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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles nur Fassade
Eingestellt am 30. 03. 2017 11:47


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fossie
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2017

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Vor mehreren Jahren hatte ich ein Erlebnis, das mein bisher so geordnetes Leben gehörig durcheinander brachte. Nichts war danach mehr wie vorher fĂŒr mich.
Es begann damit, dass ein neuer Kollege namens Tobias Rurainski in unsere Abteilung kam. Niemand hatte vorher etwas von ihm gehört. Uns gegenĂŒber gab er sich am Anfang verschlossen wie eine Auster, ganz so, als wollte er absichtlich sein gesamtes Privatleben vor uns verbergen.
Er war zwar immer freundlich zu uns und mischte sich ab und zu auch in GesprĂ€che ein, bei denen er vor allem ein großes Allgemeinwissen bewies, trotzdem wollte er nicht als "Klugscheißer" dastehen, wie mir schien.
Trotz seiner eher schĂŒchternen und zurĂŒckhaltenden Art war er immer hilfsbereit gegenĂŒber allen.
Sein Aussehen konnte man am besten mit dem Begriff „Graue Maus“ beschreiben, es harmonierte tadellos mit seinem unauffĂ€lligen Verhalten.
Er war schlank, um nicht zu sagen mager. Seine Schultern waren schmal wie bei einer Frau. Seine KörpergrĂ¶ĂŸe hielt sich in Grenzen, fĂŒr einen Mann eher zu klein.
Rein Ă€ußerlich sah er sehr gepflegt aus, war modisch gekleidet, immer glatt rasiert und hatte kurzgeschnittene schwarze Haare, die oberhalb der SchlĂ€fen schon etwas licht zu werden begannen.
Sein Alter konnten wir schlecht schĂ€tzen, bis er uns verriet, dass er 26 Jahre alt war. "Das richtige Mannesalter, um eine Familie zu grĂŒnden", dachte ich mir.
Ob er allerdings eine feste Beziehung hatte, wusste keiner von uns. Eigentlich sah er, so fanden es zumindest die Kolleginnen, schon attraktiv aus und hĂ€tte einer Frau durchaus den Kopf verdrehen können. Seine feinen GesichtszĂŒge und sein einnehmendes LĂ€cheln verstĂ€rkten diesen Eindruck zusĂ€tzlich.
Besonders einige jĂŒngere von den MĂ€dels in unserem Team probierten zeitweilig, ihn aus der Reserve zu locken, indem sie ihn neugierig nach seinem Liebesleben fragten. Aber ihr Erfolg war bescheiden, denn er ging nicht darauf ein und versuchte immer schnell, das GesprĂ€chsthema zu wechseln. Fast schien es ihm unangenehm zu sein, so konnte man meinen.
NatĂŒrlich gab es hinter vorgehaltener Hand Spekulationen, was er privat treiben könnte. Man hatte ihn zwar schon einmal beobachtet, wie er mit einem uralten Mercedes, bestimmt ein ErbstĂŒck seines verstorbenen Vaters, in der Stadt unterwegs war, aber mehr konnte man auch nicht in Erfahrung bringen.
Zumindest war uns bekannt, dass er nicht unweit von seiner Arbeit in einem eigenen Haus wohnte, wobei dessen gepflegter Vorgarten eventuell auf den Rest seines Haushalts schließen ließ.
Gerade deswegen zerbrachen wir uns regelmĂ€ĂŸig den Kopf darĂŒber, ob nicht doch die eine oder andere Leiche in seinem Keller versteckt wĂ€re.

