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Leselupe.de > Humor und Satire
Alles unter Kontrolle
Eingestellt am 17. 02. 2011 13:49


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Arno Abendschön
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„Habe ich Ihren Fahrausweis schon gesehen?“ Der Zugschaffner sah mich durchdringend an. Ich sagte, mĂŒhsam beherrscht: „Ja, schon vor Hannover. Bin seit Hamburg im Zug.“ Und ich dachte: Geht das schon wieder los 
 Der Schaffner entfernte sich, einen Rest Zweifel in seinem Blick. NatĂŒrlich weiß ich, dass einer wie er heute Zugbegleiter heißt. Karl Valentin wĂŒrde darauf bestehen, dass ein Zugbegleiter den Zug neben dem Zug zu begleiten hat. Ein Begleiter einer Sache kann sich doch nicht innerhalb von ihr befinden.

MerkwĂŒrdig, wie oft ich bei Amtspersonen Verdacht errege. Aus einer Menschengruppe werde gewöhnlich ich herausgepickt. Die europĂ€ische Einigung ist fĂŒr mich auf jeden Fall ein Segen. Seit das Schengener Abkommen in Kraft ist, bleiben mir einige peinliche Situationen erspart, vor allem bei Eisenbahnreisen ins benachbarte Ausland. Wie oft ist das vorgekommen: Der Grenzpolizist oder der Zöllner betritt unser voll besetztes Abteil. Wer muss sein GepĂ€ck durchsuchen lassen? Ich natĂŒrlich. Wessen Personalien werden als einzige per Computer mit der Fahndungsliste verglichen? Meine natĂŒrlich. Das ist so demĂŒtigend. Dabei gibt es wenige, die so unbescholten sind wie ich. Warum also? Es muss meine Ausstrahlung sein. Wirke ich unsicher? Sollte ich einen Kurs belegen: SouverĂ€n auftreten in allen Lebenslagen? FĂ€llt mir nicht ein. Stattdessen frage ich mich, wie viel Menschenkenntnis diese professionellen Kontrolleure tatsĂ€chlich mitbringen.

Auch die Kellner mögen mich nicht besonders. Da wurde ich einmal Zeuge einer Straftat, ihr Name: Zechprellerei. Am Nebentisch aß einer mit gutem Appetit und entmaterialisierte sich dann vor dem Bezahlen. Was hatte ich damit zu tun? Der Kellner lamentierte an meinem Tisch und – Sie werden es nicht glauben – er ließ mich bei meinem nĂ€chsten Restaurantbesuch gleich nach dem Servieren die Rechnung bezahlen. Ich verzog keine Miene und ging nicht wieder hin.

Ein anderes Mal lag ich zu Hause in meiner Badewanne und ließ die kleine gelbe Gummiente auf den Wellen treiben, die ich mit meiner SchaumschlĂ€gerei erzeugte. Es klingelte. Ich erwartete niemand. Dennoch sprang ich rasch aus der Wanne, glitt auf den feuchten Kacheln aus und prellte mir die HĂŒfte am Beckenrand. Tropfnass eilte ich zur Sprechanlage. Mein Besucher war schon an der WohnungstĂŒr. Die Fahndung nach Schwarzsehern! Solche Leute verschaffen sich immer hintenherum Einlass ins Haus, klingeln unten bei Zitzewitz, wenn sie zu Abendschön wollen. Ich war hochgradig verdĂ€chtig – seit Jahren kein FernsehgerĂ€t angemeldet. Damals besaß ich tatsĂ€chlich keins. Er wollte also unverzĂŒglich und ohne jeden Aufschub in meine Wohnung gelassen werden. Darf ich mich wenigstens noch abtrocknen und anziehen? Er gewĂ€hrte es mir mit Groll in der Stimme. SelbstverstĂ€ndlich ging er davon aus, ich wĂŒrde die eine Minute nutzen, um das GerĂ€t zu verstecken. Da er schon wieder gegen die TĂŒr hĂ€mmerte, empfing ich ihn in UnterwĂ€sche – und er stĂŒrmte gleich an mir vorbei. Die Wohnung war klein, er kannte die verdĂ€chtigen Stellen, blickte hinter die VorhĂ€nge, unter die SpĂŒle. Als er ging, sagte sein missmutiger Gesichtsausdruck: Diesmal noch entwischt!

Damals, in den alten Zeiten, unternahm ich manchmal Tagesbesuche in Ost-Berlin. Einige kennen vielleicht noch die Situation im Bahnhof Friedrichstraße, diese Katakomben mit Neonfunzellicht, in denen eine Masse nervös schweigender, einander sehr fremder Menschen auf etwas Ungewisses wartet. Ich warte mit ihnen und werde per Lautsprecherdurchsage wieder einmal herausgefiltert. Ein sehr korrekter und dabei auch noch atypisch freundlicher Herr erwartet mich in einem abgelegenen Raum zu einer Einzelbesprechung. Ich erfahre keinen Grund dafĂŒr. Gibt es schon eine Akte ĂŒber mich? Er will wissen, wo ich arbeite und was ich dort im Einzelnen tue. Er stellt sehr persönliche Fragen, etwa: Warum sind Ihre Haare so kurz geschnitten? Es schmeichelt mir fast, so ernst genommen zu werden. Dann durchsucht er meine Jacken- und Hosentaschen in der Hoffnung, illegal eingefĂŒhrte Ostmark zu finden. Ich enttĂ€usche ihn. Er entlĂ€sst mich mit einem alles in allem gewinnenden LĂ€cheln: Wir sprechen uns noch, mein Lieber. (Glauben Sie mir doch, lieber Leser, ich habe nie eine VerpflichtungserklĂ€rung fĂŒr die Stasi unterschrieben. Und wenn doch eine Akte existiert?)

Die Unterstellungen, die Mutmaßungen, meine harmlose Person betreffend, nahmen im Lauf der Zeit absurde ZĂŒge an. Ich war gelegentlich in Wien zu Besuch. Eines Abends bummelte ich mit meinem Gastgeber durch die Innere Stadt. Er wollte dann im Rathauspark cruisen, wonach ich durchaus kein BedĂŒrfnis verspĂŒrte. Ich wollte in der NĂ€he warten, auf dem Gehweg neben der Ringstraße. Ich sah auf die prĂ€chtigen Fassaden. Das Parlament! Die UniversitĂ€t! Das Burgtheater! Nicht lange – und ein gepanzertes Fahrzeug hĂ€lt dicht neben mir am Straßenrand, ein Trupp Uniformierter stĂŒrmt heraus, umstellt mich, und einer fĂŒhrt ein peinliches Verhör durch: Warum ich in Wien sei? Um im Wienerwald spazieren zu gehen? Museen anzuschauen? Germknödel zu essen? Ha! Ich bekomme strenge Auflagen: mich am nĂ€chsten Tag auf der und der Wache zu melden – was sich dann als Nonsens herausstellt. Wessen hatte man mich verdĂ€chtigt? In die Ermordung eines jĂŒdischen Stadtrates einige Tage vorher verwickelt zu sein.

Und nun noch ein Gegenbeispiel: In meiner Berliner Zeit hatte ich einmal Besuch aus Frankfurt. Wir kamen vom Kudamm und nahmen an der Uhlandstraße die U-Bahn zum Wittenbergplatz. Ich besaß eine Monatskarte, mein Gast wollte es darauf ankommen lassen. Dann eine Fahrscheinkontrolle – und mein Frankfurter hĂ€lt, einer plötzlichen genialen Eingebung folgend, dem Kontrolleur die eigene Frankfurter Zeitkarte unter die Nase. Der schaut nur flĂŒchtig hin und sagt: Danke, gute Weiterfahrt. Tief ĂŒberzeugt, dass alles in Ordnung sei.

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Dominik Klama
???
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Nicht nur misstrauische Amtspersonen scheint Arno Abendschön magisch anzuziehen, sondern auch die misstrauischen Kritikerblicke des Kollegen Klama.

War aber dieses Mal keinerlei Absicht, reiner Zufall! Bin gerade in die Leselupe hinein, weil im Postfach eine Mail war, die mich aufs "Werk des Monats Februar 2011" aufmerksam machte. Ich pflege diese Werke stets zu lesen und in aller Regel zu rezensieren, was einiges an Aufwand fĂŒr mich bedeutet. Drum wollte ich kurz mal vorab schauen, was da auf mich zukommt. Wieder mal ist das "Werk des Monats" allerdings "nur" ein launiges, humoristisches Gedichtlein. Diese Sorte Text habe ich allmĂ€hlich satt. Da weiß ich jetzt gar nicht, ob ich es nicht besser beim Lesen belassen sollte und mir die Rezension dieses Mal schenke.

