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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Äquator
Eingestellt am 16. 01. 2011 06:19


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ZachariasZoeller
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2011

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Eine einsame Wolke hing am Himmel, zog westwärts und schob sich an der glanzlosen Sonne vorbei, die nur müde Strahlen schickte. Es war Januar. Er saß auf der schwarzen Couch, das Fenster zu seiner Linken, ein milchiges Auge hin zur Aussenwelt. Tauben zuckten auf dem Dach gegenüber, hin und her, und ihre knorpeligen Füße kratzten auf graugepinselten Fetzen von kältebleichem Moos. Er saß nun schon wieder einmal viel zu lange hier, soviel war gewiss. In der Ferne bellte ein Hund. Ein anderer antwortete. Der Tag war im Begriff, sich durch die Hintertür hinauszuschleichen, eine empfindliche Kühle hatte sich in den nimmermüden Wind gebettet, und verkündete von der auf leisen Sohlen herannahenden Nacht. “Klirr Klirr” machte es draußen auf den Straßen, und das war das Geräusch der Kälte. Selbstverständlich gab es bessere Menschen als ihn. Die alte Miss Tigran wäre da zu nennen. Sie schenkte Suppe aus, für die Obdachlosen, jeden Samstag und manchmal sogar in der Woche, auf dem Vorplatz der Bahnhofshalle, mitten im Zentrum der großen Stadt. Außerdem gab es da Mr. Coburn, ein feiner Rechtsanwalt mit kastanienbraunem Haar und einer Miene, die so eisern war, dass man ihm niemals zu widersprechen wagte, und wenn er erzählt hätte, dass die Erde eine Scheibe und der Mond in Wahrheit die Sonne sei. Er engagierte sich - so nennt man das - für die Ärmsten der Armen, die auf irgendeinem unglückseligen Pfad dieses Lebens hinein bis in den Schlund des Verbrechens gerutscht waren, und nun dort standen, ohne Geld, ohne die Möglichkeit sich selbst wieder aus dem Mist herauszuziehen. Er verteidigte sie vor Gericht, all die müde dreinblickenden Gescheiterten mit ihren großen und kleinen Vergehen , stets mit vollem Einsatz und unter der Aufbringung aller ihm zur Verfügung stehenden Energie. Die Leute achteten ihn dafür, und manche zogen sogar ihren Hut, wenn er auf einem der breiten Bürgersteige an ihnen vorbeigeschossen kam, - immer in Eile war er - so wie man das eigentlich nur früher, in längst zurückliegenden Zeiten getan hatte.

Jetzt war es schon Abend, tänzelnde Schneekristalle tropften aus bleifarbenen Wolken, wurden vom Wind herangetragen und schmiegten sich an die gläserne Oberfläche der weitläufigen Fensterscheiben. Er seufzte. So tief, dass er Mitleid mit sich selbst bekam. Nein, er war keine Miss Tigran und ganz bestimmt kein Mr. Coburn. Er war bloß er selbst, und das war weder viel noch wenig, aber das hier hatte er ganz bestimmt nicht verdient. Ganz und gar eingeschossen hatte er sich inzwischen auf diese Sache, auf seine im ewig gleichen Radius umherkreisenden Gedanken, dass er jetzt festhing, gleich dem Fisch in einem engmaschig geknüpften Netz, und gar nicht mehr von der Stelle kam. Ein Geräusch aus dem Badezimmer schreckte ihn für einen kurzen Moment, die Waschmaschine setzte zum Schleudergang an, draußen auf dem Flur wurde eine Tür aufgeschlossen, ein Schlüsselbund hallte raschelnd in der knöchrigen Weite des Treppenhauses, ein Schloß knackte, jemand schlug die dazugehörige Tür mit einiger Vehemenz hinter sich zu, dann war wieder Ruhe. Und die Ruhe lauerte, harrte mit feurigen Augen in ihrem Versteck aus und nagte derweil an dem, was von seinen Nerven noch übrig war. Er hatte all das nicht verdient, und doch geschah es ihm in diesem Moment. Seit Tagen ging das nun schon so, und diese Tage waren langsam dahinkriechende Grausamkeiten gewesen, jeder einzelne ein entfesselter Peitschenhieb auf seine ohnehin schon geschunden darliegende Seele. Sein Magen knurrte, doch da war nur Brot im Schrank, und das wollte er nicht. Seine Augen waren zusammengekniffene Schlitze, ganz eng standen Ober- und Unterseite beieinander, als er seinen Blick durch das Zimmer wandern ließ und es für chaotisch befand. Kleidungsstücke lagen dort, achtlos übereinander geworfen, eselsohrige Zeitungen zerfetzten auf dem staubigen Laminatboden und ein Teller warf ihm die Erinnerung an eine längst zurückliegende Mahlzeit in sein von dichtem Nebel umfangenes Gedächtnis.

