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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alles oder nichts: das Dilemma eines Verliebten
Eingestellt am 07. 02. 2001 22:30


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georgemueller
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 7
Kommentare: 2
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Ich sollte eigentlich jene Tat des heutigen Abends nicht zu Papier bringen, einerseits aus der anzunehmenden GefĂ€hrdung meines derzeitigen Buchprojektes, das ohnehin nicht in die GĂ€nge kommen will, somit jedoch dem endgĂŒltigen Untergang geweiht wĂ€re, andererseits weil ich bis zu diesem Zeitpunkt immer der bedrĂŒckenden Auffassung gewesen bin, dass ich jene GefĂŒhle (ein Gemisch aus berauschender WĂ€rme, sternförmigen Funken der Aufregung im Leibe und dem unkontrollierten Zittern kribbelnder HĂ€nde), welche ich nur schon beim indirektesten Gedanken an ... empfinde, nicht in den wĂŒrdigen Worten auszudrĂŒcken vermag, obwohl ich nichts lieber als das tĂ€te, um meine verschwiegene Sehnsucht wenigstens dem Papier zu offenbaren.

Der Tatsache bewusst, dass manch ein anderer Verliebter, der zum ersten Mal in seinem menschlichen Dasein bis anhin unbekannte, prickelnde GefĂŒhle verspĂŒrt, welche ihn dem Wasserfall einer frisch geöffneten Champagnerflasche gleich ĂŒbergiessen und klares, pragmatisches Denken, eine in der heutigen Zeit von solcher Bedeutung gereichende Notwendigkeit, verunmöglichen, wenn seine Gedanken sich der ihm nahestehenden Frau widmen, diese Absicht auszufĂŒhren nicht fĂ€hig ist, vermag mein ĂŒberhitztes Bestreben, mein sehnsĂŒchtiges Empfinden in Worte zu fassen, nicht zu kĂŒhlen. Es soll mir jetzt ganz einfach gelingen und sei es ein BĂŒndnis mit dem Teufel, welches mir dazu verhilft, mein stetiger Drang, der nach jeder verstrichenen Zeiteinheit um ein Vielfaches anwĂ€chst und bald eine gefĂ€hrliche Höhe zu gewinnen droht, zu verwirklichen respektive zu befriedigen. Biologischer DrĂ€nge kann man sich ohne weitere Schwierigkeiten entledigen, aber jener vorhin umschriebe Drang spurt gar auf eine schizophrene Schiene: Ein erregter Disput meiner selbst gegen eine innere Stimme lĂ€sst er aufflammen, der sich selbst in einer bedeutenden PrĂŒfung in den Vordergrund zu stellen wagt, ohne das ich mich dagegen verwehren könnte.

Ich muss nun endlich meine nass geschwitzten HĂ€nde, deren Gestank meine Nase erbost rĂŒmpfen lĂ€sst, durch die im Zimmer vorherrschende dicke Luft bewegen, die Hand muss die schwere SphĂ€re durchstossen, bald habe ich es geschafft, das Telefon scheint nicht mehr weit, auch wenn die nebulöse Umgebung meinen Augen, auf deren Iris ein pochendes rotes Herz, vom Pfeil des Amors durchbohrt, das sich durch die Erinnerung an ... nĂ€hrt, die Sicht versperrt. Ich wĂ€hle die Nummer, rufe ihr an und lade sie ein.
In diesem Moment ĂŒberflutet eine Welle der Aufregung das Ge-stade. Mein Inneres scheint zu explodieren.

Die Frage...
SpÀtabends, nach dem Rendezvous.