Tja, und da war dann auf der Startseite (autornamenlos!) die Eröffnungspassage eines Textes zu sehen, der im Augenblick der allerneueste war und in dem es ums Leiden eines DB-Kunden zu gehen schien. Da ich mein ganzes Leben lang auto- und fĂŒhrerscheinlos und somit machtlos den ĂŒberaus hĂ€ufigen AnschlĂ€gen auf die GemĂŒtsruhe unterworfen bin, welche man in Deutschland als Viel-Bahnfahrer zu ertragen hat, muss ich so was natĂŒrlich lesen!

Ob die "Schaffner" momentan bei der DB AG tatsĂ€chlich "Zugbegleiter" benamst werden, ich weiß es nicht. Üblich bei diesem Unternehmen ist, dass es sich bei konstant zunehmender QualitĂ€tsminderung und dabei stetig sich auf schwindelnde Höhen steigernder Unverfrorenheit im Umspringen mit den eigenen zahlenden Kunden (erst gestern wieder so einen Fall erlebt - ich reiche da schon lange keine schriftlichen Beschwerden bei der Regionaldirektion mehr ein, auf die dort erjagbaren Reisegutscheine verzichte ich generös, da ich nicht gesonnen bin, mich zu all dem erlebten Ungemach hin auch noch per "Bedauerungsschreiben" verhohnepiepeln zu lassen) alle paar Monate in neue PR-SchachzĂŒge stĂŒrzt, welche uns geschmerzten, alternativlosen Bahnkunden versichern, mit welch einem wundersam fortschrittlichen Unternehmen der MenschheitsbeglĂŒckung wir es zu tun hĂ€tten. Folglich kann es auf lange Sicht nicht genĂŒgen, aus dem "Schaffner" einen "Zugbegleiter" zu machen, zu erwarten ist, dass er demnĂ€chst oder, wer weiß, jetzt schon, "Fahrgastbetreuer" oder "Kundenservice-Partner" heißt. Oder zwischendurch mal geheißen hat, jetzt aber tatsĂ€chlich wieder "Zugbegleiter" heißt.

Nun kann man diesen Leuten aber ja gar nicht vorwerfen, sie wĂŒrden Leute im IC nach dem Ticket ausforschen. Irgendeiner muss es ja tun. Und eigentlich auch nicht, dass sie es manchmal zweimal auf derselben Fahrt tun, weil sie sich angesichts von Hunderten permanent wechselnden Passagieren nicht jedes einzelne Gesicht eingeprĂ€gt haben, zu dem sie die Eintrittskarte bereits erblickt haben.

Es ist aber doch so: Der deutsche Staat wird von ĂŒbergroßer Schuldenlast erdrĂŒckt, welche zĂŒgig in den Griff zu bekommen ist. Was uns sĂ€mtliche Parteien seit Jahrzehnten stĂ€ndig sagen, außer in den Momenten, wo sie dazu beitragen, diese Schuldenlast noch einmal gigantisch aufzublasen. Zum Beispiel, indem man systemrelevante Banken aufkauft oder die Steuereinnahmen seitens Hoteliers herabsetzt. Die deutsche Bahn, obwohl lĂ€ngst eine Aktiengesellschaft, ist ein Staatsbetrieb. Übrigens einer, der seit Jahren Gewinn erwirtschaftet. Das muss auch so sein, denn alle grĂ¶ĂŸeren Parteien wollen seit Jahren diesen Betrieb an Private verkaufen. Alles, was Gewinn macht, muss an Private verkauft werden, damit wir keine Staatsunternehmen mehr haben, welche zum Abbau des Haushaltsdefizits beitragen könnten. Warum auch immer, aber es ist so.

Das war nicht immer so. Vor Zeiten hat die Deutsche Bahn Geld und immer mehr Geld verschlungen und keine Profite erwirtschaftet. Also haben die Parteien, egal ob schwarz oder rot oder gelb, das gibt und nimmt sich wenig, sogenannte "Bahnchefs" eingesetzt, Stihl, Ludewig, Mehdorn, Grube mit Namen, sie kamen aus der Autombil- und der Luftverkehrsbranche, weil die Bahn ja so viel genutzt werden wollte wie das Auto, dabei so billig wie der Flieger sein sollte. Welche den Auftrag mitbekamen, und diesen als gewiefte Manager auch erfĂŒllten, den Profit der Bahn zu erhöhen, bzw. die SchuldenvergrĂ¶ĂŸerung seitens des Staatsbetriebes Bahn in den Griff zu bekommen.

Wie macht man das? Entweder man lĂ€sst die Menschen fĂŒr 9 Euro von Mittenwald nach Saßnitz im ICE fliegen. Oder man lĂ€sst alle zehn Minuten einen hĂŒbsch designten Dieseltriebwagen an jeglicher lĂ€ndlichen Milchkanne halten, damit die Leute so oft ein- und aussteigen können, dass es sich wie Auto anfĂŒhlt. (Was aber schlecht geht, wenn sehr viele Strecken leider nur eingleisig sind, wo es also Gegenverkehr gibt, den man vorbeilassen muss, was aber an zunehmend weniger Orten technisch möglich ist, weil an all den lĂ€ndlichen Halten ĂŒberhaupt kein Personal mehr vorgehalten wird, welches die Weichen und Signale umstellen könnte.)

Oder eben: Man spart Personal ein. Weil ja sowieso Personal nahezu in jedem Unternehmen auf lĂ€ngere Sicht das Meiste kostet. Weil ja jedes gut gemanagte Unternehmen seit Jahrzehnten so viel Personal abbaut, wie ĂŒberhaupt nur geht. Wenig Personal = wenig Kosten = wenig Schulden = mehr Profit. Alle sind glĂŒcklich: Dem deutschen Steuerzahler wird Schuldendruck von der Schulter genommen, dem Privatinvestor wird ein Gewinner-Pferd zum Verkauf bereit gestellt.

Wir alle haben das erlebt, wie das passiert ist unter diesen genannten "Bahnchefs". Wir alle wissen noch, wie wir als junge Menschen die Fahrkarten an Schaltern gekauft haben. Und wir alle wissen auch, dass dies heute praktisch nirgendwo mehr geht, da es solche Schalter nur noch in StĂ€dten von der GrĂ¶ĂŸe "Heidelberg, Regensburg aufwĂ€rts" gibt, sie auch dort ihre Öffnungszeiten reduziert haben und so wenig Personal vorgehalten wird, dass wir fest einplanen mĂŒssen, zwanzig Minuten in der Schlange zu warten, wĂ€hrend den Kunden vor uns ein weiteres profitables Sparpreisangebot erlĂ€utert wird. Wir kaufen als gewitzte Leute unsere Tickets heute also im Internet oder am Automaten. Werden dafĂŒr auch mit PreisnachlĂ€ssen belohnt. Werden somit ruhig gestellt, dass wir als Kunden nicht mehr den vermessenen Anspruch erheben, irgendwer sollte persönlich ansprechbar sein fĂŒr unsere KĂ€uferwĂŒnsche. Das Personal ist eben weg, die Profite dafĂŒr höher, alles wunderbar, wie gesagt.

Dies heißt aber doch auch, dass einem das von Arno ErzĂ€hlte eigentlich nur noch in IC- oder ICE-ZĂŒgen widerfahren kann. Dortige Bordteams umfassen bis zu sechs Köpfe pro Zug! Dagegen, stiege Arno in einen hundsgemeinen RE durch die LĂŒneburger Heide oder in einer RB auf der SchwĂ€bischen Alb, bliebe er weitgehend verschont, obwohl irgendwas an ihm verdĂ€chtig sein muss, was Amtspersonen angeht. Mir kommt ja vor, flĂ€chendeckend verkehren die meisten ZĂŒge der DB mittlerweile OHNE irgendwelche Schaffner, wie immer sie auch korrekt anzureden wĂ€ren. Personal weg, Defizit weg, Gewinn hoch, wunderbar.

Solche ZusammenhĂ€nge bleiben auf die Dauer auch den Schwarzfahrern nicht verborgen. Da die DB es bis zum heutigen Tag nicht zu Wege gebracht hat, in nennenwertem Umfang ihre personallosen ZĂŒge mit Ticketautomaten aufzurĂŒsten (wĂ€ren Kosten, wĂŒrde den Profit senken), sah sie sich genötigt, wirklich jegliche lĂ€ndliche Milchkannen-Station mit supermodernen Fahrkartenautomaten zu beglĂŒcken. Oft ĂŒbrigens schon die dritte Generation derselben, da lĂ€sst sie sich nicht lumpen. Folglich ist jedem, der einen Zug besteigt, möglich, ein gĂŒltiges Ticket in der Tasche zu haben, obwohl auf Hunderte von Kilometern in jeder Richtung kein Schalter mehr zu finden ist. Folglich sind alle, die drin sitzen, ohne ein Ticket zu haben, Schwarzfahrer, die sich vom Zahlen gedrĂŒckt haben.

