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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles oder Nichts
Eingestellt am 12. 12. 2015 20:08


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Bunsy
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2015

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Alles oder Nichts

Hundert, hundertzwanzig, hundertfĂŒnfzig zeigt die Tachonadel an. Die Autobahn ist leer, es ist mitten in der Nacht. 02:43 Uhr zeigt die Digitale Uhr im Armaturenbrett an. Ich weiß nicht genau, wie lange ich schon unterwegs bin. Vielleicht seit 21 Uhr. Vielleicht etwas spĂ€ter. Ich merke auf jeden Fall nichts mehr von den fast zwei Litern Bier, die ich vor Fahrtantritt getrunken habe. Auch keinen Kater. Die zwei Schmerztabletten tragen, auf die gewĂŒnschte Art und Weise, ihren Teil dazu bei. Zwar fallen mir immer wieder die Augen zu, aber ich kann jetzt nicht anhalten.
Weiß, weiß, weiß, weiß
der Mittelstreifen will mich immer wieder in seinen Bann ziehen. Komm, komm mit mir! Lass dich gehen, wĂ€hrend die Jungens von Hot Lunch mich immer wieder zurĂŒck in die RealitĂ€t katapultieren, und zwar genau in dem Moment, in dem ich die Kontrolle ĂŒber mich und das Fahrzeug verliere. Kurz vor Hamburg wĂ€re ich fast in eine Baustellenabsperrung gefahren, mit einem lĂ€cheln auf den Lippen. Mit jedem weiteren Kilometer, den ich mich von zu Hause entferne, entferne ich mich auch einen Kilometer weiter von allem. Von den Verpflichtungen, den Sorgen, der Angst.
Mein eigentliches Ziel war Hamburg, aber ich habe die Abfahrt einfach verpasst. Jetzt gibt es kein zurĂŒck mehr. Ich bin direkt daran vorbei gefahren. Wenn man sich vorstellt, dass ich knapp 300 Kilometer Zeit hatte mich auf die Abfahrt vorzubereiten, klingt das schon fast lĂ€cherlich. 300 Kilometer geistige Leere, dunkler Raum, Hypnose, Scham und Schmerz. Die AbwĂ€rtsspirale der Angst und dann verpasse ich die Abfahrt in die unbeschwerte Vergangenheit. Der Hafen. Der sichere Hafen. Hier endete das, was nie hĂ€tte enden sollen. WĂ€re ich doch bloß in dieser scheiß Stadt geblieben.
Der sichere Hafen.
Dort unten an den LandungsbrĂŒcken, gleich an der U-Bahn Station an der Treppe.
Heimat? Was auch immer. Ab hier lĂ€uft die Zeit rĂŒckwĂ€rts und ich Idiot verpasse die Ausfahrt. Einfach dran vorbei. Den Blick auf die Tachonadel gerichtet und auf die weiße Markierung.
On the Road.
Und den Absprung verpasst.
Mal wieder.
Ob ich das jemals schaffen werde?
Jetzt bin ich kurz vor Flensburg und mein Tank neigt sich dem Ende zu. Schon seit geraumer Zeit blinkt die Anzeige wie eine Nachricht aus einer fernen Welt, ganz ohne Sinn und Bedeutung. Sie blinkt einfach und ich will sehen, wohin mich das Schicksal verschlĂ€gt. Darauf lasse ich es jetzt ankommen. Auf das Schicksal. Ich gebe mich ihm hin, als Marionette einer höheren Macht. Was bleibt mir anderes ĂŒbrig. Planen lĂ€sst sich sowieso nichts mehr in diesen Zeiten.
Verloren.
FahrÂŽn und fahrÂŽn auf der Autobahn.
Und mal schauen, was das Leben fĂŒr mich bereit hĂ€lt.
Dann versagt irgendwann das Vehikel und bleibt stotternd am Seitenstreifen stehen. Inklusive mir. Im Nirgendwo. Was aber immer noch besser ist als all das, was hinter mir liegt. Und schaue ich gen SĂŒden, dann sehe den Himmel orange leuchten. Als ob das Feuer, welches ich hinter mir gelassen habe, voller Wut um sich greift, mich sucht und ausschlĂ€gt in der Hoffnung mich zu treffen. Und sein Hunger ist nicht gestillt, solange ich nicht vor Schmerzen schreie.