Keiner von uns wollte sich selbstredend als neugierig hervortun. Wir sagten uns einfach, wenn er nichts von sich preisgeben wolle, so könne man ihn auch nicht dazu zwingen.
Eines Tages passierte es. Ich ließ mich auf ein Abenteuer ein, von dem ich bis heute nicht weiß, welcher Teufel mich dazu gebracht hatte. Nur eines war klar, mein kleinbĂŒrgerliches Weltbild wurde dadurch heftig erschĂŒttert.
Schuld daran waren eigentlich meine Kolleginnen. Bekanntlich sind Frauen von Natur aus neugierig und es ließ ihnen deshalb einfach keine Ruhe, was Tobias Rurainski denn privat fĂŒr ein Mensch sei,
Sie entwarfen einen verhÀngnisvollen Plan: Jemand sollte ihm in seiner Freizeit hinterherspionieren, selbstverstÀndlich so unauffÀllig wie möglich. Nur, wer sollte dieser Jemand sein?
Sie nervten sich gegenseitig, kamen damit jedoch nicht entscheidend weiter. Was blieb, war ihre ungezĂŒgelte Neugier.
Ich selbst hatte ihnen nur still zugehört und mich heimlich darĂŒber amĂŒsiert. NatĂŒrlich versuchte ich, mich aus dieser Sache herauszuhalten. „Diese dummen GĂ€nse“, dachte ich mir und war froh, dass wenigstens mein Privatleben bis jetzt zu langweilig fĂŒr sie war. „Man mĂŒsste jemanden fragen, der in seiner NĂ€he wohnt. Ich selber kann es nicht ĂŒbernehmen, da ich zu weit von ihm entfernt wohne“, meinte Bettina, die jĂŒngste unter ihnen.
Meral, eine tĂŒrkische Kollegin, kam mit der Ausrede, sie hĂ€tte auch keine Zeit fĂŒr so etwas, da zuhause Mann und Kinder auf sie warten wĂŒrden. Da wĂ€re sie voll eingespannt.
Daniela, ebenfalls Mutter zweier Kinder und alleinerziehend, meinte resigniert: „Dann können wir das Ganze sowieso vergessen.“

Aber es ließ ihnen jetzt erst recht keine Ruhe und instinktiv spĂŒrte ich, dass es an der Zeit fĂŒr mich wĂ€re, mich langsam aber sicher zu verkrĂŒmeln, da die Drei inzwischen fordernd in meine Richtung sahen.
Ich konnte mir genau vorstellen, was jetzt kommen wĂŒrde. Meine Vermutung stimmte und obwohl ich vorhatte, mich keinesfalls darauf einzulassen, versuchten sie schon, mich zu ĂŒberreden. Sie bearbeiteten mich solange, bis mir keine passende Ausrede mehr einfiel.
„SchĂ€mt euch, ihr seid doch nicht ganz dicht. So etwas könnt ihr doch nicht von mir verlangen, ich bin doch kein Spion. Überhaupt,", wie soll so etwas gehen?“ Es war mein letzter zaghafter Versuch, den Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen, aber dann musste ich mich dem inneren Schweinehund geschlagen geben. „Du willst es doch auch, gib es zu. In deiner Neugier bist du auch keinen Deut besser als sie“, setzte mir eine innere Stimme zu. Ich erinnerte mich an die berĂŒhmte Szene, wo ein kleiner Engel und ein kleiner Teufel auf den Schultern sitzend permanent miteinander streiten.
Dieses Mal ging der Teufel als eindeutiger Sieger hervor.
„Na gut, ich gebe mich geschlagen, aber ich brauche eine gewisse Zeit, um mir eine passende Strategie zurechtzulegen.“
Man gewĂ€hrte sie mir großzĂŒgig, ermahnte mich aber trotzdem, mir nicht allzu viel Zeit zu lassen.
„Verdammter Mist, auf was habe ich mich da eigentlich eingelassen?“, kam es mir spĂ€ter in den Sinn, aber ich konnte nicht mehr zurĂŒck.
Den Rest des Tages war ich nur noch sauer auf mich selbst.

Es vergingen wieder ein paar Tage und insgeheim hegte ich fĂŒr mich die leise Hoffnung, man hĂ€tte unsere Abmachung vielleicht schon wieder vergessen.
Deshalb dachte ich auch nicht mehr an mein Versprechen und wir kamen alle im Lauf der nĂ€chsten Wochen ziemlich darĂŒber hinweg. Es nutzte aber nichts. Als wir nĂ€mlich zwischendurch etwas Luft in der Arbeit und dadurch mehr Zeit hatten, brachten sie mir wieder in Erinnerung, was ich mit ihnen abgemacht hatte.
Krampfhaft versuchte ich mich wieder herauszureden und wand mich dabei wie ein Aal im Fischnetz. Es half nichts, man wollte endlich Ergebnisse und das ziemlich schnell.