Folglich muss jetzt doch wieder jemand rein (Personal, ui, Kosten, ungut!), der unauffĂ€llig, nĂ€mlich in RĂ€uberzivil, durch die (meist ĂŒbrigens ziemlich vollen) ZĂŒge patroulliert und den Leistungserschleichern ihre 60 Euro (stimmt der Betrag, sind's weniger? na, demnĂ€chst jedenfalls wird er stimmen) Strafe aufs Auge drĂŒckt. "Vergessen gilt nicht. Überall hĂ€ngen Kleber, wo zu lesen ist, dass im Zug nicht mehr gelöst werden kann, jeder Schwarzfahrer ist, der die Automaten boykottiert."

Wie alles wird auch das vorher gut durchgerechnet worden sein. "Solche, die jetzt öfter schwarz fahren, weil sie wissen, dass sowieso kein Personal mehr kommt" vs. "Mehreinnahmen, die wir haben, weil wir die Schwarzfahrerstrafe erhöht und per Zeitvertrag angeheuerte Zivilisten laufen lassen, die besonders hart durchgreifen, weil sie fĂŒr jeden Erwischten paar Gewinnprozente fĂŒr sich selbst erjagen".

Im gleichen Moment erheben sich Fragen wie: "Zu wem rennt man, wenn ein Betrunkener Streit mit harmlosen FahrgĂ€sten vom Zaun bricht?", "Wen fragen wir, wie wir heimkommen sollen, wenn der letzte Zug unterwegs liegen bleibt?" ("Störungen im Betriebsablauf, der Zug fĂ€llt heute aus, wir danken fĂŒr ihr VerstĂ€ndnis" sagt der LokfĂŒhrer per Lautsprecher, weil sonst niemand da ist, der es machen könnte.) Jaaa! Nööö! Pech gehabt, Personal gespart, Kosten gespart, Schulden abgebaut, alles wunderbar - und du bist heute mal der Arsch, wir danken dir aber ausdrĂŒcklich fĂŒr dein VerstĂ€ndnis deswegen.


Bei mir ist es schon lange her, aber frĂŒher mal, da musste ich ĂŒber Jahre hinweg mit dem IC(E) von Karlsruhe nach Basel Badischer Bahnhof fahren, dort, es handelt sich um einen deutschen DB-Bahnhof, der allerdings auf Schweizer Staatsgebiet liegt, dann umsteigen in NahverkehrszĂŒge der deutschen Hochrheinbahn. Ich saß also in ZĂŒgen, welche ins Ausland fuhren, es sah tatsĂ€chlich immer so aus, als wĂŒrde auch ich nach ZĂŒrich, Genf oder Mailand reisen, zumal ich stets reichlich GepĂ€ck mitfĂŒhrte. Da veranstalteten zwischen den Bahnhöfen Freiburg und Basel im fahrenden Zug Beamte der Schweizer Grenzpolizei und des deutschen Zolls (also nicht von der Deutschen Bahn, wohl gemerkt) eine "Pass- und Zollkontrolle". Diese MĂ€nner ĂŒberprĂŒften allerdings nie sĂ€mtliche Passagiere, die Zeit wĂ€re dafĂŒr wohl zu knapp gewesen. Glaubt man Arnos Text, so wĂ€re er einer gewesen, der bei jeder einzelnen Fahrt kontrolliert worden wĂ€re. Obwohl er doch als Deutscher von Deutschland nach Deutschland gereist wĂ€re!

ICH aber wurde niemals kontrolliert. Nie. Wirklich nie. Jahrelang nicht ein einziges Mal. Es kamen die Schweizer, ließen ihre Blicke schweifen, baten hier den SchwarzhĂ€utigen, dort die Familie mit Kindern und Koffern und dort drĂŒben das junge Liebespaar im Rastafari-Look um den Personalausweis und fragten: "FĂŒhre Sie zollpflichtigi Ware mit?" An mir gingen sie stracks vorbei. Zehn Minuten spĂ€ter kreuzten ihre beiden deutschen Kollegen mit dem Bundesadler am grĂŒnen JackenĂ€rmel auf. Dasselbe Spiel. Ich war sooo unverdĂ€chtig, ich blieb ungeschoren. Weiß wirklich nicht, woran das liegt, mir sah man offenbar an der Nasenspitze an, dass ich nie ins Ausland fahre bzw. sowieso das Geld nicht habe, mir irgendwelchen zollpflichtigen Schnickschnack zu kaufen. Nun, ich hatte natĂŒrlich nichts dagegen; es reiste sich doch ruhig und angenehm auf diese Weise.

Zwischendurch in meinem Leben ging ich dann durch meine kriminelle Phase. Ist auch lĂ€ngst passee, aber damals, da hatte ich eine Dauerkarte fĂŒr einen regional begrenzten Bereich des DB-Schienennetzes. Wo ich einstieg, das lag ziemlich weit von den Grenzen des Geltungsbereichs meiner Monatskarte entfernt. Meistens fuhr ich ja auch nur innerhalb dieses Bereichs herum. Manchmal aber, in EinzelfĂ€llen, fuhr ich ĂŒber die Grenzen meiner Karte hinaus. Damals gab es noch mehr Zugbegleiter im Zug als heute (und also weniger von diesen Zivilkontrolleuren). Da wurde ich jedes Mal lange vor der Grenze meines GĂŒltigkeitsbereiches kontrolliert. Fuhr dann aber einfach noch ein StĂŒck weiter, blieb einfach sitzen, ohne was zu sagen. Fuhr also schwarz, erschlich mir Leistungen von der Deutschen Bahn, kriminell, ich erwĂ€hnte es schon. Auch in diesem Fall passierte exakt dasselbe wie vordem schon mit den Schweizer Grenzkontrolleuren. Da war ich raus ĂŒber die Grenze des Gestatteten, da kam der Zugbegleiter noch mal vorbei, blickte sich fragend um: Wen habe ich noch nicht um seine Karte gebeten? Sah mich - und sah vorbei. Ich doch nicht! Mir sah man an, dass ich solche Trickserei nie machen wĂŒrde. Den armen Arno hĂ€tten sie beim allerersten Mal erwischt.


Zu den Schwarzseherfahndern wĂ€re auch noch was zu sagen. (Die ganz gewiss auch nicht SO heißen, sondern, nehme ich an, GEZ-Service-Mitarbeiter.) Wie Arno hatte ich nie ein FersehgerĂ€t. Ich hörte aber Radio, hatte das auch angemeldet, zahlte GebĂŒhren dafĂŒr. Irgendwann fing das bei mir an, dass ich arbeitslos wurde, dann wieder Arbeit hatte, dann wieder arbeitslos wurde. So immer weiter im Wechsel bis heute.

Wenn man arbeitslos ist, hat man geringe Einnahmen, da einem das Sozialgesetzbuch Deutschlands eine "Stelle" etwas unterhalb der Armutsgrenze (laut OECD-Standard) zuweist. Hingegen findet der Staat bzw. Gesetzgeber, dass man ein "Naturrecht" auf Fernseh- und Radioversorgung habe. Angeblich bedarf der mĂŒndige BĂŒrger dessen in der modernen demokratischen Gesellschaft, damit er, wenn er wĂ€hlen gehen möchte, weiß, an welcher Stelle er sein Kreuz zu machen hat. (Grundrecht auf Teilnahme am öffentlichen Leben in der demokratischen Gesellschaft.) Darum wird dem Arbeitslosen, falls er entsprechende Papiere einreicht, die GEZ-GebĂŒhr erlassen. Sowohl fĂŒr Fernsehen wie fĂŒr Radio. Ich aber hatte doch nur Radio, keinen Fernseher. Hab mir auch keinen angeschafft, nur deswegen, weil ich jetzt kostenlos hĂ€tte gucken können. Das stand in jedem meiner BefreiungsantrĂ€ge: "beantragt fĂŒr RundfunkgerĂ€t und Internetzugang."

Von nun an flatterten alle paar Monate Schreiben der GEZ in meinen Briefkasten. Ob das denn noch immer stimme, ob ich nicht vergessen hĂ€tte, dass ich mir mittlerweile wohl ein FernsehgerĂ€t besorgt hĂ€tte? Es war immer ein Papier dabei, was ich auszufĂŒllen und zurĂŒckzuschicken hatte: "Nein, ich habe tatsĂ€chlich immer noch keinen Fernseher." DĂ­e PortogebĂŒhren fĂŒr diese Antwort waren nicht frei, die hatte ich zu tragen. Darum schrieb ich mehrfach Briefe an die GEZ nach Köln, nein, ich hĂ€tte ja ĂŒberhaupt noch nie einen Fernseher gehabt und hĂ€tte auch wirklich fest vor, niemals einen zu haben. Auch verstĂŒnde ich nicht, warum sie ausgerechnet einen Teilnehmer danach fragten, der, infolge Arbeitslosigkeit, sich jederzeit von der GebĂŒhrenzahlung fĂŒrs Fernsehen befreien lassen könnte. Diese Schreiben schienen keinerlei Wirkung zu haben. Vermutlich, weil sie nicht maschinenlesbar waren. Weil doch der deutsche Staat seine Schulden abbauen muss und darum bestimmt auch schon bei der halbstaatlichen GEZ krĂ€ftig Personal eingespart worden war.

