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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alltag
Eingestellt am 30. 06. 2001 17:47


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Oliver Uschmann
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ALLTAG

Es war kalt in ihrem Versteck. Er hatte kaum geschlafen. Die harten Steine, die
zehrende KĂ€lte und die Ungewissheit – denn obwohl sich die jungen MĂ€nner nun
schon lange kannten und einander vertrauten, konnte man nie sicher sein, ob derjenige,
der gerade mit der Wache an der Reihe war, nicht doch vor Erschöpfung oder
Unaufmerksamkeit versagen wĂŒrde.
Er hatte keine Angst mehr vor dem Tod, das war es nicht.
Jede Nacht, die er in den ausgehöhlten HÀuserresten oder in einem Versteck im Freien
verbracht hatte, hatte die Angst langsam und bestĂ€ndig zermĂŒrbt.
So wie der Staub, dieser unsichtbare Gegner, sich deprimierend unspektakulÀr in
Haaren, Kleidung und an alle Körperstellen festgeklammert hatte, so hatte die ganze
Situation seine Angst zerfressen – ohne Pathos, Tag fĂŒr Tag, irgendwann war sie weg.
Wenn er jetzt wieder die nÀchste Nacht frierend und auf klobigen Steinen zubringen
mußte, dann hegte er oft heimlich den Wunsch, die Wache wĂŒrde versagen und der
Feind wĂŒrde dem ganzen kurz und schmerzlos ein Ende bereiten.

Jeder aus der Gruppe mußte wohl so denken, doch niemand hĂ€tte es sich selbst zu-
gestanden, geschweige denn den anderen.
Denn nicht die Angst trieb sie zum Überleben an, sondern das dumpfe, wĂŒtende,
beißende GefĂŒhl, daß die letzten fĂŒnf Monate nicht umsonst gewesen sein sollten.
Man hatte nicht all das durchgestanden, nur um dann von einem Gegner mit gleich-
mĂŒtigem Blick erschossen zu werden.
Er lag in der staubigen Ruine und sah zu, wie der langsam andÀmmernde Morgen
durch das Loch drang, welches einmal das Fenster beinhaltet hatte.
Es war still. Lediglich das holprige Atmen der anderen und die Schritte der Wache
draußen waren zu hören – der Schatten des WĂ€chters glitt an der Wand hin und her,
wÀhrend er leise auf dem Kies knirschte.
Er erinnerte sich an seine GefĂŒhle, als er mit diesen Leuten in den Krieg gezogen
war – voller stolzer, gerechter Wut im Bauch, um den fanatischen Irren in ihrem
Land endgĂŒltig den garaus zu machen.
Er wollte kĂ€mpfen fĂŒr eine gute Sache und es wunderte ihn nur ein klein wenig, daß er
sich gut gefĂŒhlt hatte, als die ersten Gegner von ihm getroffen fielen.
„Ein, zwei Monate“ hatten sie damals gesagt, „dann haben wir dem Terror ein Ende
bereitet“ und er hatte bei jedem Schuß an die Zeit nach dem Sieg gedacht, wenn end-
lich wieder Gerechtigkeit und Gleichheit im Land herrschen wĂŒrden.

Aber auch das war vorbei, abgetötet wie die Angst vorm Sterben.
Er kĂ€mpfte schon lange nicht mehr fĂŒr sein Land oder fĂŒr eine Sache und auch nicht
die anderen. Auch das gab keiner wirklich zu, aber man konnte es bemerken – in der
Verbissenheit ihrer Gesichter, zwischen den Zeilen ihrer Kommentare.
FĂŒnf Monate hatte man durchgehalten – fĂŒnf Monate ohne eine durchgeschlafene
Nacht, ohne richtiges Essen, ohne Leben.
Jetzt aufzugeben war unmöglich.
Die Sache hatte sich festgefahren, man mußte es zuende bringen. Egal, wofĂŒr.
Das war alles.

Plötzlich durchdrang der hektische Ruf der Wache die Stille.
Alle schreckten hoch, standen binnen Sekunden auf den Beinen.
Das war der Normalzustand, in den man immer schalten konnte - der Schlaf war
nur die Ausnahme gewesen.


