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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles nur Spaß
Eingestellt am 09. 06. 1999 00:00


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Alles nur Spaß
Als der Wolkenbruch losging, waren die Männer mit ihrer Arbeit fast fertig und sie beschlossen, für diesen Tag Schluß zu machen. Sie hatten viel geschafft und es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Dunkelheit der Wolken von der Dunkelheit der Dämmerung abgelöst werden würde. Unter dem Schutz ihrer Bauhelme waren sie auf die nahe Kneipe zugelaufen. Schon beim ersten Blick durch den schummrigen, rauchigen Schankraum waren sich die Männer ihrer intellektuellen Überlegenheit bewußt; junge Akademiker die sie waren, Architekt der eine, einer Bauingenieur und der dritte ein Statiker. In der Kneipe dagegen nur einheimische Dörfler, alte Männer, einfache Leute. Die drei wählten einen runden Tisch, an dem bereits ein alter Mann saß, denn, obwohl es noch früh am Abend war, war kein einziger Tisch in der kleinen Bude frei. Sie fragten den Alten - pro forma - ob sie sich dazu setzen dürften und dieser nickte, wobei die selbstgedrehte Kippe in seinem Mundwinkel auf und ab hüpfte und ihre aschige Spitze auf den Tisch fiel. Der Wirt, sichtlich erfreut über die drei unerwarteten Gäste, nahm entsprechend freundlich die Bestellung auf. Die Männer bestellten Bier. Die erste Runde leerten sie auf Ex und bestellten das Gleiche nochmal. Sie sprachen die Ereignisse des Arbeitstages durch. Der Alte saß schweigend daneben und nippte von Zeit zu Zeit an seinem Glas. Zwei Runden weiter ließen die Männer die Arbeit als Thema fallen und sprachen über dies und das. Sie waren auf Montage hier, die gewohnten Betten und die Familien, soweit vorhanden, hunderte Kilometer entfernt und das einzige, was der Tag ihnen noch bringen würde, war ein leeres Hotelzimmer. Deshalb hatten sie es nicht eilig und sie konnten ruhig noch einen trinken, es würde schon nichts schaden. Im Gegenteil, es würde auch den Druck etwas wegnehmen, den ihr erhöhter Hormonspiegel auf sie ausübte, denn hier, in diesem Dorf, wäre die einzige Möglichkeit zu einem Fick zu kommen wohl die, sich gegenseitig zu ficken. Doch Gott bewahre, schwul waren sie nun wirklich nicht! Sie erzählten ein paar Zoten, um sich gegenseitig ein bißchen auf die Schippe zu nehmen, dann tauschten sie ein paar Schwulenwitze aus. Ihre Stimmung wurde besser, das Bier machte ihre Köpfe angenehm leicht. Schließlich ließ der Bauingenieur einen Blondinenwitz hören. Alle lachten. Plötzlich war durch das Lachen hindurch die fremde Stimme des Alten zu hören: "Entschuldigung", sagte er heiser, aber deutlich, "meine Frau ist letzten März verstorben, sie war blond! Ebenso wie meine Tochter blond ist, die lebt jetzt in Amerika..." Das Lachen brach ab, die Männer blickten verlegen in die Runde. Der Wirt hatte die Sache mitbekommen, denn er tauschte gerade die leeren Gläser gegen volle aus. Der Alte blickte ihn auffordernd an, doch der Wirt zuckte nur mit den Schultern, als wollte er sagen, ich hab damit nichts zu tun, ich bin für die Getränke verantwortlich, aber nicht für die Gäste... Der Alte bestellte einen Schnaps und der Wirt stellte ihn vor ihn hin mit den Worten: "Der geht auf mich." Der Alte nickte kaum wahrnehmbar, schüttete den Schnaps runter und begann dann, sich eine neue Zigarette zu drehen. Die Bauleute waren etwas ruhiger geworden, hatten sich ein unverfängliches Thema vorgenommen. Als der Alte rauchte, wedelte sich der Statiker mit einem Bierdeckel auffällig vor dem Gesicht. Die drei rauchten nicht. Der Architekt ging pinkeln. Er hatte gerade den Reißverschluß offen, da trat dr Bauingenieur an das Pinkelbecken neben ihm. "Ganz schön lästig, der alte Sack!" "Allerdings. Soll er doch gehen, wenn er in seiner schlechten Laune baden will." "Genau, zwei Schritte und er sitzt am Tisch bei den anderen trübseligen Dorftrotteln." Sie zogen ab und gingen gemeinsam zurück an den Tisch. Der Alte saß reglos in der Ecke, ihr Kollege stierte in sein Bier und spielte mit dem Bierdeckel. Er war sichtlich erleichtert, als die anderen wieder auftauchten. Sie schwiegen einen Moment, winkten dann dem Wirt nach neuem Bier und sprachen wieder über die Arbeit. Gegenseitig berichteten sie sich von den größten und spektakulärsten Gebäuden, an deren Bau sie mitgewirkt hatten. Schließlich kamen sie auf spektakuläre Pannen und Bauunfälle zu sprechen und als der Architekt davon erzählte, wie einem Bauarbeiter bei einem Struz beide Beine abgetrennt wurden, fragte der Statiker spontan in die Runde: "Wißt ihr, wie der sich seit dem fortbewegt?" Erwartungsgemäß tauchten in den Gesichtern der Kollegen Fragezeichen auf. Noch einen Moment zögerte er die Pointe heraus, dann sagte er prustend: "Er macht Eierlaufen!" Gröhlendes Gelächter! "Oder Sackhüpfen!", ergänzte der Architekt. Die Männer prusteten und schlugen sich auf die Schenkel. "André!", schrie der Alte zum Wirt, "Ich will nach Hause!". Diesmal ließen die Männer sich nicht von dem alten Griesgram stören. Sollte er doch endlich abhauen! Sie lachten weiter und wischten sich Tränen aus den Augen. "Sackhüpfen.", wiederholte der Bauingenieur und kicherte erneut. Unterdessen kamder Wirt mit einem Rollstuhl heran. Der Alte legte etwas Kleingeld auf den Tisch, um seine Rechnung zu begleichen, stützte sich dann mit den Händen auf die Tischplatte und wuchtete seinen Körper in den Rollstuhl. Unmittelbar unter seinem Rumpf waren seine Hosenbeine umgenäht, die leeren Enden flatterten über den Sitz. Wortlos griff er an die Reifen und rollte davon. Am Tisch herrschte völliges Schweigen. Der Wirt zuckte mit den Achseln, so als wollte er sagen, naja, sowas kann ja mal passieren... Die Männer waren jetzt deutlich nüchterner, als noch vor einer Minute. Keiner von ihnen wußte etwas zu sagen. Es was doch alles nur Spaß gewese.


(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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