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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles gesagt
Eingestellt am 13. 10. 2008 13:30


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Ohrensch├╝tzer
???
Registriert: Oct 2002

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Von diesem Text gibt es auch eine spezielle graphische Umsetzung, die ich empfehlen m├Âchte. Zu finden unter
Alles Gesagt als GIF auf imageshack.us


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Alles gesagt (I)

Durchatmen. Den T├╝rstock ber├╝hren. Ein Blick zur├╝ck. Die kahlen W├Ąnde der Zelle lie├čen die starken Gef├╝hle kaum erahnen, die ich in ihnen erlebt hatte. Ihr Anblick war mir mit einem Schlag unvertraut. Doch die Erinnerung kroch wieder an mir hoch und lie├č sich nur widerwillig absch├╝tteln. Nur noch die pers├Ânlichen Gegenst├Ąnde abholen. Ein klein wenig Geduld. Bald w├╝rde ich wieder freie Luft atmen. Endlich. Ich fragte mich, ob ich nun auch das Gef├Ąngnis in mir selbst verlassen k├Ânnte.

Als ich diesen Ort des Schmutzes verlie├č, wusste ich, dass ich alles hinter mir lassen musste, um weitermachen zu k├Ânnen. Ein neues Leben sollte beginnen, mit einer neuen Familie. Eine saubere Zukunft. Ohne Zur├╝ckschauen, ohne Schuld oder Anlass f├╝r Reue.

Ich wollte meiner Mutter einen Brief zukommen lassen. Unz├Ąhlige Varianten hatte ich verfasst, verworfen, korrigiert. Schlie├člich entschied ich mich f├╝r eine Fassung. Ich bat sie um Vergebung und um die M├Âglichkeit, sie zu treffen. Um eine Zukunft, in der ich ihr und somit auch mir selbst wieder in die Augen sehen konnte. Meine Strafe war abgesessen, meine Fehler zwar nicht ausgel├Âscht, aber durch mein langj├Ąhriges Leid mehr als aufgewogen.

Damals hatte ich gelernt, was Einsamkeit war. In einer Welt der Scheinmoral stand nun niemand mehr hinter mir. Geblieben waren mir Erinnerungen, die mich zuerst tr├Âsteten, mich dann aber qu├Ąlend auf das bittere Jetzt hinf├╝hrten. Die Zeit, dachte ich damals noch, w├╝rde alles ins Lot bringen. Doch die Ver├Ąnderung kann nur im Innern stattfinden. Man muss sich vollst├Ąndig l├Âsen von allem, was war, wenn sich etwas ├Ąndern soll.

Bevor ich das Land verlie├č, wollte ich ein letztes Zeichen der Vers├Âhnung setzen. Ich w├╝rde meinen Brief hinterlassen und au├čen am Kuvert schreiben, am folgenden Tag die Antwort abzuholen. Vielleicht, so wagte ich kaum zu hoffen, w├╝rde mich meine Mutter sogar mit offenen Armen empfangen. Menschen ├Ąndern sich in so vielen Jahren. Letzter Abschied oder gemeinsamer Neuanfang. Jedenfalls Klarheit. So ging ich zur Wohnung meiner Mutter und hatte schon den Finger an der Klingel.

Da hielt ich inne und wog den Brief nochmals in H├Ąnden, als ob ich so seinen Inhalt ermessen k├Ânnte. Dann entschied ich mich daf├╝r, ihn gut sichtbar auf das Fensterbrett neben der T├╝r zu legen. Zuvor fuhr ich z├Ąrtlich mit dem Finger ├╝ber die Oberseite ÔÇô im Gedanken, dass somit aus meiner Sicht alles gesagt sei. So w├╝rde der Brief sicherlich gefunden werden und damit die Frage beantwortet werden, ob eine Vers├Âhnung m├Âglich w├Ąre.

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Alles gesagt (II)

Viel Zeit war verronnen. Der Schmerz verging. Es blieb der Makel, eine schlechte Mutter zu sein. Obwohl mein Sohn damals l├Ąngst erwachsen gewesen war. Einmal habe ich ihn besucht, ohne dass jemand etwas davon erfuhr. Vielleicht hatte ich gehofft, dass sich alles als Justiz-Irrtum herausstellte. Oder dass er zu allem gezwungen wurde. Aber er gab alles zu. Er m├╝sse jetzt daf├╝r bezahlen, sagte er. Nicht nur du, dachte ich. Nicht nur du! Ich verg├Ânnte ihm die folgenden Jahre im Dreck.

