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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles an einem Tag oder "jut druff"
Eingestellt am 20. 07. 2002 12:56


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flammarion
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Alles an einem Tag
oder
„Jut druff“

Ich sitze gem├╝tlich beim Fr├╝hst├╝ck. Die Feine Leberwurst schmeckt wieder prima. Aber wenn ich an den Traum denke, den ich vor dem Aufwachen hatte, k├Ânnt mir schlecht werden.
Wieder einmal war ich – ich m├Âchte nicht z├Ąhlen, zum wievielten Male – mit diesem h├╝bschen kleinen M├Ądchen unterwegs. Ich wei├č nie, ob es ein Nachbarskind ist, meine Freundin, meine Tochter oder ob ich’s gar selber bin. Jedenfalls ist mir die Gesellschaft nicht unangenehm oder gar l├Ąstig. Sobald wir in irgendwelche Situationen kommen, l├Âst es sich sowieso in Luft auf. Diesmal war sie noch bei mir, als ich pl├Âtzlich im Nachthemd auf der Stra├če stand. Es war ein sehr sch├Ânes, zartblaues Gewand, reich mit Spitze verziert und unglaublich volumin├Âs. Es war ein durchscheinender Stoff, doch kein Auge konnte durch die Stoffmasse hindurch meine Haut sehen. Die Kleine verschwand erst, als ich feststellte, da├č ein dicker Exkrementklut auf meinem Bauch klebte. Pfui und noch mal pfui! Klar, da├č ich entsetzt aufwachte.
Ach, was tr├Ąumt man doch nicht alles f├╝r Schund zusammen! Nu ja, das Leben geht weiter. Also reingebissen in die Leberwurststulle. Heute ist Montag, da kommt auf Arbeit allerhand auf mich zu.
Ich hab schon die Schuhe an, da l├Ąutet das Telefon. Unwirsch melde ich mich. Am anderen Ende ist mein lieber Bruder. Wir sprachen letztmalig zu Neujahr miteinander. Ich freue mich riesig, da├č er au├čer der Reihe anruft und wir schw├Ątzen einige Minuten, bis ich Schluss machen mu├č, weil ich sonst zu sp├Ąt ins B├╝ro komme. Innerlich tr├Ąllernd und ├Ąu├čerst „jut druff“ verlasse ich die Wohnung. Ich fahre mit Stra├čenbahn und Bus bis zur Arbeitsstelle, ganz vertieft in Jugenderinnerungen, und wie ich aufschlie├čen will, bemerke ich, da├č ich den Schl├╝ssel nicht dabei habe. Er h├Ąngt noch an dem Schl├╝sselbrett, welches meine Tochter damals im Werkunterricht gebastelt hatte.
Bevor ich laut „Schei├če!“ schreie, ├╝berlege ich: Taxi fahren ist billiger als zwei Stunden Lohneinbu├če und Prestigeverlust beim Chef. Der Taxistand ist gleich um die Ecke. Also rein in so ne teure Karre, nach Hause, Schl├╝ssel fassen, dem Fahrer erkl├Ąren, da├č es einen k├╝rzeren Weg gibt als den, den er eben nahm, seine d├Ąmlichen Widerworte runterschlucken, ohne Trinkgeld zu geben zahlen und endlich – mit 50 min Versp├Ątung – die Arbeit aufnehmen.
Das Theaterb├╝ro ist total verqualmt und ├╝berall stehen Gl├Ąser mit Neigen herum. Alle Aschenbecher und M├╝lleimer quellen ├╝ber. Ich r├Ąume auf und schimpfe knurrig ├╝ber die versoffenen K├╝nstler und ihre Fans sowie ├╝ber den Menschen, der in diesem Hause den Tresen f├╝hrt. Allesamt eine r├╝cksichtslose Bande. Sie wissen doch alle, da├č ich nicht trinke und nicht rauche, ja, da├č ich an manchen Tagen sogar ├╝beraus allergisch auf Tabakrauch reagiere und dennoch finde ich jeden Montag das B├╝ro in so einem Zustand vor. Na danke! Erst vergesse ich den Schl├╝ssel, dann f├Ąhrt der Taxifahrer M├Ąander, dann ist das B├╝ro – zum Donnerwetter, hier wird GEARBEITET! – in einem solche Zustand . . . mal sehen, was sich sonst noch findet. ├ťber den schmutzigen Fu├čboden rede ich gar nicht erst. Damentoilette: brennt Licht. Herrentoilette: nicht gesp├╝lt, weder P-Becken noch die Sch├╝ssel. Garderobe: brennt Licht. Das sind alles Sachen, die der Abenddienst h├Ątte sehen und darauf reagieren m├╝ssen. Aber es n├╝tzt ja nichts, dem Intendanten Meldung zu machen. Au├čer mir sind alle aus Freud am Spa├č hier t├Ątig.
Darum wundere ich mich auch nicht dar├╝ber, da├č der Anrufbeantworter gestern Abend nicht abgeh├Ârt wurde. Ist aber zum Gl├╝ck nur Schnee vom vorigen Jahr darauf. Mit einem Seufzer widme ich mich nun meiner eigentlichen T├Ątigkeit: der Werbung. Ich stelle fest, da├č sowohl „TIP“ als auch „Zitty“ den Text, den sie von mir erhalten hatten, willk├╝rlich ver├Ąnderten. Ja, denken die denn, ich bin bl├Âd? Die Gruppe, die am Sonntag spielt, hei├čt wirklich „Tantz in Gartn Eydn“ und die Band am Montag hei├čt „Di grine Kuzine“, das ist mittelhochdeutsch und jiddisch. Und die denken, ich h├Ątts falsch geschrieben! Ungebildetes Zeitungspack!
Obendrein erlaubt sich in der Berliner Zeitung auch noch ein Reporter, eine schlechte Kritik von unserem letzten St├╝ck zu schreiben. Ja, hat der denn Tomaten auf den Augen, den Ohren und dem Hirn? Hat der die vielen liebevollen Details nicht mitbekommen, den Mutterwitz und hintergr├╝ndigen Humor? Und wie ├╝beraus passend die Musik ausgesucht worden ist, hat er auch nicht erw├Ąhnt. Nur in einem hat er Recht – die Hauptdarstellerin n├Ąselt ein wenig. Nichtsdestotrotz liefert sie geradezu eine Paraderolle ab. Das werde ich ihr sagen, vielleicht ├Ąrgert sie sich dann weniger. Sie soll doch abends auf der B├╝hne wider „jut druff“ sein.