Eines Tages Ă€nderte die GEZ ihre Vorgehensweise. Sie ließ jetzt, Ă€hnlich der Bahn, freie Mitarbeiter, also solche ohne Festanstellung beim Unternehmen GEZ (bzw. DB) in Zivil und Privat-Pkw ausschwĂ€rmen, klingeln an den HĂ€usern mir vergleichbarer unsicherer Kantonisten und nach eventuellen schwarz gesehenen FernsehgerĂ€ten forschen. Ich gehe davon aus, dass diese "Servicemitarbeiter" oder "Kundenbetreuer" oder "FeldkontaktbereichsabschnittsbevollmĂ€chtigten" ebenso wie jene Vergleichbaren bei der DB AG in ihrem Eifer angespornt werden, dass sie fĂŒr jeden Erwischten ihre individuelle FangprĂ€mie zusĂ€tzlich zum GrundsalĂ€r einstreichen.

Bei mir klingelte es. An der Sprechanlage meldete sich ein Herr XY, unterwegs im Auftrag der GEZ bzw. des SĂŒdwestrundfunks. Ihm sei bekannt, dass ich einen Radioapparat angemeldet hĂ€tte, angeblich aber keinen Fernseher besitzen wĂŒrde. Ob dem wirklich so sei oder ob ich vielleicht vergessen hĂ€tte, dass ich mittlerweile ja auch fernsehen wĂŒrde - und dass man das anzumelden habe. Er stand unten vor dem Haus, ich stand einige Stockwerke höher, hatte den Hörer in der Hand. Er konnte nicht begutachten, wie harmlos ich wirkte, und auch nicht zufĂ€llig irgendwas hinter mir in der Wohnung herumstehen sehen. Wo auch nichts war, jedenfalls kein Fernseher.

"Nein, ich habe wirklich keinen Fernseher. Und ich werde mir auch keinen kaufen. Dazu bin ich wild entschlossen. Und das habe ich schon mehrfach an die GEZ geschrieben. Und ich erwarte jetzt mal, dass man mir das glaubt und mich mit diesen ewigen Anfragen, ob ich etwas wirklich nicht habe, was ich nicht habe, in Ruhe lĂ€sst!", schnaubte ich. "Aber kommen sie herauf! Schauen sie einfach selber mal nach!", sagte ich und drĂŒckte auf den TĂŒröffner. Nein, nein, er bedanke sich, das sei gar nicht nötig, sagte er, wenn ich ihm das sage, dann glaube er mir das doch!

Ich weiß ja nun nicht, ob man Arno Abendschön das auch geglaubt hĂ€tte.

Als das passiert war, schrieb ich wieder einen Brief an die GEZ. Ich wĂŒrde es fĂŒr nachgerade hirnrissig halten, Personal dafĂŒr zu bezahlen, dass es Leute, die einen Fernseher, wenn sie nur einen hĂ€tten, kostenlos halten könnten, da sie arbeitslos seien, nach ihren Fernsehern befragt, dann aber, obwohl dazu eingeladen, davon absieht, ins Haus hinein und bis an die TĂŒr der Wohnung zu kommen.

Von diesem Tag an hörte ich nie wieder was von der GEZ. Jahre sind vergangen, ich habe immer noch keinen Fernseher. Nur, inzwischen glaubt man es mir sogar.

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Arno Abendschön
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Dominik, deine Anmerkungen mit VergnĂŒgen gelesen. Sie bestĂ€tigen weitgehend meine Vermutung, dass es zweierlei Menschen geben muss, solche, die von vornherein Verdacht erregen, und solche, die das nicht tun. Du hast dich irgendwo in einer Selbstdarstellung fĂŒr die Leselupe ja als eine durchaus normalbĂŒrgerliche Erscheinung beschrieben, und selbst dein Foto strahlt dieselbe beruhigende Wirkung aus ... Bei mir genĂŒgt es schon, dass ich im Zug die Augen schließe, wenn sie mĂŒde vom Schauen oder Lesen sind - und das Misstrauen des Fahrkartenkontrolleurs ist geweckt und er packt mich an der Schulter, obwohl er eine Viertelstunde zuvor meinen wie immer tadellosen Fahrausweis schon gesehen hat. TatsĂ€chlich gibt es Schwarzfahrer, die mit dieser Masche unterwegs sind. (Andere verstecken sich in den Toiletten. Ich kannte unter ihnen einen besonders gewitzten, der stets eine Fahrkarte mit sich fĂŒhrte - sie war zwei Monate fĂŒr eine Hin- und RĂŒckfahrt gĂŒltig, und er benutzte sie immer wieder zwischen Hannover und Hamburg, nur durfte sie eben nie abgestempelt werden, weshalb er die Strecke in jenem Kabuff zurĂŒcklegte.)

Einiges in deinem Kommentar brachte mir schon Vergessenes zurĂŒck. So war gerade im Abschnitt zwischen Freiburg und Basel, wie mir jetzt wieder bewusst wird, das Gefilztwerden durch Pass- und Zollkontrolle besonders hĂ€ufig. Ich hatte auch jene schriftlichen Anfragen der GEZ, von denen du berichtest, lĂ€ngst vergessen. In meinen Hamburger Jahren nutzte auch ich nur Radio und kein Fernsehen, und diese dummdreisten Briefe kamen ĂŒber lange Zeit regelmĂ€ĂŸig - ich ließ sie alle unbeantwortet. Schließlich ist man nur zur Meldung eines betriebenen GerĂ€ts verpflichtet, nicht dazu, dass man keines hat. Vielleicht hat dann einer von der Straße in meine Parterrewohnung ohne VorhĂ€nge hineingeschaut ...

Ich staune immer wieder ĂŒber die falsche Witterung, die so manche Amtsperson in die Irre fĂŒhrt. Der in meinem Text oben erwĂ€hnte Wiener z.B. wurde auf seinem unmittelbar anschließenden Heimweg (ohne mich, ich wurde ja noch festgehalten) in der NĂ€he seiner Wohnung seinerseits von Polizisten angehalten, die ihn stark verdĂ€chtigten, er sei der dort schon lange gesuchte Reifenstecher. Das war absurd, und er war so perplex, dass der Beamte, als er telefonisch RĂŒckfrage nach der Wohnadresse beim zustĂ€ndigen Revier hielt, so formulierte: "Wir haben da einen VerdĂ€chtigen, er macht einen verwirrten Eindruck ..."

Letztlich sind es wohl immer Äußerlichkeiten, die tĂ€uschend wirken. Und so bringt einer seine Doktorarbeit von zweifelhafter OriginalitĂ€t "summa cum laude" ĂŒber die HĂŒrden, und spĂ€ter sind alle bass erstaunt, wenn der Schwindel auffliegt. Oder fast alle.

Kollegial vertrauensvolle GrĂŒĂŸe
Arno Abendschön

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Dominik Klama
???
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;-))

Ja, und du erinnerst mich da auch an etwas schon Vergessenes. Jene Sache mit der GĂŒltigkeitsdauer von DB-RĂŒckfahrkarten, die ĂŒber 50 km hinausgingen. FrĂŒher – das ist jetzt auch schon lange nicht mehr so – besaßen solche Tickets einen aufgedruckten, ziemlich lange wĂ€hrenden GĂŒtigkeitszeitraum. Mir scheint, zwei Wochen waren es. Und ĂŒber 100 km wohl gar vier Wochen!

Seinerzeit fuhr ich recht hĂ€ufig jeweils nur fĂŒr einen Tag nach Stuttgart, was ĂŒber 50 km waren. Schon da war es eher die Ausnahme als die Regel, dass ein Kontrolleur kam und die Fahrtberechtigung durch seinen Zangenstempel entwertete. TatsĂ€chlich bin ich aber nie auf die Idee gekommen, bzw. es war mir die MĂŒhe und Aufregung nicht wert, mich deswegen in der Toilette zu verstecken. (Das tun ja heute vor allem die Raucher, seit die DB flĂ€chendeckend die Raucherbereiche abgeschafft hat. Was allerdings zu sehr unangenehmen Folge fĂŒr diejenigen fĂŒhren kann, die tatsĂ€chlich „mĂŒssen“. Denn pro Zugeinheit gibt es oft nur eine einzige Toilette, die nicht benutzt werden kann, wenn sich die Raucher hĂ€ufen. Aber, bei dem bekannten Weltklasseservice unserer deutschen Bahn hat man sich sowieso schon halb an diesen Zustand gewöhnt, da es wirklich gar nicht selten vorkommt, dass diese einzige Toilette von vornherein versperrt ist, mit dem Hinweis: „Toilette unbenutzbar“. Jetzt mal ehrlich: FĂŒhlt sich denn irgendwer „anstĂ€ndig“ bedient von einem Dienstleister, der alle paar Tage seine Kunden fĂŒr 50, 80 km lange Fahrten in ZĂŒge einsteigen lĂ€sst, bei denen sich im Bedarfsfall dann herausstellt, dass sie „leider“ „momentan“ „vorĂŒbergehend“ nicht ĂŒber Toiletten verfĂŒgen? Ist das jetzt Bananenrepublikniveau oder bin nur ich es, der schon ein wenig DB-paranoid zu werden beliebt?)

