Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
289 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Gereimtes
Ahasver
Eingestellt am 31. 03. 2003 13:44


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

Werke: 149
Kommentare: 1964
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

1.

Treff' ich doch heute auf der FĂ€hre,
wie sie mich trĂ€gt ĂŒber den Fluß,
die Gestalt, die wirklich elende
von unserm Herrn Asvaherus.

"Wie gehts", sprach ich zu ihm, "alter Freund. -
Treibst Dich noch immer umher
auf der Suche nach Tod und Ende,
quÀlst Dich noch immer so sehr..!?

Offenbar hast Du die Wende,
die letzte, mein ich, ĂŒberlebt.
Ich dachte wirklich, dass Geschichte,
zumal deutsche, Dich begrÀbt...

Bist Du vielleicht auf dem Schifflein,
um ĂŒber die Bordwand zu gehn,
oder willst Du auf der Westseite
nach besserer Möglichkeit sehn?

Du solltest jedoch nicht vergessen
dies ist nicht der Acheron,
den FĂ€hrmann hiesiger Narren
rief noch keiner je ‚Charon'..!

Und außerdem: wir alle wissen:
Man braucht dich in diesem Land
als MĂŒlltonne fĂŒr TĂ€terskrupel,
als Handtuch fĂŒr manche Dreckhand..."

2.

Die lassen Dich - nein!- nicht springen,
die gönnen Dir keine Ruh,
wie schrien die scheinheil'gen Typen,
machtest Du die Augen zu..!

Solange die nachts gut schlafen,
wÀhrend Dich Unruhe treibt,
ist ihnen ihr Deutschland in Ordnung,
sie hoffen, dass das so bleibt...

3.

So uralt, wie alle hier glauben,
bist Du, mein Freund, sicher nicht:
Vorm Christkreuz hast Du bloß gestanden
in manch Judenhaßgedicht.

Du wurdest geboren in Deutschland,
vermutlich Sechzehnhundertzwei,
da schrieb man von einem Juden,
der dabei gewesen sei,

als man gekreuzigt jenen Rabbi,
den man als LĂ€sterer empfand,
vor nunmehr fast zweitausend Jahren,
in einem nahöstlichen Land.

Der Jud', der wÀr dann gekommen,
beladen mit aller Schuld,
nach Deutschland im Mittelalter
in Unrast und Ungeduld.

Er kam, weil er nicht sterben könne,
und das, weil er sei tief verrucht
und schuldig am Tod uns'res Herren
und fĂŒr alle Zeiten verflucht...

Die Geschichte ist eine krumme,
sie gehet an einem KrĂŒckstock.
Ihr Vater war einst das BedĂŒrfnis
nach haltbarem SĂŒndenbock...

Die Schöpfer von dieser Geschichte,
die waren wirklich sehr genial:
Sie schufen ein Ă€ußerst praktisches
Immigrantenideal.

Der Immigrant, der nichts kostet,
nur virtuell existiert,
und der immer mit Schuld beladen,
ganz gleich, was man selbst exerziert...

4.

"Ich hĂŒlfe", sprach ich, "Dir sehr gerne
aus deiner unendlichen Not,
beförderte Dich eigenhÀndig
in des Flußwassers kalten Tod.

Denn die Trugbilder zu zerstören
mit denen man immer noch lĂŒgt,
wÀr etwas, womit ich zufrieden
sein könnte und fröhlich-vergnĂŒgt.

Aber schau' nur, was passieret,
wenn wir uns nahn der Bordwand.
Wie schnell diese freundlichen Menschen
schreien, als legte man Hand

nicht an den alten Aberglauben,
sondern direkt an ihren Hals.
Mir scheint, helf ich weiter, bald sich'rer
als Dir der Tod jedenfalls.

Was ich noch tun kann fĂŒr Dein Ende,
rein auf Worte beschrÀnkt sich das:
Trotz 'veritas odium parit'
(das heißt: die Wahrheit zeugt den Haß),

werde ich hiermit den FÀhrgÀsten,
obzwar das Ufer nicht mehr fern,
paar Dinge klarstellen, ich werde
den wahren Ahasver erklÀrn."

5.

"All die Menschen dieser Erde,
die von Menschen schwer gequÀlt,
sind die ewig Umgetrieb'nen,
denen Ruhe immer fehlt.

Der Gefolterte aus dem Lager
mit Brandmalen auf der Haut
von den Kippen seiner Bewacher
ist's, der niemand glaubt noch traut.

Jene Frau aus dem Bauerndörfchen,
von Soldaten wortlos-brutal
vergewaltigt, lebt ohne Ende
jenen Alptraum: nochmal, nochmal...

Und ihr Kind, das angesehen,
was ein Mensch dem andren tat,
ist ein ewig umgetriebnes,
das den Frieden nicht mehr hat.

Diesen Menschen fehlt fĂŒr immer
Menschenruh in dieser Welt.
Sie hetzen mit ihren AlbtrÀumen
endlos durch Nacht, die nie aufhellt.

Sie können in Ruhe nicht schlafen
des Nachts, der Tag ist ihnen fremd,
sie schauen in niemandes Augen,
frier'n unter Menschen im wÀrmsten Hemd.

Ihre Qual, die findet kein Ende
bis in die letzte Ewigkeit.
Der Vorrat erscheint ganz unendlich
fĂŒr diese Menschen: an Zeit..."

6.

Schweigend hörten die Passagiere
meinen flammenden Worten zu.
Leicht betreten schauten die meisten
auf die Spitzen ihrer Lackschuh.

Nur der Wind, der sÀuselte spöttisch
eine bekannte Melodie.
Ich begriff: grundsÀtzliche Dinge
Ă€ndern sich in Deutschland nie...

WÀhrend also meine Weghörer
eisern schwiegen fort und fort,
sah ich plötzlich meinen Ahasver:
Er wollte schon wieder von Bord.

Ein Aufschrei entfuhr schrill der Menge,
ein Ruf wie: "Haltet den Dieb!" -
Sie rissen ihn unsanft zur Mitte:
"Elender, wir haben Dich - lieb..!"

Und schon war die FĂ€hre am Ufer,
man riß Ahasver ans Land
und gab ihm zum Abschluß paar Tritte,
bevor man erleichtert verschwand.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Gereimtes Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!