Das Auto ist mir egal und ich renne die Böschung neben der A7 hinunter ins Dunkel und noch nie war das Nichts so einladend wie in diesem Moment. Da war einfach nichts. Kein Licht, und Meter fĂŒr Meter entfernte ich mich von den GerĂ€uschen der Autobahn. Hinein in ein Meer aus Isolation. Einem Ort, der jedem anderen so befremdlich und Angst einflĂ¶ĂŸend vorkommt, mir aber dem Paradies gleichkam. Und wĂ€hrend der Boden unter meinen Vans immer weicher wurde, verschwanden langsam jegliche Konturen um mich herum. Waren doch erst noch die Silhouetten der BĂŒsche und BĂ€ume erkennbar, sind es jetzt nur noch meine FĂŒĂŸe, die im Rennen tasten und sich ihren Weg in die Einsamkeit schlagen. Auch das Feuer scheint zu erlöschen, dort am Horizont hinter mir. Nur ein schmaler Schein lĂ€sst erahnen, wo es wĂŒtet und schonungslos sein Unwesen treibt.
Nur noch ein paar Meter, dann habe ich es geschafft und es verliert endgĂŒltig meine FĂ€hrte.
Laufen. Laufen. Immer weiter laufen.
Wenn der Schein auch trĂŒgt, das Nichts kann unglaublich imposant sein. Ist es doch der Ort, an dem sich jede Seele verliert und genau deshalb ist es so reich an Erfahrung. Wie der Schlaf im Schoße der verlorenen Mutter, behutsam gebettet in der Idee einen neuen Anfang zu finden, im Dunkeln.
Im Nichts.
Und wÀhrend des Laufens, greife ich in meine Hosentasche, nehme meine Portmonee und werfe es einfach weg.
Nehme mein Handy und werfe es einfach weg.
Und in diesem Moment wird die Dunkelheit so greifbar, dass sie einer Wand gleicht und dem Nichts seine Gestalt gibt.
Ich bleibe stehen, hebe meinen Kopf und sehe kein Ende. Gucke ich nach links und rechts, so sehe ich kein Ende. Ich stehe vor dem Nichts. Dann wird mir klar, dass das Nichts ja auch nur unendlich sein kann, aber wenn es unendlich ist, wie soll ich dann jemals wieder aus ihm herausfinden? Betrete ich es, so wird es mich schlucken und jede andere Dimension geht verloren.
„Möchten Sie die Objekte im Papierkorb wirklich endgĂŒltig löschen? Diese Aktion kann nicht widerrufen werden!“
Einen Schritt weiter nur.
Komm. Komm mit mir!
All das kann ich hinter mir lassen.
„Einen Schritt weiter nur.“
„Komm. Komm mit mir.“
„Wer bist du?“, rufe ich der Stimme zu, die aus dem Nichts auftauchte.
„Ich bin Nichts und wieder Nichts. Ich gebe dir Nichts und will alles.“
„Was soll das fĂŒr ein scheiß Deal sein, verdammt? Hast du nicht mehr zu bieten?“
„Nein, ich habe Nichts zu bieten, also lass dich darauf ein, viele haben schon etwas aus dem Nichts erschaffen oder geh` fort, dann passiert dir nichts.“
Und ich lehne mich kurz an einen Baum, den ich gerade noch ertasten kann, hier kurz vorm Nichts. Immer noch atme ich schwer, ringe fast nach Luft. Meine Brust schmerzt, meine Beine auch. Immer und immer wieder kreisen meine Gedanken um Nichts.
Einen Schritt weiter nur.
Am Horizont noch brennt das Feuer und ich sehe seinen orangefarbenen Schein.
„Ist es das wert?“ frage ich mich.
All das hergeben fĂŒr Nichts?
Und dann drehe ich mich um und gehe zurĂŒck in die Richtung, aus der ich gekommen bin.
„Hey! Bist du dir sicher?“
„Ja, so ziemlich! Was soll ich denn bei dir? Mich erwartet Nichts. Ich weiß nichts. Und was ist das ĂŒberhaupt fĂŒr ein scheiß deal? Du solltest an deiner Performanz arbeiten. Du hast nichts vorbereitet. Einfach nichts. Dann will ich mich doch lieber dem stellen, was mich dort am Horizont erwartet. Ich lasse es auf mich zu kommen. Irgendwie lĂ€sst sich das schon regeln. Besser als Nichts.“
Der Boden unter meinen FĂŒĂŸen wird langsam wieder fester. Der Himmel wird zwischen all den BĂ€umen wieder erkennbar und lĂ€sst seine Sterne fĂŒr mich tanzen. Noch einmal drehe ich mich um.
„Aber hey! Mach dir nichts draus!“ rufe ich noch zurĂŒck.
Dann greife ich mir eine Zigarette aus der Innentasche meiner Jacke, zĂŒnde sie an und muss anfangen zu lachen. „Mach dir nichts draus“, wiederhole ich leise.
Nach ein paar Metern wird mir dann auch bewusst, dass der orangefarbene Schein am Horizont nichts anderes war, als das Licht einer RaststÀtte. Shell. Shell steht da. Eine riesige Muschel. Rot, gelb.
Von den FĂŒnfzig Euro, die ich noch im Auto liegen habe kaufe ich mir einen Kanister Sprit, zwei 0,5 Liter Dosen Bier und Kippen. Dann gehe ich zurĂŒck zum Auto, gebe im Navi „LandungsbrĂŒcken“ ein und fahre los.

