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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles nur Show
Eingestellt am 05. 03. 2015 18:26


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TilliUlenspeel
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2015

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Alles nur Show!

Schon wieder dieser Typ! Seine h├╝ndische Ergebenheit geht mir auf den Senkel. Und nach der Vorstellung muss ich vermutlich wieder gute Miene machen, damit Charleene, meine Chefin, nicht ihren besten Kunden verliert.
Er kommt jeden Tag. Sitzt ganz vorne an der B├╝hne, meist ein Glas Champagner in der Hand und glotzt mich an, als wenn ich das achte Weltwunder w├Ąre.
Letztens sagte er zu mir:\"Ich bin nicht schwul, aber ich w├╝rde gern...\". Wie oft habe ich das schon geh├Ârt?! Es ist ekelhaft.

Wenn ich tags├╝ber durch die Stadt laufe, erkennt mich keiner.
Ich bin eher der schm├Ąchtige Typ. Der, der nirgendwo auff├Ąllt. Und nach der Show sehe ich nach dem Abschminken wieder genauso nichtssagend aus.

Doch das Abschminken bekommt er nicht mit.

Auch das Schreiten auf Stilettos habe ich m├╝hsam lernen m├╝ssen. Es stundenlang vor dem Spiegel ge├╝bt, bis ich mich eines Tages tats├Ąchlich fast von mir selbst anget├Ârnt f├╝hlte.
Mein Selbstwertgef├╝hl stieg mit steigender Absatzh├Âhe. Man kann heute sagen, mein Ego befindet sich auf 14,5 cm - in Plateau gemessen. Aber das auch nur auf der B├╝hne.

Tags├╝ber sortiere ich im Baumarkt Regale und gie├če die Blumen im Gartencenter. Ich bin der Depp f├╝r alle.

Ich muss raus.

Mein Auftritt.

Meine B├╝hne.

Heute bin ich \"La Dietrich\" und das hei├čt, es ist absolutes MUSS, etwas besonders Auffallendes und Hochwertiges zu tragen. Marlene selbst w├Ąhlte nur das Beste vom Besten, denn sie wusste, dass sich immer \"ein Kenner in der Menge\" befindet. Jedes Detail muss perfekt sein. Und wie sie, spiele auch ich gern mit der Ambiguit├Ąt von Maskulinem und Femininem.
Allerdings habe ich in ihrer Rolle einen Vorteil. Ich musste mir nicht die Backenz├Ąhne ziehen lassen, um hohlwangig auszusehen. Au├čerdem musste ich keine Di├Ąt machen, um 10 kg abzunehmen, wie einst von ihrem ersten Regisseur gefordert.

Die Musik setzt ein.

Ich erhebe meine Arme und schreite langsam in die Mitte der B├╝hne. Mein glitzerndes, silbernes Paillettenkleid sitzt hauteng und hat einen langen Schlitz, der meinen rechten Oberschenkel immer etwas freigibt, wenn ich mich so wie jetzt bewege.

Ich bin da!
Ich bin Marlene!

Gehe ganz in meiner Rolle auf. Ich sehe seine bewundernden Blicke.
Sie fressen mich fast auf.

Wenn er w├╝sste...


Ich taste unauff├Ąllig nach dem kleinen zusammengefalteten St├╝ck Papier unter meinem BH-Tr├Ąger. Es ist noch da.

Morgen werde ich mich demaskieren.

Mein wei├čer Pelz umh├╝llt mich und ich f├╝hle mich durch ihn sicher und gesch├╝tzt.
Ich singe: \"Johnny, wenn du Geburtstag hast...\" , steige dabei langsam die Stufen von der B├╝hne herunter, bewege mich lasziv und schenke ihm einen tiefen Blick. Mit einer unauff├Ąlligen Handbewegung greife ich unter meinen Pelz, lasse den kleinen zusammengefalteten Zettel in meiner Hand verschwinden und ihn Sekunden sp├Ąter auf seinen winzigen runden Tisch fallen, w├Ąhrend ich weitersinge: \"Johnny, ich tr├Ąum┬┤ so viel von dir. Ach, komm doch mal zu mir. Nachmittags um halb vier...\"

Mich kotzt dieses Theater an. Aber anders werde ich ihn nicht los. Die Rosen und Pralinen, die nachts in meine Garderobe gebracht werden, verschenke ich an die alte Frau Bremer, die mir morgens immer einen Kaffee und Brote bringt, bevor ich zur Arbeit muss. Ich habe keine Zeit f├╝r solch aufwendige Sachen wie Fr├╝hst├╝ck machen. Die Nacht ist zu kurz und ich muss p├╝nktlich im Baumarkt sein.

Das Lied ist zu Ende. Nachher muss ich noch die \"kesse Lola\" aus dem blauen Engel geben. Aber dann ist Schluss f├╝r heute. Falls Charleene nicht andere Pl├Ąne f├╝r mich hat.
Man muss seine G├Ąste hofieren, pflegt sie zu sagen. Das hei├čt, ich m├╝sste mich charmant mit der schlecht gemachten Kopie von Mr. Sky du Mont unterhalten, ein paar Gl├Ąschen mit ihm trinken und auf interessierte Plaudertasche machen. Seine H├Ąnde immer wieder von meinen Oberschenkeln schieben und seinen ekeligen, feuchten K├╝ssen ausweichen, die er gerne auf meinem ganzen K├Ârper verteilen w├╝rde, wie er mir in anges├Ąuseltem Zustand offenbart hatte.

Kapieren die Kerle eigentlich nicht, dass es f├╝r mich eine Passion ist? Eine Leidenschaft, die ich auslebe, weil ich nicht anders kann. Weil ich gerne ein Paradiesvogel bin in der Nacht.
Tag├╝ber unbeachtet und nachts das krasse, glamour├Âse Gegenteil! Ich liebe den Applaus und sauge ihn ein. Er ist mir Energie f├╝r meinen grauen Alltag, in dem sich nie etwas Besonderes ereignet.

Ich habe Gl├╝ck. Heute komme ich p├╝nktlich nach Hause. Ich nehme eine M├╝tze Schlaf, stehe wieder auf, gehe zur Arbeit und mache um 15 Uhr Feierabend. Gleich wird es soweit sein.

Die Stra├čenbahn kommt. Ich steige ein. Merke, dass ich jetzt doch ein wenig Angst vor meiner eigenen Courage habe. Da h├Ąlt sie auch schon am Rosenpark und die Angst ist wie weggeblasen.
Jetzt spiele ich keine Rolle mehr. Bin ganz ich selbst und bewege mich wie ein normaler Kerl, der gerade Feierabend hat. Ich schreite nicht, ich latsche. Ich trage kein Paillettenkleid oder irgendein knappes Kost├╝mchen mit Strumpfhalter und Netzstr├╝mpfen, sondern meine schwarze Jeans und einen Kapuzenpullover.

Auf der Bank am Brunnen sehe ich ihn schon sitzen. Er hat wieder einen Strau├č Rosen in der Hand.
Ich gehe gem├Ąchlich auf ihn zu und tue so, als w├╝rde ich die Jugendlichen beobachten, die dort auf der Wiese ihren Spa├č haben. Dann setze ich mich auf die Bank.
\"Verschwinde hier, ich habe ein Date\", zischt er und sein Gesicht ist unwirsch verzogen.

Ich fange an zu singen: \"Johnny, wenn du Geburtstag hast...\"








Version vom 05. 03. 2015 18:26

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DocSchneider
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