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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alain
Eingestellt am 29. 08. 2017 09:37


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Carmen Engel
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Alain

Marie schloss die T├╝r und erstarrte. Es war still. Zu still. Sie lauschte angestrengt. Nur das Piep der medizinischen Ger├Ąte war zu h├Âren. Ihr Blick wanderte zum Bett. Da endlich vernahm sie einen tiefen Atemzug. Gott sei Dank, dachte sie, Oma schl├Ąft. Erleichtert und auf Zehenspitzen durchquerte sie das Krankenzimmer und setzte sich ans Bett.
Als sie ihre vierundneunzigj├Ąhrige Uroma betrachtete, wurde ihr warm ums Herz. Ihr Gesicht erz├Ąhlte ein ganzes Leben. Lange w├╝rde es nicht mehr dauern.
Marie griff nach der Hand ihrer Oma. Sie ruhte auf einem Heft, das auf der Decke lag. Ein Kugelschreiber klemmte zwischen den knotigen Fingern. Vorsichtig zog Marie das Heft hervor. Es war anders als die, die sie Oma in den letzten Tagen hatte bringen m├╝ssen. D├╝nn und gr├╝n, mit vergilbten Seiten. Abgegriffen und mit franz├Âsischen W├Ârtern auf dem Einband, die sie nicht verstand.
"Im Keller sind sie, in der Kiste neben den Einweckgl├Ąsern", hatte Oma ihr erkl├Ąrt. Marie fand die Kiste sofort und brachte die etwa zwanzig dicken Schreibhefte ins Krankenhaus. Ein Strahlen durchbrach Omas m├╝de Z├╝ge und sie hatte sofort angefangen, jedes einzelne durchzubl├Ąttern. Als ob sie etwas suche.
Maries Blick fiel auf die aufgeschlagene Seite. Ein Datum stand dort und darunter mit blauer, verblasster Tinte Worte, die sie magisch anzogen. Marie sp├╝rte die magere Hand in ihrer und die W├Ąrme, die in sie hineinfloss. Als schien sie ihr zu sagen, es w├Ąre in Ordnung, wenn sie jetzt lesen w├╝rde.

07.07.1939
Ich bin auf dem Markt nahe Sacr├ę Coeur. Es ist dr├╝ckend heute. Schw├╝l. Schwarze Wolken am Himmel ├╝ber Paris. Drohend und gewaltig. Nicht aufzuhalten. Wie die braune Wolke, die sich ├╝ber Europa ausgebreitet hat. Sie wird in einem Gewitter explodieren. Ich wei├č es. Die Schlagzeilen in der Zeitung erz├Ąhlen davon. Ich bekomme Angst. Mache mich auf den Weg zur├╝ck zu Onkel Pierre. Als das Gewitter losbricht, renne ich. Es regnet in Str├Âmen. Unaufh├Ârlich. Ich habe keinen Regenschirm. Halte mir die Zeitung ├╝ber den Kopf.
Ich muss abreisen. ├ťbermorgen. Wieder zur├╝ck nach Berlin. Dabei liebe ich mein Paris. Aber Vater will mich daheim haben. In all dem Chaos der Welt. Sagt er.
Da sto├če ich mit jemandem zusammen. Ich erschrecke und meine Gedanken stocken. Er versperrt mir den Weg. Sch├╝tzt mich mit seinem Regenschirm und l├Ąchelt. Er fragt, wohin ich will und ob er mich begleiten d├╝rfe. Ich sehe in moosgr├╝ne Augen. Ein Glitzern. Erwartung darin. Ich l├Ąchle und nicke. Es f├╝hlt sich fremd an.
Wir laufen zusammen ├╝ber Montmatre. Durch die engen Gassen und steigen die Treppen hinauf und hinab. In einem Hauseingang stehen wir dicht beieinander. Der Regen ist zu stark, meint er. Ich verberge mein Grinsen. Seine Stimme ist warm. Ich mag sie. H├Âre sie immer noch. Worte fliegen hin und her. Vom Wind getragen. Wir lachen. Lachen den Regen weg.
Alain ist elegant. Zur├╝ckhaltend. An der Ecke vor Onkel Pierres Haus nur ein H├Ąndedruck zum Abschied. Aber ein Leuchten in den Augen.
Jetzt liege ich wach und etwas Unbekanntes lockt mich. L├Ąsst mich nicht mehr schlafen. Verhei├čungsvoll und verwirrend.
Morgen um vier auf Pigalle. Alain wird dort warten.