Gut war’s, wenn schon auf der Hinfahrt kein Schaffer auftauchte. Da wurde man hoffend gespannt: Wird das auf der RĂŒckfahrt – bei mir war das sowieso meist der letzte Zug in der Nacht – auch wieder so? Wenn ja, dann hatte man ein jungfrĂ€uliches Ticket in der Tasche, das man am nĂ€chsten oder ĂŒbernĂ€chsten Tag noch mal nutzen konnte. Es war wohl schon so, dass die Hinfahrt bei solchen RĂŒckfahrkarten nur drei Tage GĂŒltigkeit hatte. Die erwĂ€hnte „Wochen“ galten nur fĂŒr die RĂŒckreise. Wenn aber die Hinfahrt zwar entwertet war, die RĂŒckfahrt aber nicht, bedeutete das, man konnte, wenn man Lust hatte, irgendwann in den nĂ€chsten Wochen noch einmal fahren, musste dafĂŒr dann nur noch die HĂ€lfte des Preises zahlen. Nicht, dass ich das stĂ€ndig gemacht hĂ€tte, manchmal warf ich das Ticket einfach weg, manchmal hob ich es zwar auf, hatte anschließend aber keine Lust auf Stuttgart.

In jenen Jahren, als die DB dann zur AG umgemodelt wurde, einen Chefmanager aus der Privatwirtschaft vor die Nase gesetzt bekam (Stihl, der Name war falsch, der war doch DIHT-Chef, aber der richtige Name will mir partout nicht einfallen, es war einer, der auch von Daimler-Benz gekommen war), als der Königsweg zum modernen, kostengĂŒnstig und profitabel operierenden Unternehmen darin entdeckt wurde, so viele Leute in den Vorruhestand zu entlassen, wie nur eben ging, kurz, als beschlossen wurde (die DB ist allzeit gut darin gewesen, solche Richtungsentscheidungen in all ihren medialen Auftritten sorgsam mit Schweigen zu ĂŒbergehen, ĂŒberhaupt nicht vergleichbar mit dem, was die Schweizer SBB angesichts ihrer Bahninitiative 2000 an Kundeninformation bewerkstelligt hat), da fiel den Herren in Frankfurt und spĂ€ter dann Berlin natĂŒrlich auf, dass man die Zweitklassbahn (als welche ich den Regionalverkehr in die „Tiefe des Raumes“ hinein, also ausdrĂŒcklich nicht den Erstklasskundenverkehr, wie er in Fernschnell-StĂ€dteverbindungen namens IC, EC, ICE ablĂ€uft, bezeichnen möchte) nicht mehrheitlich zugbegleiterlos („schaffnerlos“ wĂŒrde Wolfgang Ambros sagen) arbeiten lassen kann, wenn man den Kunden Tickets in die Hand gibt, welche (ohne Zangenabdruck) zu mehrfachem Reisen ĂŒber ganze Wochen hinweg einladen. Deshalb war die erste Stufe der „Reform“, dass man nun, wenn man so eine RĂŒckfahrkarte im Regionalverkehr kaufte, gefragt wurde: „FĂŒr heute zurĂŒck?“ Falls ja, dann stand fĂŒr die RĂŒckfahrt jetzt nur noch ein kĂŒrzerer Zeitraum zur VerfĂŒgung, ich glaube, zehn Tage waren das seinerzeit. Gleichzeitig wurden fĂŒr die RĂŒckgabe von nicht gebrauchten Tickets so enorm hohe BearbeitungsgebĂŒhren eingefĂŒhrt, dass auch kaum noch einer auf die Idee kam, zwar zu fahren, sein nicht gestempeltes Ticket anschließend aber als „nicht benĂŒtzt“ zur Kostenerstattung einzureichen.

In einer weiteren Stufe wurde die Sache dahin gehend verĂ€ndert, alles natĂŒrlich, ohne dass je in der DB-Kundenzeitschrift oder einer Tageszeitung davon zu lesen gewesen wĂ€re, dass es heute nur noch RĂŒckfahrkarten gibt, die nur einen einzigen Tag GĂŒltigkeit haben. Es soll ja auch mal Leute gegeben haben, die an den Bahnhöfen die Papierkörbe nach „ungelochten“ Fahrscheinen durchstöbert haben. Was, das Durchsuchen von Papierkörben in den Bahnhöfen, heute allerdings streng verboten ist und teuer geahndet werden kann. Nachzulesen auf jenen rot-weißen Plakaten mit der Überschrift „Hausordnung“, die mittlerweile an wirklich jeder DB-Station aushĂ€ngen. Vielen Menschen sind sie noch nie aufgefallen. Aber gucken Sie sich mal um, wenn Sie mal wieder zur DB gehen! Diese „Hausordnung“ hĂ€ngt inzwischen ĂŒberall. SelbstverstĂ€ndlich kriegt man fĂŒr seine MĂŒnchen-Berlin-Reisen nach wie vor Tickets, die wesentlich lĂ€nger gĂŒltig sind. Aber diese Reisen finden auch im Bereich der Erstklassbahn statt, wo pro IC, wie gesagt, sowieso mindestens vier Servicepartner operieren.

Oder die Masse ist mit Sonderangeboten wie „Schönes Wochenende“, „Quer durchs Land“, „LĂ€nderticket“, „Hopperticket“ unterwegs. FĂŒr dieselben gilt allerdings, dass sie sowieso immer nur einen Tag gelten, nach dem (möglicherweise versehentlichen) Kauf nicht zurĂŒckgegeben werden können und dass seit einigen Jahren ein vollstĂ€ndiger Name auf die Karte drauf geschrieben werden muss.

Ich bin allerdings noch nie Zeuge geworden, dass mal ein Zugbegleiter gesagt hĂ€tte: „Ja, da steht Carl Fons Gutenberg drauf. Und sie haben auch einen Bart im Gesicht. Könnte also sein, dass Sie Carl heißen. Jetzt zeigen Sie mir aber doch mal Ihren Ausweis, Sie kennen ja wohl unsere GeschĂ€ftsbedingungen, welche Sie mit dem Erstehen dieses Angebotstickets akzeptiert haben, wonach Sie bei dessen Nutzung ein Sie eindeutig identifizierendes amtliches Bilddokument mitzufĂŒhren haben. Könnte ja jeder sagen, das ist sein eigenes Ticket, wofĂŒr er die ganze Leistung selber erbracht hat, wenn da nur der Name Karl Fons Gutenberg draufsteht!“

Sie werden mit einem Mal vielleicht auch die hĂŒbschen, kleinen blau glĂ€nzenden Videokamera-Beulen in unseren Bahnhöfen, auf den Bahnsteigen und neuerdings vermehrt auch in den ansonsten auf dem Personalwege nicht mehr ĂŒberwachten Zugwaggons entdecken. Welche selbstredend ja sein mĂŒssen, da doch unser Zugverkehr mehr und mehr von hinterhĂ€ltigen AnschlĂ€gen seitens irgendwelcher Radikalislamisten – und nicht etwa seitens der DB höchstselbst – lahm gelegt wird.

Jaja, die liberalisierte Marktwirtschaft ist nÀmlich an keiner einzigen Stelle so sehr liberal, wie sie gerne behauptet. Also auch bei dem vorbildlich liberalisierten und immer noch weiter zu liberalisierenden DB-Betrieb nicht.


Öhm, ja, leider... Oder: Ich weiß nicht... Hat ja schon manchmal auch seine Vorteile... Jedenfalls, ich bin – und mir wird Entsprechendes auch immer wieder mal in vielerlei verschiedenen RĂŒckmeldungen offenbar – ein extrem durchschnittlicher, ordentlicher, braver, langweiliger, wenig störender Zeitgenosse. Es gibt mich – und das war’s dann auch schon. Ich komme manchmal wo hin, da sind viele Menschen, da tut sich was. Ich bin auch da, dann bin ich wieder weg. Und nachher erinnert sich von den Vielen kein einziger an mich. Als wĂ€re ich nie dabei gewesen.