So kam es, dass ich am Wochenende meinen Rucksack mit ein paar Brötchen und GetrÀnken packte, ihn ins Auto warf und zu Rurainskis Haus fuhr. Ein Buch und eine Zeitung, die zum Verstecken meines Gesichtes dienen sollte, besorgte ich mir unterwegs. Ganz wie in unzÀhligen Kriminalfilmen setzte ich mir dazu eine Sonnenbrille auf, um nicht erkannt zu werden.
Allerdings kam ich mir ziemlich dÀmlich vor. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen, ich verstand es nicht.
Ich parkte schrĂ€g gegenĂŒber von Rurainskis Haus auf der anderen Straßenseite. Jedes Haus hatte einen gepflegten Vorgarten und alle sahen fast gleich aus. Komisch, warum erinnerte mich dies nur an England?
Ich wusste natĂŒrlich nicht, ob mein "Zielobjekt" zuhause war. Bei diesem schönen Wetter konnte es genauso gut möglich sein, dass er irgendwo unterwegs war. Notgedrungen musste ich mich auf einen lĂ€ngeren Aufenthalt an meinem Beobachtungsposten einrichten.
Um nicht gleich erkannt zu werden, öffnete ich nur das Fenster auf der Beifahrerseite meines Wagens.
Neid keimte immer wieder in mir auf, weil alle anderen bestimmt in den BiergĂ€rten in der Stadt sitzen wĂŒrden. Nur ich Depp musste blöderweise den Detektiv spielen. Ich erwartete auch nichts Besonderes von ihm, wahrscheinlich wĂŒrde er irgendwann in sein Auto steigen und in die Stadt fahren, wie es zehntausende von anderen jungen Leuten an diesem Wochenende tun wĂŒrden. Vielleicht hĂ€tte er ja auch eine Verabredung mit seiner Freundin und die beiden wĂŒrden sich wundern, wer sie da die ganze Zeit ĂŒber mit dem Auto verfolgen wĂŒrde. Bis er dann anhalten und mich zur Rede stellen wĂŒrde, was das Ganze zu bedeuten hĂ€tte. Er wĂŒrde ein ganz normales Leben fĂŒhren, da war ich mir sicher. Eigentlich war es ĂŒberflĂŒssig, was ich hier vorhatte.
Trotzdem ließ ich meinen Blick inzwischen gelangweilt auf Rurainskis Haus schweifen. Durch die hereinbrechende DĂ€mmerung konnte ich erkennen, dass im Erdgeschoss Licht brannte,
Ein Blick auf meine Autouhr verriet mir, dass es inzwischen 21 Uhr geworden war. Wenn nicht langsam nur annĂ€hernd etwas geschehen wĂŒrde, hĂ€tte ich mir den Abend umsonst um die Ohren geschlagen. Ich wĂŒrde mich dann furchtbar darĂŒber Ă€rgern. Immer wieder schimpfte ich vor mich hin, wie ich mich nur auf so einen Blödsinn einlassen konnte.

Endlich erloschen alle Lichter im Haus und es öffnete sich langsam die EingangstĂŒre. Reflexartig tauchte ich im Auto unter. Dann konnte ich verfolgen, wie jemand die HaustĂŒre schloss und vorsichtig nach draußen durch den Vorgarten ging.
Das musste Rurainski sein, dachte ich. Als diese Person jedoch das Gartentor öffnete und langsam nĂ€her kam, war ich ĂŒberrascht. Es handelte sich nĂ€mlich nicht um ihn, sondern eindeutig um eine Frau, die auch noch sehr attraktiv aussah.
"Donnerwetter!", dachte ich mir. So einen Besuch hatte ich ihm gar nicht zugetraut. Seine Besucherin war Ă€ußerst verfĂŒhrerisch gekleidet, denn sie trug einen engen dunklen Minirock und eine schwarze enganliegende Lederjacke, die ihre schlanke Figur erst richtig zur Geltung brachte. Ihre schlanken Beine steckten in einer schwarzen Netzstrumpfhose und endeten in High-Heels mit mörderisch hohen AbsĂ€tzen.
Sie war sehr auffĂ€llig geschminkt und hatte eine schulterlange blonde MĂ€hne. Instinktiv ließ es mich vermuten, dass sie bestimmt einem gewissen Gewerbe nachging.
"Der muss es ja ganz schön nötig haben. Ob ich das meinen Auftraggeberinnen verraten soll?", ĂŒberlegte ich mir.