__________________
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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

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Hallo bunsy!

Schwierig, deine Geschichte zu kommentieren.

Mal sehen, ob ich sie richtig verstehe: Ein Mann ist auf der Flucht. Wovor, bleibt offen. Vor dem Alltag? ("Verpflichtungen, Sorgen"), vor der RealitÀt? ("nichts planen können in dieser Zeit"),vor etwas, was er getan hat? ("Scham, Schmerz, Feuer am Horizont, Unwesen treibt").
Auf der Suche nach Vergebung?, Vergessen?, dem sicheren Hafen?, der Heimat? ("Sclafen im Schoße der verlorenen Mutter"-
Dann begegnet er dem Nichts, das ihn lockt, und widersteht ihm. Kehrt zurĂŒck ins Leben.

Also: Ein verzweifelter Mensch, der kurz vor dem Selbsmord steht, aber den endgĂŒltigen Schritt nicht schafft oder nicht will.

Richtig?

Deine Sprache ist sehr suggestiv. Obwohl du viele Fragen nicht beantwortest, ziehst du den Leser mit in den Sog der Gedanken und GefĂŒhle deines Protagonisten.

Gut gemacht!

Gruß, Hyazinthe

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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 328
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Ganz ehrlich, Bunsy, so ganz verstehe ich die Geschichte nicht. Schon deshalb nicht, weil sie fĂŒr mich einige Ungereimtheiten aufweist. Ich seh das ja immer ganz pragmatisch:

quote:
Ich merke auf jeden Fall nichts mehr von den fast zwei Litern Bier, die ich vor Fahrtantritt getrunken habe.
Mindestens fĂŒnf Stunden non-stop unterwegs mit zwei Litern Bier intus? Kaum möglich, dass man die nicht mal zwischendurch „auskippen“ muss.
quote:
Mein eigentliches Ziel war Hamburg, aber ich habe die Abfahrt einfach verpasst.
„Die“ Abfahrt? Egal, aus welcher Richtung Du kommst (ich nehme mal an, aus SĂŒden) – es gibt immer mehrere Abfahrten. Da kann man Hamburg nicht einfach verpassen.

Und dann mit zwei weiteren Dosen Bier von Flensburg nach Hamburg? Gute Fahrt! Vielleicht ist ja Sonntag und Du kannst auf dem Fischmarkt ein paar Rollmöpse gegen den Kater bekommen!

Gruß Ciconia

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Bunsy
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2015

Werke: 8
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Hallo Hyazinthe!

Ja genau, damit hast du es sehr gut erfasst.
Ich habe mich mit dieser Geschichte mal an etwas "abstrakteres" gewagt, da meine sonstigen Storys eher realistisch sind. Deshalb war ich mir anfangs auch nicht sicher, ob denn alles nachvollziehbar ist, aber anscheinend hat das ganz gut geklappt.
Vielen Dank fĂŒr deine Meinung!

Hi Ciconia!

Nun ja, also mir kam es im Gesamtkontext der Geschichte und dem was ich damit zum Ausdruck bringen wollte irrelevant vor, nÀher auf die FÀhigkeiten der Blase des Protagonisten einzugehen. Ich habe jedoch auch nicht erwÀhnt, dass er non-stop durchgefahren ist.
Rein pragmatisch betrachtet hast du natĂŒrlich auch mit deiner Anmerkung zu der Ausfahrt/ den Ausfahrten recht, vielleicht gab es fĂŒr den Protagonisten aber nur die eine Ausfahrt, die Ausfahrt die ihn direkt zum Hafen/LadungsbrĂŒcken fĂŒhrt. In seinem eher Apathischen und in Gedanken verlorenen Zustand sind die darauf folgenden Abfahrten keine Option mehr, da sie damit verbunden sind Umwege zu fahren und sich mit der RealitĂ€t zu befassen.
Vielen Dank auch fĂŒr deine Anmerkungen!



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