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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Allein in der Trapping Cabin
Eingestellt am 01. 12. 2008 09:14


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Der Vater unserer Autorin Velma Wallis stellte in Alaska zu Lebzeiten dem Wild nach. Fallensteller war er, also ein Trapper, dem es, 12 Meilen entfernt von seiner 15-k├Âpfigen Familie in seiner Jagdh├╝tte zuweilen vermutlich besser gefiel als zu Hause. Nachdem der Vater viel zu fr├╝h verstorben war, schw├Ąnzte Velma die Schule und half der Mutter, die Rotznasen unter den Geschwistern zu b├Ąndigen. Nachdem das ├╝berstanden war, holte das junge M├Ądchen Velma ihren High-School-Abschlu├č nach. Darauf ging es ab in die gro├če Einsamkeit. Velma ├╝berwinterte in der geerbten trapping cabin ihres Vaters. Mit Fischen, Jagen und Fallenstellen kann man offenbar einen Winter ganz allein ├╝berstehen, wenn man eine Athabaskin (Athabasken sind Indianer aus Kanada und Alaska), ohne Furcht und z├Ąh ist.

Nun zu dem Buch: Die Mutter ├╝berliefert Velma m├╝ndlich die Legende von den "Zwei alten Frauen", die, genau so wie Velma, den Winter allein im Schnee ├╝berleben, im darauf folgenden Sommer am Flu├č Berge getrockneten Fischs aufh├Ąufen und damit sogar den verhungernden Stammesangeh├Ârigen im n├Ąchsten Hungerwinter aus der Patsche helfen, ausgerechnet jenen Leuten, die sie schm├Ąhlich in der Schneewildnis ausgesetzt hatten. Das Ganze spielt sich immerhin oben am Polarkreis ab, ca. 200 Kilomter nord├Âstlich von Fairbanks, dort, wo der Porcupine River in den Yukon-Strom m├╝ndet.
Die Geschichte der zwei alten Frauen hat Velma Wallis sauber nacherz├Ąhlt. Lesevergn├╝gen wird garantiert. Erfreulich kurz ist die Lekt├╝re. Eine Behausung im Schnee mit Vorratsbergen kommt auch vor. Der ber├╝hmte Haken an der Story ist bald gefunden. Wo befindet sich in dem fast makellosen Buch der Ansatzpunkt f├╝r unsere kleine allmonatliche M├Ąkelei? Die n├Ârgelnd vorgebrachte Dichterfrage lautet: D├╝rfen wir als Autor den Leser spa├česhalber auf die Folter spannen?
Die Antwort lautet Nein. Aber unsere fast perfekte Velma Wallis macht gerade das. Die zwei alten Frauen, im Tiefschnee Alaskas vergraben, erz├Ąhlen sich aus ihren Lebensgeschichten, berichten von ihren M├Ąnnerkontakten und machen glaubhaft, warum sie weiter leben wollen, weshalb sie ihrem schofligen Stamm nicht nachrennen. Kannibalismus ist unter den pr├Ąkolumbianischen Naturv├Âlkern Nordamerikas, um die es hier geht, an der Tagesordnung, wenn der gro├če Hunger ├╝berhand nimmt. Der einf├Ąltige Leser bekommt richtig Angst vor den Menschenfressern. Dann aber zum Schlu├č der Geschichte sind die verhungernden Stammesangeh├Ârigen ganz zahm, ja lieb und einsichtig nach dem Motto: Wir haben etwas falsch gemacht und wollen alte Leute nie wieder aussetzen in die schneeige Wintersk├Ąlte. Dieses Happy End ist der sonst au├čerordentlich beherrscht vorgetragenen Story vielleicht ein wenig abtr├Ąglich. Das hei├čt nicht, da├č es uns gern gruselte. Aber wenn die Autorin Kannibalismus thematisiert, mu├č dann nicht Mensch gefressen werden? Nein und nochmals nein!
Ein Haken war voreilig gefunden worden. Der ist ├╝berhaupt nicht vorhanden. Die Autorin hat n├Ąmlich eine L├Âsung des Menschenfresser-Problems gefunden: Die zwei alten Frau legen, wie oben gesagt, Lebensmittelvorr├Ąte an. Unsere Dichterfrage m├╝ssen wir also bejahen und sollten das spa├česhalber besser weglassen.

Wenn Sie die ├╝berschaubare Erz├Ąhlung lesen, werden Sie mit Genugtuung konstatieren: Nichts wurde aufgesetzt. Alle Probleme l├Âsen sich wie von selbst. So mu├č Legendendichtung sein!
├ťbrigens, das Nachwort aus der Feder von Lael Morgan in dem kleinen Buch ist auch unterhaltsam. Darin wird unter anderem erz├Ąhlt, wie Velma Wallis das Schreiben lernte: Indem sie die Kommata ├╝ber den Text wie mit dem Salzfa├č ausstreute. Einfach k├Âstlicher U.S.-Humor ist das.

Die in 17 Sprachen ├╝bersetzte U.S.-amerikanische Schriftstellerin Velma Wallis wurde 1960 in einem Dorf nahe bei Fort Yukon in Alaska geboren.

Velma Wallis: Zwei alte Frauen. Eine Legende von Verrat und Tapferkeit
├ťbersetzung: Christel Dormagen. M├╝nchen 1994, 119 Seiten, ISBN 3-492-24034-8

Original:
Velma Wallis: Two Old Women. An Alaska Legend of Betrayal, Courage and Survival
Epicenter Press, Fairbanks 1993.

Hedwig Storch 12/2008


__________________
Hedwig

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diana may
Guest
Registriert: Not Yet

Ich habe dieses Buch schon seit 10 Jahren in meinem Regal und es selbstverst├Ąndlich auch gelesen.

Die Botschaft der Geschichte erachte ich als eine v├Âllig andere, als sie in deiner Rezension beschrieben wird.
Dein Text liest sich, als ob es ein ganz anderes Buch ist, das ich gelesen habe.

Nein, es ist das Buch. Im Vordergrund steht nicht der Kannibalismus, er ist nur nebenbei ein Thema, wo es ums ├ťberleben geht. In gewisser Weise stellt diese Geschichte eine Gesellschaftskritik dar, die das Fressen oder gefressen werden beleuchtet.

Viel wichtiger aber sind die zwei alten Frauen, wie es der Titel schon sagt. Wie sie es schaffen, sich durchzuschlagen, aus ihrer gewohnten Bequemlichkeit ausbrechen und so ihrem Leben wieder einen Sinn geben k├Ânnen.

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