Madame wechselte nun die Straßenseite und stöckelte direkt auf mich zu. Ich war kurz davor, in Panik auszubrechen und bemerkte, wie mir die ersten Schweißperlen am Oberkörper hinunterliefen. Gerade noch im letzten Moment konnte ich meine Sonnenbrille aufsetzen. Dass es schon dunkel wurde, registrierte ich dabei nicht mehr.
Zum GlĂŒck drehte sie dann vorher ab und stieg in ein vor mir stehendes Auto. Bevor sie die TĂŒre öffnete, blickte sie nochmals in meine Richtung. Offensichtlich hatte sie mich entdeckt, unterließ es jedoch, mich anzusprechen. Da sah ich ihr Gesicht. Komisch, es kam mir so seltsam vertraut vor, so als ob 

Aber nein, ich tÀuschte mich bestimmt, das war doch eine Frau und kein Mann.
Trotzdem stimmte hier irgendetwas nicht und ich wĂŒrde es herausfinden. Zwar war ich im Moment völlig verwirrt, aber ich redete mir als mögliche ErklĂ€rung ein, dass sie vielleicht Rurainskis Schwester sein könnte und nur ihren Bruder besuchte.
Genau, so musste es sein.
Geschwister sehen sich ja öfters Àhnlich. Andererseits hatte er auch nie erwÀhnt, dass er eine Schwester hatte. Wie seltsam, dachte ich mir.

Sie fuhr los und ich konnte nicht anders, als ihr zu folgen. Schuld daran war dieser verfĂŒhrerische Blick, den sie mir vorher zugeworfen hatte. Ich musste in diesem Moment unbedingt herausfinden, was sie vorhatte. Es wurde immer spannender fĂŒr mich.
Nach etwa zwanzig Minuten waren wir in der Innenstadt angelangt. Sie fuhr in ein Parkhaus und ich wollte sie keinesfalls aus den Augen verlieren. Mein Auto stellte ich auf derselben Parkebene ab wie sie, in sicherer Entfernung von ihr, damit sie mich nicht gleich bemerken wĂŒrde.
Sie stieg aus und begab sich zur nĂ€chsten AusgangstĂŒr. Ich kannte dieses Parkhaus und wusste, dass es ĂŒber keinen Aufzug verfĂŒgte. Es fĂŒhrte nur eine Treppe nach unten.
„Sehr behindertengerecht“, Ă€rgerte ich mich. Aber in diesem Fall kam es mir entgegen, da ich sie besser im Auge behalten konnte. Das laute Klappern ihrer AbsĂ€tze war ebenfalls nicht zu ĂŒberhören.
Noch war alles gutgegangen und ich konnte ihr mit Leichtigkeit folgen.
Als sie unten ankam, stöckelte sie in eine belebte Einkaufsstraße der FußgĂ€ngerzone. AmĂŒsiert beobachtete ich, dass sich jeder, dem sie begegnete, nach ihr umdrehte. Dass sie alle Blicke auf sich zog, schien sie nicht weiter zu stören. Im Gegenteil, anscheinend genoss sie es sogar und wiegte jetzt zusĂ€tzlich noch ihre HĂŒfte hin und her.
Sie bog in eine Durchgangspassage ein, an deren Ende sie ein Cafe, das sich dort befand, betrat.
Eigentlich hÀtte ich es spÀtestens jetzt bleiben lassen sollen, ihr weiter zu folgen. Andererseits zog mich etwas magisch an, diese LokalitÀt ebenfalls zu betreten.
Das Cafe war ziemlich leer und sein schummeriges Licht strahlte nicht gerade GemĂŒtlichkeit aus. Trotzdem wurde ich das GefĂŒhl nicht los, dass alle Augen in diesem Moment auf mich gerichtet waren, als ich hereinkam. Auf keinen Fall wollte ich besonderes Aufsehen erregen und suchte möglichst schnell und auffĂ€llig nach einem freien Tisch. Auf einmal sah ich sie wieder im hinteren Bereich des Lokals alleine an einem Tisch sitzend. Sie hatte ihre schlanken Beine aufreizend ĂŒbereinander geschlagen.
Mist, dachte ich mir, bestimmt hat sie mich schon lĂ€ngst gesehen. Wie zur BestĂ€tigung lud sie mich mit einem verfĂŒhrerischen Blick dazu ein, mich zu ihr an den Tisch zu setzen.
Na toll, dachte ich mir, was bin ich nur fĂŒr ein toller SchnĂŒffler. Zögerlich ging ich auf sie zu und erkundigte mich ĂŒberflĂŒssigerweise, ob noch ein Platz frei wĂ€re. Dabei kroch mir ein Schwall sĂŒĂŸlichen ParfĂŒms in die Nase.
„Nur zu“, meinte sie kurz und ich zuckte zusammen, als mir ihre dunkle Stimme auf einmal so seltsam vertraut vorkam. Ganz zaghaft und vorsichtig wagte ich es, ihr direkt ins Gesicht zu sehen und erschrak ein weiteres Mal, als sie entgegnete: „Ja, nun haben Sie mich endlich erkannt, Herr Willems. Und natĂŒrlich möchten Sie jetzt von mir eine ErklĂ€rung fĂŒr mein in ihren Augen ungewöhnliches Auftreten in der Öffentlichkeit, oder nicht? Nennen Sie mir einen Grund, warum ich es Ihnen verraten sollte."
Es war unzweifelhaft Tobias Rurainski, mein Arbeitskollege. Mir fehlten die Worte und am liebsten hĂ€tte ich mich jetzt weit weg gewĂŒnscht. Ich schnappte nach Luft wie ein Frosch und glĂŒcklicherweise brachte mich ein junger Kellner auf den Boden der Tatsachen zurĂŒck, der mich fragte, was ich denn trinken wolle. Dabei lĂ€chelte dieser jedoch mehr meinen GesprĂ€chspartner an als mich selbst.
Spontan bestellte ich mir eine Cola mit mindestens drei EiswĂŒrfeln, da es mir nicht nur aufgrund der bestehenden Außentemperaturen entsetzlich warm geworden war.
Schlagartig kam mir die Erkenntnis. Ich war in einem Lokal fĂŒr Schwule und Lesben gelandet. "Das kann ja heiter werden", dachte ich mir. Rurainski hatte meine verdammte Neugier ausgenutzt und mich absichtlich hierher gelockt. Was immer fĂŒr eine Absicht er dabei hatte, war mir in diesem Moment völlig egal. Augenblicklich hatte ich nur den einen Wunsch, mich möglichst schnell und unauffĂ€llig zu verkrĂŒmeln.