Marie sah auf. Oma hatte oft von den Sommern in Paris erz├Ąhlt. Von dem alten Freund ihres Vaters, den sie alle Onkel Pierre nannten. Ein Feind aus dem ersten Weltkrieg, der zum Freund geworden war. Doch Alain kam in den Geschichten nie vor.
Als sie die Seite umbl├Ątterte, f├╝hlte sie sich ein wenig wie eine Diebin. Doch die Neugier trieb sie.

08.07.1939
Wir sitzen in einem wunderbaren Caf├ę. Die Menschen diskutieren an den Tischen, trinken und essen tarte de citron und g├óteau au chocolat. Die V├Âgel tr├Ąllern zwischen gr├╝nem Laub und Rosenduft erf├╝llt die Luft. Keine dunklen Wolken mehr und wir vergessen die Welt. Erz├Ąhlen uns das Leben. Sein Leben. Mein Leben. Dann Stille. Nur Blicke. Er hat Lachfalten. Und einen winzigen Leberfleck ├╝ber der Lippe. Sein Mund. Geschwungen wie Fl├╝gel.
Unsere H├Ąnde liegen dicht beieinander. Ich w├╝nschte, er w├╝rde mich ber├╝hren. Ich bin verr├╝ckt nach mehr. Mehr von ihm. K├Ânnen Augen streicheln? Ja. Ohne Worte, fast viel sch├Âner. Mein Herz ist wild. Berauscht, ├╝berschwemmt von Liebe?
Alain entf├╝hrt mich in den Parc des Buttes Chaumont. Die Aussicht ├╝ber Paris ist unendlich weit. Und der Park wundersch├Ân. Sagt Alain. Doch ich sehe nicht die Felsen, den See, den Wasserfall. Wenn er erkl├Ąrt, ist sein Gesicht ganz nah an meinem. Er fl├╝stert mir ins Ohr. Sein Atem streicht ├╝ber meine Haut. Ich rieche Alains Duft. Mir ist hei├č. Dann friere ich. Mein K├Ârper spielt mit mir.
Er bringt mich zur├╝ck. An der Ecke zwei Abschiedsk├╝sse. Unschuldig, wie zwischen alten Bekannten. Links, rechts auf die Wangen. Z├Âgern. Er h├Ąlt meine Hand. Nur einen Moment. Dann lauf ich los.
F├╝hle mich zerrissen. Was soll das werden?
Ich muss packen. Bin morgen weg.

09.07.1939
Traumlose Nacht. Schlaflose Nacht. F├╝hle mich erdr├╝ckt und leer. Zwei Tage ver├Ąndern die Welt. Ver├Ąndern mein Herz. Ich will nicht weg. Aber wie k├Ânnte ich bleiben? Dieser Morgen ist sonnig und warm. Doch f├╝r mich ist er d├╝ster.

Marie schluckte. Sie rechnete nach. Oma war zwanzig, dachte sie. Noch nie hatte sie sich die f├╝r sie immer alte, f├╝rsorgliche und liebevolle Dame als M├Ądchen vorgestellt. Langsam formte sich in ihr eine Ahnung von einer lebenshungrigen, jungen Frau mit dem hellen Lachen, dass ihr so vertraut war.
Unter dem letzten Satz hatte Oma zwei Zeilen frei gelassen. Dann begann der Tagebucheintrag erneut.

Alain ist pl├Âtzlich auf dem Bahnhof! Findet mich in all den aufgeregten Menschen. In all dem L├Ąrm. Zieht mich von Onkel Pierre fort. Unbemerkt. Hinter einen Pfeiler. Streichelt sanft meine Wange. Er wollte mich nochmal sehen und er wird mich vermissen, sagt er. Mehr nicht. Doch seine Augen erz├Ąhlen mir alles. Mein Herz rei├čt auf. Er notiert meine Adresse. Verspricht zu schreiben. Und hofft auf meine Briefe. Vielleicht k├Ânnen wir uns wiedersehen, fragt er.
Onkel Pierre ruft. Sucht mich. Der Zug f├Ąhrt.
Auch jetzt kein Kuss. Doch eine Umarmung. Sanft und vorsichtig. Ich sp├╝re, dass er zittert. Sp├╝re mein Zittern. Unsere Herzen im Takt.
Ich gehe. Sitze im Zug und fahre davon. Ein heimliches Winken. Dann nichts mehr. Fahles Sonnenlicht. Unaufh├Ârliches Rattern der R├Ąder. Das Land rast an mir vorbei. Endlos. Und das Chaos nimmt ihn hinweg. Ich will die Zeit anhalten, zur├╝ckdrehen. Aber wir k├Ânnen nichts aufhalten. Wir stolpern in eine gef├Ąhrliche Welt.


