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Leselupe.de > Kurzprosa
Allem Anfang wohnt ein Zauber inne- modified
Eingestellt am 26. 05. 2003 17:52


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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 27
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Wenn etwas Neues beginnt, sprĂŒhen Funken. Fragen Sie Hebammen, frisch Verliebte oder Urknallforscher.
Doch auch am Ende des Kontinuums werden Unmengen von Energie frei, auch wenn die meisten Menschen dies nicht zu bemerken scheinen.
Am Ende, wenn sich der Kreislauf schließt, Lebendiges zu Totem und Offensichtliches unsichtbar wird, glĂŒht die Luft. FĂŒr mich jedenfalls.
Wie in MitternĂ€chten, in den der Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag wird. Metarmorphosen sind spĂŒrbar.
Ich war immer empfĂ€nglich fĂŒr die Energie des Todes. Empfindlicher und empfĂ€nglicher wohl, als viele andere Menschen. Und aus diesem Grund wurde ich NICHT Hebamme oder Urknallforscherin und verliebte mich nur Ă€ußerst selten und wenn, dann meistens so, dass eher am Ende als am Anfang Funken sprĂŒhten.
Ich wurde LeichenwÀscherin.
Obwohl ich das Leben liebe, umgebe ich mich mit Toten und deren Energie.

"Kein einfacher Job, nein wirklich nicht"- Das sagen die Menschen, in deren Stimmen penetrantes Mitleid mitschwingt, ebenso wie der Leichengeruch, den sie in ihrer eigenen Nase zu spĂŒren glauben.

"Und das als Frau- unvorstellbar"- und aus dem Mitleid wird eine Art perverse Bewunderung.
Ich nenne diese Stimmlage UnverstÀndnis.
Mein Geschlecht jedenfalls stellt in diesem Beruf weder Hindernis noch Sprungbrett dar.
Frauen haben ebenso wie MĂ€nner zwei HĂ€nde, ein mehr oder weniger großes Talent, aus dem eigenen Rampenlicht zu schlĂŒpfen und es den Toten zu ĂŒberlassen, und, was am wichtigsten ist, keine Illusionen ĂŒber den Tod.

Tod ist selten heroisch oder friedvoll.
Auch wenn nahe Verwandte den entfernt Bekannten meist vom sanften Entschlafen oder blutigem MĂ€rtyrertod des Verstorbenen berichten- unbestritten bleibt:
Tod ist schmutzig. Meistens auch peinlich.
Ungeachtet aller Mythen wird- in der RealitÀt- viel aus Unachtsamkeit gestorben. ZufÀlle bilden Ketten und lassen den achtlosen Menschen stolpern.
Tode werden allerorten gestorben.
Weil Menschen stolpern und mit dem Kopf im Wasser landen- egal ob Toilette oder Planschbecken.
Weil Rattengift und Backpulver die gleiche Konsistenz haben und lieber weit voneinander entfernt verwahrt werden sollten.
Weil oberhalb der Drei-Promille-Grenze auch spazierengehen manchmal kein Spaziergang ist.
Weil ein schwachgerauchtes, fettgefressenes Herz keinem Edelnutten-Blow-Job mehr standhalten kann.

Eigentlich weiß man das, eigentlich.
Doch wie unausgesprochen verabredet glaubt man in der LeichenwĂ€scherei den Geschichten der Angehörigen, die sie bedĂ€chtig und trĂ€nenrĂŒhrig zum Besten geben. Man sagt nicht, dass man weiß. Man zerstört lieber nicht die Bollwerke der Illusion, die sie um ihren verletzlichsten Kern legen- denn sie haben Angst, ebenso lĂ€cherlich zu sterben.
Man nickt Hinterbliebenen zu, schĂŒttelt fleißig HĂ€nde und kaschiert wortlos rote Nasen und von der Leichenstarre konservierte steife Penisse.

Hinter den TĂŒren der Tragik erlebt man manchmal dann den zarten Schimmer der Komik.
DAS ist die Energie, die das Ende mit sich bringt.
Der Tod selbst verliert durch seine AlltĂ€glichkeit fĂŒr uns seine individuelle Bedrohlichkeit und verkocht immer mehr in einem flachen Topf zu einer sumpfigen Masse, getragen von der Einlage der Komik.
Man bleibt unbewegt gegen die Tragik des eigenen Lebens- und wenn schon Emotionen kommen, dann wenigstens Lachen.