"Nun stellen Sie schon Ihre Fragen. Ich weiß, dass Sie Ihre Neugier nicht mehr bezwingen können." UmstĂ€ndlich druckste ich herum und versuchte zu erklĂ€ren, dass ich eigentlich hier gar nichts verloren hĂ€tte. Alles hĂ€tte ich nur unseren blöden Kolleginnen in ihrer unendlichen Neugier zu verdanken. Überdies sei mir das alles nur noch peinlich.
Ich war schon im Begriff, wieder aufzustehen, als er mich mit der Hand am Arm zurĂŒckhielt. Bei dieser Gelegenheit fielen mir seine perfekt manikĂŒrten und gestylten HĂ€nde auf. In einem Nagelstudio war er also auch noch gewesen.
„Bleiben Sie doch noch und unterhalten sich mit mir. Sie brauchen auch keine BefĂŒrchtungen zu haben, dass ich schwul wĂ€re. Nein, ich ticke ganz normal wie Sie.“
Ich sah in sein perfekt geschminktes Gesicht, trotz aller Farbe konnte ich eine gewisse Ehrlichkeit darin erkennen. Resigniert seufzte ich und setzte mich zögernd wieder hin. WĂ€hrenddessen lĂ€chelte er mich an: „Na sehen Se, isÂŽ doch gar nicht so schlimm. Wir fallen niemandem auf und können uns deshalb ungestört weiterunterhalten.“ „Wenn Sie mich anmachen wollen, sind Sie bei mir auf dem falschen Dampfer“, warnte ich ihn.
„Nochmals: Als Transvestit ist man nicht zwangslĂ€ufig schwul. Das möchte ich hier extra betonen. Ich hatte bis jetzt immer ganz normale Beziehungen mit Frauen, Von MĂ€nnern möchte ich nie und nimmer etwas wissen", belehrte er mich.
„Achja? Und warum verkleiden Sie sich dann so wie eine 
 eine 
Hure?“ Endlich war es heraus.
Er lachte. „Nun, vielleicht weil es mir Spaß macht und ich in meinem 'ganz normalen Leben' nur eine graue Maus bin. Sie sehen doch selbst, dass ich als Frau verkleidet alleine schon Ă€ußerlich das glatte Gegenteil davon bin. Ich falle auf und werde beachtet, das dĂŒrfte Ihnen inzwischen nicht entgangen sein. Immer wenn ich Lust dazu habe, tue ich es." Das sagte er zu mir, als wĂ€re es fĂŒr ihn das NatĂŒrlichste auf der Welt.
„Leiden Sie etwa an einer Bewusstseinsspaltung?“ Diese dumme Bemerkung tat mir schon wieder leid.
„Nun, wenn Sie so etwas als verrĂŒckt ansehen, dann ist das ihre Sache. Ich jedenfalls wĂŒrde mich deswegen nicht als psychisch kranken Menschen ansehen. Es ist einfach meine Art der Selbstverwirklichung."
Ich verstand nur noch Bahnhof und es musste ihm auch aufgefallen sein. Inzwischen erschien der „nette“ Kellner wieder an unserem Tisch, um mir mein GetrĂ€nk zu bringen.