Als ich diesen Ort des Schmutzes verlie├č, wusste ich, dass ich alles hinter mir lassen musste, um weitermachen zu k├Ânnen. Ein neues Leben sollte beginnen, mit einer neuen Familie. Eine saubere Zukunft. Ohne Zur├╝ckschauen, ohne Schuld oder Anlass f├╝r Reue.

Jeder Finger, der auf mich zeigte, wies mir den Weg fort von Vergangenem. Es gab keine M├Âglichkeit, sich zu rechtfertigen. Das kann nicht mein Sohn sein, dachte ich. So habe ich ihn nicht erzogen. Er geh├Ârt nicht mehr zu uns. Das Gesch├Ąft meines Mannes litt unter dem Stigma, einen Schwer-verbrecher in der Familie zu haben. Mein Mann wurde depressiv, begann zu saufen. Es wurde so schlimm, dass er keinen anderen Ausweg sah als den Strick.

Damals hatte ich gelernt, was Einsamkeit war. In einer Welt der Scheinmoral stand nun niemand mehr hinter mir. Geblieben waren mir Erinnerungen, die mich zuerst tr├Âsteten, mich dann aber qu├Ąlend auf das bittere Jetzt hinf├╝hrten. Die Zeit, dachte ich damals noch, w├╝rde alles ins Lot bringen. Doch die Ver├Ąnderung kann nur im Innern stattfinden. Man muss sich vollst├Ąndig l├Âsen von allem, was war, wenn sich etwas ├Ąndern soll.

Das funktionierte auch ├╝ber Jahre hinweg gut. Bis ich einen Brief vor meiner Wohnung fand, mit der Schrift des Mannes, der mein Sohn gewesen war. Sollte ich ihm antworten? Breit erkl├Ąren, warum ich mich nicht mehr von den Geistern der Vergangenheit hetzen lassen wollte? Dass meine Angst vor neuerlichem Schmerz gr├Â├čer war als das Bed├╝rfnis, ihm alles Gute zu w├╝nschen? Ich gab dem Impuls nach, den Brief unge├Âffnet in zwei Teile zu rei├čen und ging damit zum M├╝lleimer.

Da hielt ich inne und wog den Brief nochmals in H├Ąnden, als ob ich so seinen Inhalt ermessen k├Ânnte. Dann entschied ich mich daf├╝r, ihn gut sichtbar auf das Fensterbrett neben der T├╝r zu legen. Zuvor fuhr ich z├Ąrtlich mit dem Finger ├╝ber die Oberseite ÔÇô im Gedanken, dass somit aus meiner Sicht alles gesagt sei. So w├╝rde der Brief sicherlich gefunden werden und damit die Frage beantwortet werden, ob eine Vers├Âhnung m├Âglich w├Ąre.
__________________
Der Ohrensch├╝tzer

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @ohrensch├╝tzer,

gut geschrieben! ich w├╝rde fast sagen: routiniert.

wenn man das, so wie du, wirklich kann, dann l├Ąuft man gefahr, die linien, die man zeichnet, zu schnell und zu parallel zu ziehen: ein strich, und daneben gleich noch einer. so, als w├Ąren es wirklich eisenbahnschienen, deren spur immer die gleiche bliebe.

das ist schade, denn eigentlich g├Ąbe die situation, um die's dir in deinem text geht, viel mehr her. es ist wahnsinnig schwierig, den gleichen umstand wirklich aus zwei verschiedenen perspektiven zu beschreiben und dabei parallel sein zu wollen - eigentlich geht das ├╝berhaupt nicht, ausser, man macht's kurosawas "rashomon" nach und l├Ąsst nicht nur verschiedene perspektiven zu, sondern ver├Ąndert dabei gleichzeitig die handlung.

auch auf engstem raum sind m├╝tter und s├Âhne so weit voneinander entfernt, dass sie in kein gemeinsames korsett passen. die mutter und der sohn werden von dir beide als skrupul├Âs dargestellt. die nummer mit dem brief passt deshalb nicht so recht, wirkt unglaubw├╝rdig. wer skrupel hat, hat gef├╝hle, und wer gef├╝hle hat, bringt sie zum ausdruck. nicht erst nach ein paar jahren, wenn der postbote auf den klingelknopf dr├╝ckt, sondern immer und ├╝berall. vor allem eine mutter.