Alle anderen Seiten waren leer. Verblasst, eingerissen, an den Ecken abgegriffen. Wie hundertmal umgebl├Ąttert.
Marie lie├č das Tagebuch sinken. Ihr Mund f├╝hlte sich trocken an und sie seufzte. Sanft dr├╝ckte sie die Hand ihrer Oma und sah pl├Âtzlich das M├Ądchen vor sich. Auf ihrem Gesicht lag ein leises L├Ącheln. Und ├╝ber ihre Wange lief eine glitzernde Tr├Ąne.
Als Marie das Tagebuch schloss, fiel ihr auf der letzten Seite etwas auf.
Mit schwarzem Kuli und zittriger Handschrift stand dort geschrieben:

Ich h├Ątte ihn gern gek├╝sst.

Version vom 29. 08. 2017 09:37
Version vom 31. 08. 2017 20:03

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DocSchneider
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Hallo Carmen Engel, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Sch├Ân, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Ma├če an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

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Soean
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Hallo Carmen Engel,

ich habe Deine Geschichte genossen und habe nur bei folgenden paar Sachen ein paar Einw├Ąnde.

quote:
Ihr Gesicht erz├Ąhlte ein ganzes Leben. Lange w├╝rde es nicht mehr dauern.
Mich interessiert hier, wie Marie bei dem Gedanken f├╝hlt.

quote:
knotigen Fingern.
Ich kenne nur knorrige FingerÔÇŽkann auch sein, dass ich mich irre.

quote:
Es war anders als die, die sie Oma in den letzten Tagen hatte bringen m├╝ssen. D├╝nn und gr├╝n, mit vergilbten Seiten. Abgegriffen und mit franz├Âsischen W├Ârtern auf dem Einband, die sie nicht verstand.
"Im Keller sind sie, in der Kiste neben den Einweggl├Ąsern", hatte Oma ihr erkl├Ąrt. Marie fand die Kiste sofort und brachte die etwa zwanzig dicken Schreibhefte ins Krankenhaus. Ein Strahlen durchbrach Omas m├╝de Z├╝ge und sie hatte sofort angefangen, jedes einzelne durchzubl├Ąttern. Als ob sie etwas suche.


Ich brauchte ein wenig um das zu verstehen und w├╝rde hier etwas umstellen. Vielleicht so:

Sie hatte Ihrer Oma neulich viele Hefte bringen m├╝ssen.
"Im Keller sind sie, in der Kiste neben den Einweggl├Ąsern", hatte Oma ihr erkl├Ąrt. Marie fand die Kiste sofort und brachte die etwa zwanzig dicken Schreibhefte ins Krankenhaus. Ein Strahlen durchbrach Omas m├╝de Z├╝ge und sie hatte sofort angefangen, jedes einzelne durchzubl├Ąttern. Als ob sie etwas suche.
Dieses Heft war anders. D├╝nn und gr├╝n, mit vergilbten Seiten. Abgegriffen und mit franz├Âsischen W├Ârtern auf dem Einband, die sie nicht verstand.

Den Rest habe ich verschlungen und habe geschluckt. Die letzte Aussage der Oma....toll gemacht! Mein Respekt!

Einzig h├Ątte mich interessiert, bei wem Tr├Ąnen zu sehen waren:

quote:
Auf ihrem Gesicht lag ein leises L├Ącheln. Und ├╝ber ihre Wange lief eine glitzernde Tr├Ąne
Ich f├Ąnde es toll, wenn es auf dem Gesicht der Oma w├Ąre....das w├╝rde mich dann komplett zerrei├čen

Liebe Gr├╝├če, S├Âren

__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wer wagt, dem wird gesagt: Er spinnt!

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

Werke: 70
Kommentare: 224
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Alain

Hallo Carmen,
eine traurige, melancholische, aber auch sehr zarte und poetische Geschichte!
Gute Idee mit den Tagebucheintragungen der Uroma.
Nur dadurch konnte Marie sich sie, die f├╝r sie wohl schon immer
"alt" wirkte, als junges, verliebtes M├Ądchen vorstellen.
Ob der dann bald beginnende Zweite Weltkrieg oder andere Faktoren ein Wiedersehen verhinderten, bleibt offen.
Die geschilderte letzte Tagebucheintragung ist das I-T├╝pfelchen
auf einen ausgezeichneten Text!

Lieben Gru├č
Maribu

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