Ich fragte Rurainski, wann denn das alles begonnen hĂ€tte und wie man denn darauf kĂ€me, zwischendurch mal als Diva durchs Leben zu stöckeln. Ich fĂŒhlte mich wie ein Journalist, der eine prominente Persönlichkeit interviewt. "War diese Frage schon zu indiskret?", ĂŒberlegte ich.
Er suchte jedoch tatsĂ€chlich nach einer ErklĂ€rung. "Vielleicht ist meine Mutter daran schuld gewesen. Sie hatte mich bereits im zarten Kindesalter stĂ€ndig als ihr NesthĂ€kchen betrachtet und mich am liebsten in Watte gepackt, da ich von der Körperstatur her immer zierlicher als mein großer Bruder und oft krank war. Sie wĂŒnschte sich eigentlich schon immer ein MĂ€dchen als zweites Kind und behandelte mich dementsprechend, manchmal besorgte sie MĂ€dchenkleider und zog sie mir an. Alle lachten mich aus deswegen. Anfangs schĂ€mte ich mich auch, aber irgendwann fĂŒhlte ich mich sogar wohl darin."
Sein Bruder hingegen sei ein grober Klotz gewesen, der bald von zu Hause ausgezogen wĂ€re. Wann immer es damals handwerkliche Arbeiten daheim zu verrichten gab, hĂ€tte immer dieser dran glauben mĂŒssen, ihn selbst habe man weitestgehend verschont mit so etwas. Bereits in der PubertĂ€t habe er gemerkt, dass irgendetwas anders bei ihm gewesen sei. Er habe diese Phase viel intensiver als viele Andere empfunden. SpĂ€ter habe er dann eine Lehre begonnen und nachdem er ausgelernt hatte, starben seine Eltern in geringem zeitlichem Abstand voneinander.
Seitdem wohne er jetzt schon mehrere Jahre alleine in seinem Elternhaus, da sein Bruder mit seiner Familie in einer anderen Stadt lebe.“
Ich erinnerte mich, dass er damals, als er bei uns zu arbeiten begann, noch sehr jung war, nicht Ă€lter als 18 Jahre. Ich bot ihm das "Du" an. „Sag mal, wie alt bist du jetzt eigentlich“, fragte ich ihn.
„Sechsundzwanzig, ich gehe leider schon auf die Dreißig zu“, meinte er scherzhaft.
Eigentlich wunderte es mich schon, dass er mir so freimĂŒtig seine bisherige Lebensgeschichte erzĂ€hlt hatte. Aber vielleicht suchte er ja auch nur jemanden, der ihm einmal richtig zuhören wĂŒrde, dachte ich mir.