Und immer stöhnte sie und schrie, als hätte sie ihr noch junges Leben lang nichts anderes getan. Manchmal war es mehr ein Quieken oder Jauchzen, ganz losgelöst, wie von einer wattebauschigen Wolke getragen schwebte es durch die heizungswarme Luft zu ihm herüber. Die Wände der Wohnung waren dünn und hatten helle Ohren, davon hatte man ihm nichts gesagt, bevor er seine krakelige Unterschrift an die dafür vorgesehene Stelle im Mietvertrag gesetzt hatte. Selbstverständlich hatte man es ihm verschwiegen, gerissene Typen waren diese Immobilienmakler mit ihren öligen Haaren und den gierig umherschwirrenden Augenpaaren, allesamt. Nun ja, er hatte also unterschrieben, sein Hab und Gut unter einiger Mühe bis hoch in den fünften Stock geschleppt, und es waren Tage vergangen, und danach Wochen, und die Wochen waren zu Monaten geworden, bis ihn der reißende Strom der Zeit ans Ufer des heutigen Tages gespült hatte. Genau das war er, nämlich angeschwemmt worden, und jetzt musste er hier sitzen, weil es draußen so kalt war und er obendrein nicht einmal wusste, wohin er denn hätte gehen sollen, weil da nichts war, das auf ihn wartete. Er musste hier sitzen, ihre hochhackigen Schuhe auf dem kühlen Boden des langgezogenen Flures aufschlagen hören - Klack, Klack, Klack - und darüber ein wenig zu theatralisch mit den Augen rollen. Immer - es war ein sich ständig wiederholender, routinierter Ablauf geworden - wurde dann eine Tür aufgerissen, so wie sie nur aufgerissen werden kann von einem Jemand, der sich freut, dass da ein anderer Jemand um Einlaß bittet, ganz hektisch und wild, und nachdem diese Tür aufgerissen wurde, war da ein Lachen.

Es gehörte einer Frau. Und das Lachen legte sich dann immer über die gesamte Etage, da war keine Möglichkeit seinem heiteren Klang zu entfliehen, in jede Ritze und jeden spinnwebenverhangenen Winkel einer jeden Wohnung kroch es hinein, machte dabei auch nicht vor der seinen halt, und ihm wurde immer ganz kalt und ganz warm um sein nun laut aufklopfendes Herz. Gleichzeitig. Und dann, ohne Grund, wie der von Heimsuchung geplagte Irre in einer von Schreien des abgrundtiefen Wahnsinns durchzuckten, gitterumschlossenen Anstalt es tun würde, begann er in seinem Zimmer umherzuwandern. Rückte Bücher zurecht, die so gerade standen, dass ein jeder Bibliothekar stolz darauf gewesen wäre, fuhr sich durch die glatt aufliegenden Haare, zupfte an den Zipfeln der ebenerdig darliegenden Bettdecke und schüttete Wasser auf die langsam ertrinkenden Zimmerpflanzen. Stühle wurden zur Seite geschoben und wieder zurück, Fenster geöffnet und wieder geschlossen, und seine Augen wanderten angestrengt über den glimmenden Bildschirm seines Computers, ganz so als gäbe es da etwas, irgendeine eilig herbeigeflogene Nachricht, die er noch nicht gelesen hätte. So war es, und es verstimmte ihm den knurrenden Magen, wann immer er daran zu denken verurteilt war.

Noch immer saß er da. Er hatte die Fernbedienung in seiner Hand, drückte einen der Knöpfe und wenige Sekunden später erhellte sich der schwarzumrandete Bildschirm vor seinen Augen. Draussen schlug eine Kirchenglocke achtmal. Die Luft war eng und Zigarettenqualm waberte lautlos in ihr umher. Sein Puls ein schlecht geöltes Karussel. Eine Dokumentation über Erdmännchen in der afrikanischen Savanne, auf einem der hinteren Kanäle, sie standen dort und reckten ihre streifenumspielten Hälse der rot zerfließenden Abendsonne entgegen. Noch ahnten sie nichts von dem Rudel ausgehungerter Schakale, die sich dort in ihrem fellbedeckten Rücken an sie heranschlichen und deren Mäuler vor Mordlust zu triefen begonnen hatten.
Das Lachen. Erneut. Durch die dünne Wand, die ja eigentlich gar keinen Sinn ergab. Dieser Kerl musste ein verdammter Clown sein, nur vielleicht nicht ganz so tragisch. Sie kugelten sich da drüben wahrscheinlich auf einem weichen Bett, die unbekleideten Körper umeinander gewickelt, die Augenpaare ineinander verkeilt, und die kalte Welt da draußen nur eine leise geflüsterte Schreckensgeschichte, die ihnen schon lange keine Angst mehr bereitete. Hitze. Er musste die Heizung herunterdrehen, ganz unverzüglich, kaum auszuhalten war es schließlich hier drin. War er schon unten beim Briefkasten gewesen? Er war, gerade am Mittag, aber als er die Wohnung danach wieder betreten hatte, war ihm eine prall gefüllte Mülltüte in der Küche aufgefallen, die er jetzt doch einmal in die große Tonne im Innenhof schleudern könnte. Draussen klirrte es vor eisiger Kälte, wo war nur seine Jacke?