Ich finde, es sollte nur Berufe geben, die das Leben erleichtern.




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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

liebe ingwer

am anfang hÀtte ich beinahe wieder aufgehört zu lesen.
das philosophieren ĂŒber den tod und seine energie und das kontinuum und den tag und die nacht und kreislauf und metamorphosen anfang und ende schien mir ein bisschen zu platt. und zu lang. und ein bissl mystisch.

dann aber kam der satz: ich wurde leichenwÀscherin.
und mit diesem satz hast du mich gefangengenommen und bis zum ende nicht wieder losgelassen.

lediglich ganz am ende war ich wieder ein bisschen enttÀuscht, ohne zu sagen können warum. vielleicht, weil es dann wieder so abstrakt wurde und ich das konkrete lieber mag.
vielleicht weil du komische situationen erwĂ€hnst, ohne mir darĂŒber zu erzĂ€hlen.

und auch der letzte satz. wolltest du mir jetzt sagen, dass der beruf leichenwÀscherin das leben erleichtert? oder das gegenteil?

ja, aber trotz dieser kleinen anmerkungen. die geschichte hat mich in ihren bann gezogen. und ich fand einige sehr schöne und ansprechende bilder und wortspiele darin, wie z.b.
Mein Geschlecht jedenfalls stellt in diesem Beruf weder Hindernis noch Sprungbrett dar. (das find ich schön, weil es vermittelt, dass man als leichenwÀscherin karriere machen kann)
oder

Weil oberhalb der Drei-Promille-Grenze auch spazierengehen manchmal kein Spaziergang ist

ja, da hast du viel humor und ironie und sprachgefĂŒhl bewiesen.

gut gemacht!

die k.

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Gabriel
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ingwer!

Ja, das ist gut!
Es ist eigentlich eher eine Betrachtung als eine Kurzgeschichte, aber der Text ist sehr schön geschrieben.
Du hast eine gesunde Mischung aus Ernsthaftigkeit und kleinen Spitzen geschafft, die das Lesen zu einer Freude machen.
Hat mir gefallen!

Gruß, Gabriel

Wenn etwas Neues beginnt, sprĂŒhen Funken. Fragen Sie Hebammen, frisch Verliebte oder Urknallforscher. Schön!
Doch auch am Ende des Kontinuums werden Unmengen von Energie frei, auch wenn die meisten Menschen dies nicht zu bemerken scheinen.
Am Ende, wenn sich der Kreislauf schließt, Lebendiges zu Totem und Offensichtliches unsichtbar wird, glĂŒht die Luft. FĂŒr mich jedenfalls.
Wie in MitternĂ€chten, in denen der Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag wird. Metarmorphosen sind spĂŒrbar.
Ich war immer empfindlich empfĂ€nglich? fĂŒr die Energie des Todes. Empfindlicher und empfĂ€nglicher wohl, als viele andere Menschen. Und aus diesem Grund wurde ich NICHT Hebamme oder Urknallforscherin und verliebte mich nur Ă€ußerst selten und wenn, dann meistens so, dass eher am Ende als am Anfang Funken sprĂŒhten.
Ich wurde LeichenwÀscherin.
Obwohl ich das Leben liebe, umgebe ich mich mit Toten und deren Energie.

"Kein einfacher Job, nein wirklich nicht"- Das sagen die Menschen, in deren Stimmen penetrantes Mitleid mitschwingt ebenso wie der Leichengeruch, den sie in ihrer eigenen Nase zu spĂŒren glauben, mitschwingt.