wer den sohn verleugnet um der klitsche eines ehegatten willen, kriegt keine briefe mehr, und wer von der mutter im verlies zur├╝ckgelassen wurde, schreibt ihr keine. wenn doch, m├╝sste etwas besonderes der fall gewesen sein. davon erfahren wir aber nichts.

und so gelangt das schreiben (dessen inhalt man sich gar nicht recht vorstellen kann) nicht wirklich auf den ihm vor dir zugedachten pr├Ąsentierteller, sondern bleibt schon vorher in der theatralik stecken, die deinen text insgesamt ein bisschen durchweht.

deinem profil nach w├╝nscht du dir konstruktive kritik, keine lobhudelei. tipp: erz├Ąhl uns, was wirklich los gewesen sein m├╝sste, damit eine mutter ihr kind im dreckloch zur├╝ckl├Ą├čt, und was den sohn soweit bringen k├Ânnte, dass er ihr keine briefe schreibt.

nichts f├╝r ungut und liebe gr├╝├če aus m├╝nchen

bluefin

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Ohrensch├╝tzer
???
Registriert: Oct 2002

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Hallo bluefin,

vielen Dank f├╝r Dein Lob und die kritischen Worte. Ich nehme es auch als Kompliment, dass Du bei der Kritik schon sehr stark in die Tiefe gehst und an Sprache oder Stilistik nichts Gr├Âberes auszusetzen hast.

Bei einigen der allgemeing├╝ltig formulierten Aussagen kann ich Dir zwar nicht beipflichten - "wer gef├╝hle hat, bringt sie zum ausdruck"; wer dies tut, tut jenes (nicht)... Da bin ich weniger kategorisch. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass die Handlungsweise der Protagonisten nicht nachvollzogen werden konnte. Daran werden auch hier von mir nachgeschobene Erkl├Ąrungen nicht ├Ąndern, warum es f├╝r mich gut nachvollziehbar ist; daher lasse ich es.

Offenbar fehlt Dir auch die ausf├╝hrlichere Beschreibung der inneren Vorg├Ąnge von Mutter und Sohn, die ich tats├Ąchlich nur andeute. Der Grund daf├╝r liegt darin, dass die Situation (Mann hat seine Strafe abgesessen und sucht Anschluss zur Familie, die ihn versto├čen hat) und die damit verbundenen Gef├╝hle und Konflikte ja nicht gerade originell sind und schon hunderte Male beschrieben wurden. Grunds├Ątzlich finde ich mich beim schmalen Grat zwischen zu schwachem Andeuten und ├ťbererkl├Ąren wohl eher auf ersterer Seite.

Interessant fand ich dabei, dass sich Mutter und Sohn unter bestimmten Aspekten sehr stark ├Ąhneln, in gleichen Strukturen denken, eine gegenseitige Leidensgeschichte jeweils als Opfer erleben und diese sogar mit gleichen Worten (wenn auch f├╝r teilweise unterschiedliche Situationen) beschreiben. Letztlich hilft ihnen diese ├ähnlichkeit jedoch nicht, sich entscheidend aneinander anzun├Ąhern.

Was wirklich los gewesen sein muss, damit der Sohn ins Gef├Ąngnis kam, ist f├╝r mich kein wesentlicher Gegenstand. F├╝r die Eltern muss es etwas derart Schlimmes gewesen sein, dass sie selbst gro├čen gesellschaftlichen Druck und extreme Schuldgef├╝hle entwickelt haben - ob berechtigt oder nicht (auch darum geht es mir nicht). Dies sich auszumalen, ├╝berlasse ich dem Leser (falls es ihm wichtig ist), denn die beiden Ich-Erz├Ąhler k├Ânnen schon aus charakterlichen Gr├╝nden nicht dar├╝ber r├Ąsonnieren, sonst h├Ątten sie schon l├Ąngst miteinander geredet. Den Fokus setze ich aber auf den Fall, dass innere Parallelen gegenteilige ├Ąu├čere Folgen ausl├Âsen k├Ânnen und dies sowohl durch die Form als auch der Sprache des Texts zum Ausdruck gebracht werden soll.