Ach, wie sch├Ân war es, als ich selber noch aus Freud am Spa├č hierher kam und alles sauber gemacht habe! Sogar Zeit f├╝r Scherze hatte ich. Besonders angetan war ich von dem Beleuchter der Gruppe xxx. Der war wie geschaffen zum necken! Einmal hab ich ihn sogar in den Po gekniffen, hihihi. Doch dann sagte der junge Mann stirnrunzelnd: „K├Ânn se sich nich ihrem Alter entsprechend benehmen?“ Jaja, die Jugend hat es gut. Die benimmt sich immer ihrem Alter entsprechend, egal, was sie tut. Aber wenn man die 50 ├╝berschritten hat, dann soll man wohl langsam alle Lebensfreude ablegen, wat?!

Ich bin gar nicht mehr „jut druff“.
Kaum habe ich den ersten Ordner aufgeschlagen, um die Werbung f├╝r unsere n├Ąchste Premiere vorzubereiten, kommt eine Gruppe Touristen ins Haus und will x Fragen beantwortet haben. Das passiert hier jeden Tag mehrmals, warum soll es heute anders sein? Zu Feierabend blicke ich zur├╝ck auf etliche Telefonate und abgesendete Faxe, eine druckfertige Werbeseite, einen Berg erledigten Abwasch, ein sauberes, aufger├Ąumtes B├╝ro und unendlich viele beantwortete Touristen-Fragen. Das ist nicht viel. Am Abend werden sie wieder l├Ąstern: „Wat macht die hier blo├č den janzen Tach? Wof├╝r kricht die Jeld?“ Ich habe Kopfschmerzen und bin echt nicht „jut druff“.

Ich trete den Heimweg an. An der Ecke vor dem Theater jongliert einer mit drei Keulen. Neben ihm steht ein strahlend l├Ąchelndes blondes M├Ądchen und h├Ąlt den Leuten einen Hut entgegen und fordert mit munteren Worten auf, etwas hineinzutun. Auf der anderen Seite liegt ihr gro├čer Hund hechelnd in der Sonne. Ich denke bei mir: jaja, heute biste noch wahnsinnig verknallt in den K├╝nstler, warte nur, bald kommt die Ern├╝chterung! Und w├Ąhrend ich das noch denke, sag ich schnodderig: „Ich geb nur Geld, wenn der Hund auch jongliert.“
An der Kreuzung laufen wieder einmal etliche junge Menschen bei rot ├╝ber den Damm. Hinter mir emp├Ârt sich ein altes Ehepaar dar├╝ber. Ich drehe mich halb um und sage: „Nu, die f├╝hlen sich eben alt genug, um zu sterben.“ Der Mann lacht, die Frau aber schimpft weiter.