Schlecht ist das ja zum Beispiel, wenn man zu Hause nicht mit einer Ehefrau und eventuellen Kinderlein gesegnet ist, die einen, allein auf Grund der Tatsache, dass man eben leider ihr Ehegemahl bzw. Erzeuger ist, fĂŒr irgendwie speziell zu halten nicht umhin können. Dass man vielmehr homosexuell ist und auch da dann wieder unbeweibt bzw. unbemannt wie eine verirrte Raumkapsel im Weltenall. Wenn man aus diesem Grunde sich gelegentlich darin befleißigt, StĂ€tten heimzusuchen, wo sich „’s Herz zum Herzen find’t“ (oder sonst was, falls nicht Herz). Dort wĂ€re es manchmal schon opportun, eine Gestalt zu haben, welche die Blicke magisch mit Bann belegt. Da dies bei mir aber nicht so ist und auch noch niemals war, widerfahren mir Erlebnisse, wie ich sie in meiner Geschichte „This Will Be My Shining Hour“ berichtet habe.

Obwohl es sich dort um einen literarischen Text handelt, also nicht in jeder einzelnen Kleinigkeit ganz genau so war, wie ich es geschrieben habe, stimmt ĂŒbrigens schon, dass ich jene fĂŒr viele Schwule unschwer zu identifizierende Mannheimer Großdisco seit dem fraglichen Abend vor deutlich ĂŒber zehn Jahre nicht ein einziges Mal wieder betreten habe. Kann also sein, dass es sich dort mittlerweile ganz, aber wirklich ganz, ganz anders zutrĂ€gt, als bei mir zu lesen.

Jedenfalls: Jenen Text, in seiner kĂŒrzeren Urversion, durfte ich seiner Zeit in einem sehr unbedeutenden schwulen Zeitschriftchen abdrucken lassen. Es war der umfangreichste Text, der dort jemals erschien. Ich kannte einen Schwulen, er ging spĂ€ter beruflich zur DB-Zentrale nach Frankfurt, hat aber nichts zu besagen, der mochte das ĂŒberhaupt nicht, so lange Texte zugemutet zu bekommen. Überhaupt war das einer von der Sorte: „Ich weiß nicht, wie du das schaffst, immer noch BĂŒcher zu lesen! WĂŒrde ich ja gerne auch mal wieder, aber man hat doch einfach nicht mehr die Zeit dazu.“ In dem StĂŒck ging es darum, dass das ErzĂ€hler-Ich (spĂ€ter zu „er“ verĂ€ndert, au, was war das eine Arbeit!) geschlagene 17 Seiten lang in einem Nachtlokal herumirrt, sich sagt, es suche ja ĂŒberhaupt nach keinem Mann fĂŒrs Bett, obwohl immer mehr zu Tage kommt, dass es doch genau um dieses eigentlich geht, und zum Schluss ebenso unbemannt nach Hause fliegt, wie er angedĂŒst war. Das Verweigern einer erwartbaren Pointe, ich mag so etwas. Dachte aber, die Leser von diesem Zeitschriftlein, die mögen das gar nicht, 17 Seiten lesen, dann passiert nicht das Geringste. Darum schrieb ich in der ersten Zeile etwas wie: „Ich will euch berichten von meiner Nacht, in der ich wieder mal keinen abgekriegt habe, obwohl ich auch wirklich nach keinem gesucht hab.“ Gelesen hatte diese erste Zeile wahrscheinlich auch mein leseentwöhnter Bekannter. Doch dass er es ĂŒberhaupt gelesen hat, sonst sagte er mir nie was ĂŒber die Sachen, die er von mir gelesen oder ĂŒberschlagen hatte, teilte er mir mit dem Unterton der Empörung mit: „Jetzt hab ich deine Geschichte gelesen. Die ja wieder mal extrem lang und umstĂ€ndlich war. Ich hab das alles gelesen und immer gewartet, ob er was abkriegt oder nicht. Und dann kriegt er nichts ab! Warum machst du das? Warum schreibst du 17 Seiten ĂŒber nichts!“ Da lĂ€chelte ich nur in mich hinein und war sehr zufrieden. ER hatte alles gelesen, obwohl ihn so was nervt. Selten wurde ich mehr gelobt.

Ja, ich war schon bei vielem dabei, hab schon mancherlei gesehen, aber mich hat man dabei entweder nicht gesehen oder schnell wieder vergessen hinterher. Mir hat der Rezzo Schlauch einst erzÀhlt, ob er es je mit einem Mann getrieben hat oder nicht. (Wird auch hier nicht verraten.) Ich hab schon dem seinerzeit tv-bekanntesten Travestiestar Deutschlands einen geblasen. (Das verraten wir auch nicht, wer das war, immerhin, es war schlecht, sexqualitativ, meine ich.)

Ich war selber mehrfach im TV zu sehen. NĂ€mlich als Komparse in „Tatort“ und so Sachen. Eine recht flĂŒchtige Bekannte hatte mich in die Kartei beim SĂŒddeutschen Rundfunk hineingebracht. Man bekam KostĂŒme angezogen und BĂ€rte angeklebt, das war lustig. Durfte vom kalten BĂŒffet nie was nehmen, das war Setdeko und die stank am dritten Tag erbĂ€rmlich nach altem Lachs. Ansonsten war es einfach nur öd und ermĂŒdend. Warten, warten und noch mal warten, Film ist ja so unglamourös. War dann immer so, dass all die ĂŒbrigen Leute, die als Komparsen herumwarteten, sich gegenseitig versicherten, also wegen der Gage wĂŒrden sie es ja ĂŒberhaupt nicht machen, das rechne sich ja nicht mal. Mir scheint, 110 Mark am Tag zahlte der SDR seinerzeit. Mir ging’s seinerzeit sehr um dieses Geld. War fĂŒr mich der Grund, warum ich dabei war, 110 Mark am Tag, das konnte ich gut gebrauchen. Der Rest der Riege freute sich aber anscheinend darauf, alle Verwandten, Freunde und Bekannten anlĂ€sslich der Ausstrahlung antelefonieren zu können: „Du, ich bin heut Abend im Tatort.“ Keinen meiner Auftritte habe ich je gesehen, ich hab ja keinen Fernseher. Ich gehe aber mal davon aus, dass mich auch sonst nie einer in jenen Filmen gesehen hat, angesprochen drauf wurde ich jedenfalls nie. War mir auch lieber so. Dummerweise rutschte ich wohl eines Tages aus der Kartei wieder raus, als ich einen Fragebogen einsenden musste, auf dem stand, dass ich jetzt so und so alt bin, Stirnglatze habe und so und so viele Kilos wiege, Brille trage und nicht Auto fahren kann. Dumm war das, denn von da an gab es die Kohle fĂŒrs Warten nicht mehr.

Es gibt dann bloß eine Sache, da kann aus mir Dutzendmensch aufs Mal der verabscheuungswĂŒrdige Unhold werden. Und somit ja jemand, den man zwar nicht schĂ€tzt, dessen Besonderheit (wenn auch im negativen Sinne) man aber anerkennt. Diesem nachforschen kann auch, wer es auf sich nimmt, die 7.000 haltlos verplauderten „Antworten“ nachzulesen, die es hierorts, in der Leselupe, von mir gibt. NĂ€mlich, nicht dass es zu meiner ĂŒbergroßen Freude gewesen wĂ€re, eines Tages ging mir auf, dass ich nicht einfach nur homosexuell bin, wie ja in diesem Lande mittlerweile auch Regierende BĂŒrgermeister und Außenminister, sondern dass auf mich in dieser Eigenschaft mitunter (was nicht heißt: immer), Personen mĂ€nnlichen Geschlechts einen erotischen Zauber ausĂŒben, welche nicht nur merklich jĂŒnger sind als ich, sondern zu allem hin teilweise auch noch nicht mal das Alter der GroßjĂ€hrigkeit fĂŒr RechtsgeschĂ€fte erreicht haben.

Das ist in etwa so wie bei der katholischen Kirche, was die Betrachtung der HomosexualitĂ€t angeht. Sind drei Dinge: 1. die SehnsĂŒchte haben, sie aber weder aussprechen noch ausĂŒben. 2. die SehnsĂŒchte haben, sie zwar nicht ausĂŒben, aber aussprechen. 3. die SehnsĂŒchte haben und deshalb auch den Sex dazu treiben. Die katholische Kirche hat nicht die mindesten Probleme mit Schwulen, fĂŒr die 1. gilt. Sie sagt: Wenn sie sich nach so was sehnen, wird das schon seine Ordnung haben, der HErr wird es wohl so eingerichtet haben, also dĂŒrfen wir es nicht verurteilen, denn wir sind nur Menschen. Die katholische Kirche hat aber ganz extreme Probleme mit Schwulen der Kategorie 3. Also solchen, die auch schwulen Sex haben. Der nĂ€mlich ist, sagt die katholische Kirche, laut Bibel, also laut dem HErrn, verboten, ist große SĂŒnde. Folglich verbietet die katholische Kirche es ihren SchĂ€fchen nicht, schwul zu sein, sie verbietet ihnen nur, es zu leben.

