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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles hat Geschichte
Eingestellt am 01. 05. 2003 00:27


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chrissieanne
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2003

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Sie öffnet den KĂŒhlschrank. Er ist völlig leer, bis auf eine Bierflasche.
Regine verharrt einige Sekunden regungslos und starrt auf die Flasche. Langsam beugt sie sich hinunter und holt das GetrÀnk heraus.
Sie richtet sich auf, schließt die KĂŒhlschranktĂŒr. Wieder bleibt sie einen Moment stehen - paralysiert.
Dann geht ein Ruck durch ihren Körper. Sie dreht sich um, und schreitet durch die leere Wohnung. Die Flasche gebettet in ihre HandflÀchen, als sei sie ein heiliger Gral.
Neben der WohnungstĂŒr liegt ihr schwarzer Rucksack. Sie dreht sich mit dem RĂŒcken zur Wand und rutscht langsam an ihr herab.
Sie schaut durch die offene FlĂŒgeltĂŒr.
Die großen Fenster ihres Schlafzimmers zeigen ihr die riesige Kastanie, die in voller BlĂŒte steht. Lange schaut sie das vertraute Bild an. Dann senkt sie ihren Blick hinunter auf das Bier.

Sie hat viel Bier getrunken in ihrem Leben. Bier und Wein. Keinen Schnaps, der war ihr zu roh und gewalttÀtig. Im Geschmack und in der Wirkung.

Sie liebte es zu trinken.
Die ersten GlĂ€ser schmeckten wunderbar, und der leichte Rausch nahm die Schwere und Angst von ihr, die sie immerzu niederdrĂŒckten und nicht leben ließen. SpĂ€ter dann, nach vielen GlĂ€sern, war der Geschmack gleichgĂŒltig und die Schwermut wieder ĂŒber ihr. Doch ihre Gestalt war verĂ€ndert. Sie war dunkel, gewaltig, allumfassend - aber beweglich, und oft ganz weich und warm. TrĂ€nen und Worte konnten fließen und manchmal höhlten sie ein kleines Loch in das Dunkel, und Bilder von Möglichkeiten und Hoffnung traten ein.
Am Tage, im nĂŒchternen Zustand, war die Schwere brutal. Ein Korsett aus Eisen, in dem jede Bewegung weh tat und kein Licht Zugang hatte.
Sie hat immer erst am Abend getrunken. Wirklich gehengelassen hat sie sich nie. Auch nicht nach der Entscheidung.
Der Alkohol hat sie jeden Abend erlöst. War ein sanfter Zauberer, der das Eisenkorsett von ihr nahm, sie kurze Zeit frei atmen ließ, um ihr dann eine schwere, schwarze Samtkutte anzulegen.
Ihm hat sie ihr Gesicht geopfert. Es war das Kostbarste was sie besaß, weil sie sonst nichts an sich mochte.
Sie schaute zu, wie er es mit den Jahren immer mehr zerstörte.
Nun muß sie es nicht mehr anschauen. Der Trödler hat gestern fast alle Möbel abgeholt. Auch den Spiegel.
Nur der KĂŒhlschrank und ein alter Sessel sind noch in der Wohnung.
Sie hat alles von langer Hand vorbereitet. Die Zeit dazu war da. Viel Zeit.
An einem grauen Mittwochmorgen, sie weiß es noch genau, es war der 15. August, hat sie den Beschluß gefaßt: Ich gebe auf. Ich will nicht mehr, ich gehe!
Ich kĂ€mpfe nicht mehr gegen meine Lebensangst, meine DefizitgefĂŒhle und Einsamkeit. Ich kĂ€mpfe nicht mehr um Zugehörigkeit, IdentitĂ€t und Lebensfreude. Ich gebe auf und warte.
Warte auf den Tag, an dem es möglich ist zu gehen.
Das war vor zehn Jahren, da war sie vierzig Jahre alt.
Ihre Eltern sind nun gestorben. Nie hÀtte sie ihnen das angetan. Auch wenn sie keinen Kontakt mehr hatte. Das spielt keine Rolle. Es bleiben immer die Eltern.

