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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alice
Eingestellt am 20. 07. 2006 10:50


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animus
???
Registriert: Mar 2006

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Alice

Sie f├╝hlte sich heute nicht besonders gut.
Sie hatte Kopfschmerzen, das Aufstehen fiel ihr schwer und dann war da noch dieser Besuch, der sich gestern telefonisch angek├╝ndigt hatte. Heute wollte er kommen.

Sie setzte sich in ihren alten Stuhl und versank in sich. Immer, wenn sie mit etwas Neuem konfrontiert wurde, neue Aufgaben l├Âsen musste, versank sie in ihrem Stuhl und dachte nach. Soweit sie es nur konnte.

Wer war dieser Mann, der sie gestern anrief?
„Ich komme morgen zu Besuch“, hatte er gesagt.
Sie konnte sich an niemanden erinnern. Ihre ganzen Erinnerungen waren weg. Sie kannte nicht mal sich selbst, und was man ihr erz├Ąhlte, verga├č sie meistens wieder.
Um drei Uhr wollte er kommen. „Zum Tee“, hatte er gesagt.
‚Um Drei mache ich doch immer meine W├Ąsche’, erinnerte sie sich kurz.
Tee musste sie kochen, sie musste die T├╝r aufmachen, wenn es klingelt.
Sie musste ruhig bleiben, wenn der Besuch in der T├╝r stand und vor allem, sie durfte keine Angst vor ihm bekommen.
Die Angst war es, die ihr die meisten Sorgen bereitete. Sie hatte oft Angst vor fremden Gesichtern, egal ob sie angel├Ąchelt oder angestarrt wurde.
In ihrem Angstzustand konnte sie gef├Ąhrlich werden. Jedem. Das wusste sie, das hat man ihr oft genug gesagt,
dass sie keine Angst haben darf. Sie war unberechenbar in ihren Angstzust├Ąnden. Sie konnte, ohne es zu wissen, jemand einen Gegenstand ├╝ber den Kopf schlagen. Ein paar Sekunden danach w├╝rde sie da stehen und alles nicht begreifen k├Ânnen.

Sie schaute auf die Uhr. Das hatte sie wieder gelernt, die Zeit zu lesen.
Sie lernte den Tag in Zeit aufzuteilen und sich danach ein Raster f├╝r ihre kleinen T├Ątigkeiten zu schaffen, aber die Bedeutung der Zeit hatte sie noch nicht begriffen. Sie meinte, die Zeit w├╝rde nur ihr geh├Âren und nicht den anderen auch.
Die Zeit war ihr bester Freund und Ratgeber, gab ihr Sicherheit. Die Zeit f├╝hrte sie durch ihr zerw├╝hltes Leben.

Ersch├Âpft stand sie vom Stuhl auf und noch in Gedanken vertieft, ging sie zu ihrem Spiegel. Sie strich mit den H├Ąnden ├╝ber ihr Kleid, drehte sich einmal um die Achse um zu schauen ob hinten auch alles stimmt, und zupfte ein paar mal an ihrem Haar.

Anschlie├čend ging sie in die K├╝che, f├╝llte den Kessel mit Wasser und stellte ihn auf den Herd.
Die Herdplatte schaltete sie nicht ein.
Sie holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie zusammen mit dem Zucker und den kleinen L├Âffeln auf ein Tablett. Einen kurzen Blick warf sie durch die K├╝che und war mit sich zufrieden. Alles war an seinem Platz.

Der Gong an der T├╝r riss sie aus ihren Gedanken.
Sie strich noch einmal mit den H├Ąnden ├╝ber ihr Kleid, versuchte sich zu konzentrieren und ging auf die T├╝r zu.
F├╝r einen Augenblick verharrte sie noch.
‚Blo├č keine Angst haben’, dachte sie.
Sie dr├╝ckte die T├╝rklinke herunter, machte die T├╝r auf und sah einem Mann in die Augen. Ein Mann mit grauem Haar
l├Ąchelte sie freundlich an, wei├če Rosen in der einen Hand und in der anderen eine Tasche. Mehr sah sie nicht.
„Guten Tag, Alice. Ich habe angerufen, dass ich Dich heute Nachmittag besuchen komme“, sagte er freundlich. „Kannst du dich erinnern?“

