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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Agnosia (Kurzgeschichte)
Eingestellt am 07. 04. 2011 21:11


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silentboy
Hobbydichter
Registriert: Apr 2011

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Der Wahnsinn begann nur langsam in Franks Leben zu sickern. Die ersten kleinen Hinweise ignorierte er und fand stets eine Erklärung. Eine Erklärung die ihm erlaubte über das Unerklärliche hinwegzusehen. Manchmal, auf dem Weg zur Arbeit, war ihm, als hätte er etwas gesehen. Da draußen in der Masse der Unbekannten. In der Menschenmenge, die jeden Tag U-Bahnen und Busse mit pulsierendem Leben füllte. Alle wie er. Von hier nach dort unterwegs.

Ein Aufflackern des Nichts. Als ob sich in der Schar der Unbekannten ein Schleier, ein blinder Fleck über Einzelne legen würde. Frank schüttelte heftig den Kopf, bis ihm das Blut in die feine Äderung seiner Augen schoss. Alles wieder normal. Es war erst sieben Uhr und er schon jetzt völlig ausgebrannt. Er würde sich einfach bald wieder einen Urlaub gönnen oder die Kleine aus der Buchhaltung ausführen. Das war es, was er brauchte. Entspannung, Ruhe, die kleine Rothaarige aus der Buchhaltung bis zur Besinnungslosigkeit vögeln – dann wieder Ruhe. Ein Stück Leben. Mit der Hoffnung auf Besserung verliefen die folgenden Tage und Wochen ereignislos. Als eines Tages dieser Morgen kam. Der, an dem sich für ihn alles ändern sollte.

Was Unerwartetes angeht, ist der Mensch ein eigenartiges Wesen. Er ignoriert so lang wie möglich all das, was nicht gängigen Schemata entspricht. Solange, bis es ihm ins verblüffte Gesicht springt und sich dort festbeißt. Wir tun als wäre nichts, bis wir es nicht mehr leugnen können. Für Frank war die Zeit der Einsicht an eben jenem besagten Morgen gekommen. Das schrille Gepiepe seines Reiseweckers zerriss die Ruhe seines Hotelzimmers. Gestern erst war er in Hamburg angekommen, um die neuen Preise zu verhandeln. Seitdem es in den Medien wieder Thema war, waren alle vorsichtig, wenn es um Schwarzgeld ging. Frank trauerte den alten Zeiten nach. Die pausbäckigen Gesichter der Einkäufer, wenn sie sich ihr Geld in die immer gleich karierten Sakkos steckten. Ihr breites, verschwitztes Lachen, wenn er sie nach einem abgeschlossenen Deal ins nächste gute Puff ausführte. Doch das waren sterbende Echos seiner Vergangenheit. Großzügige Geschenke, Sekt und Nutten – diese Tage waren vorbei. Wenn er nun zu Verhandlungen bei größeren Firmen oder gar Konzernen geladen war, lief alles geradezu einschläfernd korrekt ab. Kein Lachen, keine dreckigen Witze. Auf Leistung getrimmte, fitnessgestählte Manager der neuen Generation. Die Geburtshelfer der Gewinnoptimierung. Frank kotzte es an.

Menschen werden von Ă„ngsten verfolgt. Angst davor zu vereinsamen, in einem Verkehrsunfall zu sterben, Krebs zu bekommen, oder was auch immer. Der eine mehr, der andere weniger. Frank war diesbezĂĽglich eine Ausnahme. Was ihn allerdings nicht daran hinderte, ein Zyniker zu sein. Er betrachtete das Auf- und Abwogen des Lebens mit nachdrĂĽcklicher GleichgĂĽltigkeit.