Die Mutter starb vor fĂŒnf Jahren an Krebs. Es ging schnell. Sie mußte nicht lange leiden. Sie durfte 8o Jahre leben. Ein langes Leben, ein kurzes Sterben. Das macht die Trauer leichter. Der Vater starb letztes Jahr. Er schlief einfach ein. Legte sich in das leere Ehebett, und wachte nicht mehr auf. Besser kann es nicht sein.
Manchmal wird es einem leicht gemacht.
Regine war sich sicher, daß er nach Mutters Tod auch nur noch gewartet hat.

Nach dem Tod des Vaters hat sie angefangen die praktischen Dinge zu erledigen, die nötig waren.
Als erstes die Wohnung gekĂŒndigt. Danach hatte sie sechs Monate Zeit ihren Haushalt aufzulösen. Sie mußte ja alles alleine machen. Wirkliche Freunde hatte sie nie, und den wenigen nĂ€heren Bekannten hatte sie sich nach ihrem Entschluß vorsichtig und langsam entzogen.
Die Dinge, die es Wert waren, versuchte sie zu verkaufen, denn sie brauchte jedes Geld ihre letzten Schulden zu bezahlen. Der Trödler hat gestern gegen Bezahlung den Rest geholt. Persönliches hat sie vernichtet.
Nun ist es soweit. Sie kann gehen, ohne Schmerz und Belastung fĂŒr die Nachwelt zu hinterlassen.