‚Er redet soviel und gibt mir keine Zeit zum Antworten’, dachte sie.
„Guten Tag“, sagte sie, machte einen Schritt zur├╝ck und lud ihn mit einer Handbewegung ein, hereinzukommen.
‚Wer ist dieser Mann? Was will er von mir?’ fragte sie sich w├Ąhrend sie die T├╝r schloss

Sie war ├╝berrascht. Der Mann ging ohne auf sie zu warten und ohne sie zu fragen den direkten Weg auf die K├╝che zu. Er wusste genau, wo es lang ging. Er wusste welche T├╝r er aufmachen musste und er wusste, wo ihre gro├če Blumenvase versteckt war.
Er griff hinter den Karton, der in der Ecke stand und holte die blaue Keramikvase raus, lie├č Wasser einlaufen, l├Âste das Rosengebinde und steckte den ganzen Rosenstrau├č in die Blumenvase.
Sie stand in der K├╝chent├╝r und dachte nach. ‚Er kennt meine Wohnung. Woher nur?
Sie versp├╝rte keine Angst wie bei anderen Fremden. Im Gegenteil, sie empfand eine Art Erleichterung, Zufriedenheit in sich. Die Bewegungen des Mannes kamen ihr vertraut vor, die Gangart, die Armbewegungen einfach die ganze Gestik. Er setzte er sich auf die Bank hinter dem K├╝chentisch und schaute sie an.

Sie war verunsichert. Er schaute sie an in der Erwartung, dass sie irgendetwas sagte.

Verlegen nahm sie den Teekessel vom Herd und goss das kalte Wasser in die Tassen. Als sie das Wasser in der Tasse sah wusste sie, dass irgendetwas nicht stimmte, sie wusste aber nicht was. Sie setzte sich neben ihn.
‚Was stimmt mit diesen Tassen nicht?’ versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen. Verga├č ganz, dass sie nicht alleine war, dass er, den sie nicht kannte neben ihr sa├č. Sie traute sich nicht ihn zu fragen. Sie hatte Angst vor Antworten.

Sie ballte ihre kleinen H├Ąnde zu F├Ąusten und grub ihre Fingern├Ągel in ihre Handfl├Ąchen bis sie einen Schmerz f├╝hlte. Sie konzentrierte sich, hielt den Atem an und w├╝nschte sich: ‚Blo├č die Angst nicht siegen lassen!’

Er sa├č neben ihr und schien ihren Kampf mit sich selbst nicht zu bemerken. Er legte die Tasche neben sich, holte ein Fotoalbum heraus und schlug es auf.

Sie sah die Bilder, von Kindern und Erwachsenen, sie spielten auf einer Wiese, sa├čen im Sand.
Sie sah das kleine M├Ądchen auf dem Fahrrad, das fr├Âhlich lachte. Sie sah eine junge Frau mit zauberhaftem L├Ącheln, Hand in Hand mit einem jungen Mann, der sie liebevoll anschaute.
Sie sah sie alle und kannte keinen einzigen.

‚Wer sind diese Frauen, M├Ąnner und diese Kinder, die so fr├Âhlich und lebenslustig sind?’ fragte sie sich. Nichts sagten ihr diese Bilder, nichts regte sich in ihrem Kopf, kein Hauch einer Erinnerung kam in ihr auf.

Sie sa├čen ├╝ber eine Stunde am Tisch, der Mann bl├Ątterte Seite f├╝r Seite im Album um. Nicht nur einmal tat er das.
Er erz├Ąhlte ihr zu vielen Bildern eine kleine Geschichte ├╝ber die Zeit, in der das Bild entstanden war. ├ťber die Gegend, ├╝ber die Menschen auf dem Bild.
Als er das Album schloss und es wieder in seine Tasche steckte, sah sie in seinem Gesicht viel Traurigkeit.
Es war nicht mehr das fr├Âhliche Gesicht, das sie in der T├╝r sah, als er kam.
Das Gesicht war m├╝de und traurig geworden, die Augen waren leer.
Sie machte sich keine Gedanken, sie kannte diesen Blick aus ihrem Spiegel.

Er stand auf, schaute sie mit seinen traurigen Augen an und sagte: „Ich werde wieder gehen, danke f├╝r den ausgezeichneten Tee.