"Und das als Frau- unvorstellbar"- und aus dem Mitleid wird eine Art perverse Bewunderung.
Ich nenne diese Stimmlage UnverstÀndnis.
Mein Geschlecht jedenfalls stellt in diesem Beruf weder Hindernis noch Sprungbrett dar.
Frauen haben ebenso wie MĂ€nner zwei HĂ€nde, ein mehr oder weniger großes Talent, aus dem eigenen Rampenlicht zu schlĂŒpfen und es den Toten zu ĂŒberlassen, und, was am wichtigsten ist, keine Illusionen ĂŒber den Tod.
Tod ist selten heroisch oder friedvoll.
Auch wenn nahe Verwandte den entfernt Bekannten meist vom sanften Entschlafen oder blutigem MĂ€rtyrertod des Verstorbenen berichten- unbestritten bleibt:
Tod ist schmutzig. Meistens auch peinlich.
Ungeachtet aller Mythen wird- in der RealitÀt- viel aus Unachtsamkeit gestorben. Klasse! ZufÀlle bilden Ketten und lassen den achtlosen Menschen stolpern.
Tode werden allerorten gestorben.
Weil Menschen stolpern und mit dem Kopf im Wasser landen- egal ob Toilette oder Planschbecken.
Weil Rattengift und Backpulver die gleiche Konsistenz haben und lieber weit voneinander entfernt verwahrt werden sollten.
Weil oberhalb der Drei-Promille-Grenze auch spazierengehen manchmal kein Spaziergang ist.
Weil ein schwachgerauchtes, fettgefressenes Herz keinem Edelnutten-Blow-Job mehr standhalten kann. Super!!

Eigentlich weiß man das, eigentlich.
Doch wie unausgesprochen verabredet glaubt man in der LeichenwĂ€scherei den Geschichten der Angehörigen, die sie bedĂ€chtig und trĂ€nenrĂŒhrig zum Besten geben. Man sagt nicht, dass man weiß. Man zerstört lieber nicht die Bollwerke der Illusion, die sie um ihren verletzlichsten Kern legen- denn sie haben Angst, ebenso lĂ€cherlich zu sterben.
Man nickt Hinterbliebenen zu, schĂŒttelt fleißig HĂ€nde und kaschiert wortlos rote Nasen und von der Leichenstarre konservierte steife Penisse. Sehr plastisch beschrieben ;-)

Hinter den TĂŒren der Tragik erlebt man manchmal dann den zarten Schimmer der Komik.
DAS ist die Energie, die das Ende mit sich bringt.
Der Tod selbst verliert durch seine AlltĂ€glichkeit fĂŒr uns seine individuelle Bedrohlichkeit und verkocht immer mehr in einem flachen Topf zu einer sumpfigen Masse, getragen von der Einlage der Komik.
Man bleibt unbewegt gegen die Tragik des eigenen Lebens- und wenn schon Emotionen kommen, dann wenigstens Lachen.

Ich finde, es sollte nur Berufe geben, die das Leben erleichtern.

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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 27
Kommentare: 79
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Hallo Ihr beiden,

vielen Lieben Dank fĂŒrs Lesen und fĂŒr die BeschĂ€ftigung mit meinem Text.
Gabriel:
Mit Deinen VerbesserungsvorschlĂ€gen hast Du vollkommen recht, ich werde das Ă€ndern. Ja, es ist eher eine Betrachtung als eine Kurzgeschichte; aber ich wusste nicht, in welches andere Forum der Text besser passen wĂŒrde.
Kaffeehausintellektuelle:
Ich kann nachvollziehen, dass Anfang und Ende Dir vielleicht zu abstrakt erscheinen. Dies habe ich jedoch mit Absicht so gestaltet; vor allem auch um den Effekt bei "Ich wurde LeichenwÀscherin" zu erzielen. WÀre dies der erste Satz, wÀre es doch recht langweilig, oder?
Die Protagonistin hat, wie man vielleicht merkt, einen morbiden Humor. Die Komik wird im Absatz vorher beschrieben: Peinliche Todesarten und dann die Angehörigen, die auf ihrer "Sanft-entschlafen"-Geschichte bestehen wollen.
Der letzte Satz ist doppeldeutig gemeint:
Es sollte nur Berufe geben, die das Leben erleichtern.
1) fĂŒr denjenigen, der den Beruf ausĂŒbt (wie vorher beschrieben)
2) fĂŒr die Angehörigen:
("Doch wie unausgesprochen verabredet glaubt man in der LeichenwĂ€scherei den Geschichten der Angehörigen, die sie bedĂ€chtig und trĂ€nenrĂŒhrig zum Besten geben. Man sagt nicht, dass man weiß. Man zerstört lieber nicht die Bollwerke der Illusion, die sie um ihren verletzlichsten Kern legen- denn sie haben Angst, ebenso lĂ€cherlich zu sterben.")

Wie ernst man diese Aussage des Textes nimmt (bzw. den ganzen Text) möchte ich jedem selbst ĂŒberlassen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Ingwer

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