Ich bin nicht ganz blöd. Ich glaube aber auch nicht, dass sehr viele Leute ganz blöd sind. Darum glaube ich, dass ich durchaus durchschnittlich bin in meiner Nicht-Blödheit. Genau diese Nicht-Blödheit fĂŒhrt bei mir aber dazu, dass ich nicht 30 Jahre schwul leben kann, ohne dass mir manchmal auffallen wĂŒrde: „Holla, der Junge da drĂŒben, der ist zwar erst 16, aber ich find ihn total toll.“ („Hach, wĂ€r das toll, wenn der mich auch toll finden wĂŒrde, dann könnten wir heiraten und so weiter.“) Das ist, was ich ein ephebophiles Verlangen nenne. Da es kein „normales“ homosexuelles Verlangen ist. Schwule sind per se nicht auf Jungs von 16 oder 17 aus, wenn sie selber vierzig oder noch mehr sind. Wer das denkt, der denkt halt falsch und sollte sich mal etwas umtun in der Welt. Ich sehe es allerdings auch nicht als pĂ€dophiles Verlangen an, weil ich dergleichen niemals bei 8- oder 12-JĂ€hrigen erlebe.

Nicht, dass sich in ephebophilen SehnsĂŒchten meine Persönlichkeit erschöpfen wĂŒrde... Wie alt noch mal war der von gestern Nacht? Na, fĂŒnfunddreißig, schĂ€tze ich, und schon wieder mal verheiratet, ich bin der Bisexuellen-Tröster schlechthin (kommt, weil: die sehen mich, Schwule ĂŒbersehen mich). Und ja, ich geb’s ja zu, er war viel schöner als ich und ich hĂ€tte ihn gar nicht kriegen dĂŒrfen. Aber was sollte ich machen, er wollte halt. Aber wenn ich jetzt hingehe und das, was ich an SehnsĂŒchten in mir wahrnehme, alldieweil ich nicht ganz blöd bin, ausspreche oder hinschreibe, wie zum Beispiel hier in der Leselupe nicht zum ersten Mal, dann entspreche ich dem Fall 2. von obiger Sache ĂŒber die katholische Kirche und die Schwulen. Und zwar nicht nur fĂŒr die katholische Kirche, sondern fĂŒr sozusagen alle. (Und darunter auch nicht wenige Schwule.)

1. Die SehnsĂŒchte zu haben, wenn sie da sind, kann man mir nicht verbieten. 3. Die SehnsĂŒchte in realen Sex umzuwandeln, wĂŒrde mir sozusagen jeder verbieten wollen. Nun bin ich aber weder 1. noch 3., ich bin der Fall 2. Ich mach’s zwar nicht, wĂŒnsche es mir aber und rede darĂŒber.

Dies fĂŒhrt in nicht wenigen FĂ€llen – und hat auch (mehr oder weniger) im Kreis der LL-Kollegen schon dazu gefĂŒhrt (von der anderen Schreibplattform, wo man mich rausgeschmissen hat, mal ganz zu schweigen), dass mich die Leute, pĂ€pstlich, wie sie manchmal sein können, fĂŒr den Fall 3. nehmen. Mir den praktizierenden JugendschĂ€nder vorwerfen, der ich faktisch gar nicht bin. Ich mach zwar gar nichts, aber die, die es wirklich machen, die sagen ihnen nie, dass sie es machen. Sie meinen aber eben, die, die es machen, denen muss es verboten werden. Da sie aber die nie erwischen, denen sie es gern verbieten wĂŒrden, wollen sie es mir verbieten, der ich es gar nicht mache. Irgendwie wĂŒrde das die Seele wohl entlasten und die Welt verbessern.

Ich schreibe das an dieser Stelle, weil du, Arno, gerade Bezug genommen hast auf mein Autorprofil, wo angeblich stehe, dass ich so wohl tuend normal sei. Ich bin auch normal. Ich stelle jeden Abend den Wecker und stehe immer sofort auf, wenn er klingelt. Ich trenne meinen MĂŒll. Ich werfe keine alten Batterien oder Akkus in die AbfallbehĂ€lter der DB AG. Ich achte darauf, gelegentlich Salat, FrĂŒchte oder GemĂŒse zu essen. Ich gehe zu jeder Wahl und kreuze immer nur Parteien an, welche ĂŒber 5 Prozent kommen oder es zumindest höchst wahrscheinlich von nun an fĂŒr lĂ€ngere Zeit tun werden. Ich habe ein seit weit ĂŒber zehn Jahren musterhaft gefĂŒhrtes Bonusheft fĂŒr jĂ€hrliche Nachschau beim Zahnarzt. Ich trinke so gut wie nie Alkohol in der Öffentlichkeit. Ich kaufe ein, ich koche, ich mache den Abwasch, ich bĂŒgle gelegentlich meine Hemden. Ich kaufe einen Fahrschein, bevor ich in die S-Bahn steige, obwohl ich weiß, wie selten dort Kontrolleure auftauchen. Ich gebe Leuten Auskunft, die neben mir die Autoscheibe öffnen und nach der Lessingstraße fragen und erwarte nicht mal Dank dafĂŒr. Was auch so eine Gelegenheit ist, wo ich tatsĂ€chlich sehr oft bemerkt werde, obwohl man mich, wie ich behaupte, sonst meist ĂŒbersieht.

Aber dennoch habe ich auf dem von dir erwĂ€hnten Profil stehen, mich habe draußen in Wald und Flur mal ein JĂ€ger an- und mit seiner Waffe festgehalten, bis die Polizei gekommen sei, welche mich mitnahm, einen halben Tag festhielt, dann nach Hause fuhr, um sogleich, also ohne, dass ich vorher was wegschaffen konnte, eine Untersuchung durchzufĂŒhren, ob ich im Besitz von Kinderpornografie wĂ€re. Wenn ich das wĂ€re, wĂ€re ich alles andere als normal. Und ĂŒberhaupt, wem passiert so was? Mit der Waffe festgehalten! Einer, der angeblich zu der total harmlos wirkenden Sorte zĂ€hlt, die stĂ€ndig unkontrolliert durchrutscht?

Weil man sich jetzt wundert, will ich das noch erklĂ€ren. Es gibt ja Leute, die schauen sich gerne Fotos an, auf denen Menschen abgebildet sind, welche nach ihrer Meinung ein schönes Gesicht haben. Und dazu auch noch einen Körper, der ihnen ebenfalls sehr wohlgeformt erscheint. Und dazu noch Fotos, wo diese Reize, also sowohl Gesicht wie Körper, zum absichtlichen Bildthema gemacht worden sind, alldieweil die Abgebildeten in einem kleidungsmĂ€ĂŸig mehr oder weniger entblĂ¶ĂŸten Zustand auftreten. Solche Leute, zugegebenermaßen dĂŒrften sie mehrenteils dem mĂ€nnlichen Geschlecht angehören, kaufen sich nicht zuletzt vielleicht deswegen eine Zeitung namens BILD Tag fĂŒr Tag. Pro Ausgabe wird dort eine junge Frau in halbnacktem Zustand farbig abgebildet, zu welcher es dann ein paar Zeilen zu lesen gibt, die zum Beispiel so ĂŒberschrieben sind: „Das ist die rote Angie. Sie hat ihre MĂ€nner fest im Griff.“

Wie wir alle wissen, handelt es sich bei besagten Abbildungen niemals um etwas Pornografisches. Weil ja die Verbreitung von Pornografie ĂŒber Medien, welche Personen unter 18 Jahren frei zugĂ€nglich sind, in Deutschland sowieso verboten ist. Weil ja in BILD sowieso nie Pornografie vorkommt.

Entsprechende Bildveröffentlichungen in BILD wĂŒrden mir vielleicht etwas mehr zusagen, wenn ich nicht nur mĂ€nnlich, sondern auch heterosexuell wĂ€re. Was ich aber nicht bin. Jetzt könnte man sich doch einmal fragen, welche Presseerzeugnisse gibt es, wo die auch nicht gar so wenigen homosexuellen MitbĂŒrger mit vergleichbaren Abbildungen versorgt werden. Dann kĂ€me man drauf, dass es einige Titel gibt, zwar keine Tageszeitungen, aber monatlich erscheinende Zeitschriften, von welchen eine Handvoll Titel an den Bahnhöfen unserer GroßstĂ€dte erhĂ€ltlich sind, in welchen durchaus Ă€hnlich gestaltete Fotos mit schönen jungen MĂ€nnern erblickt werden können. (Wobei dieselben natĂŒrlich gewaltig viel mehr Geld kosten als BILD, aber das ist ein anderes Thema.) SelbstverstĂ€ndlich enthalten dann auch diese Publikationen keinerlei Pornografie, sind also die erwĂ€hnten JĂŒnglinge zwar halb oder ganz nackt, deswegen aber noch lange nicht pornografisch.