Er richtete sich im Bett auf und fuhr sich durch seine fettigen Haare. Es war noch dunkel. Mit halb geöffneten Augen wankte er in Richtung Badezimmer. In seinem Kopf spürte er ein kräftiges Wummern. Er verfluchte innerlich die viertel Flasche Bourbon, die er vor dem Schlafengehen geleert hatte. Er tastete schlaftrunken nach dem Lichtschalter. Als er in den Spiegel sah, schien es ihm, als würde sein Gehirn versuchen aus seinem Schädel zu kriechen. Ungläubig erstarrt glotzte er sein Spiegelbild an. Sein Gesicht war verschwunden. Wo es sein sollte, war nun nur eine verschwommene, wogende Fläche aus fließenden Formen. Ihm stockte der Atem. Von einer Sekunde auf die andere überflutete das Adrenalin seinen Körper. Das Blut schoss durch seine Adern, dass er meinte, sie würden platzen. Als er rücklings aus dem Badezimmer stolperte, fiel er über seine Reisetasche. Schmerz durchzuckte ihn, als er sich den Kopf an der Bettkante aufschlug. Er griff sich an den Hinterkopf und spürte, wie warmes, dickes Blut über sein Finger lief. Er sprang auf seine Beine und stürzte aus dem Zimmer. Er lief den Gang hinunter und eilte die Stiegen zur Rezeption hinab. Sein Körper fühlte sich an, als würde er auseinanderbrechen. Als würde er sich ausdehnen und wieder kollabieren, Form und Festigkeit im Sekundentakt wechseln. Das Rauschen des Blutes dröhnte in seinen Ohren. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er schrie den Rezeptionisten, der mit dem Rücken zu ihm stand, an.
»Bitte helfen sie mir! Bitte sie …«
Der Rezeptionist drehte sich um. Sein Gesicht schien sich aufzulösen. Es verlor zusehends den Zusammenhalt, zerbrach in chaotische Muster. Bevor er antworten konnte, legte sich Dunkelheit über alles und Franks Bewusstsein verglimmte wie ein Funke in einem Meer aus abgrundtiefer Schwärze.
Stunden, Tage, Wochen. Als er wieder die Augen öffnete, fühlte sich alles taub und fremd an. Er hätte überall sein können. Er versuchte sich zu bewegen, schien aber auf dem Bett fixiert zu sein. Er hob sein Kinn zur Brust und sah sich hektisch um. Was war nur geschehen? Weiß. Um ihn waren Menschen. All waren sie gesichtslos. Doch hatte er das Gefühl, sie würden ihn durchdringend anstarren. Er riss die Augen auf. Er lag in einem Krankenzimmer, zusammen mit fünf anderen Patienten. Von seinem Bett aus konnte er auf den Flur hinaussehen. Auch da noch mehr Gesichtslose. Er war sich sicher, vollends den Verstand zu verlieren.
Da ging ein Mädchen an der Tür vorbei, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Sie blieb stehen und lächelte ihn an. Er konnte ihr Gesicht deutlich sehen. Doch ihr Körper verschwamm und flimmerte wie eine ferne Wüstenoase. Sie winkte ihm zu und lief dann fröhlich weiter den Flur entlang.
Frank sah verzweifelt hinauf zur Decke. Er spürte, wie Tränen über sein Gesicht liefen. Es brauchte Sekunden, bis er merkte, dass das schrill kreischende Geräusch das er hörte, seine eigene Stimme war. Eine in Weiß gekleidete Person betrat den Raum. Ein Stich. Die Welt um Frank wurde leiser.

»Hören Sie mir gut zu. Sie müssen sich beruhigen. Mein Name ist Dr. Kern. Sie sind vor zwei Wochen mit der Rettung hierher gebracht worden.“ Sein Gesicht schien ein Strudel von fluktuierenden Formen zu sein.
»Wir mussten Sie fixieren, weil Sie unter heftigen Krämpfen gelitten haben. Hören Sie mich?«
»Ja«, sagte Frank. »Ich … was stimmt nicht mit mir?«
Er bemerkte, dass das kleine Mädchen von vorhin den Raum betreten hatte. Etwas schüchtern aber doch neugierig hörte es ihnen zu.
»Wir haben auf den Aufnahmen ihres Schädel-CTs einen Tumor im Temporallappen entdeckt. Offenbar ist er der Auslöser ihres Zustands. Ich muss leider sagen, dass er inoperabel ist. Er hat sich direkt um ein Blutgefäß gelegt. Allerdings müssen wir noch weitere Untersuchungen machen, um ganz sicherzugehen.«
Frank runzelte die Stirn und starrte ausdruckslos auf die gegenĂĽberliegende Wand.
»Ich werde unsere Psychologin bitten, sich so bald wie möglich mit ihnen zu unterhalten. Falls sie inzwischen etwas brauchen sollten, können Sie mit diesem Knopf die Schwester rufen.“
„Doktor Kern?“
„Ja?“
„Warum kann ich Ihr Gesicht nicht sehen, das Gesicht von diesem Mädchen aber klar erkennen?“, fragte Frank und deutete auf das Mädchen neben der Tür.
Dr. Kern sah hinter sich und wieder zurĂĽck zu Frank.
»Ich verstehe nicht, was sie meinen.«
Das Mädchen zwinkerte Frank zu, ging zu ihm und nahm seine Hand.
»Komm, gehen wir«, sagte sie.

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