Er nahm seine Sachen und ging genauso sicher den Weg zur T├╝r zur├╝ck, wie er hereingekommen war.
An der T├╝r drehte er sich nochmals um, nickte kurz zum Gru├č und schloss die T├╝r hinter sich.
Sie h├Ârte seine Schritte im Flur, wie er die Treppe hinunter ging, sie h├Ârte noch wie die Haust├╝r ins Schloss fiel.

Sie war wieder alleine, sie f├╝hlte sich wohler, wenn kein Fremder in ihrer N├Ąhe war.
Sie schaute auf die Uhr. 17 Uhr zeigte sie.
Um 17 Uhr trank sie jeden Tag ihren Tee und a├č dazu ein St├╝ck Marzipanschokolade.
Sie liebte Marzipanschokolade.

Auf dem Parkplatz vor dem gelben Haus stieg ein grauhaariger Mann in einen Wagen, legte seine Tasche auf den R├╝cksitz, setzte sich hinter das Lenkrad und starrte nach vorne durch die Windschutzscheibe.
„Nichts hat sie erkannt, gar nichts, Fremde sind wir f├╝r sie, fremd und unerreichbar ist unsere Tochter f├╝r uns geworden“, sagte er zu seiner Frau.
Sie sa├č ohne jede Regung da. Sie weinte nicht, sie weinte schon lange nicht mehr. Sie hatte es l├Ąngst aufgegeben, diese hoffnungslosen Versuche, ihre Tochter wieder zur├╝ck ins Leben zu bringen.

Er lie├č den Wagen an und fuhr an der gelben Wand entlang, hinter der seine einzige Tochter mit ihrer Zeit lebte, bog an der n├Ąchsten Kreuzung ab nach Osten, zum Meer.



[┬ęanimus]

__________________
Die alten Tr├Ąume waren gute Tr├Ąume.
Sie gingen nicht in Erf├╝llung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

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Burana
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo animus,
Du hast den inneren Zustand dieser Alice wirklich sehr einf├╝hlsam beschrieben. Was auch immer sie dahin gebracht haben m├Âge... Ich kann bei Deinem Schluss auch sehr gut nachf├╝hlen, was in den Eltern vorgeht. Sie k├Ânnen einfach nur versuchen, ihr eigenes Leben weiter zu leben, auch wenn es so hoffnungslos ist, was ihre Tochter betrifft.
Mir gef├Ąllt Deine Geschichte, weil sie sehr sensibel mit einem sehr sensiblen Thema umgeht.
Liebe Gr├╝├če, Burana

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animus
???
Registriert: Mar 2006

Werke: 60
Kommentare: 42
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Hallo Burana,
ich danke Dir f├╝r den sensiblen Umgang mit meiner Geschichte.
Alice, wird irgendwann mal ihr Geheimnis l├╝ften, was sie dahin gebracht hat.
Lieben Gru├č
animus

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Burana
Guest
Registriert: Not Yet

Oh, darauf bin ich gespannt. Danke f├╝r den Hinweis und nicht vergessen!
Liebe Gr├╝├če, Burana

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kata
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2005

Werke: 112
Kommentare: 89
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Hi, Animus
eine spannende Geschichte hast du da konstruiert. Die Fragen, was ist Raum, was ist die Zeit, mu├č jeder f├╝r sich definieren, bewu├čt oder unbewu├čt durch das eigene Leben irren oder sich lebendig begraben zu lassen.

Alice ist einzigartig in ihrer Rolle, sind wir das nicht alle? Beherrscht uns die Angst, so kann sie auch jeden rationalen Menschen unberrechenbar machen und in ihren Netz einweben und da passiert leicht, dass wir die Wirklichkeit aus den Augen verlieren und uns eigene kleine irre Welt schaffen, in der die Fremden nur geduldet werden oder gar kein Platz mehr f├╝r sie existiert.

Ganz liebe Gr├╝├če Dir
Kata

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Kata

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animus
???
Registriert: Mar 2006

Werke: 60
Kommentare: 42
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Hallo Kata,
ich danke Dir f├╝r Dein Kommentar.
Ich irre lieber durch das Leben als lebendig begraben zu werden. Bei "Alice" ist anders... Es wird eine Fortsetzung geben.
Liebe Gr├╝├če
animus
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