Jeder Schwule in Deutschland kennt das und weiß, welche Art von Modellen er in solchen BlĂ€ttern zu sehen bekommt. Darum weiß auch jeder deutsche Schwule (wenn auch bei weitem nicht jeder Deutsche), dass in derartigen Veröffentlichungen keine Jungen im Sinne von „na, vielleicht sechzehn, siebzehn Jahre alt“ zu sehen sind. Mag ja mal vorkommen, dass die „rote Angie“ oder die „kesse Lotti“ bei BILD gerade erst sĂŒĂŸe siebzehn ist, aber in schwulen Magazinen kommt das nie vor. Da ist jeder sĂŒĂŸe Gert oder Peer mindestens 18 Jahre alt, meist wohl so etwa 20 oder 24 (und so gut wie nie ĂŒber 30).

Inzwischen haben wir das Internet hinzu bekommen. Wo man, so man will, sich alle möglichen Fotos kostenlos „runterziehen“ kann. Gehört man nun einer Spezies Mann an, die (neben anderen, sagte ich schon) sich fĂŒr die gesichtsmĂ€ĂŸigen und körperlichen VorzĂŒge von HalbwĂŒchsigen von 16 oder 17 Jahren erwĂ€rmen kann (ich nenne das „Jungen“, „MĂ€nner“ nennen kann ich es nicht), probiert man das eines Tages vielleicht mal aus, ob man nicht per Internet an Fotos gelangt, die an „SchĂ€rfe“ bzw. „Unschuld“ ziemlich genau das bieten, was der tĂ€gliche BILD-Pin-up bietet, nur eben, dass die Person darauf zwar 17, aber nicht weiblich ist. Ich tat dies jedenfalls eine Zeitlang, ich sammelte solche Fotos. (Tue auch das schon seit Jahren nicht mehr.) Einige dieser Bilder druckte ich mir auf Papier aus. Wohl gemerkt, es handelte sich nicht um Pornografie. In aller Regel waren die Dargestellten zwar mit mehr als ihrem Gesicht zu sehen und waren oft auch ziemlich ausgezogen, aber ihre Geschlechtsorgane waren in aller Regel nicht zu sehen. Und falls doch einmal, dann aber ganz gewiss nicht sexuell erregt oder in irgendwelcher „Aktion“.

Manche Leser wird es verwundern, dass diese Art Foto keine Pornografie ist. Aber sie ist nun mal keine. Und darum ist sie auch nicht verboten. Weder ihre Herstellung, noch ihre Verbreitung, noch ihr Besitz. (Und es waren auch keine „Kinder“ drauf, weil ich nach Fotos mit Kindern nie gesucht habe, weil mich Kinder erotisch nun mal nicht interessieren.)

Irgendwann beim BlĂ€ttern fand ich den ganzen „Schatz“ nur noch lĂ€cherlich. Ich beschloss, die Fotos wegzuwerfen. Ich hĂ€tte sie einfach in die MĂŒlltonne werfen können. Dann kam mir aber ein komischer Gedanke. Man muss vielleicht erwĂ€hnen, dass ich an manchen Punkten ein Spaßvogel seltsamer GĂŒte bin, mehr als andere Menschen. So normal dann doch wieder nicht. Die Frage, die ich mir stellte und zu der ich Sie jetzt auch auffordere, stellen Sie sich die mal: Wir oft haben Sie schon ein Pin-up-Girl-Foto Ă  la BILD gesehen? Also eines, wo eine schöne, schlanke AchtzehnjĂ€hrige drauf ist, die untenrum ein Höschen trĂ€gt, oben aber bar ist, dazu ein freundlich einladendes LĂ€cheln im Gesicht? Ist schon vorgekommen, haben Sie schon gesehen, paar Mal seit ihrer Geburt. Okay, und wie oft haben Sie dasselbe Bild schon gesehen mit einem Detlef oder Maik drauf? Und jetzt mal nicht Mark Wahlberg oder sonst ein muskelbepackter Beau in der ParfĂŒm- oder Calvin-Klein-Anzeige, sondern ein ganz normaler Junge von siebzehn Jahren, der bei Ihnen im Viertel aufs Gymnasium gehen könnte?

Ich dachte, ich schmeiß das Zeug jetzt einfach weg, weil es mich nicht mehr interessiert. Aber ich schmeiße es nicht in meine Tonne, sondern ich verteile es wie eine Schnitzeljagd in lĂ€ndlicher Landschaft. Ich gehe hĂ€ufig wandern, darf erwĂ€hnt werden. Jedoch auch dieses manchmal gar nicht so normal, wie ich aussehe. NĂ€mlich in besagtem Fall, da startete ich um Mitternacht, es war Sommer, und lief ganz alleine einsam stundenlang durch den nĂ€chtlichen Wald, bis gegen Morgen das BĂŒchsenlicht aufkam. Wo der deutsche JĂ€ger mit seinem Allradfahrzeug im Anstand steht und durchs Fernglas nach kapitalen Böcken Ausschau hĂ€lt, die er schießen kann. Den JĂ€ger sah ich natĂŒrlich nicht, wie das dem Wild ja zukommt, er aber sah mich, wie ich ein StĂŒck Papier sorgfĂ€ltig auf dem Boden ausbreitete und dann weiterging. Er trat aufs Gas, fuhr hin zu der Stelle, sah, was er nachher gegenĂŒber der Polizei so erklĂ€rte: „Diesen nackten Jungen, na, ich weiß ja nun nicht...“

Ich kann mir das fragliche Foto mittlerweile innerlich gar nicht mehr vor Augen fĂŒhren. Ich gehe mal davon aus, dass es ein Halbakt mit einem allein der Kamera gegenĂŒber stehenden Jungen von etwa sechzehn Jahren war. Dessen Geschlecht wohl nicht auf dem Bild war. Oder, möglicherweise war es das sogar, dennoch, es war kein pornografisches Bild, da ich solche nie im Besitz hatte. (Ich habe ĂŒbrigens pornografische Bilder in meinem Besitz. Heute immer noch. Das dann aber gĂ€ngige pornografische Sexshopware, schwule Titel, wo manifest sexuelle Handlungen gezeigt werden, diese aber nur unter erwachsenen MĂ€nnern.)

Der JĂ€ger rief mit dem Handy die Polizei und hielt mich fest mit seinem Gewehr, bis diese mich ĂŒbernommen hatte. Es war noch sehr frĂŒh am Morgen. Also gelang es der Polizeidienststelle, wo man inzwischen noch weitere derartige Fotos aus dem Internet in meinem Rucksack gefunden hatte, Ă€hnlich schuldig oder unschuldig, eine geraume Zeit nicht, einen Kollegen von der Kripo aus der nĂ€chsten grĂ¶ĂŸeren Stadt herbeizuschaffen. Als der Beamte von dort die Bilder schließlich begutachtete, fand er, diese hier seien zwar nicht verboten, könnten aber den Verdacht aufkommen lassen, dass sich zu Hause auf meinem PC kinderpornografisches Material befinde. Darum, die Sache spielt ĂŒber mehrere Landkreise hinweg, wurde ich jetzt erst mal zu einer anderen Stadt gefahren, dort auf einer anderen Polizeiwache festgehalten, bis die Kripo aus meiner Heimatstadt erschien, mich zu meiner Wohnung brachte und im Rahmen einer „freiwilligen Wohnungsnachschau“ meinen Computer und die Wohnung nach Kinderpornografie durchforschte. Aber natĂŒrlich keine fand, weswegen die Angelegenheit keine weiteren Konsequenzen fĂŒr mich zeitigte.

Die ganzen Stunden ĂŒber wunderte ich mich, dass nicht ein einziger der Beamten mir sagte, es sei aber nicht erlaubt, einfach irgendwelchen BildermĂŒll in die freie Natur zu schmeißen. Ich fragte mich, ob ich dafĂŒr mit Bußgeld belegt werden könnte. Ich erwartete, dass man mich fragt, wo sonst noch ich solches Papier weggeworfen hĂ€tte, dass man verlangte, ich mĂŒsste zurĂŒckgehen und es aufheben. Was alles nicht geschah. Ich fragte mich das, weil ich sonst, wie gesagt, ein sehr braver und ordentlicher Mensch bin. Ich nehme die Alufolie und die PET-Flaschen mit aus dem Wald und schmeiße nie irgendwelche Verunreinigungen in die Natur. DafĂŒr liegt mir zu viel an ihr.

Wem ist auch schon mal aufgefallen, wie seit ein paar Jahren die Papierkörbe von den RastplĂ€tzen im deutschen Wald verschwinden? NĂ€mlich aus dem Grund, dass die Kommunen somit das Personal einsparen können, das dieselben andernfalls warten mĂŒsste. Aber ja, ich mach ja schon Schluss.

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