Regine tritt mit dem Fuß, ohne aufzuschauen, die FlĂŒgeltĂŒr des Schlafzimmers zu. Nun ist es dunkel im Korridor und sie drĂŒckt mit der rechten Hand hinter sich auf den Lichtschalter. Die nackte GlĂŒhbirne erhellt den kahlen Flur. Sie nimmt den Rucksack und legt die Bierflasche hinein zu den anderen Utensilien, die sie jetzt noch braucht.
Sie steht langsam auf, dreht sich zur WohnungstĂŒr, öffnet sie, macht das Licht aus und tritt in den Hausflur.
Vielleicht hat sie vergessen ein Fenster zu schließen, denn ohne ihr Zutun kracht die TĂŒre hinter ihr zu.
Der WohnungsschlĂŒssel liegt auf dem alten Sessel.
Sie geht die Stufen hinunter - hinaus ins Freie.
Die Nacht ist mittlerweile angebrochen. Lauwarme Dunkelheit empfĂ€ngt sie, eine leicht Brise umspielt ihren Körper. Sie biegt nach links ab, geht ĂŒber die kleine BrĂŒcke und dann wieder links. Die Laternen spiegeln sich im Wasser des Kanals. Sie lĂ€uft ruhig und zĂŒgig am Kanal entlang. Still ist es, keine Menschenseele weit und breit auf diesem Weg, der am Tage unzĂ€hlige Menschen buntester Mischung sich begegnen lĂ€ĂŸt.
Sie schaut aufs Wasser. Weiße Tupfer ĂŒberall. Schlafende SchwĂ€ne. Die Enten sieht man nicht, die Möwen sind irgendwo und still.
Die AbhĂ€nge, an denen die MĂŒĂŸiggĂ€nger an heißen Tagen unter den Trauerweiden liegen, sind dunkel und leer.
Einmal sieht sie zwei schwarze Körper nebeneinander liegen, ein Kichern, seltsam absurd, tönt herĂŒber.
Bald erreicht sie ihr Ziel. Überquert noch eine BrĂŒcke und da ist ihre Bank. Jahrelang hat sie Stunden dort gesessen und gelesen geschaut, nachgedacht.
Sie setzt sich hin, nimmt den Rucksack ab und legt ihn neben sich. Schaut auf das Wasser. Schwarz ist es. Hier sind keine Laternen mehr, und keine weißen Schwantupfer. Dunkelgraue Nacht, schwarze BĂ€ume, die im Wind leise flĂŒstern.
Sie hat Angst. Ja, jetzt ist sie wieder da die Angst.
Die zehn Jahre Leben seit ihrer Entscheidung waren schön. Das Eisenkorsett hat sich gelöst. Als sie aufgehört hat zu strampeln wie ein Hamster in seinem Rad - als sie gesagt hat ich gehe, ich kĂ€mpfe nicht mehr, nicht mehr dazugehören wollte, nichts mehr erreichen wollte - da mußte sie nicht mehr leiden. Die Tage hat sie mit Einkaufen, kochen, lesen und spazieren gehen verbracht. Sie konnte die Menschen beobachten ohne Neid und DefizitgefĂŒhle. Abends hat sie getrunken und gelesen, Musik gehört und Tagebuch geschrieben. Sie konnte leben ohne zu leiden, weil sie nichts mehr wollte. Nichts mehr erreichen oder ĂŒberwinden mußte. Sie mußte sich nicht bekĂ€mpfen oder rechtfertigen. Sie konnte einfach nur sein.
Aber dieses leise GlĂŒck, diese Ruhe war gekoppelt an ihre Entscheidung.
Sie hat Angst vor dem Tod. Sie hatte noch mehr Angst vor dem Leben. Mit der Entscheidung fĂŒr den Tod hat die Qual aufgehört.
Sie greift sich den Rucksack und öffnet ihn. Sie nimmt die Bierflasche heraus und stellt sie neben sich. Dann holt sie die beiden kleinen Kissen, den Flaschenöffner und die große Packung Schlaftabletten heraus. Die Kissen legt sie rechts neben sich. Sie greift nach der Flasche und öffnet sie. Ein leichtes Zischen, ein wenig Feuchtigkeit lĂ€uft ihr Handgelenk hinunter. Sie trinkt einen großen Schluck.
Das tut gut.
Nun nicht mehr nachdenken.
Sie reißt die Packung auf. DrĂŒckt eine Tablette nach der nĂ€chsten aus der Verschweißung, und spĂŒlt sie mit einem Schluck Bier hinunter. Nachdem sie sĂ€mtliche Pillen in ihren Körper aufgenommen hat, stellt sie die leere Flasche auf den Boden, legt sich auf die Bank, den Kopf auf die Kissen gebettet und schaut in den Himmel gespannt, Ă€ngstlich, was nun passieren wird.
Es ist sternenklar, der morgige Tag wird sonnig.
Bleierne MĂŒdigkeit ĂŒberkommt sie, sie schließt die Augen. Übelkeit steigt auf, schwindlig wird ihr, sie bekommt keine Luft mehr. Sie will sich aufrichten, kann sich nicht bewegen. Panik ĂŒberfĂ€llt sie - schockartig - sie will schreien - kein Ton kommt aus ihrer Kehle. Oh nein!... was hab ich nur getan... helft mir!
Dunkelheit - Leere - Nichts. Dann - nein... Ist es wirklich so?
Sie sieht sich auf der Bank liegen! Sie schwebt ĂŒber sich! So wie man es in diesen BĂŒchern liest. Ganz leicht, körper -schwerelos. Aber sie denkt und fĂŒhlt.
Sie sieht sich da liegen. Minuten Stunden Ewigkeiten? ZeitgefĂŒhl hat sie keines mehr. Sie ist nicht traurig oder freudig erregt, doch fasziniert und auch neugierig. Da kommt ein Jogger. Er schaut kurz zu dem leblosen Körper und ist schon wieder weg. Ein Ă€lterer Mann mit einem Hund. Es wird langsam hell. Er schaut auch nur kurz. Er kommt zurĂŒck. Oder wieder. Es ist taghell. Er schaut wieder. Stutzt. Geht vorsichtig hin und spricht sie an. Sie kann ihn hören! „Hallo! Geht es Ihnen gut?" RĂŒttelt sie. Sieht die leere Schlaftablettenpackung. Er holt sein Handy raus und telefoniert. Polizei und SanitĂ€ter kommen. Menschen bleiben neugierig stehen. Stimmengewirr. Durcheinander. Irgendwann wird ihr Körper auf eine Bahre gelegt und weggetragen. Die Polizisten rĂ€umen die Kissen, den Rucksack, alles fort.
Nur der Kronkorken der Bierflasche liegt im Staub des Weges vor der Bank.
Sie schaut von oben zu und kann es nicht fassen. Was nun?
Das Bild fÀngt an langsam zu verschwimmen.
Unendliche WĂ€rme umfĂ€ngt sie und zieht sie sanft fort. Leise Musik und einen Hauch unglaublich schöner GerĂŒche nimmt sie wahr. Ist es wirklich so? Gibt es diesen Ort der Seligkeit? Kommt bald auch dieses Licht, stĂ€rker, heller und gewaltiger als die Sonne, das nicht blendet, sondern sehen macht - die reine Liebe, das wahre Wissen - sehen macht?
Immer noch, wĂ€hrend sie langsam hinĂŒbergleitet, sieht sie die leere Bank. Ein PĂ€rchen kommt des Weges, in ein GesprĂ€ch vertieft. Kurz bevor das Bild ganz verschwindet, hört sie die Frau sagen:
„Das Irre beim Schreiben ist: in dem Moment, in dem du dich anfĂ€ngst damit zu beschĂ€ftigen, begreifst du, daß hinter allem, wirklich allem eine Geschichte stecken kann. Wirklich alles hat eine Geschichte in sich ......selbst.... ja selbst dieser Kronkorken da."