Es war anzunehmen, dass er noch niemandem von seiner heimlichen Leidenschaft erzĂ€hlt hatte, und schon gar nicht seinen Freundinnen, oder vielleicht doch? „Hast Du ĂŒberhaupt schon mal mit einem Menschen darĂŒber gesprochen, was du in deiner Freizeit treibst?" Eine blöde Frage, die mir fast schon wieder leidtat.
„Nein, Du bist tatsĂ€chlich der Erste.“
„Oh, welche Ehre.“ Mehr wusste ich nicht darauf zu sagen. Er war mir nach wie vor sehr sympathisch, ganz gleich, ob als Mann oder als "Frau".
„Ich möchte nicht als neugierig erscheinen, Trotzdem interessiert es mich, wie du dann darauf kamst, dich als Frau zu verkleiden. Wie geht so was vor sich? Was empfindest du dabei?. Ich zum Beispiel betrachte mich als "normal" veranlagt. Oder ist diese Frage zu intim fĂŒr dich?“
Er strich sich durch seine kĂŒnstliche blonde MĂ€hne, ein Kunstwerk, das manche Frau erblassen ließ. „Das tut man nicht einfach so von einem Moment auf den anderen. Nein, es erfolgt schrittweise und vor allem mit einem stĂ€ndigen schlechten Gewissen. Es ist immer diese Angst da, von jemandem ertappt zu werden. Schon in der PubertĂ€t geriet es immer mehr zum Zwang, denn ich konnte mich nicht dagegen strĂ€uben. Ich habe mich zuhause in meinem Zimmer eingeschlossen, weil ich nicht von meinen Eltern gestört werden wollte. Zwischendurch habe ich meiner Mutter immer wieder KleidungsstĂŒcke geklaut. Es ging ja nicht anders. Ich versuchte, es so geschickt wie möglich anzustellen, da sie ja nichts von meiner Leidenschaft bemerken sollte.
Es ging jahrelang gut. Von meinem Taschengeld konnte ich mir selbstverstĂ€ndlich zum Beispiel keine BHs und Strumpfhosen oder gar Röcke und Kleider kaufen, das wĂ€re zu auffĂ€llig gewesen. Erst, als ich 19 Jahre alt war und mein erstes festes Gehalt bekam, wagte ich es, mir mit hochroten Kopf in KaufhĂ€usern entsprechende Dinge zu besorgen. Die stummen, aber vielsagenden Blicke der VerkĂ€uferinnen, ließen mich jedesmal in Grund und Boden versinken.
SpĂ€ter hatte ich es satt mit diesen andauernden LĂŒgen. Im Internet konnte man alles bei den entsprechenden VersandlĂ€den problemlos bestellen. Inzwischen habe ich mir eine beachtliche Kleidersammlung zugelegt.und wie bei jeder Frauengarderobe ist etwas passend zu jeder Gelegenheit dabei. Falls du also mit mir ausgehen solltest, wĂ€re es ĂŒberhaupt kein Problem. Aber warum erzĂ€hle ich dir so was, du kannst ja sowieso nichts damit anfangen und betrachtest mich als perversen Spinner, oder?“
Ich sah, dass ihm inzwischen jedes seiner Worte schon fast zu viel war und er mit den TrĂ€nen kĂ€mpfte. Vor allem die Schminke um seine Augen verlief immer mehr. Jeder von uns hatte sich den Abend anders vorgestellt, doch jetzt nahm er den Charakter einer Sitzung beim Psychologen an. Ich war hin- und hergerissen zwischen MitgefĂŒhl und Peinlichkeit und rang nach passenden Worten, wobei nicht nur meine HĂ€nde wie verrĂŒckt schwitzten. Ich wĂ€re am liebsten aufgestanden und gegangen, aber irgendetwas hielt mich zurĂŒck. Mitleidsvoll betrachtete ich diesen menschen, der von einer schillernden Dragqueen binnen weniger Momente zu einem HĂ€ufchen Elend zusammengeschrumpft war. Es fĂŒhrte dazu, dass ich völlig durcheinander war und nicht wusste, wie ich mich weiter verhalten sollte.
Mein Eindruck verstĂ€rkte sich, dass es in diesem schummrigen Cafe niemanden zu interessieren schien, wie ich mit einem weinenden Transvestiten an einem Tisch saß. In einem anderen Lokal hĂ€tte man wahrscheinlich hinter vorgehaltener Hand ĂŒber uns getuschelt.
Ich wartete ab, bis er sich beruhigt hatte. „Sag es mir bitte, wenn dir meine neugierige Fragerei zu viel wird. Ich denke auch, ich sollte jetzt langsam gehen."
Ich wollte schon der Bedienung signalisieren, dass ich zahlen wolle, da legte er seine Hand auf meinen Arm und hielt mich sanft zurĂŒck. „Bleib bitte noch, ich kann dir keine Antwort fĂŒr mein Verhalten geben. Aber lass uns einfach ĂŒber etwas Anderes sprechen. ErzĂ€hl doch mal etwas von dir, in der Arbeit scheinst du fast genauso verschlossen wie ich zu sein. Welche Leichen hast du im Keller?" Dabei lĂ€chelte er mich hinreißend an. "Ach ja, bevor ich es vergesse, versprich mir bitte, dass du mein Geheimnis fĂŒr dich behĂ€ltst. Es geht unsere lieben neugierigen Kolleginnen auf keinen Fall etwas an. Ich werde den Teufel tun, um mir vor ihnen eine solche BlĂ¶ĂŸe zu geben.“ Er hatte recht und ich schĂ€mte mich dafĂŒr, ihm hinterherspioniert zu haben. „Entschuldige bitte, ich wollte nicht in dein Leben eindringen, das war sehr dumm von mir. Es tut mir leid.“ Ich war ziemlich zerknirscht.
"Ist schon in Ordnung." Damit war es fĂŒr ihn erledigt und je lĂ€nger der Abend wurde, desto ausgelassener wurde unsere Laune. Heimlich musste ich mir eingestehen, dass ich fasziniert von dieser kĂŒnstlichen Schönheit war. Er verhielt sich wieder wie eine Frau und kokettierte mit mir. Im Gegenzug flirtete ich mit ihm. Von weitem betrachtet sah es wie ein normales Date zwischen zwei jungen Menschen aus. In mir ging dabei eine seltsame VerĂ€nderung vor, die mich an mir selbst zweifeln ließ. Ich konnte es nicht abstreiten, dass mir dieses Zwitterwesen immer besser gefiel, es erregte mich sogar.
„Du spinnst“, dachte ich mir. „Lass gefĂ€lligst deine Finger von ihr.“ Dann jedoch erzĂ€hlte sie mir etwas, was mir sehr zu denken gab. Sie behauptete nĂ€mlich, dass sie als gefĂŒhlte Frau ein komplett anderer Mensch sei. Sobald sie ihr Äußeres verĂ€ndern wĂŒrde, wĂ€re sie viel selbstbewusster und lange nicht mehr so schĂŒchtern wie sonst.
Das wĂŒrde Tobias jedes Mal in vollen ZĂŒgen genießen. Plötzlich schlug er mir vor: „Probier es doch einfach selbst mal aus, du wirst sehen, dass es eine völlig neue Erfahrung ist. Ich wĂŒrde dir dabei behilflich sein.“
Das konnte nicht sein Ernst sein, dachte ich mir, wie kommt er bloß auf sowas. Als Transe wĂŒrde ich mich nie auf die Straße trauen, widersprach ich ihm. Aber er bearbeitete mich jetzt erst recht und mein Widerstand wurde immer zaghafter. Trotzdem bĂ€umte ich mich ein letztes Mal auf und beendete die Diskussion, indem ich ihm zu verstehen gab, dass eine derart grenzĂŒberschreitende Erfahrung außerhalb meiner Vorstellungskraft liegen wĂŒrde.

