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Leselupe.de > Gereimtes
Alles hat seine Zeit
Eingestellt am 15. 12. 2002 00:20


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Heidi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Dec 2001

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Es gab eine Zeit, da hatte alles seine Zeit. Zum Winter geh├Ârte der Schnee, meterhoch, zum Sommer geh├Ârte flirrende Hitze mit krachenden Gewittern. Damals gab es erst zum Advent Pfefferkuchen, Spekulatius oder Pfeffern├╝sse. Und nur in der Silvesternacht gab es Berliner.


Zu dieser Zeit geh├Ârte auch Tante Else. Tante Else, wohlbeleibt mit einem sp├Ąrlichen, geflochtenen Dutt mitten auf dem Kopf. Tante Else besuchte uns regelm├Ą├čig in der Adventszeit. Sie kam mit dem Zug aus dem fernen Schleswig Holstein. Sie war Bauersfrau, wohnte in Klein Vollstedt, direkt an einer m├Ąchtigen Eichenallee.

W├Ąhrend unser Vater sie mit dem Moped vom Bahnhof abholte, warteten wir aufgeregt auf unseren Besuch. Wir liefen st├Ąndig ans Wohnzimmerfenster, um unseren Gast gleich empfangen zu k├Ânnen. Da endlich h├Ârten wir das Knattern des zweir├Ądrigen Gef├Ąhrtes. Papa mit Tante Else hinten drauf.

Mit einiger M├╝he entstieg sie dem Fahrzeug, sch├╝ttelte ihre Kleidung zurecht und kam schnurstracks auf unser Haus zu.

Unter ihrem Mantel trug sie immer dieses Tweed-Kost├╝m in Pfeffer und Salz. Die Jacke war zu eng und die Rocksch├Â├če standen ab wie ein Hoola-Hoop-Reifen. Zu ihrer Kleidung geh├Ârte auch die rehbraune Skaihandtasche die recht gro├č war. Sicher freuten wir uns auf unsere Lieblingstante, doch ein besonderes Interesse galt dem Inhalt dieser gro├čen Handtasche. Obwohl wir wussten, was darin f├╝r uns verborgen war, war die Freude doch immer wieder gro├č. Tante Else dr├╝ckte uns fest und herzlich.
„Mein Gott, was seid ihr gro├č geworden!“ waren ihre Begr├╝├čungsworte.
Ihr besonderes Merkmal waren ihre Herzensw├Ąrme und ihre weichen Rundungen.

Schon nach kurzer Zeit nahmen wir einen exotischen Duft wahr, auf den wir nun schon ein Jahr lang gewartet hatten. Wir dachten an die heiligen drei K├Ânige aus dem Morgenland, die ferne Spezereien auf ihrem m├╝hseligen Weg nach Bethlehem brachten und sahen im Geiste unsere f├╝llige Tante mit ihnen gehen.

Dann endlich wurde die gute Stube aufgeschlossen. Mutter z├╝ndete die Adventskerzen an und Tante Else packte ihre Tasche aus. Unsere Eltern bekamen eine Schachtel Weinbrand-bohnen und f├╝r jeden von uns gab es zwei Apfelsinen. Sie nahm diese Kostbarkeiten aus ihrer Tasche, als handele es sich um Bleikristallgl├Ąser. Wir nahmen die Apfelsinen, rochen daran und bef├╝hlten die por├Âse Schale. Das K├╝chenmesser und ein Teller standen schon bereit. Unsere Lieblingstante sch├Ąlte sie sorgsam, ritzte die Schale gekonnt von oben bis unten ein und holte die saftige Frucht heraus. Die Schale spritzte und der weihnachtliche Orangenduft verbreitete sich im gesamten Wohnzimmer. Die einzelnen St├╝cke lagen sch├Ân angeordnet auf dem Teller und wir verspeisten sie nach und nach. Es war uns ein besonderes Vergn├╝gen, einige Scheiben von ihrer Haut zu befreien und die kleinen, tropfenartigen Fruchtteile zu bewundern. Anschlie├čend schn├╝ffelten wir an unseren H├Ąnden. Selbst am n├Ąchsten Morgen haftete ihnen noch dieser wunderbare Duft an.

Tante Else blieb immer eine Woche. L├Ąnger war sie nicht abk├Âmmlich. Auch als sie wieder im fernen Schleswig Holstein weilte, nahmen wir diesen Duft noch bis zum Weihnachtsfest wahr.


__________________
Die Fl├Âhe und die Wanzen geh├Âren auch zum Ganzen

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