Es ist geschehen, aus und vorbei, die nackte RealitĂ€t hat die romantischen TrĂ€ume platzen lassen und den TrĂ€umenden in einen Tunnel der Finsternis gefĂŒhrt, aus dem er keinen Ausweg, kein Licht zu finden sich in der Lage fĂŒhlt. Ist es denn ein Befehl von oben, oder vielleicht die Strafe fĂŒr das mit dem Teufel eingegangene BĂŒndnis, welche mir jeden bisherigen Versuch eine Beziehung, die auf nettem ZulĂ€cheln und bescheidenem HĂ€ndeschĂŒtteln beruht, auszubauen, begraben lassen haben? Oder ist es meiner eigen Manko, im richtigen Moment die passenden Worte und die opportunen Handlungen einzuleiten? Demnach kĂ€me die Liebe einem Theater gleich, Protagonisten und deren Inszenierung sind im Drehbuch vorgegeben, und das geringste Abweichen von der gelegten Schiene des Autors, einem Despoten der Liebe, liesse die dampfende Lokomotive entgleisen. Habe ich deshalb kein Erfolg, weil ich mich dem Drehbuch widersetze und andere Wege beschreite? Wenn dem der Fall, wird mir nun bewusst, werde ich nie eine ernsthafte Beziehung aufbauen können. Liebe ist ein Synonym fĂŒr grenzenlose Freiheit, wie die Freiheit der unendlichen Ozeane es ebenfalls ist. Wenn diese Welt, auf der wir leben, die Freiheit einschrĂ€nkt oder gar einkerkert, und es mir nicht gelingt sie zu befreien, so werde ich wohl auf immer und ewig ein verzweifelter und niedergeschlagener Gefangener bleiben, jeglicher Fluchtversuch wird in einem folgenschweren Fiasko enden, ich werde ein HĂ€ftling auf Alcatraz sein, dem HochsicherheitsgefĂ€ngnis aus der Vergangenheit. Niemals ist es an jenem grausamen Orte einer Seele gelungen, seinem Urteil zu entweichen.
Ich habe den Abend vermasselt. Warum nur?


...deren Antwort...
Wochen spÀter.

Die innere Stimme scheint die Antwort gefunden. Wie sie in anregendem Stil ihre Ansichten meiner kundtut, auch diesmal wieder zu einem sichtlich ungĂŒnstig gewĂ€hlten Zeitpunkt, und die Funken bald ein loderndes Feuer der Überzeugung entfachen, atme ich innerlich vor Erleichterung auf. Despoten der Liebe gibt es nicht, hat es nie gegeben und wird es auch nie geben. Meine vorhin niedergeschriebenen Gedanken waren lediglich Schuldzuweisungen, Schuld, die ich selbst zu tragen habe und aus Frust und Verblendung den Drehbuchautoren zugewiesen habe, ein GelĂ€chter provozierendes Paradox, habe auch ich ein solches Buch geschrieben, jedoch nie vollendet. Das Scheitern, meint die innere Stimme, liegt in meiner FĂŒhrungsschwĂ€che, ja, ich bin nicht dazu befĂ€higt, sei es aus Mangel an Mut oder Reife, die Schienen der Liebe aus eigener Kraft zu legen. Wie sollte ich auch, wenn mir die nötigen Kenntnisse nie anvertraut wurden?

Du brauchst eine FĂŒhrungskraft, wie sie es ist, behauptet die innere Stimme, als ich vor dem Kaffeeautomaten, dessen ausgespuckte BrĂŒhe meine Lebenserwartung um zehn Jahre senkt, warte und in die glĂ€nzenden Augen einer mittelgrossen, sympathischen Blondine blicke, deren lockiges Haar wie Blumen voller Frische herrlich duftet. WĂ€re sie in dich verliebt, fĂ€hrt die innere Stimme fort, wĂŒrde sie die Schienen legen, sie wĂ€re es, die einladende Fragen stellen und verheissungsvolle Antworten erwidern wĂŒrde. Aber sie ist nicht in mich verliebt, ergĂ€nze ich zu der inneren Stimme Aussage und schlĂŒrfe mit der BrĂŒhe in der Hand von dannen.

...das Dilemma...

Hinzu gesellt sich ein weiteres Problemfeld. Ich kenne jene ... nun schon seit geraumer Zeit, seit unserem ersten Zusammentreffen sind Jahre vergangen und in KĂŒrze dĂŒrfte die erste Dekade verstrichen sein. Nichts ist in dieser Zeit geschehen, was bei anderen innert zweier Wochen geschieht. Eine Freundschaft hat sich entwickelt, die von meiner SchĂŒchternheit und ihrer undeutbaren ZurĂŒckhaltung geprĂ€gt war. Schliesslich hat sich jenes Dilemma aufgetan, welchem ich mich nun ausgesetzt sehe: Die Wahl zwischen guter Freundschaft oder intimer Liebschaft.

...und die Erkenntnis.
Entweder oder. Alles oder nichts.

So gestaltet sich die jetzige Situation. Was sich tatsĂ€chlich daraus ergeben wird, steht in den Sternen. Ob ich es wagen werde, endlich den entscheidenden Schritt zu tĂ€tigen und wie in diesem Falle die Reaktion ausfallen wĂŒrde, ob der Daumen begeistert nach oben oder vernichtend nach unten zeigen wĂŒrde; ich weiss es nicht. Und ich möchte es auch gar nicht wissen, weil ich mich vor der Antwort fĂŒrchte.
Bin ich etwa ein Feigling? Die innere Stimme meint es zumindest.

__________________
George MĂŒller

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