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Leselupe.de > Humor und Satire
Alles auf Video
Eingestellt am 26. 01. 2004 23:53


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Tapir
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Nov 2003

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Die Vorstellung sollte jeden Moment beginnen. Mehr als hundert Eltern sa├čen auf den St├╝hlen, die im Schulfoyer vor der provisorischen B├╝hne aufgebaut waren. Seit Tagen hatte meine Tochter der Auff├╝hrung entgegengefiebert, sich ihren Text endlose Male abfragen lassen und das Kost├╝m wieder und wieder anprobiert. Wahrscheinlich war ihr jetzt in der Garderobe schlecht vor Aufregung.
Pl├Âtzlich bemerkte ich, da├č ich anscheinend der einzige Vater ohne Videokamera am Handgelenk war. Alle anderen schienen pflichtbewu├čt an die Verewigung des gro├čen Moments f├╝r die Nachwelt gedacht zu haben. W├Ąhrend ungef├Ąhr vierzig oder f├╝nfzig Videokameras auf Anschlag gingen, entdeckte ich mit einem Anflug schlechten Gewissens pl├Âtzlich J├╝rgen am linken Ende meiner Stuhlreihe. Seine Tochter Cora und meine waren befreundet.
J├╝rgen machte sich an einem Stativ zu schaffen, auf das er eine kleine, silberne Kamera montiert hatte. Als es pl├Âtzlich dunkel wurde, schaltete er sie ein – vorne brannte ein rotes Licht - und verlie├č den Zuschauerraum in Richtung Schulhof.
In der Pause traf ich ihn an der Getr├Ąnketheke und fragte, warum er denn hinausgegangen sei. Er antwortete, da├č er noch eine zweite Kamera auf der anderen Seite postiert habe. Beide Filme w├╝rde er dann – mit interessanten Perspektivwechseln – zusammenschneiden. Dabei w├╝rde er sich das St├╝ck noch oft genug anschauen und habe jetzt ruhig rausgehen, in Ruhe eine Zigarette rauchen und die frische Luft genie├čen k├Ânnen.
Nach dieser Erkl├Ąrung war die Frage, ob er das hobbym├Ą├čig betreibe, eigentlich ├╝berfl├╝ssig – schien ihm aber das richtige Stichwort zu liefern. J├╝rgen geriet richtig in Fahrt. Schon vor ein paar Jahren, erz├Ąhlte er mir, h├Ątte er mit Video 8 gefilmt. Ungef├Ąhr hundertzwanzig Kassetten habe er aus dieser Zeit – mehr als zweihundert Stunden Originalmaterial. Jetzt sei er gerade dabei, das unhandliche Format zu digitalisieren und auf CD-ROM zu archivieren. Seitdem er auf einen digitalen Camcorder gewechselt sei, w├Ąre Speicherkapazit├Ąt ohnehin kein Thema mehr. Coras Geburtstage, jedes Weihnachtsgedicht, jede Reaktion auf ein ├╝berraschendes Geschenk, jedes neu eingespielte St├╝ck auf dem Klavier, jede Ver├Ąnderung ihres Zimmers oder der Catwalk durch das Wohnzimmer mit neuem Top oder Sweatshirt – alles werde f├╝r die Nachwelt festgehalten.
Wann er sich diese Filme denn ansehe, wollte ich wissen – au├čer beim Schneiden?
Jetzt seien die Filme vielleicht noch nicht so interessant, gab er zu, aber da m├╝sse man langfristig denken. Wenn Cora erst mal ihren eigenen Kindern oder sogar Enkeln ihre Freude ├╝ber den neuen Bikini, ihr Meerschweinchen oder den Besuch im Streichelzoo im Original zeigen k├Ânne, w├╝rde sich der wahre Wert der Aufnahmen erweisen. Sie w├╝rde da mal ├╝ber M├Âglichkeiten verf├╝gen, von denen wir nicht zu tr├Ąumen wagten.
Ich dachte an die wenigen Fotoalben, teils noch mit verwackelten Schwarz-Wei├č-Schnappsch├╝ssen einer billigen Cassetten-Kamera, die ich zu meiner Kommunion geschenkt bekommen hatte, und mit deren Hilfe ich dann und wann versuche, meinem Nachwuchs einen verwackelten Eindruck meiner eigenen Kindheit zu vermitteln.
„Die Cora“, sagte J├╝rgen - und sein Gesicht nahm einen schw├Ąrmerischen Ausdruck an - „die kann ihren Kindern oder Enkeln sp├Ąter alles so zeigen, als seien sie selbst dabeigewesen.“
„Wir haben sogar“ - und jetzt r├╝ckte er ein wenig n├Ąher an mich heran - „ihre komplette Geburt auf Video. Sieben Stunden. Zwei Kameras hatte ich dabei, mu├čte im Krei├čsaal eine Steckdose suchen, um den Akku immer wieder aufzuladen und einmal hat die Hebamme das Stativ umgerannt. Als Coras K├Âpfchen rauskam, habe ich das mit Makro gefilmt und nachher am Schneidetisch das ganze im Zeitraffer abgespielt, damit es nicht so langweilig ist.“
Ich war beeindruckt und bekam erneut ein schlechtes Gewissen, solch unvergessliche Momente f├╝r meine Kinder nicht digital festgehalten zu haben.
Mein anerkennendes Kopfnicken mu├č J├╝rgen noch weiter ermuntert haben.
„Ganz im Vertrauen“, sagte er, jetzt etwas leiser als zuvor. „Wir haben nicht nur ihre Geburt auf Video.“
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen.
„Wie, ihr habt...?“ fragte ich, als er mir schon ins Wort fiel.
„Genau,“ fl├╝sterte er. „Cora ist ein Wunschkind. Exakt geplant. Wir wu├čten auf den Tag genau, wann es passieren mu├č. Und da habe ich nichts dem Zufall ├╝berlassen. Scheinwerfer, Zoom mit Fernbedienung, war alles da. Kriegt sie zum achtzehnten Geburtstag.“
Da l├Ąutete es zum Ende der Pause, der Saal verdunkelte sich – nur vom Glimmen zahlreicher roter LED┬┤s durchbrochen – und ich hatte wieder dieses Gef├╝hl, kein Kind dieser Zeit zu sein.

