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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Allein...erziehend...gelassen
Eingestellt am 06. 04. 2012 22:00


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HajoBe
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Registriert: Feb 2012

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Krachend fĂ€llt die TĂŒr ins Schloss. Die Mutter lĂ€sst die schwere Einkaufstasche zu Boden sinken, wirft den Mantel ĂŒber den Garderobenhaken.
"Na Lisa, ist die Oma schon lange weg?"
Das Kind rennt auf sie zu, klammert die Arme um den Bauch der Mutter, schmiegt sich eng an sie und verharrt als wolle es nie mehr loslassen.
"Nu warte doch erst mal...! Ich mache mir einen Kaffee..."
Das MÀdchen lÀsst Kopf und Arme sinken.
Sie rĂ€umt das schmutzige Geschirr in die SpĂŒlmaschine und betĂ€tigt den Knopf des Kaffeeautomaten.
"Hat Oma dir was zu essen gemacht?"
Lisa ist ins Wohnzimmer gerannt. Der Fernseher flimmert und verstrahlt dÀmliche Werbung.
Auf dem Tisch die Reste ketchup-vermatschter Spaghetti.
"Oma hat gesagt, dass sie nicht mehr jeden Tag kommen wird..., der Opa will das nicht."
Die Kaffeetasse verströmt wĂŒrzigen Duft in den miefigen Raum. Die Mutter betĂ€tigt den "Aus"-Knopf am Fernseher.
"Hast du denn mit Oma ferngesehen?"
"Oma hat den Apparat angemacht und gesagt, sie muss jetzt gehen..."
Die Mutter hat das Fenster geöffnet, feucht-frische Luft dringt aus regnerischem Vorabend ins Zimmer.
Das Kind rutscht unruhig auf dem Sofa hin und her, zupft nervös an der Tischdecke.
"Und was kam im Fernsehen?"...fragt die Mutter.
"Ich glaube, das war was Schlimmes...?"
Die Mutter ist wieder in der KĂŒche verschwunden, das MĂ€dchen fingert an seinen Zöpfen herum.
"ErzÀhl` mal!"....Sie lÀsst sich mit einer Zigarette gedankenverloren neben der Tochter nieder.
"Weißt du, ich bin noch garnicht wieder richtig da...war ein anstrengender Tag."
Sie nimmt einen tiefen Zug und nippt an der Tasse.
"Also, was war da im Fernsehen?"
Das Kind windet seine ineinander verschrÀnkten Finger.
"Da war ein Mann, der hat eine Frau gekĂŒsst. Die war fast nackt. Dann haben sie gestritten und laut geschrien."
"Und weiter...!" meint die Mutter und geht zurĂŒck in die KĂŒche.
"Ich habe Angst..." ruft Lisa ihr nach.
"Nun red` mal weiter!"
Die Mutter legt lÀssig einen Arm um die Tochter...
"Der Mann hat seine HĂ€nde um den Hals von der Frau gelegt und fest zugedrĂŒckt...Sie hat dann die Zunge rausgestreckt...Vielleicht wollte sie ihn Ă€rgern. Aber dann kam Blut aus dem Mund..."
Das Kind schmiegt seinen Kopf verstört in den Schoß der Mutter und umklammert ihre Schenkel.
"Ich glaube, er hat die Frau tot gemacht..." murmelt es.
Die Mutter streichelt ĂŒber den zitternden RĂŒcken der Kleinen.
"Ich habe dir doch immer gesagt, du darfst nur fernsehen, wenn Erwachsene dabei sind..."
"Aber die Oma ist gegangen und hat nicht ausgeschaltet..."
Lisa schluchzt und wischt mit dem Ärmel die TrĂ€nen von den Wangen.
"Willst du ein paar Kekse, Lisa?"
Die schĂŒttelt heftig den Kopf.
"Weißt du was? Heute abend vor dem Schafengehen lese ich dir eine richtig schöne Geschichte vor."
"Eine ganz lustige...?"
"Ja Lisa, und jetzt geh` und spiel`noch ein bisschen...!"

Am Abend...

Lisa hat sich im Bett in die Kissen gekuschelt. Die Mutter sitzt auf der Bettkante - wie auf dem Sprung.
Sie schlĂ€gt das MĂ€rchenbuch auf und erzĂ€hlt hastig von HĂ€nsel und Gretel, wie sie einsam und verlassen durch den Wald irren, hungrig sind, vom Hexenhaus naschen, HĂ€nsel eingesperrt wird, geschlachtet werden soll und jeden Tag auf seine Schlachtreife ĂŒberprĂŒft wird und beide vor Todesangst fast verrĂŒckt werden ihre schĂŒtzenden Eltern herbeisehnend...schließlich die Hexe bei lebendigem Leib verbrennen.
Die Mutter bemerkt nicht wie Lisa sich das Kopfkissen gegen beide Ohren presst.
"So, meine Kleine, nun schlaf gut! Mama ist auch mĂŒde und muss morgen frĂŒh raus. Ich rufe Oma noch an..."
Sie löscht das Licht, schließt die TĂŒr und wendet sich dem Fernsehen zu. Es gibt "Tatort".

SpĂ€ter schaut sie nochmal ins Kinderzimmer. Lisa liegt mit weit geöffneten Augen und starrt an die Decke, glĂ€nzende Schweißperlen auf der Stirn.
"Ich habe solche Angst, Mama..."
"Ich mache dir noch eine heiße Milch mit Honig. Dann kannst du besser schlafen."
"Ich will nicht schlafen...dann kommen immer diese schrecklichen Bilder..."
Sie trinkt die Milch in einem einzigen Zug.
"So, nun mach` die Augen zu! Ich lasse das Licht noch ein bisschen an...Gute Nacht"...und wischt ĂŒber die feuchte Stirn des Kindes.
"Kannst du morgen zuhause bleiben...?"
Die Mutter hat den Raum schon verlassen.


Einige Tage darnach...

Eine Nachbarin trifft die Mutter.
"Wird denn Lisa nun eingeschult?"
"Erst im nÀchsten Jahr. Der Schularzt hat eine kinderpsychologische Therapie empfohlen. Sie hat immer so Angst, wissen Sie...?"
Wendet sich ab.
"Muss schnell los. Die Arbeit macht sich nicht von alleine.
Und die Oma kann heute auch nicht kommen...."





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