Die Schakale verharrten für einen kurzen Moment, drückten ihre schwer atmenden Körper auf den wärmestrahlenden Savannenboden und rührten sich nicht. Nur noch wenige Meter, nur noch ein wenig Geduld. Auch die Erdmännchen verharrten, schienen festgefroren in spätabendlicher Trance, und die Sonne malte mit weicher Feder purpurne Muster auf ihre flauschigen Bäuche.

Immer musste er sie wegpfeffern, diese gottverdammte Jacke. Und daraufhin und deshalb immer so lange danach suchen. Seine Wohnung war kein gottverdammtes, weitverzweigtes Schloß, 40 Quadratmeter, drei Zimmer, ein Musterexemplar an Übersichtlichkeit. Im Badezimmer, ordentlich am Haken aufgehängt, ja gewiss, da musste sie sein.
Das Lachen war in ein tiefes, kehliges Stöhnen übergegangen und drückte sich mit festem Griff um seine Kehle, dass ihm ganz atemlos wurde. Er schwitzte, das musste diese verfluchte Heizung sein. Der Reissverschluss machte das Geräusch, das ein Reissverschluss macht, als er ihn zuzog, er fingerte nach seinem Wohnungsschlüssel und bückte sich hinunter zu der Plastiktüte, in der Taschentücher, Bananenschalen und andere Essensreste übereinander herfielen. Raus hier. Das Stöhnen eine Melodie, schneller werdend von Sekunde zu Sekunde. Wenn er ohnehin schon nach draußen ging, konnte er auch noch beim Supermarkt vorbei, es war immer ratsam, einen gewissen Vorrat an Lebensmitteln im Schrank zu deponieren, man konnte nie wissen.
“ Ooooh…ja…ja…ja…aaahhh”, dazu das Bett, wie sein schwerer Holzrahmen gegen die Wand schlug und es einem Wunder gleichkam, dass sich an eben dieser Stelle keine feinädrigen Risse in die Tapete hineinfraßen.

Die Schakale gingen zum Angriff über, dutzende Beinpaare wetzten über den sandigen Boden, die Luft war Staub und die verdutzten Erdmännchen eine leichte Beute. Die Rettung versprechenden Erdlöcher waren nah, doch die Schakale schnell und gerissen. Weit aufgerissene Münder, aus denen spitz funkelnde Zähne hervorblitzten, schlossen sich krachend und knacksend um hilflos umherzuckende Hälse, alles war Blut und Tod und Untergang. Der weite Horizont, in den die glutrote Sonne schon vor einiger Zeit eingetaucht war, warf ein gedämpft dahinsterbendes Licht und Myriarden weit entfernter Sterne erwachten am alles umspannenden Himmelszelt.

Die Tür schloss sich in seinem Rücken, die Kapuze lag auf seinem Kopf, und ein Stein in seinem Magen. Füße, hektisch voreinandergesetzt, beinahe floh er, so kam es ihm vor. Bumm, Bumm, Bumm. Sein Herz. Die Seele wie ein zerkautes Kaugummi, das man jetzt irgendwie nicht mehr loswerden konnte. Treppenstufen. Trippelschritte. Eine Tür. Der Innenhof.

Die Schakale waren gründlich vorgegangen, so gründlich wie es ihre unermeßliche Gier nur zugelassen hatte. Knochensplitter übersäten den blutverkrusteten Boden rund um die kleine Anhöhe, auf der früher einmal - so wird der Wind erzählen - der Staat der neugierig dreinblickenden Erdmännchen errichtet worden war. Jetzt war da Einsamkeit. Und es war wirklich Einsamkeit, nicht Leere, weil die Schakale nun doch etwas übersehen hatten in ihrem wilden Wahn. Es war noch Leben auf dem Hügel, ein einziges Leben, ein einziges, pumpendes Herz, ein einziges, scheues Augenpaar, dessen zitternder Blick über die weite Ebene huschte, wo die unheilvollen Geräsuche der schwarzgetränkten Nacht aus jedem Gebüsch und jedem Versteck an zwei nun wachsam aufgestellte Ohren herandrangen. Das Erdmännchen stand dort, die bebende Nase in den dahingleitenden Wind gereckt und der bleiche Mond sang stumme Trauerlieder. Da war kein Gestern mehr und kein Morgen, alles war Verlassenheit. Und während eine Gruppe aschgrauer Elefanten, geräuschvoll vor sich her schlurfende Gestalten mit faltiger Haut und milde blinzelnden Augenlidern, sich krachend durch das dichte Unterholz schob und die stromlinienförmigen Rücken eines federleicht über die Lichtung schwebenden Gepardenpärchens für einen schnell verwehenden Moment in den fahlen Schein des müden Mondlichts getaucht wurden, musste eine herzzerreissende Erkenntnis dem unruhig wippenden Erdmännchen in den Kopf schießen, sich dort breit machen, und die glühenden Kohlen ihres Schmerzes auf dessen kummervolle Seele schütten.

Es war allein.

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