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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Alles richtig machen
Eingestellt am 01. 12. 2014 19:56


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valcanale
One-Hit-Wonder-Autor
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Alles richtig machen


Das Kind ist nicht geplant, nicht gewĂŒnscht und daher auch nicht sehr willkommen gewesen. Es ist halt passiert. Jetzt muss man schauen, wie man damit zurechtkommt. Und auch das Kind muss schauen, wie es damit zurechtkommt.
Es lernt frĂŒh sich anzupassen, keine AnsprĂŒche an die Erwachsenen zu stellen, sich möglichst unauffĂ€llig zu verhalten. Aber das ist gar nicht so einfach, denn das Kind hat ja auch BedĂŒrfnisse, braucht die Anderen, kann nicht allein fĂŒr sich sorgen. Und das mit dem UnauffĂ€llig sein klappt auch nicht so gut, denn dann heißt es, wo ist es denn schon wieder, das Kind, wo treibt es sich herum, wieso beschĂ€ftigt es sich nicht mit etwas AnstĂ€ndigem, wobei nie so wirklich klar ist, was mit anstĂ€ndig gemeint ist.
Ist es aber prĂ€sent, ist es auch nicht recht, da wird es als lĂ€stig empfunden, es will schon wieder etwas, hat Hunger oder es tut ihm was weh, was ja ĂŒberhaupt das Schlimmste ist. Denn weh was weh tut oder man krank ist, ist man immer selber schuld. Dann hat man eben wieder einmal etwas falsch gemacht. Hat keine StrĂŒmpfe getragen oder die nassen Schuhe zu spĂ€t ausgezogen. Oder war wieder zu wild und hat nun ein blutendes Knie. Dann gibt es zum Wehtun noch böse Worte und das Kind schĂ€mt sich und sagt lieber nicht, wenn es sich krank fĂŒhlt.
Einmal wird es krank von der Schule nach Hause geschickt. Wieso lassen dich deine Eltern so zur Schule gehen, fragt die Lehrerin kopfschĂŒttelnd, und das Kind schwindelt und sagt, die Mutter ist berufstĂ€tig und gar nicht da. Weil das hĂ€tte das Kind so gern, dass die Mutter tagsĂŒber nicht da ist und so ein bisschen mehr Luft zum Atmen fĂŒr das Kind wĂ€re. Aber andererseits braucht das Kind die Mutter, denn wer misst sonst Fieber oder holt den Arzt, auch wenn dies unter stĂ€ndigem Anklagen „Jetzt ist es schon wieder krank, das Kind! Man hat doch nur Scherereien mit ihm!“ erfolgt.

Wenn das Kind mit der Mutter im Dorf zum Einkaufen geht, kommen sie an einem ebenerdigen Haus mit Fenstern direkt zur Straße vorbei. Fast tĂ€glich sieht dort eine alte Frau aus dem Fenster und hĂ€lt ein SchwĂ€tzchen mit den VorĂŒbergehenden. Auch mit der Mutter und dem Kind spricht sie manchmal ein paar Worte. Und fast immer sagt sie zur Mutter „Was hat das doch fĂŒr ein sonniges Wesen dieses Kind, so was Liebes!“ Und das Kind ist ganz begierig darauf, dass sie wieder zum Einkaufen gehen und hofft, daß die alte Frau aus dem Fenster sieht. Denn irgendwann mĂŒsste doch auch die Mutter merken, dass ein Kind auch etwas Sonniges, Liebes sein kann. Nicht nur etwas, mit dem man stĂ€ndig Scherereien hat.