Einige Stunden spĂ€ter begleitete ich ihn galant zu seinem Auto, da wir ja beide denselben Weg hatten. In den dunklen ParkhĂ€usern ist es schließlich nachts fĂŒr eine alleinstehende „Frau“ ziemlich gefĂ€hrlich. Außerdem gebe es genug Typen, die ihn schon des Öfteren wegen seines Aussehens angemacht hĂ€tten, verriet er mir. Da er sich nicht mehr so sicher in seinen High-Heels fĂŒhlte, hakte er sich kurzerhand bei mir unter. Unterwegs fingen wir uns die ĂŒblichen verstohlenen Blicke von einigen NachtschwĂ€rmern ein, Tobias störte dies wenig, mich dagegen umso mehr. "Glotzt nicht so blöd", hĂ€tte ich ihnen gerne entgegengerufen, ließ es jedoch bleiben, um keinen Streit zu provozieren.
Bevor wir uns endgĂŒltig trennten, versprach ich ihm nochmals, dieses kleine Geheimnis fĂŒr mich zu behalten. Dann verabredete ich mich mit ihm fĂŒr den nĂ€chsten Abend, wo ich ein ungewöhnliches Experiment starten wollte.

__________________
hh

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DocSchneider
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Hallo fossie, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

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Eine Geschichte mit ĂŒberraschenden Wendungen hast Du Dir ausgedacht, die am Ende nach Fortsetzung ruft - Du solltest allerdings den Anfang packender gestalten und die ersten AbsĂ€tze etwas raffen. Die Szenen im BĂŒro sind zu langatmig geraten.

Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

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fossie
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Hallo xavia,

tja, diese FlĂŒchtigkeitsfehler. Ich habe kĂŒrzlich meinen neuen Roman zweimal korrekturmĂ€ĂŸig ĂŒberarbeitet und trotzdem bin ich mir sicher, dass wieder irgendwelche FlĂŒchtigkeitsfehler auftauchen. Dabei habe ich schon gehört, dass manche sage und schreibe schon 14 mal drĂŒbergegangen sind und es war nicht perfekt. Also Entschuldigung fĂŒr diese dĂ€mlichen Fehler. Irgendwo nerven sie einen auch, aber ich denke, da wirst du mir zustimmen. Danke jedenfalls fĂŒr die Aufmerksamkeit.

Viele GrĂŒĂŸe

fossie
__________________
hh

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