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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles gesagt
Eingestellt am 19. 12. 2010 00:50


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Chrisch
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Registriert: Jan 2009

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Liebe ist ... (Thema: Alles gesagt)
Ich sitze am Abendbrottisch. Sie redet. Der Fernseher lĂ€uft, ich ĂŒberlege ob die Salami weg muss oder die Fleischwurst. Es ist der 31.Dezember, schon wieder! Sie plant und redet. Ich fische mir eine Gurke aus dem großen Glas, ich mag Gurken, manchmal auch saure, da schĂŒttelt es mich, und oft, weil die Ă€ußere Haut zu dick ist und beim Knacken der Schneidezahn unten rechts weh tut, zögere ich hinein zu beißen. Diese Delikatesgurke aber springt willig zwischen meinen Kiefern auseinander.
Mir fehlt manchmal auf meinen Lippen ihr Mund, den ich noch vor drei Jahren lobte und mit duftenden RosenblÀttern umschrieb.
Es quietscht zwischen meinen ZĂ€hnen und dröhnt beim Kauen im ganzen Kopf, dabei werden Ihre SĂ€tze zu GurkengerĂ€uschen, sĂŒĂŸsauer. Ich mag sie, was auch immer sie von sich gibt.
Vor 365 Tagen hatte sie sich vorgenommen die Raucherei aufzugeben, wie heute.
„Martin, jetzt höre ich wirklich auf. Versprochen!"
Ich kann nichts sagen, Gurkensaft lĂ€uft in meinen Bart. Ich wĂŒrde sowieso antworten wie damals. „Ja, Schatz, das ist toll. Ich liebe dich."
Innerlich sage ich es jetzt auch, das mit der Liebe, und meine es auch so, aber laut sage ich es nicht, es wÀre die vierte Wiederholung. Ich bin erschöpft.

Ein kleiner RĂŒlpser stiehlt sich sauer durch meine Speiseröhre. „Entschuldigung” denke ich oder hab ich’s gesagt?

Kaum eine Frau ist bisher so aufmerksam zu mir gewesen.
„Marie ist das Beste und Liebenswerteste, was du bisher bekommen hast”, sagte Floh, mein Freund, noch gestern, beim fĂŒnften Bier, das ich ihm spendierte.

Ich bin jeden Tag froh, wenn sie aufsteht und das Badezimmer belegt, auch wenn es meist fĂŒr eine Stunde ist. Ich bin nĂ€mlich dankbar, dass ĂŒberhaupt eine Frau meine Dusche benutzt. Ich hab sie rumgekriegt als ich ihr damals gestanden habe, wie sehr ich ihre Anwesenheit genieße, fast so wie die frischen Gurken, die ich vom FischhĂ€ndler kaufte.

Letztes Jahr hab ich ihr gestanden, dass ich ihr so gern beim Duschen zusehe. Sie benutzt den Schwamm aufregend zĂ€rtlich und streichelt damit ihre Beine. Manchmal wĂ€re ich gern ihr Schwamm. Heute hat sie mich gerufen ich solle ihr die Seife geben. Mein Herz klopfte als wenn ich noch 25 Jahre alt wĂ€re und an nichts anderes denke als... als mit ihr gleichzeitig eine saure Gurke zu verspeisen, jeder knabbernd an einem Ende. Der anschließende innige Kuss wĂ€re zwar ebenfalls sauer aber an sĂŒĂŸen Empfindungen einfach so perfekt wie, wie... der tolle Gurkensalat, den mein Vater immer zubereitete. Manche stehen ja dabei nicht so sehr auf Pfeffer, Zwiebeln, Essig, Salz, Öl und Zucker, aber sogar Marie sagt, dass er köstlich sei, obwohl sie gern Schnittlauch hineinschneidet und auch die Schale nicht entfernt, was ich nicht leiden kann.
Wenn man sich nur darum streitet, ist das nicht unbedingt sehr schlimm fĂŒr die Beziehung. Letztens aber war’s einfach zuviel. Ich habe mir deshalb aus Protest eine Kohlrabi genommen - Kohlrabimundgeruch ist fĂŒr Marie wie KnoblauchhĂŒhnchen im Theater von dem Riesen genau vor uns, oder Knoblauchfinger vom Zahnarzt - und so musste sie ganz allein dieses völlig vermurkste Gurkenschnittlauchgeschnippsele verspeisen. Allerdings durfte ich im Wohnzimmer schlafen und ein Gute Nacht Kuss war auch nicht drin. Am nĂ€chsten Tag triumpfierte ich aber doch heimlich, weil die HĂ€lfte noch da war und sie es schlussendlich zu entsorgen hatte. Zugegeben hat sie es ja nicht, aber mein Rezept aus Vaters Zeiten ist eben einsame Spitze. Seitdem reden wir nicht mehr darĂŒber.

Ich schĂ€le meine sorgfĂ€ltig ausgesuchten handverlesenen grĂŒnen Gurken, die nicht zu dick und auch keine lange verdĂŒnnte Spitze haben dĂŒrfen. Die ist nĂ€mlich manchmal bitter und wenn dann ein Unerfahrener sie vom falschen Ende her bearbeitet, dann haben wir den Salat, nĂ€mlich den ungenießbaren.
WĂ€rend ich die millimeter dicken Scheiben mit Zucker und Salz bestreue, redet Marie ĂŒber ein Paprika-Radieschen-Schnittlauch-Abendbrot.
Aber jetzt muss ich doch eine Pause einlegen, weil Tim MĂ€lzers Kochsendung anfĂ€ngt. Der hat zwar manchmal eine feuchte Aussprache, aber zum GlĂŒck kann er nicht auf unser Abendbrot lispeln. Ich schiebe meiner SĂŒĂŸen ein Schnittlauchbrot, das ich heimlich vorbereitet habe als Dankeschön fĂŒr das vergangene Jahr, ĂŒber den Tisch. Dabei versichere ich ihr, dass ich mich wirklich auf ihre Kreationen freue und, dass ich sie nicht verurteilen werde, wenn sie es auch im nĂ€chsten Jahr mit dem Rauchen nicht fertig bringen wĂŒrde. Ich hoffe jedenfalls, sie versteht diese Geste in diesem Sinne; denn aussprechen muss ich es doch nicht mehr, oder?
__________________
"ist wie Schach, nur ohne WĂŒrfel" Lukas Podolski

Version vom 19. 12. 2010 00:50
Version vom 20. 12. 2010 11:15

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Chrisch
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Registriert: Jan 2009

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@nichts
So schön könnte Liebe sein. Danke fĂŒr das Lob.

Auch dir sei Dank @Enya
"aber sagen tue ich es nicht" meinst du sicherlich. FĂŒr mich hat es so etwas naives, trotziges, dass ich mich noch immer nicht ĂŒberwinden kann, es in "höheres" Deutsch zu ĂŒbersetzen oder findest du "aber ich sage es nicht", wirklich schöner?
Also Dank, fĂŒr Deine Kritik und fĂŒr das Lob.
Nur eines noch, wenn Du "Fehlerchen" sagst und nicht welche, ist mindestens die HÀlfte vom Lob negiert. Wenn Du also keine Lust hast Dich an den Fehlern auszulassen, dann wÀre es fairer diese Bemerkung auch auszulassen.

Herzlich
Chrisch
__________________
"ist wie Schach, nur ohne WĂŒrfel" Lukas Podolski

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