Aber das mit dem sonnigen Kind und dem stĂ€ndig nur lieb und brav sein ist auch nicht durchzuhalten. Vor allem weil etwas, was an einem Tag als brav sein gilt, am anderen Tag schon etwas anderes bedeuten kann, je nach dem, wie die Mutter oder der Vater in Stimmung sind. Dann ist das Kind verwirrt und kennt sich nicht aus. Ist hilflos, weil es nicht weiß, wie es etwas richtig machen kann. Es gibt keine klare Linie, wann und wie etwas falsch oder richtig ist. Was falsch oder richtig ist, bestimmen andere nach Lust und Laune.
Also probiert das Kind aus, wann und wie etwas geht und wie es auf andere wirkt. Es zeigt dem BrieftrĂ€ger, den es nicht leiden kann, die Zunge und macht „bĂ€h!“
Na wart’, du Fratz, das erzĂ€hl ich deinem Vater, sagt dieser und das Kind lebt tagelang in Angst und Schrecken, weil mit dem Vater nicht zu spaßen ist, wenn er sich Ă€rgert. Und er Ă€rgert sich bestimmt, wenn ihm der BrieftrĂ€ger sagt, dass sein Kind ein Fratz ist, der dem BrieftrĂ€ger die Zunge zeigt.

Und weil das Kind nicht stĂ€ndig in Angst und Schrecken leben will, zieht sich es sich zurĂŒck und schafft sich eine eigene Welt. Eine Welt, in der es selbst die Regeln aufstellt, in der das gilt, was sich das Kind ausdenkt.
Hier kann es nichts falsch machen, hier ist es sein eigener Herr, denn niemand außer ihm weiß, was in dieser Welt passiert. Stark ist es hier das Kind und mĂ€chtig und es braucht keine Angst zu haben, vor nichts und niemandem.
So versunken ist es manchmal in die eigenen Vorstellungen, dass es von außen gar nichts wahrnimmt. Hörst du denn schon wieder nicht, schimpft der Vater und bekrĂ€ftigt das Schimpfen mit einem Schlag auf den Kopf des Kindes. Aber in der eigenen Welt des Kindes tut nichts mehr weh. Auch nicht das Beißen und Zwicken von der Ă€lteren Schwester, oder die anklagende, jammernde Stimme der Mutter, die dem Kind immer die Schuld zuweist, wenn die eigene Unzufriedenheit zu stark wird.
Denn das weiß das Kind inzwischen auch, dass es schuld ist am Leid der Mutter. Denn wĂ€re das Kind nicht da, ja gĂ€be es das Kind gar nicht, hĂ€tte die Mutter eine Sorge weniger und mĂŒsste sich nicht immer so schrecklich Ă€rgern und aufregen, was ihrem Herzen gar nicht gut tut.
Aber in der eigenen Welt braucht das Kind kein schlechtes Gewissen zu haben. Hier ist es wichtig und es ist gut, dass es da ist. Es kĂ€mpft gegen böse Eindringlinge und will alle Schwachen und Hilflosen beschĂŒtzen.
Der heiß geliebte TeddybĂ€r, dem die Schwester boshaft einen Arm abgerissen hat, bekommt einen dicken Verband und wird zum Kriegshelden erklĂ€rt. Was Krieg so genau ist, weiß das Kind eigentlich nicht, aber Helden und Krieg und abgetrennte Arme oder Beine hat es aus den ErzĂ€hlungen eines alten Nachbarn aufgeschnappt. Und nun ist der BĂ€r ein Held.

Nur mit dem BeschĂŒtzen der Schwachen und Hilflosen tut sich das Kind schwer. Vielleicht weil es selber noch schwach und hilflos ist. Weil es sich zwar in der eigenen Welt stark und mĂ€chtig fĂŒhlt und ein großer Held wie der BĂ€r sein will, aber außerhalb dieser Welt ist mit diesem Heldentum nicht viel anzufangen.

