Vorsichtig betraten sie die Eisfläche und holten sich ihre Äpfel zurück.

„So, zweite Runde“, drängte Sebastian, „diesmal fang ich an.“ Es misslang ihm alles, der Apfel rollte schräg zur Seite, noch nicht mal so weit wie Ralfs Apfel beim ersten Mal. Ralf strengte sich mächtig an, und sein Apfel rutschte auf dem Eis viel weiter als der des großen Bruders. „Gut, eins zu eins.“ Der Kleine strahlte über das ganze Gesicht: „Gut, nicht wahr?“ „Ja, sehr gut! Aber jetzt machen wir weiter, bis zehn!“ „Müssen wir nicht nach Hause? Was wird Mutti sagen, wenn wir nicht kommen?“ „Ach lass nur, es ist ja noch nicht so spät...“ Sie holten ihre Äpfel, es knirschte ein wenig, einen Moment lang verharrten sie und trauten sich nicht so recht weiter, dann, ganz vorsichtig, schoben sie sich Schritt für Schritt an ihre Äpfel heran, griffen sie sich und kehrten ans Ufer zurück.

„Gut, dritter Wurf“, sagte Sebastian. „Du fängst wieder an.“ Der Kleine hatte jetzt schon ein wenig Übung, stellte sich geschickt an, und der Apfel rollte weit und immer weiter. Ehrgeizig holte nun der Große aus. Der Apfel rollte und rollte, fast bis zur Mitte des Teichs, hatte den Apfel des Kleinen um Längen überholt. „Ein Punkt für dich, ganz klar“, stellte Ralf anerkennend fest. „Ja, zwei zu eins. Komm, wir holen schnell die Äpfel zurück!“ Schritt für Schritt wagten sie sich auf den zugefrorenen Teich hinaus. Das Eis knackte und knirschte, das klang so unheimlich. Ralf blieb plötzlich stehen: „Du, ich trau mich nicht weiter!“ „Ach, sei doch kein Angsthase, das Eis wär‘ schon längst gebrochen, wenn wir zu schwer dafür wären!“ „Wenn du meinst...“ erwiderte Ralf, und gemeinsam setzten sie ihren Weg fort.

Dann ging alles blitzschnell: es knirschte und knackte immer lauter, schlagartig gab das Eis unter ihren Füßen nach, und sie rutschten beide ins eiskalte Wasser, laut aufschreiend. „Halt dich am Rand fest, Ralfi!“ schrie Sebastian, aber da war sein Bruder schon unter der Wasseroberfläche verschwunden! „Ralfi!“ schrie Sebastian, „Ralfi! Hilfe! Hilfe! Hiiiiiilfe!!!“

Ein älteres Ehepaar hatte die Kinder schon beobachtet, als sie mit ihrem Spiel begannen, war weitergegangen, hörte die Hilfeschreie und eilte sofort zurück. Sebastian lag bis zum Bauch im Wasser und mit dem Oberkörper auf dem Eis. Die Frau rief sofort Polizei und Feuerwehr an. Wenig später traf der Rettungswagen ein. Eine junge Sanitäterin begriff sofort den Ernst der Lage und sprang in voller Kleidung ins Wasser. Ralf trieb schon unter dem Eis. Sie zog ihn an die Oberfläche, hielt ihn über Wasser, aber ihre Kräfte ließen nach. Zum Glück kam jetzt die Feuerwehr. Die Feuerwehrleute warfen Sebastian eine Fangleine zu, er griff zu und wurde übers Eis ans rettende Ufer gezogen, war völlig verzweifelt, weinte und weinte und rief auch dann noch flehentlich um Hilfe, als ihn die Retter schon in den Armen hielten. Die Feuerwehrleute zogen ihm die nassen Kleider aus, wickelten ihn in eine Decke und legten ihn in ein beheiztes Auto. Nun galt es, die Sanitäterin und Ralf zu retten. Eine Steckleiter wurde flach aufs Eis gelegt, ein Feuerwehrmann robbte bis zur Eiskante, konnte die Frau greifen, konnte Ralf greifen, konnte sie beide sicher an Land bringen.

Ralfs Gesicht war blau angelaufen, er atmete nicht mehr, wurde wiederbelebt. Der Rettungswagen raste zur Kinderklinik...

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Echoloch
???
Registriert: Nov 2003

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Hm ...

Hallo haljam, ich bin ganz froh, dass weder die glückliche Rettung, noch der tragische Tod das Ende bildet, das ich als Klischee die ganze Zeit befürchtet hatte. Gleichzeitig verstärkt das sehr offene Ende meinen Eindruck, eher einen Auszug/ eine szenische Beschreibung, als eine Kurzgeschichte zu lesen.
Ich denke, dass Du aus dem Thema noch mehr rausholen kannst, es ist durchaus sehr spannend, und ich war beim Lesen gefesselt. Etwas mehr Psychologie und Liebe zum Detail fände ich schön.

Ach ja, unglücklich finde ich folgende Formulierung: "Sebastian lag bis zum Bauch im Wasser und mit dem Oberkörper auf dem Eis." Man LIEGT nicht bis zum Bauch im Wasser.

Grüße zur Nacht, Echoloch
__________________
Leben ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.
www.echoloch.de

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haljam
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

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Hallo Echoloch,

danke für Deinen Kommentar.

Frage: Wieso sind „die glückliche Rettung“ oder „der tragische Tod“ Deiner Meinung nach „Klischees“? Der Geschichte liegt ein Fall aus dem „wirklichen Leben“ als Vorlage zu Grunde; eins der Kinder starb, das andere Kind überlebte – Klischee? Ist denn das Leben ein „Klischee“?!?

Natürlich wollte ich dem durch das „sehr offene Ende“ entgegenwirken, trotzdem frage ich mich: Könnte ich nicht auch alles so schreiben, beschreiben, schildern, zeigen, wie es tatsächlich war?

Es freut mich, dass Du beim Lesen gefesselt warst, dass Du das Thema spannend findest, denn eine derartige Situation ist sowohl real als auch fiktiv extrem spannend. Vielleicht gelingt mir ja demnächst auch noch ein wenig „mehr Psychologie und Liebe zum Detail“. Wahrscheinlich könnte ich die besonders erwähnte Stelle folgendermaßen verbessern: „Sebastian hing bis zum Bauch im Wasser und lag mit dem Oberkörper auf dem Eis.“

Grüße zur Nacht von haljam

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