__________________
Das Buch soll die Axt sein fĂŒr das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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knychen
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Registriert: Feb 2002

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hallo,
eine tolle geschichte. das dramatische, wenn auch vorhersehbare ende noch pointiert umgebogen. nÀmlich exakt zu dem punkt, an dem aus dem gedanken an diese geschichte eine idee wurde. oder irre ich mich da?
irgendwo in der mitte hab ich kurz die leselust verloren. könnte nicht mal genau sagen, wo. hab mich vielleicht auch bloß ablenken lassen von einer assoziation. von der geschichte in der geschichte. wenn diese stelle gewollt war, ist sie sehr gut gemacht.
gruß aus berlin von knychen
__________________
kny

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Quidam
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Registriert: Not Yet

Hallo Chrisseanne,

JA, das liest sich doch schon viiiiel runder. GlĂŒckwunsch. Nun stimmt auch die Bewertung.

*winke*
quid

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chrissieanne
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Hallo kny!
Dank Dir fĂŒr Deinen Kommentar.
Es war so, daß ich den Satz am Schluß der Geschichte zu einem Bekannten gesagt habe.
Abends habe ich mich dann hingesetzt, und die Geschichte geschrieben. Und die war bestimmt schon vorher in mir.
Schade, daß Du nicht sagen kannst, wo und warum Dich die Leselust verlassen hat. WĂŒrde mich schon interessieren.
Auf jeden Fall - es ist schön, daß Dir der Text gefallen hat.
GrĂŒĂŸe aus Berlin an knychen in Berlin
chrissieanne

Hallo Quidam!
Das freut mich sehr, daß die Überarbeitung gelungen ist. Vielen Dank noch mal fĂŒr Dein Engagement.
Liebe GrĂŒĂŸe
chrissieanne
__________________
Das Buch soll die Axt sein fĂŒr das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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Edgar Wibeau
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo, chrissieanne!

Mich berĂŒhrt der Text sehr, und Dein Stil gefĂ€llt mir. Du erzĂ€hlst nĂŒchtern, alles wirkt authentisch. Du entwickelst eine AtmosphĂ€re, die erschaudern lĂ€ĂŸt und eine Spannung, der ich mich nicht entziehen kann. Das fĂŒr mich unerwartete Ende ist geradezu erschreckend humorvoll.

Gruß

Christian

PS: Sollte es nicht heißen "einen unglaublich schönen Geruch nimmt sie wahr"?

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chrissieanne
HĂ€ufig gelesener Autor
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hi edgar,
das ist ja wunderbar noch einmal einen kommentar auf eine Àltere geschichte zu bekommen. noch dazu einen so positiven.
und mit dem "einen" hast du natĂŒrlich recht. ich glaub ich muss da eh nochmal rĂŒber in hinblick auf fehler, wie ich gerade festgestellt hab.
danke dir.
lg
chrissieanne
__________________
Das Buch soll die Axt sein fĂŒr das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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