Das Kind besitzt nicht viele Spielsachen, weil die Eltern nach dem Krieg recht arm sind und der Vater das wenige auch noch in seiner Verzweiflung vertrinkt. Der betrunkene Vater macht dem Kind auch Angst, weil er dann so unberechenbar wird und böse. Und wenn das Kind abends im Bett liegt und der Vater in der KĂŒche in seinem Suff tobt und das Kind hört, wie ein an die Wand geworfener Sessel zersplittert oder das Geschirr zerbricht, die Mutter weint und schreit, weil doch eh alles so viel kostet und kein Geld da ist, dann klammert es sich ganz fest an den BĂ€ren und trĂ€umt sich in eine Welt, in der man sich nicht fĂŒrchten muss.
Zum BĂ€ren gesellt sich eines Tages ein kleines aufblasbares Entchen aus Gummi, ein Schwimmtier, das einer Haferflockenpackung beigelegt war. Jetzt haben das Kind und der BĂ€r noch jemanden in ihrer eigenen Welt und sind stĂ€rker gegen das Böse da draußen.
Aber eines Tages muss das Entchen, vom Kind tagsĂŒber beim Spiel im Garten in der Hecke vergessen, die Nacht allein draußen im Dunkel verbringen.
Das Kind bettelt und weint am Abend vor dem Einschlafen, es möchte noch schnell das Entchen holen, es wird sich sonst fĂŒrchten so allein und im Finstern, es könnte etwas passieren und dann wĂ€re niemand bei ihm.
Aber der Vater bleibt hart, wenn er einmal nein sagt, dann heißt das auch nein, und das Kind solle sich nicht so anstellen und jetzt endlich Ruhe geben und schlafen, sonst setzt’s noch was.
Das Kind liegt die halbe Nacht wach und sorgt sich und denkt dauernd an das arme Entchen, das so ganz allein ist und sich bestimmt fĂŒrchtet, weil es so dunkel ist und keiner da ist, der es beschĂŒtzt. Und das Kind hat ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil es vergessen hat, es rechtzeitig ins Haus zu holen und ist nun ganz allein schuld, dass das Entchen so Angst haben muss und ihm vielleicht etwas passiert.
Ganz schnell lÀuft es morgens in den Garten, will jetzt wieder gut machen, was es gestern falsch gemacht hat.
Es findet das Entchen nicht gleich, weil dort, wo es gestern im Strauch saß, ist es nicht mehr zu sehen. Dann sieht es unten am Boden etwas Flaches, Graues liegen. Ein Dorn aus der Hecke hat die dĂŒnne Gummihaut durchbohrt, die Luft ist entwichen, schlaff und leblos liegt das Entchen unter den BĂŒschen. Tot ist es, gestorben, ganz allein und schutzlos in der Nacht. Und das Kind hat nicht aufgepasst, es nicht beschĂŒtzt.
Das Kind traut sich nicht es anzufassen. Ihm graut vor der seltsamen, formlosen Masse. Mit klopfendem Herzen starrt es auf das, was ĂŒbrig geblieben ist.
Das also kommt vom dauernd etwas falsch machen. Das passiert, wenn man es nicht richtig macht. Wird schon stimmen, wenn die Mutter sagt, ich halt das nicht mehr aus, ihr bringt mich noch ins Grab.

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valcanale
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Hallo Wipfel,

danke fĂŒr deinen interessanten Kommentar! Woraus schließt du denn, dass es sich bei dem Kind um ein MĂ€dchen handelt? Und dass nach GrĂŒnden, bzw. Rechtfertigungen fĂŒr das Jetzt gesucht wird?
Mit dem schwarzweiss hast du allerdings recht und da bin ich froh, dass das so rĂŒberkommt, denn diese Geschichte hat (dem Erleben eines Kindes in einer solchen Situation nachempfunden, dass noch nicht differenzieren kann) naturgemĂ€ss keine Farbe
Liebe GrĂŒĂŸe
Valcanale

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cellllo
Guest
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Ehrlicher und sehr anrĂŒhrender Text.
ABER :
Das Drama mit dem Entchen ist schließlich doch ZU viel.
Da geht der Leser nicht mehr mit, weil da - nach allem bisher schon Erfahrenen und MitgefĂŒhltem - dann doch allzu dick aufgetragen und die RĂŒhrseligkeit da echt unangenehm wird und das MitgefĂŒhl des Lesers nolens volens umkippt !
Deshalb schlage ich vor hier und etwa so zu enden :

"Nur mit dem BeschĂŒtzen der Schwachen und Hilflosen tut sich das Kind schwer. Vielleicht weil es selber noch schwach und hilflos ist. Weil es sich zwar in der eigenen Welt stark und mĂ€chtig fĂŒhlt und ein großer Held wie der BĂ€r sein will, aber außerhalb dieser Welt ist mit diesem Heldentum nicht viel anzufangen. Außerhalb dieser seiner Welt macht das Kind dauernd irgendetwas falsch, hat dauernd an den Folgen seiner Fehler zu leiden und versucht - bis heute - lĂ€ngst erwachsen - immernoch panisch und krankhaft, es allen recht zu machen, endlich alles richtig zu machen......"