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knychen
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hallo tapir,
zum fachlichen will ich nichts sagen, blitzsaubere arbeit, gestochen scharfe aufnahme.
das thema selbst ist es, das mir aus der seele spricht.
es ist, so glaube ich, ein wunschdenken, da├č man mit immer ausgereifterer technik alles noch besser speichern kann. dabei ist fotografieren mit film viel interessanter. man ist konzentrierter, denn die speicherkapazit├Ąt ist begrenzter als im digitalen bereich. die freude ├╝ber wirklich gelungene fotos ist unendlich h├Âher als wenn ich mir aus einer videosequenz vielleicht jede x-beliebige stelle als foto ausdrucken kann. das gef├╝hl f├╝r den augenblick ist wichtiger und letztendlich, welche enkelkinder wollen den datenoverkill von im normalfall zwei omas und opas in sich aufnehmen?
ich habe mit nun fast vierzig jahren festgestellt, da├č die kinder an geschichten deutlich mehr interessiert sind. aber meine erfahrungen beschr├Ąnken sich auf die eigene familie und die einiger freunde. vielleicht lacht man ja schon irgendwo ├╝ber uns, wenn wir einen film in den fotoapparat legen?
gru├č aus berlin von knychen
__________________
kny

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Tapir
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Nov 2003

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Hallo kny,
ich habe auch festgestellt, da├č die vielen Aufzeichnungen, die man hat, ├╝berhaupt nicht mehr verwendet werden. Obwohl meine Kinder 12 und 14 sind, verstaubt eigentlich alles und wird kaum hervorgeholt. Die Masse machts eben nicht interessanter.
Aber es gibt noch einen anderen Aspekt dabei. Ich hab mal vor ein paar Jahren eine Ballonfahrt gemacht und diese Fahrt auf Video aufgenommen. Eigentlich habe ich die ganze Zeit nur durch einen Schwarz-Wei├č-Sucher geguckt und mir die Fahrt dann nachher im Fernsehen angeschaut. Man bringt sich also manchmal um den Genu├č des Augenblicks. Das gleiche gilt f├╝r Motorradtouren mit permanentem Anhalten um Fotos zu schie├čen. Auch das nervt irgendwann nur noch - mich jedenfalls.
Aber sch├Ân, da├č Dir die Geschichte gef├Ąllt.
Tapir

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flammarion
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hm,

gelungene geschichte. aber richtig gefeixt h├Ątte ich, wenn sich irgendwer vor die unbeaufsichtigten kameras gestellt h├Ątte und er statt der schulauff├╝hrung nur den r├╝cken eines zuschauers drauf h├Ątte!
lg
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Old Icke

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katia
???
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hab eben bewertet. echt gelungen. meine tochter und mein neffe sind altesm├Ą├čig dreizehn jahre auseinander. ich bin normale fotoapparatlerin, mein bruder ist technikbegeistert. dreizehn jahre sind zigtausendmal mehr als man denkt!
gr├╝├člis
__________________
(kas)

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Tapir
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Hallo Katia,

vielen Dank! Ich werde auch mal was von Dir lesen.

Gru├č

Tapir

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