Der Bus kommt und es entsteht ein ziemliches Gedr├Ąnge, jeder will mit und alle wollen vorn stehen bleiben. In der Mitte g├Ąhnende Leere. Ich bin fast als letzte eingestiegen und will, da ich n ganz sch├Ânes St├╝ck zu fahren habe, bequem stehen, wenn schon sitzen nicht m├Âglich ist. So dr├Ąngele ich etwas gegen die vor mir stehende Mutter mit ihrem etwa f├╝nfj├Ąhrigen T├Âchterchen. Sie emp├Ârt sich: „M├╝ssen se so schieben? Ick hab hier n kleenet Kind, und wenn Sie det nich sehn, denn kann ick Sie det zeijen!“ Ich zeigte ihr, da├č in der Mitte noch Platz ist und bat sie, durchzutreten. Sie entgegnete: „Nee, ick will neechste Schtatzjon wieder raus!“ Na, da war sie bei mir an die richtige geraten! Ich erhob nun auch meine Stimme wie sie: „Wat, Sie wolln neechste Schtatzjon wieder raus? Da schteicht man als letzter ein! Wat sind Sie denn f├╝r n Vorbild for det Kind!“ Sie brabbelte noch etwas, ich reagierte nicht darauf.

Auf der vielbefahrenen Stra├če, wo der Bus sonst z├╝gig vorankam, gerieten wir heute in einen Stau. Ein PKW war gegen eine Stra├čenbahn gefahren. Zwei verh├╝llte K├Ârper wurden in die Ambulanz getragen. Ein Mann neben mir sagte zynisch: „Da haben wir wieder mal zwee Rentner eingespart.“ Sofort drehte sich ein anderer Mann zu ihm um und sagte scharf: „Das verbitte ich mir, da├č Sie mich hier f├╝r einen tragischen Unfall mitverantwortlich machen.“ – „Davon hab ick doch jarnischt jesacht“, entgegnete der erste. „Nein, Sie sagten: wir haben zwei Rentner eingespart. Also, ich war daran nicht beteiligt.“ Na, der war „jut druff“!
Sp├Ąter an der Stra├čenbahnhaltestelle, wo ich gew├Âhnlich lange Zeit auf meine Bahn warten mu├č, fiel mein Blick auf vier wohlgemute Teenager. Sie unterhielten sich dar├╝ber, welche Bahn wohl zuerst kommt und zeigten dabei in die entsprechende Richtung: „Erst kommt die, dann kommt die, dann kommt die und dann kommt die.“ Eine andere sah das anders und sagte: „Nee, erst kommt die . . .“ Derselbe Text, nur mit anderer Betonung und anderer Richtungsweisung. Die dritte hatte nat├╝rlich auch ihre eigene Meinung und gab eine weitere Variante zum besten. Nun mu├č ich endlich erw├Ąhnen, da├č es sich um eine Stra├čenbahnkreuzung handelte, aus vier Richtungen konnte eine Bahn kommen. Das vierte M├Ądchen klatschte pl├Âtzlich in die H├Ąnde und begann zu dem Streit der Freundinnen zu tanzen. Bald hatten sie sich untergehakt und f├╝hrten eine Art Volkstanz auf zu ihrem selbst erfundenen Lied, drehten sich im Kreis und schwenkten die Beine. Danach wollten sie sich aussch├╝tten vor Lachen. Mann, sind die „jut druff“! Zum ersten mal war mir das Warten auf die Bahn kurzweilig!

Endlich aussteigen. Nur noch hundert Meter bis zu meinem Wohnhaus. Nur noch eine Ampelschaltung abwarten. Auf der anderen Stra├čenseite stakst eine alte Frau auf die Kreuzung zu. Stakst? Nee, die schwebt ja beinahe! Was hat sie f├╝r ein liebliches L├Ącheln auf den Lippen! Warum is die jut druff? frage ich mich m├╝rrisch und schon platzt ihr der Einkaufsbeutel und sie verliert die eben gekauften Balkonblumen. Sie hat sie gewi├č aus dem Blumengesch├Ąft fast an der Ecke. Da hab ich k├╝rzlich auch Balkonblumen gekauft und wei├č daher, da├č es dort nur zwei Verpackungsarten gibt: entweder Papier oder diese ├Ąu├čerst d├╝nnen Plastbeutel. Die halten nur von zw├Âlf bis Mittag, darin kann man keine Pflanzen mit Erde dran transportieren. Traurig schaut sie auf die gelben Stiefm├╝tterchen. Ja, genau solche hab ich auch gekauft. Aber ich hab immer einen Stoffbeutel bei mir und heute au├čerdem eine Plastt├╝te von Hertie. Die holte ich hervor und half der alten Dame, ihren Einkauf wieder sachgerecht einzut├╝ten. Dankbar l├Ąchelte sie mich an und bitters├╝├č erinnerte ich mich an den Slogan der Pfadfinder: Jeden Tag eine gute Tat!

In meinem Wohnhaus angelangt, schaute ich nat├╝rlich in den Briefkasten. Nischt drin. Kein Brief, keine Werbung und vor allem – keine Zahlungsaufforderung. Die letzten Unmutswolken verlie├čen meine Stirn. Leichten Schrittes betrat ich mich meine Wohnung. Der erste Blick galt dem Anrufbeantworter. Er blinzelte mich an. Aha, eine Nachricht! Was, der Troyke l├Ądt mich zu seinem Konzert heute Abend ein? Da geh ich selbstverst├Ąndlich hin! Jetzt bin ick ooch wieder „jut druff“!

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