cellllo

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valcanale
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Hallo Cellilo,

vielen Dank fĂŒr dein hilfreiches Feedback! Das Ende (das dir zu dick aufgetragen scheint, ich kann dir versichern, das ist nicht erfunden und ich habe in meiner Arbeit mit Menschen noch wesentlich schlimmere Sachen gehört!) ist aber die wichtigste Aussage der Geschichte, weil das (vermeintliche!) Falschverhalten in letzter Konsequenz bis zum Tod fĂŒhrt und auch noch mit den Aussagen der Mutter (!!) verknĂŒpft wird (was das fĂŒr ein Kind bedeutet, kann man sich ja leicht ausmalen).

Dein vorgeschlagener Schluß wĂŒrde also die Geschichte total verĂ€ndern und in eine andere Richtung fĂŒhren, denn:

Außerhalb dieser seiner Welt macht das Kind dauernd irgendetwas falsch, hat dauernd an den Folgen seiner Fehler zu leiden und versucht - bis heute - lĂ€ngst erwachsen - immernoch panisch und krankhaft, es allen recht zu machen, endlich alles richtig zu machen......"

diese Schlussfolgerung ist ja nicht zwingend! (und auch ein bisschen sehr verallgemeinernd)

Liebe GrĂŒĂŸe
Christa

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aligaga
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Ich glaube, wir sollten hier unterscheiden zwischen Inhalt und Form des Textes.

Sein Inhalt ist bestĂŒrzend realistisch und so dicht an der "Sache", dass man der Autorin zutraut, sie habe manches buchstĂ€blich am eigenen Leib gespĂŒrt, jedenfalls aber wĂ€re sie derartigem Milieu so nah gewesen, dass sie es jetzt nicht nur erkennen und schildern, sondern auch qualifizieren und interpretieren kann.

Ob ein solches "StĂŒck" eine bessere Form verdient hĂ€tte und ob die Autorin ihm eine solche hĂ€tte geben können, ist die Frage.

Ich meine nein. Es ist der Text keine ErzĂ€hlung im eigentlichen Sinne, sondern eine Schilderung, die Beschreibung eines Zustandes, und seine Analyse. Die geplatzte Gummiente am Schluss ist weniger ein Geschehen denn ein Sinnbild, das (wie fast alles, was in dem StĂŒck vorkommt) erklĂ€rt wird.

WĂŒrde das StĂŒck "literarisch" aufbereitet, wĂ€re es wohl sehr rasch mitten drin im Kitsch und mithin wertlos. So aber ist es eine betroffen machende, minutiöse Aufzeichnung "frĂŒhen Leids", der man gern die paar sprachlichen Unbeholfenheiten und die dröge Syntax nachsieht. Es ist ein Krankenbericht, und solche pflegen nie lyrisch zu sein.

Gruß

aligaga

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valcanale
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2014

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Hallo Aligaga,

danke fĂŒr deine sehr konstruktive Antwort! Genau deshalb habe ich den Text hier eingestellt, weil es schwierig ist, so etwas in die richtige Form zu fassen (ohne in rĂŒhrseligen Kitsch abzugleiten) und mich die Meinungen dazu interessieren, wie es bei den Einzelnen ankommt.
Ich habe deshalb versucht, dem Kind eine Stimme zu geben (deshalb auch immer wieder die naive Schreibweise, etwa "wenn etwas weh tut" oder "gĂ€be es das Kind gar nicht, hĂ€tte die Mutter eine Sorge weniger und mĂŒsste sich nicht immer so schrecklich Ă€rgern und aufregen, was ihrem Herzen gar nicht gut tut" - so wĂŒrde sich ja ein Erwachsener nie ausdrĂŒcken), ob mir das allerdings genĂŒgend gelungen ist, ist eben die Frage.
(Krankenbericht ist es allerdings auch keiner, die werden ganz anders geschrieben, und ausserdem ist das Kind ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht "krank" sondern entwickelt eine Überlebensstrategie).
Liebe GrĂŒĂŸe
Christa

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