Die gr├Â├čten Bedenken habe ich, ob (in der graphischen Variante) klar ist, dass die ├╝ber beiden Spalten gehenden Textteile jeweils "extra" zu lesen und zu verstehen sind, weil sie sich (bis auf den letzten) auf unterschiedliche Perspektiven und Situationen beziehen. Im Gegensatz zu "jetzt quatscht der Sohn bei der Mutter dazwischen". Das ist bei der reinen Text-Variante wohl kein Problem, aber die Parallele wird nicht so sch├Ân dargestellt.

Gru├č,
__________________
Der Ohrensch├╝tzer

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bluefin
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Registriert: Not Yet

lieber @hrensch├╝tzer,

du missverstandest: was der junge angestellt hat, ist wirklich v├Âllig wurscht - was interessiert, w├Ąr, warum ihn die mutter versto├čen hat, und warum er keine anstalten gemacht hat ├╝ber die jahre, das r├╝ckg├Ąngig zu machen, sondern erst (so theatralisch) ganz am schluss.

die begr├╝ndung "gesch├Ąftsinteresse" kanns wohl nicht sein. das gibt's in einem normalen mutterherzen n├Ąmlich nicht, wenns um das s├Âhnchen geht, ganz egal was das angestellt haben mag. was den sohn bewegt hat, erst am allertletzten tag botschaft zu geben, statt pausenlos, erfahren wir gar nicht.

und deshalb, wie schon gesagt, ist das ganze ein bisschen zu einfach konstruiert. statt aus der scheinbaren parallelit├Ąt einen ungehgeueren, zwiesp├Ąltigen unterschied herauszuarbeiten, stopfst du mutter und sohn ins gleiche d├╝nne leiberl.

das soll jetzt nicht abwertend klingen, aber deutlich machen, wo's eigentlich "fehlt": daran, dass du uns nicht erz├Ąhlst, wo's "fehlt" bei den beiden. damit ihr verhalten plausibel wird.

lg

bluefin

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Karl-Hubert Hase
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,
ich kann mich dem Kommentar nur anschlie├čen. Etwas mehr Deutlichkeit und Tiefe w├╝rde dem, ansonsten sehr gut geschriebenen, Werk mehr Inhalt geben.
Als ich es gelesen hatte, mu├čte ich es noch einmal lesen, um zu wissen, was gemeint war.
Ich w├╝rde es noch einmal ├╝berarbeiten, dann w├Ąre es wirklich gut.

Liebe Gr├╝├če
Karl-Hubert

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Ohrensch├╝tzer
???
Registriert: Oct 2002

Werke: 83
Kommentare: 690
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Danke, meine Herren.

@bluefin
Du missverstandest auch. Wir erfahren im Text nicht, ob und in welchem Ausma├č er "anstalten gemacht hat ├╝ber die jahre, das r├╝ckg├Ąngig zu machen". Dass er das ├╝berhaupt nicht getan h├Ątte, interpretierst Du in den Text hinein. Wir k├Ânnen herauslesen, dass er es noch nicht (oder schon l├Ąnger nicht) mit einem Brief getan hat, sonst h├Ątte die Mutter routinierter darauf reagiert. Doch auch wenn seine Versuche k├╝mmerlich oder gar nicht vorhanden w├Ąren, g├Ąbe es daf├╝r eine auf der Hand liegende Erkl├Ąrung.

quote:
das gibt's in einem normalen mutterherzen n├Ąmlich nicht, wenns um das s├Âhnchen geht, ganz egal was das angestellt haben mag.
Daraus folgt, dass der Text nicht das Verhalten eines "normales Mutterherzens", wie Du es kennst, schildert.

Ich nehme zur Kenntnis, dass ich Dir die Spur zu den Beweggr├╝nden der beiden nicht klar genug gelegt habe. Das "Gesch├Ąftsinteresse" ist es nat├╝rlich nicht, da hast Du v├Âllig Recht. Das erw├Ąhnt ja auch nur die Mutter selbst, und das eher nach der Schilderung ihrer Abwendung.

@Karl-Hubert
Vielen Dank f├╝r die kritische R├╝ckmeldung. Ich werde dar├╝ber nachdenken.

Sch├Ânen Gru├č,
__________________
Der Ohrensch├╝tzer

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