„Sie sind da hinten hinter dem HĂ€userblock, ich habe einen Schatten gesehen.“
„Unvorsichtige StĂŒmper“, sagte einer der jungen MĂ€nner und grinste dabei ein
hartes Grinsen, mit dem er sich selbst von seiner Überlegenheit ĂŒberzeugte.
Und dann ging’s los. Alle nahmen ihre Positionen ein, gaben sich Zeichen.

Er selbst duckte sich wie jeden Morgen hinter sein StĂŒck Mauer und wartete.
Der Graffiti-Slogan an seiner Mauer hatte die letzten beiden Buchstaben vor zwei
Tagen verloren, als ein StĂŒck davon abgeschossen wurde.
Er mußte fast lachen, daß ihm so etwas auffiel, aber es gab sonst nicht viel Abwechs-
lung in dem grauen Einerlei.
Der erste Schuß viel, er sah nicht von wem.
Mit einem mĂŒden RĂŒck drehte er sich um, legte sein Gewehr ĂŒber die Mauer, wartete
noch der Form halber eine Sekunde auf den Feuer-Befehl und schickte dann seine
erste Salve in Richtung des Blocks.
Der LĂ€rm wurde grĂ¶ĂŸer, ein paar Gegner wechselten die Position und einer lief fĂŒr
zwei Sekunden deckungslos durchs Bild.
Er schoß ihm ins Bein und er fiel hin. Sein Kollege drehte sich um, rannte zurĂŒck um
ihm zu helfen und bekam einen Herzschuß ab.
Er fiel tot auf seinen Kumpel, der vor Schmerz und Schrecken schrie, sich sein Bein
hielt und nun erst recht nicht mehr wegkam.
Der SchĂŒtze duckte sich kurz hinter seine Graffiti-Mauer, sah, daß seine VerbĂŒndeten
alle gerade nicht aufpassten, nachluden oder anderweitig beschÀftigt waren, legte
wieder an, zielte genau und schoß dem Soldaten, der unter seinem Kollegen festgeklemmt
war, genau zwischen die Augen.
Er drehte sich schnell um und suchte nach anderen Gegnern, da ein solcher Treffer trotz der
Gewohnheit nicht allzu appetitlich aussah – man konnte sich an solchen Tagen das Leben
zumindest nicht ganz so schwer machen.

Plötzlich brach einer seiner Kollegen aus der Deckung hervor und rannte schreiend auf
die gegnerische Linie zu. Es gab keinen Grund. Irgendwann passierte sowas immer.
Auf diese Weise hatten sie schon drei MĂ€nner verloren. Er war der vierte, lief immer
weiter, ballerte wie ein Irrer und schrie etwas wie „Ende“ und „ihr Schweine“, bevor
er im Kugelhagel zusammenbrach.
Der hatte seinen tiefsten Wunsch also erfĂŒllt, er hatte es geschafft, er hatte aufgegeben.
Wann wĂŒrde es bei ihm soweit sein ? In zwei Monaten, einem, einer Woche ?
Der Rest der kurzen Schlacht ging ziemlich routiniert zuende. Die Gegner hatten sich
ĂŒbernommen, waren schlecht organisiert und waren auch nicht mehr als ein Dutzend
gewesen. Diesen Teil der Stadt zu verteidigen war halt nicht schwer. Er war nicht wichtig.

Irgendwann war Ruhe, man holte seinen Toten, sammelte von den gegnerischen Leichen
Munition und sonstiges Brauchbares ein, vergewisserte sich, daß sie auch alle erledigt
waren und begrub seinen eigenen Mann, hielt eine kleine Rede und dann waren alle
froh, daß man erstmal eine Pause machen konnte.
Sich hinsetzen, etwas essen, blöde Reden schwingen ĂŒber den Kampf, ein wenig lachen
oder einfach nur still vor sich hinschweigen, bis einer einen an der Schulter knuffte,
„hey, was ist denn, harter Mann ?“ sagte, lĂ€chelte und die Flasche hinhielt.

Vielleicht wĂŒrde es heute noch einen Angriff geben. Vielleicht aber auch nicht.
Der Tag war noch jung.
Er stand auf, atmete die kĂŒhle Luft des Morgens, blickte kurz ĂŒber die Berge am
Horizont, ging in die Ruine zu seinem Lager und holte die nÀchste Flasche.

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